Russischer Futurismus. Sergej Tret’jakov und die Мезонин поэзии


Seminararbeit, 2014
22 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographie

3. Literarisches Wirken
3.1 Левый фронт искусств (ЛЕФ)
3.2 China
3.3 Kolchose
3.4 Deutschland

4. Der frühe Tret'jakov
4.1 Avantgarde
4.2 Мезонин поэзии

5. Werke
5.1 Лифт
5.2 4/5 Апреля
5.3 Рычи, Китай!

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

„Ist das Volk unfehlbar?"

Mein Lehrer

Der große, freundliche

Ist erschossen worden, verurteilt durch ein Volksgericht. Als ein Spion. Sein Name ist verdammt

Seine Bücher sind vernichtet. Das Gespräch über ihn Ist verdächtig und verstummt.

Gesetzt, er ist unschuldig?

Bertold Brecht 1937

Wer ist dieser russische Schriftsteller, über den der große Bertold Brecht derartig gefühlsbetont und ergreifend schreibt? Dessen Verurteilung und Erschießung er 1937 in seinem Gedicht Ist das Volk unfehlbar öffentlich anklagt und zugleich persönlich verarbeitet? Dieser Frage um den bei uns weitestgehend unbekannten Poeten, Journalisten, Professor, Theaterautoren, „Logbuchführer“ uvm. möchte ich in der vorliegenden Hausarbeit nachgehen. Ausgehend von einem Blick auf seine Biographie werde ich zunächst seine wichtigsten literarischen Etappen behandeln. Sein Mitwirken in der Zeitschrift Linke Front der Kunst (LEF), seine Aufenthalte in China, die schriftstellerische Arbeit in den Kolchose und schlussendlich seine Verbindung zu Deutschland.

Bezug nehmend auf das Thema des mit dieser Arbeit verbundenen Seminars werfe ich danach einen genaueren Blick auf die russische Avantgardeliteratur des beginnenden 2o. Jahrhunderts, im Speziellen die Strömung des Futurismus und die dazugehörige Gruppe der Мезонин поэзии, deren Mitglied Sergej Michailowitsch Tret'jakov war.

Im letzten Abschnitt dann möchte ich drei Werke vorstellen, die ich als exemplarisch für seine Entwicklung ansehe.

2. Biographie

Sergej Michailowitsch Tret'jakov (Сергей Михайлович Третьяков) wurde am 8. Juni / 20. Juni 1892[1] im kurländischen Goldingen, dem heutigen Kuldiga, in Lettland geboren. Er war das älteste von acht Kindern des Mathematiklehrers Michail Konstantinowitsch Tret’jakov und seiner Frau Elfrida Emmanuilowna Meller, welche einer deutsch­holländischen Familie entstammte. Im Jahre 1913 schloss er das Gymnasium in Riga mit der Auszeichnung Goldmedaille ab und noch im selben Jahr nahm der talentierte Pianist, der bereits früh Stücke u.a. Chopins spielte, an der juristischen Fakultät der Moskauer Lomonossow-Universität ein Studium auf, welches er drei Jahre später erfolgreich beendete. Während der Zeit seines Studiums entwickelte er erste politische Aktivitäten, so schloss er sich bspw. der Partei der Sozialrevolutionäre (Партия социялистов- революционеров) an. Gleichzeitig lernt er erste Personen kennen, die sein künstlerisches Leben beeinflussten und inspirierten, wie z.B. den Regisseur und Schauspieler Wsewolod Meyerhold oder den Dichter und führenden Vertreter des russischen Zweigs des Futurismus Wladimir Majakowski. Die Zeit der Russischen Revolution verbrachte Tret’jakov mit seiner Familie im äußersten Osten Russlands, in Nikolajewsk am Amur (Николаевск-на- Амуре). 1919 lernte er Olga Wiktorowna Gomolizkaja kennen, heiratete sie noch im selben Jahr und adoptierte ihre Tochter Tatjana.

Sergej Tret’jakov beteiligte sich unter dem Kommando von Admiral Koltschak am der Revolution folgenden Bürgerkrieg. In Wladiwostok schloss er sich den Bolschewiki an und wurde dort am 4./5. April 1920 Augenzeuge des japanischen Überfalls. Diesen Vorfall verarbeitet er in seinem Gedicht 4/5 Апреля, auf das ich später noch zu sprechen komme.

Von hier an wollte er sein gesamtes Leben in den Dienst des Umsturzes stellen und versuchte dies in immer wieder neuen Betätigungen in Kollektiven Projekten, Verbänden, in der Arbeit für Film, Theater und Fernsehen, sowie in der Bildungsarbeit umzusetzen. Hierzu unternahm er unzählige Reisen, u.a. wiederholt nach China in den Jahren 1921­1922. Zu dieser Zeit war er zudem Volksbildungsminister der Demokratischen Fernöstlichen Republik (Дальневосточная Республика, ДВР)[2] in Wladiwostok und Tschita, wo er einen Teil seiner ersten futuristischen Werke veröffentlichte. 1923 kehrt Tret’jakov nach Moskau zurück und arbeitet u.a. mit Sergei Eisenstein zusammen an

Theaterstücken, in denen er versuchte, „epochale Vorgänge im Stück zu fassen“,[3] das Fortschreiten der Revolution bei gleichzeitiger größter Wertlegung auf die „Alltäglichkeit des Gezeigten“.[4] Zeitgleich wirkte er mit Wladimir Majakowski in der Künstlergruppe und gleichnamigen Zeitschrift Левый фронт искусств (ЛЕФ) / Linke Front der Kunst (LEF). Im Jahr darauf reist er erneut nach China und hat an der Pekinger Universität bis 1925 die Professur für russische Literatur inne. Zudem arbeitet er als China-Korrespondent für die Tageszeitung Prawda. Zurückgekehrt aus China befasste sich das Multitalent konkret mit dem Filmgenre. Unter anderem war er in der berühmten Eisenstein Produktion Panzerkreuzer Potemkin tätig.

Darüber hinaus reaktivierte er mit seinen ehemaligen Gefährten die LEF im Jahre 1927, welche unter dem Namen Nowy LEF neu aufgelegt wurde. Jedoch nur mit mäßigem Erfolg, was zu ihrer Einstellung zwei Jahre später führte. Ebenso stellte der Lyriker Tret’jakov seine Arbeit in diesem Bereich fürs erste ein, seine selbstverordnete lyrische Abstinenz dauerte von 1929 bis 1935.[5]

Mittlerweile hatte Tret’jakov ein neues Betätigungsfeld für sich entdeckt: Ende der 1920er Jahre folgte er dem Aufruf „Schriftsteller in die Kolchosen“; auch hierzu später mehr. Auf seinen Reisen durch die ländlichen Gebiete der Sowjetunion, wie z.B. das georgische Swanetien und die sibirische autonome Tuwinische Volksrepublik, produzierte er in offiziellem Auftrag Reportagen, Interviews, Filmszenarien und Theaterstücke.

Im Anschluss an sein Engagement in der kollektivierten Landwirtschaft widmete er sich der internationalen künstlerischen Zusammenarbeit bspw. ab 1933 als Redakteur der Zeitschrift Internationale Literatur und im sowjetischen Schriftstellerverband. Im Zuge dessen kam er anfangs der 1930er Jahre das erste Mal nach Deutschland und hatte hier intensiven Kontakt mit Vertretern der avantgardistischen Literatur und Kunst.[6] Deren Bekanntheitsgrad steigerte er in Russland durch Übersetzungen und Berichte.[7] Später organisierte und realisierte Tret’jakov Reisen für deutsche Autoren in die Sowjetunion.

Bekannter als für seine Arbeit an der russisch-deutschen Verständigung wurde er für die Masse dank seiner Berichte über die Tscheljuskin-Expedition 1933, die von ihm als „Redakteur-Konstrukteur“ geleitet wurde. Hierbei war ein als Eisbrecher konstruiertes Forschungsschiff, bei der Erkundung einer möglichen Handelsroute durch das Polarmeer, gesunken. Bis zur Rettung der Mannschaft vergingen mehrere Wochen, die man auf einer Eisscholle verbrachte. Über dieses „Kommunenleben“ und die Rettungsaktion berichteten ständig Wochenschauen und Zeitungen und feierten die Aktion - trotz des Untergangs des Schiffes - als Paradebeispiel für die technischen Errungenschaften der Sowjetunion.

Den stalinistischen Säuberungen fiel Tret’jakov 1937 zum Opfer. Am 25. Juli verhaftete man ihn, verurteilte ihn am 10. September zum Tode und vollstreckte das Urteil noch am selben Tag. Zeit seines Todes setzte sich seine Ehefrau für die Rehabilitierung ihres Mannes ein, welche schlussendlich am 29. Februar vom Sowjetischen Militärkollegium verfügt wurde.

3. Literarisches Wirken

Nachdem ich im vorangegangen Kapitel, die Biographie Tret’jakovs, seine wichtigsten allgemeinen Stationen behandelt habe, möchte ich nun chronologisch auf seine literarisch wichtigen eingehen. Ausgenommen hiervon sind seine Werke in der Avantgarde, insbesondere der Strömung des Futurismus. Dem Schwerpunkt dieser Arbeit geschuldet, werde ich sie in einem gesonderten Kapitel näher beleuchten.

3.1 Левый фронт искусств (ЛЕФ)

Die ЛЕФ wurde Ende des Jahres 1922 bzw. im Frühjahr des Jahres 1923 in Moskau gegründet. Unter der Leitung Wladimir Majakowskis schlossen sich Sergei Tret’jakov, N. N. Aceev, O.M. Brik, B. A. Kuschner, B.I. Arvatov und N. F. Tschuschak mit dem Ziel zusammen, einen erneuten Versuch zu unternehmen, das Kulturmodell der Futuristen durchzusetzen. D.h. das Umfassen des großen sozialen Themas mit allen Instrumenten des Futurismus.[8] Man wollte die Kunst vom „alten Ballast“[9] reinigen um eine neue Kunst der Massen entstehen zu lassen, aufbauend auf den Ideen der Kommune. Quasi eine Errichtung neuen Lebens in einer neuen Gesellschaft, worin die Kunst als „Organisation der Psyche“[10] [11] [12] aufgefasst wird. Wenngleich parallel zur Kommunistischen Partei, doch autonom zu ihr.1112 Hierzu wagte man neue Ansätze, die die künstlerische Praxis des Vorkriegsfuturismus grundlegend veränderten. Man wollte weg von einseitiger Ausrichtung und Versdichtung, hin zu neuen Formen dokumentarer Prosa, wie z.B. der Umsetzung von Tagesparolen und Parteibeschlüssen in poetische Texte. Der sogenannte „Lebensbau“ führte die Literaten zu den Produktionsstätten. Als Konstrukteure, Techniker und Funktionäre wirkten sie am sozialistischen Aufbau mit.

Voll zur Geltung kam dies in der Zeitschrift Nowy LEF 1927/28, die der 1925 auseinandergegangenen LEF direkt folgte, durch Sergei Tret’jakovs Dokumentationen der Produktionsvorgänge. Derjenige, dessen Arbeit in der LEF W. Majakowski und O. Prink als „Versuche mit Marschstrukuren, die die revolutionäre Spontaneität organisieren“[13] beschreiben, wird damit zugleich zum wichtigsten Theoretiker der Gruppe. Er entwickelt die Literatura fakta (Literatur des Fakts). Eine neue Kunst für den neuen Menschen, der neue Formen erfordert. Es entstand dadurch ein neuer Gattungskanon, der Dokumentarliteratur im weitesten Sinne, also auch Memoiren, Biographien, Tagebücher, Reportagen usw. präferierte: „Die Schriftsteller sollten sich von den Gegebenheiten des Arbeitslebens, den Konflikten der Produktion bestimmen lassen.“[14] Hierzu auch passend das Kredo Tret’jakovs: „Unser Epos ist die Zeitung.“[15] Weg vom Ziel auf das Innere des Menschen, hin zum rational handelnden, nicht mehr die Seele oder das Unterbewusste stehen im Fokus, sondern das Bewusste, der ratio. Begründet wird dies damit, das ein Arbeiter mehr wert sei, als ein Dichter,[16] man formuliert den „Homer an der Werkbank“.[17] Trotz dieser Literatur des Dokumentarischen sollte die Kunst das Leben nicht einfach nur abbilden, sondern es neu schaffen, sie soll eine „Kraft des Klassenkampfes zum Aufbau des Lebens sein.“[18] Ein neues Sein soll geschaffen werden, durch die Zerschlagung der bürgerlichen bzw. bäuerlichen Lebensweise. Da Kunst als „Produktion im Dienste der Gesellschaft“[19] angesehen wird, wird der Künstler als Arbeiter der Kunst zum „Psycho- Ingenieur“,[20] respektive „Psycho-Konstrukteur“.[21] Auch die Nowy LEF sieht ihre Arbeit parallel zu derer der Kommunistischen Partei, ausgerichtet an den Bedürfnissen des Alltags und den Arbeiter ansprechend. Sie sieht sich als eine freie Organisation, sei kein geschlossener Klub und kämpft auf der Grundlage des dialektischen Materialismus für die

Arbeiterklasse, wie es Aseev in seinem Programma gruppy Lef’a (Das Programm der Gruppe LEF) formuliert.[22] Die Fotographie solle die Malerei, das Kino das Theater ersetzen. All diese Ideen können jedoch nicht die Auflösung der LEF verhindern, die vonstatten geht, als 1930 ein Großteil der Autoren der RAPP beitritt, mehr oder weniger freiwillig.[23] Man kann dies als Beginn des Endes des Futurismus werten, der vor allen Dingen daran scheiterte, dass er trotz - oder gerade durch - seinen hohen Anspruch das Publikum, das erreicht werden sollte, nicht erreichte.

3.2 China

Als einen weiteren Meilenstein im Leben Tret’jakovs möchte ich seine Verbindung nach China nennen. Nach seinen ersten Aufenthalten dort in den Jahren 1921/21 kehrt er regelmäßig dorthin zurück, ab 1924 gar über ein Jahr. Wie bereits im Abschnitt „Biographie“ behandelt, arbeitet er dort als China-Korrespondent für die Tageszeitung Pravda und als Professor für russische Literatur an der hiesigen Universität. Hier in China entwickelt er das sogenannte Bio-Interview, eine Novität in der Literatur.[24] Das berühmteste von diesen ist das 1930 veröffentlichte Deng Schi-hua. Hierzu interviewte er einen sechsundzwanzigjährigen chinesischen Studenten, der bei ihm studierte und den er sein Leben erzählen lässt. In insgesamt sechsundsechzig teilweise nur zwei Seiten langen Erinnerungsbildern, versehen mit einem Abschlußkapitel und einem Postskriptum, umfassen die Erzählungen im wesentlichen die fünfzehn Jahre von der bürgerlich­demokratischen Revolution 1911-1913 bis zum Ende des Ersten Revolutionären Bürgerkriegs 1927.[25] Die fast durchgängige Ich-Erzählung veröffentlich Tret’jkov mit der Begründung, der Protagonist sei noch nicht soweit eine Autobiographie zu schreiben.[26] Er beschreibt die tägliche, vier- bis sechsstündige Arbeit mit dem jungen Deng, die sich über ein halbes Jahr hinzog, im Vorwort der 1930er Ausgabe wie folgt:

„Er stellte mir freigiebig die Tiefen seines wunderbaren Gedächtnisses zur

Verfügung. Ich wühlte darin herum wie ein Bergmann. Ich war abwechselnd

[...]


[1] Julianischer bzw. gregorianischer Kalender.

[2] Kommunistische Sowjetrepublik in Russisch-Fernost und Süd-Ostsibirien. Hatte kurzzeitigen Bestand vom 6. April 1920 bis zum 15. November 1922.

[3] Tret'jakov, Sergej M.5: Lyrik, Dramatik, Prosa. Frankfurt a.M., 1972. S. 465.

[4] Ebd.

[5] Ebd. S. 448.

[6] Lauer, Reinhard1: Geschichte der russischen Literatur. München, 2009. S. 619.

[7] Tret'jakov5 S. 449.

[8] Lauer, Reinhard2: Kleine Geschichte der russischen Literatur. München, 2005. S. 192.

[9] Drews, Peter: Die slawische Avantgarde und der Westen. München, 1983. S. 43.

[10] Ebd.

[11] Vgl. ebd..

[12] Peter Drews sieht hierin den schlussendlichen und vollständigen Bruch mit dem Symbolismus.

[13] Tret'jakov5 S. 441.

[14] Lauer2 S. 193.

[15] Ebd.

[16] Vgl. Drews S. 44.

[17] Tret'jakov5 S. 507.

[18] Drews S. 43.

[19] Ebd. S. 44.

[20] Ebd.

[21] Ebd.

[22] Drews S. 45.

[23] Ebd.

[24] Lauer2 S. 193.

[25] Ausführlicher in Tret'jakov5 S. 499.

[26] Weger, Tobias Hrsg.: Grenzüberschreitende Biographien zwischen Ost- und Mitteleuropa: Wirkung - Interaktion - Rezeption, in: Oldenburger Beiträge zur Kultur und Geschichte Ostmitteleuropas, Bd. 11. Frankfurt, 2009. S. 52.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Russischer Futurismus. Sergej Tret’jakov und die Мезонин поэзии
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Slavisches Institut)
Veranstaltung
Hauptseminar "Russischer Futurismus"
Note
1,2
Autor
Jahr
2014
Seiten
22
Katalognummer
V277908
ISBN (eBook)
9783656708049
ISBN (Buch)
9783656709428
Dateigröße
853 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
russischer, futurismus, sergej, tret’jakov
Arbeit zitieren
Hannes Blank (Autor), 2014, Russischer Futurismus. Sergej Tret’jakov und die Мезонин поэзии, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277908

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