Der Tod als Motiv der romantischen Dichtung wird hier an einem konkreten und populären Beispiel untersucht: Victor Hugos "Contemplations". Der berühmte Gedichtband, veröffentlicht 1856, behandelt ihn durchgehend. In der vorliegenden Arbeit ist dieses traurige, aber zugleich mit viel Liebe zum Detail und zur Schönheit bearbeitete Motiv der Schwerpunkt. Die Arbeit gehört zum Ersten Staatsexamen im Jahre 2012.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Contemplations als Werk der Romantik
2. Hugos Contemplations in der literaturhistorischen Tradition
3. Die Architektur der Contemplations
4. Das Eröffnungsgedicht als theologisch-anthropologische Grundlage
5. Autobiographischer Hintergrund als existentielle Grundlage der Todesdarstellung
6. Umgang mit dem Tode vor „Pauca meæ“
6.1 „Aurore“
6.2 „L’âme en fleur“
6.3 „Les luttes et les rêves“
7. Der Tod in „Pauca meæ“
8. Der Tod nach „Pauca meæ“
8.1 „En marche“
8.2 „Au bord de l'infini“
8.3 „A celle qui est restée en France“
9. Fazit
10. Ausblick
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit untersucht die künstlerische Auseinandersetzung Victor Hugos mit dem Tod in seiner Gedichtsammlung Les Contemplations. Im Zentrum der Forschungsfrage steht die Analyse der Entwicklung des Todesmotivs, insbesondere im Hinblick auf den schmerzhaften Verlust seiner Tochter Léopoldine im Jahr 1843, und die Frage, inwieweit das Werk eine Transformation von der Trauer hin zu einer neuen Lebensperspektive oder religiösen Akzeptanz widerspiegelt.
- Literarische Einordnung der Gedichtsammlung in die Epoche der französischen Romantik.
- Analyse der strukturellen und motivischen „Architektur“ des Werkes im Kontext des Todes.
- Untersuchung des autobiographischen Einflusses von Hugos Schicksalsschlägen auf die lyrische Gestaltung.
- Darstellung der verschiedenen Phasen der Trauerbewältigung und der Entwicklung des lyrischen Ichs.
- Deutung der spirituellen Dimensionen und der Ambivalenz zwischen Pessimismus und Hoffnung.
Auszug aus dem Buch
6. Umgang mit dem Tode vor „Pauca meæ“
Der Titel des ersten Buches legt nahe, dass Hugo seinerzeit noch Hoffnungen auf Erfolg im Leben oder glückliche Zeiten gehegt hat. Der Sonnenaufgang ist eine gängige Metapher dafür. Dass das Schicksal der Tochter eine Rolle spielt, ist schon im ersten Gedicht, das Hugo „A [s]a fille“ richtet, ein Thema. Zu Beginn dieses Gedichtes lässt das lyrische Ich Resignation erkennen (v. 1 – 4) und mit der Formulierung „Tout, c'est-à-dire, [...] peu de chose“ (v. 15 f.) wird dem zentralen Buch „Pauca meæ“ vorgegriffen. Das bleibt in diesem Buch jedoch eine Ausnahme. Der Tod spielt darin nur eine untergeordnete Rolle und erscheint andeutungsweise; im ersten Gedicht etwa als „sombre [...] horizon“ (v. 27) oder als Metapher, nach der der Himmel Mitleid habe (v. 33 – 36). Häufig sind im ersten Buch Anspielungen zu erkennen, in denen die Erinnerung an die Zeit mit beiden Töchtern evoziert wird. Beispielsweise in I.3 spricht das lyrische Ich von seinen Erinnerungen an die Zeit, in der beide Töchter noch lebten. Andeutungen wie in diesem Gedicht, in dem eine nur kurz erwähnte Marmorurne metaphorisch für den Tod steht (v. 7) und das Gesamtbild einer Ekstase, d.h. dem Ziel des Betrachtens, befindlichen Natur stört, sind in diesem Buch ebenso häufig anzutreffen. Die Ortschaften, die am Ende der Gedichte angegeben werden, sind in Strahlenform um Paris angeordnet. Außerdem handelt es sich bei den Ortschaften um Dörfer, in deren Nähe eine idyllische Umgebung durchaus realistisch ist. Am Ende von I.3 ist beispielsweise sowohl in der Edition als auch im Manuskript „La Terrasse“ angegeben, wobei Hugo das noch präzisiert und in der Edition von „près d'Enghien“ spricht. Das kann neben zwei weiteren Orten auch die heutige Stadt Montmorency, 13 km von Paris entfernt, bedeuten, die zu Hugos Lebzeiten etwa 2.000 Einwohner zählte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Contemplations als Werk der Romantik: Dieses Kapitel verortet das Werk literaturgeschichtlich und diskutiert die zeitgenössische Ästhetik sowie die Entstehungsbedingungen der Gedichte.
2. Hugos Contemplations in der literaturhistorischen Tradition: Hier wird der Begriff der Kontemplation in seiner theologischen und philosophischen Entwicklung beleuchtet und auf das spezifische Verständnis bei Victor Hugo übertragen.
3. Die Architektur der Contemplations: Das Kapitel untersucht die strukturelle Komposition des Werkes, insbesondere die Metapher der Pyramide als Bauwerk, das den Tod ins Zentrum stellt.
4. Das Eröffnungsgedicht als theologisch-anthropologische Grundlage: Die Analyse zeigt auf, wie der Mensch in ein göttlich geordnetes Schicksal eingebettet ist und welche Rolle die Poesie als Mittlerin spielt.
5. Autobiographischer Hintergrund als existentielle Grundlage der Todesdarstellung: Dieser Abschnitt verknüpft die persönlichen Schicksalsschläge, insbesondere den Verlust der Tochter Léopoldine, mit der lyrischen Verarbeitung in den Gedichten.
6. Umgang mit dem Tode vor „Pauca meæ“: Dieses Kapitel analysiert die initiale Phase des Werkes, in der der Tod eher als latente Gefahr oder Metapher auftritt, während die Natur noch idyllisch erscheint.
7. Der Tod in „Pauca meæ“: Das Zentrum der Sammlung wird als Ort der direkten Trauerbewältigung und der persönlichen Auseinandersetzung mit dem Verlust der Tochter beschrieben.
8. Der Tod nach „Pauca meæ“: Hier wird der Weg der Trauerbewältigung nachgezeichnet, der schließlich zu einer spirituellen Akzeptanz oder einer neuen, transzendenten Sicht auf das Leben führt.
9. Fazit: Eine abschließende Synthese, die die Metamorphose des Todesmotivs innerhalb der Sammlung zusammenfasst.
10. Ausblick: Dieses Kapitel benennt weiterführende Forschungsfragen und die Rolle der Natur- und Liebesdarstellungen als ergänzende Untersuchungsthemen.
Schlüsselwörter
Victor Hugo, Les Contemplations, Romantik, Todesmotiv, Trauerbewältigung, Kontemplation, Léopoldine, Literaturgeschichte, Lyrik, Metamorphose, Exil, Existentialismus, Spiritualität, Schicksal, Ästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Darstellung des Todes in Victor Hugos Gedichtsammlung Les Contemplations und wie diese den persönlichen Trauerprozess des Autors nach dem Verlust seiner Tochter widerspiegelt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Entwicklung des Todesmotivs, die existenzielle Bedeutung der Natur, die Rolle der Religion und die Transformation des lyrischen Ichs von der Verzweiflung hin zur Akzeptanz.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Hauptziel ist es aufzuzeigen, wie Hugo den Tod durch den Prozess des Schreibens als „Kontemplator“ in ein künstlerisches Werk integriert und dabei eine Brücke zwischen individuellem Leid und universellem Verständnis schlägt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine textnahe Analyse der Gedichte unter Einbeziehung der literaturhistorischen Epoche der Romantik sowie biografischer und zeittypischer Kontexte.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine chronologische Analyse der verschiedenen Bücher von Les Contemplations, wobei der Wandel des Todesverständnisses von der Idylle über die Krise in „Pauca meæ“ bis zur transzendenten Auflösung detailliert beschrieben wird.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Zu den prägenden Begriffen gehören Victor Hugo, Kontemplation, Romantik, Todesdarstellung, autobiografische Verarbeitung, Transformation und spirituelle Akzeptanz.
Wie verändert sich die Sichtweise des lyrischen Ichs auf den Tod im Laufe der Sammlung?
Das lyrische Ich entwickelt sich von einer anfänglichen ängstlichen Distanz oder einem Aufbegehren gegen den Tod hin zu einer tiefen, fast spirituellen Akzeptanz, in der der Tod als notwendiger Übergang in eine andere Existenzform betrachtet wird.
Welche Bedeutung kommt dem Buch „Pauca meæ“ zu?
„Pauca meæ“ fungiert als emotionales und strukturelles Zentrum der Sammlung, in dem der unmittelbare Verlust der Tochter Léopoldine thematisiert und das zentrale Leid des Autors unverstellt sichtbar wird.
- Arbeit zitieren
- Philipp Jakobs (Autor:in), 2012, Die Darstellung des Todes in den "Contemplations" von Victor Hugo, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277933