Export von E-Waste und damit verbundene Risiken in Empfängerländern


Essay, 2012
12 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorie Globale Wertschöpfungsketten

3 E-Waste und dessen Folgen für Umwelt und Menschen

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Eine Exkursion nach Kairo brachte mich auf die Idee für das Thema dieses Essays. Dort angekommen, fielen mir ziemlich bald Autos und andere Gefährte auf, die zwar ein ägyptisches Nummernschild trugen, unter denen jedoch ein europäisches - hauptsächlich aus den Niederlanden oder Deutschland - zu sehen war. Später sah ich in einem traditionellen Viertel mitten auf dem Weg eine alte Schiffschaukel, die ebenfalls sehr danach aussah, als sei sie ein ausrangiertes Stück aus einem Industrieland.

Schnell verknüpfte ich diese Eindrücke mit einem Text, den ich voriges Semester zu bearbeiten hatte: Die Autoren beschreiben darin, wie eine Wertschöpfungskette beileibe nicht mit dem Konsum eines Produktes aufhört, wie viele Menschen spontan wahrscheinlich annehmen. Im Gegenteil, in ihrem Beispiel geht es um alte Schiffe, die an einem Hafen in Bangladesch verschrottet werden bzw. deren Inneneinrichtung dort zu einem großen Teil wieder hergerichtet und an die wachsende Mittelschicht vergleichsweise kostengünstig weiterverkauft wird - man könnte somit sagen, dass sich die Wertschöpfungskette hier sogar in einem Kreislauf befindet, weit entfernt also vom „Ende“.

So entstand bei mir die Idee, diesen Essay über den Export von Gebrauchtwaren, speziell Au- tos, aus Industrieländern in Entwicklungsländer zu schreiben. Während der Literaturrecherche stellte sich dies allerdings als etwas schwierig heraus, da nicht allzu viel dazu zu finden war - stattdessen stieß ich auf das Phänomen des E-Waste-Exports, wovon die vorliegende Arbeit nun letztendlich handelt. Unter E-Waste wird elektronischer Müll verstanden, wie bspw. ver- altete Computer oder Mobiltelefone, die gegen neue ausgetauscht und daraufhin entsorgt wer- den. Die meisten davon werden zum Recycling in Entwicklungsländer exportiert, was für die Exportnationen zahlreiche Vorteile bringt. In den Zielländern hingegen verursachen diese alten elektronischen Geräte bei der Weiterverarbeitung durch das Austreten giftiger Inhalts- stoffe verschiedenste Probleme von Krankheiten über ökologischen Schäden bis hin zu poli- tisch-wirtschaftlichen Aspekten wie der Förderung des Schwarzmarktes oder die Umgehung („Interpretation“) von Gesetzen. Die Rolle der Exporteure sowie die Folgen des Exports von E-Waste werden in diesem Essay untersucht, zusätzlich werden Regulierungen seitens Nicht- regierungsorganisationen sowie Regierungen beleuchtet. Zunächst folgt jedoch eine Darstel- lung der theoretischen Grundlagen zu Wertschöpfungsketten.

2 Theorie Globale Wertschöpfungsketten

Was genau sind eigentlich Wertschöpfungsketten? Das Konzept der „Globalen Wertschöp- fungskette“ wurde Anfang der 1990er-Jahre von Sozialwissenschaftlern aufgrund der neuarti- gen Einbettung des Südens in die Produktion für den Norden entwickelt, die neue Arten von Arbeitsteilung und Welthandel auf globaler Ebene hervorbrachte (Schamp 2008: 4). Eine Wertschöpfungskette beinhaltet demnach alle Aktivitäten, die Firmen und Arbeitskräfte un- ternehmen, um ein Produkt von der Konzeption zum Endverbrauch und ggf. noch darüber hinaus zu bringen, also neue Werte zu schöpfen. Diese Aktivitäten können innerhalb einer einzigen Firma laufen oder auch auf mehrere aufgeteilt sein, sie können sowohl Güter als auch Dienstleistungen hervorbringen sowie nur auf einen geographischen Ort beschränkt sein oder aber auf viele verschiedene - dann werden sie zu globalen Wertschöpfungsketten (Glo- bal Value Chains Initiative 2006: o.S.). Die Prozesse bzw. Stationen, unter denen zusammen genommen meist eine Wertschöpfungskette verstanden wird, sind Produktentwicklung, Pro- duktion, Transformation, Transport, Kommission, Distribution und Konsument. Durch ver- besserte Effizienz, die mit Wertschöpfungsprozessen einhergeht, verändert sich auch die glo- bale Wirtschaft, und zwar in zweierlei Hinsicht: 1. Die weltweite Arbeitsteilung wandelt sich, da diese Prozesse eine viel größere geographische Ausdehnung bedeuten als früher. 2. Die Anteile der einzelnen Schritte gemessen an der gesamten Wertschöpfung eines Produktes wandeln sich ebenfalls: Die Produktion nimmt zunehmend weniger Raum ein, das sie in Bil- liglohnländer des Südens ausgelagert wird. Zudem steigert sich die Produktivität durch die Einführung neuer Techniken bei der Herstellung. Einen größeren Raum hingegen nehmen Logistik, Produktentwicklung und Marketing ein. Diese gehen im Gegensatz zur Produktion hauptsächlich in den reichen, nördlichen Ländern vonstatten. Hier findet auch eine Verschie- bung von vormals sogenannten producer driven value chains, bei denen die Produzenten den Absatz sowie die Zulieferer selbst organisieren, hin zu den buyer driven value chains, bei denen starke Marken und der Vertrieb zu privaten Kunden helfen, sich im Konkurrenzkampf durchzusetzen, statt. Ein verändertes Verhalten der Verbraucher und dazu ein Strukturwandel in der Einzelhandelsbranche waren der Grund dafür, dass mittlerweile nur eine geringe An- zahl an Großkonzernen ihr jeweiliges Marktsegment dominiert. Am Beispiel Deutschland lässt sich somit feststellen, dass über 60 % allen Umsatzes im Lebensmittel-Einzelhandel auf wenige Unternehmen wie Metro, Rewe, Edeka und Tengelmann entfallen. Ähnlich sieht es im Tourismussektor mit TUI und Thomas Cook aus sowie in der Branche der Sportschuhe mit Nike und Adidas - dabei stellen sie alle ihre Produkte nicht selbst her, sondern lassen dies von anderen durchführen. Der Marktzugang wird hierbei zum wichtigsten Faktor im Wettbe- werb (Schamp 2008: 4-6).

Ein bedeutender Aspekt innerhalb dieser komplexen Prozesse ist des Weiteren die sogenannte Governance, d.h. auf welche Weise eine globale Wertschöpfungskette gesteuert werden kann. Dabei versuchen die Hauptunternehmen, möglichst viele Risiken in Produktion und Finanzie- rung auf Firmen in anderen Staaten aufzuteilen, was erst durch Anpassungen in der Regulie- rung der globalen Ökonomie machbar wurde. Als größte Veränderungen diesbezüglich wur- den durch das GATT (General Agreement on Tariffs and Trade) und die WTO (World Trade Organization) internationale Warenmärkte liberalisiert und gleichzeitig die Macht der Verkäu- fer bzw. Hersteller gemindert, die weltweiten Finanzmärkte dereguliert und als Folge interna- tionale Finanzrisiken verringert, Kosten in Transport und Transaktion reduziert, die Strategie der bisherigen Importsubstitution geändert zu einer neuen, exportorientierten Strategie, und schließlich entwickelten sich im Vertrieb neue globale Dienstleistungsfirmen (ebd.: 8).

Bei der Governance wird in Bezug auf die Komplexität des Informations- und Wissenstrans- fers, die Kodifizierung von Wissen und Information sowie das Leistungsvermögen von Zulie- ferern zwischen fünf unterschiedlichen Arten von globalen Wertschöpfungsketten differen- ziert: 1. Marktgetriebene Wertschöpfungskette: Die Vorgänge sind wenig komplex und die Kodifizierung gering, dadurch können kleine Zulieferer relativ leicht ausgetauscht werden. 2. Modulare Wertschöpfungskette: Hier stellen die Zulieferer praktisch alles selbst her, nicht nur bestimmte Einzellteile, und haben damit die volle Verantwortung für die Kompetenzen in Technologie und Maschinennutzung. Trotzdem bleibt es weiterhin recht einfach neue Partner zu finden, da die Kodifizierung noch nicht allzu hoch ist. 3. Relationale Wertschöpfungskette: Durch komplexe Interaktionen und also hoher Kodifizierung zwischen Einkäufern und Ver- käufern entsteht oft eine gegenseitige Abhängigkeit, die das Wechseln zu anderen Einkäufern bzw. Zulieferern sehr schwierig macht. Diese Wertschöpfungsketten basieren meist auf Ver- trauen statt Verträgen und rechtlichen Drohungen, nicht zuletzt, da häufig familiäre oder eth- nische Bindungen zwischen den Partnern bestehen. 4. Gebundene Wertschöpfungskette: Hier sind kleine Zulieferer mit geringer Kompetenz abhängig von großen Einkäufern, die viel Kontrollmacht und weitreichende Marktkenntnisse besitzen. Somit sind die Produzenten ver- gleichsweise leicht austauschbar. 5. Hierarchische Wertschöpfungskette: In einer vertikalen Integration wird hier firmenintern produziert, d.h. alle Wertschöpfungsstufen bleiben in der Hand eines transnationalen Unternehmens, es gibt also keine externen Zulieferer (Gereffi, Humphrey und Sturgeon 2005: 83-87).

Damit Käufer und Produzenten ihre Transaktionen richtig durchführen können, ist eine recht- liche Grundlage essentiell, diese ist jedoch meist in verschiedenen nationalen Territorien un- terschiedlich. Dadurch erwachsen bei einer globalen Wertschöpfungskette neue Risiken, be- sonders auch da in den nördlichen Staaten die Ansprüche in mehrerlei Hinsicht gestiegen sind - in Bezug auf die Umweltverträglichkeit von Produkten und mehr Wissen über deren Herkunft, in Bezug auf die Qualität der Produkte sowie in Bezug auf die Produktionsbedingungen (bspw. Kinderarbeit). Doch Regulierungen von Regierungen wird immer weniger Bedeutung beigemessen, stattdessen rücken private Organisationen mehr in den Vordergrund, die eigene Standards aufstellen wie Qualitätssiegel (z.B. Fairtrade) (Schamp 2008: 9).

Durch die weltweite Ausdehnung von Wertschöpfungsketten wird in den südlichen Ländern die schon bestehende ungleiche regionale Entwicklung häufig noch weiter verstärkt. So hin- ken Kleinbauern mehr und mehr großen Produktionsfirmen hinterher, da ihre Arbeit als zu teuer und nicht flexibel genug gilt, um sich auf verändernde Märkte anzupassen. Es entsteht damit ein Dilemma: Exportwachstum vs. soziale Kosten. Um sich aus der oft bestehenden zu großen Abhängigkeit von großen Einkäufern zu befreien, müssten die Firmen im Süden also ihre Produktionsprozesse und die Bandbreite ihrer Produkte verbessern, ihre Tätigkeiten aus- weiten (eigene Logistik und Vermarktung) sowie ihre Produkte in neue Märkte exportieren oder gar komplett neue Produkte vertreiben, sodass sie nicht mehr von nur einem Großunter- nehmen abhängig sind. Allerdings ist das Thema der globalen Wertschöpfungsketten so kom- plex und vielschichtig, dass auch zunehmend weniger verallgemeinert werden kann bzgl. des Verhältnisses zwischen den Ländern aus Norden und Süden (Schamp 2008: 9-11). Auch das Thema E-Waste handelt von Ketten, wenn auch andersherum - oder vielleicht einfach als Verlängerung: Die Wertschöpfungskette der Computerproduktion endet dabei nicht einfach beim Konsument, der sich im Laden einen PC kauft. Nach ein paar Jahren schon gilt dieser als veraltet und es stellt sich die Frage: Wohin damit? Hier setzt dann die neue/verlängerte Kette an, denn die Entsorgung elektronischer Geräte beinhaltet durchaus vergleichbare As- pekte und lange „Ent-Produktions“-Wege.

3 E-Waste und dessen Folgen für Umwelt und Menschen

Die Elektro- und IT-Industrie ist die weltweit größte und am schnellsten wachsende verarbei- tende Industrie, weshalb als unangenehmer Folgeeffekt auch der daraus resultierende „E- Waste“ die am schnellsten wachsende Abfallkette der industrialisierten Welt darstellt (Basel Action Network o.J.). Bspw. wurden 2006 in Kanada über 140.000 t elektronische Ausrüs- tung entsorgt, das würde nach Gewicht mehr als einer Milliarde iPhones entsprechen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Export von E-Waste und damit verbundene Risiken in Empfängerländern
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
12
Katalognummer
V277948
ISBN (eBook)
9783656704669
ISBN (Buch)
9783656709411
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
export, e-waste, risiken, empfängerländern
Arbeit zitieren
Corinna Mailänder (Autor), 2012, Export von E-Waste und damit verbundene Risiken in Empfängerländern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277948

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