"Ein pädagogisches Poem" von Anton S. Makarenko. Pädagogische Reflexionen zu Hintergrund, Inhalt und Aktualität


Hausarbeit, 2007
22 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Fragen für den 31. Oktober 2006

2. Fragen für den 7. November 2006

3. Fragen für den 14. November 2006

4. Fragen für den 21. November 2006

5. Fragen für den 28. November 2006

6. Fragen für den 5. Dezember 2006

7. Fragen für den 12. Dezember 2006

8. Fragen für den 19. Dezember 2006

9. Fragen für den 9. Januar 2007

10. Fragen für den 16. Januar 2007

11. Fragen für den 23. Januar 2007

12. Fragen für den 30. Januar 2007

13. Literaturverzeichnis

1. Fragen für den 31. Oktober 2006

1.1 Die Rahmenbedingungen in der Sowjetunion der 20er Jahre

Die Rahmenbedingungen in der Sowjetunion der 20er Jahre können als katastrophal be- zeichnet werden. Mehrere Gründe waren für diesen Zustand verantwortlich. Der 1. Welt- krieg von 1914 bis 1918 verursachte hohe Verluste an Menschenleben und Material und zerstörte große Teile der Industrie. Im Jahr 1917 wurde die Zarenfamilie während der Fe- bruarrevolution abgesetzt. Regiert haben von da an eine Kombination aus Parlament (Duma) und Arbeiter- und Soldatenräten (Sowjet). Diese Regierung wurde jedoch in der Oktoberrevolution des gleichen Jahres von den Bolschewiki, einem Teil der Sozialdemokra- tischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR), unter der Führung Lenins gewaltsam abgelöst.

Der von der neuen Regierung im März 1918 geschlossene Friedensvertrag von BrestLitowsk hatte für die Sowjetunion auch sehr große Nachteile: Zum Einen musste sie hohe Kontributionszahlungen leisten und zum Anderen verlor sie wirtschaftlich bedeutende Gebiete. Allerdings konnten die Bolschewiki dadurch ihre Position im Land stärken. Dennoch kam es zum Russischen Bürgerkrieg, der von 1917/1918 bis 1920 zwischen den Bolschewiki (Rote Armee) und konservativen, prozaristischen Gruppierungen (Weiße Armee) geführt wurde und verheerende Folgen für das Wirtschaftssystem hatte.

Nicht zu vernachlässigen ist auch die bloße Produktion von Verbrauchsgütern durch die Arbeiter, die diese bei den Bauern gegen Nahrungsmittel tauschten. Außerdem ist auch die Wirkung der harten russischen Winter zu berücksichtigen z. B. eine große Dürre und der damit verbundenen Missernte im Jahr 1921 und die Ausbreitung von Epidemien als Folge der schlechten Versorgung.

1.2 Die Verwahrlosten in der Sowjetunion

Im Jahr 1917 gab es 30.000 Kinder, die in Institutionen betreut wurden. Diese Zahl wuchs in den folgenden Jahren rapide an, so dass es im Jahr 1922 ungefähr acht bis neun Millionen Verwahrloste (Besprizorniki) gab. Nach diesem Höhepunkte sank die Zahl wieder, bis es im Jahr 1932 nur noch wenige Tausend Verwahrloste gab. Jedoch kann den Quellen wegen unzuverlässiger Zählungsweisen und den Motiven der Regierung als den Zählern nicht vollständig vertraut werden.

Es gab verschiedene Gründe, warum die Kinder obdachlos wurden. MAKARENKO unterteilt diese in „mechanische“ und „chemische Zerstörung“. LÜPKE unterscheidet vier Kategorien (2004, S. 160)1: 1. Waise und Halbwaise, 2. Kinder, die wegen zu geringen Einkommens der Familie diese freiwillig verlassen, 3. Kinder, die von der Familie nicht ernährt werden können und von der Familie weggeschickt werden, 4. Kinder, die verkrüppelt, krank oder anderweitig behindert sind.

Ihr Zustand war wirklich erbärmlich. Den Begriff „Kleidung“ für die benutzten Stofffetzen zu verwenden wäre hochgradig euphemistisch. Schuhe waren Luxus und als Schlafplatz diente jedes Loch und jede Spalte, die auch nur ein bisschen Schutz vor der Witterung bot. Bettelei, Diebstahl und organisierte Raubzüge waren die einzige Möglichkeit, um zu erle- ben. Deswegen gab es auch kaum Einzelgänger, sondern fast nur Banden, in denen klare Hierarchien herrschten.

1.3 Der Zusammenhang von Erziehung und Politik

Das Problem der Verwahrlosten war ein Hauptanliegen der Regierung. Die Pädologie wurde als die Lösung betrachtet und entsprechend propagiert und gefördert. Die Politik leg- te dadurch die hinter der Pädologie stehende positivistische Wissenschaftsauffassung so- wie ein ganz bestimmtes Menschenbild als maßgeblich für die Erziehung fest. LÜPKE be- schreibt drei Grundannahmen dieser Pädologie (2004, S. 163f.), die von einer naturalisti- schen Sichtweise des Menschen ausgehen, dessen Potential nur zur Entfaltung gebracht werden muss.

1.4 Erster Eindruck vom „ p ä dagogischen Poem “

MAKARENKO schreibt sehr offen über das System und sich. Mängel und unrichtige Situationen und Verhaltensweisen werden nicht versteckt oder beschönigt. Es scheint ein ehrlicher Roman zu sein. So schreibt MAKARENKO auch über die Unwissenheit bezüglich der angebrachten Handlungsweise in der Gorki-Kolonie. Auch die Beschreibung seiner ersten Auseinandersetzung mit Sadorow, seinem Zornausbruch und dem anschließenden Umgang mit dem eigenen Fehlverhalten zeugen von dieser Ehrlichkeit.

1.5 Weshalb konnte der Anfang ü berhaupt gelingen?

Die Hauptvoraussetzung scheint mir der absolute Optimismus MAKARENKOS (und seiner Mitarbeiter) und seine Zuversicht in die M ö glichkeit des Projektes zu sein. Grundlegend ist dafür sicherlich MAKARENKOS Menschenbild. Die Überzeugung, dass er es hier nicht mit „de- fekten“ Wesen, sondern mit Menschen zu tun hat. Entscheidend ist auch, dass es ihm nicht nur um Formalismus und das sture Einhalten von Regeln geht.

Allerdings war auch eine gewisse Ausstattung von Nöten, so z. B. ein Dach über dem Kopf und die Möglichkeit, Mitarbeiter zu finanzieren oder zumindest zu verpflegen. Jedoch könnten auch gerade das Fehlen der Grundausstattung, dieser Minimalismus, und die gleichwertige Situation von Erziehern und Zöglingen die unabdingbaren Voraussetzungen zum Gelingen des Projektes gewesen sein.

1.6 Welche grundlegenden p ä dagogischen Thematiken entdecken Sie in dem ersten Kapitel?

Die Theorie kann nur aus der Erfahrung bzw. ihrer Summe abgeleitet werden (S: 45). Abstrakte theoretische Formeln haben keinen Wert. Außerdem muss die Analyse und die darauf folgende Handlung unmittelbar geschehen.

Der Pädagoge muss authentisch sein, auch im Umgang mit seinen Emotionen und der Art, wie er sie ausdrückt. Er darf sich nicht als abgehobenes und überlegenes Wesen be- trachten, sondern muss sich auf einer Ebene mit den Zöglingen befinden. Dies äußert sich auch durch sein Verhalten und dass er die gleichen Arbeiten wie sie zu bewältigen hat.

1.7 Weitere Gedanken und Meinungen

Aus dem letzten Gedanken heraus eröffnet sich ein interessantes Spannungsfeld. Eine unabdingbare Voraussetzung für das Gelingen pädagogischer Arbeit scheint es zu sein, dass sich der Erzieher auf einer Ebene mit dem Zögling befindet. Doch wie sieht es dann mit der Autorität aus, die der Erzieher für sich beansprucht. Wie kann er diese Autorität durchsetzen, wenn er sich auf der gleichen Ebene mit dem Zögling befindet. Kann man in diesem Fall überhaupt noch von Autorität sprechen? Dieses Spannungsfeld müsste näher untersucht und weiter diskutiert werden.

2.1 Die Rolle von Perspektiven in der Erziehung (S. 73, 74)

Perspektiven haben eine hohe Bedeutung für die Erziehung. Damit ist aber nicht nur gemeint, dass der Erzieher eine Perspektive bzw. eine Vision hat. In der angeführten Textstelle geht es eher um die Zöglinge, die eine Perspektive entwickeln. Sie erkennen durch diese, dass ihr Leben, ihre Arbeit und ihr Einsatz einen Sinn haben. Das sich selber gesetzte Ziel ist somit der Ansatzpunkt für die Selbstmotivation der Zöglinge.

2.2 WASJA POLESCHTSCHUK: welche p ä dagogisch relevanten Themen werden sichtbar? (S. 75)

Die Person Wasja macht deutlich, dass es, trotz aller Bemühungen auf Seiten der Erzie- her, Zöglinge gibt, die sich durch nichts zur Zusammenarbeit und Kooperation bewegen lassen. Und trotzdem, oder gerade in solchen Fällen, ist es für die Pädagogen von Bedeu- tung, diese Personen nicht aufzugeben, sondern sich weiterhin um sie zu bemühen.

Gerade Wasjas Flucht zeigt jedoch mindestens drei weitere interessante Aspekte. Zum Einen ist sie ein Hinweis auf die ständig im Hintergrund schwelende, potentielle Unmöglich- keit von Erziehung. Mit diesem Gedanken sollte sich der Pädagoge vertraut machen, damit er die in diesem Fall möglicherweise auftretende Enttäuschung besser verkraften kann. Zum Anderen bewahrt ihn diese Erkenntnis vor Allem vor einem technischen Verständnis von Erziehung. Und zuletzt ist zu berücksichtigen, dass Wasja aus gutem Grund aus der Kolonie floh. Er sah für sich eine andere Perspektive, nämlich die des Kommandeurs Suba- ta. Und wenn nun ein Zögling für sich entscheidet, dass es ihm woanders besser ginge, mit welchem Recht darf der Pädagoge diese Entscheidung dann verurteilen?

2.3 Die Rolle der Arbeit (S. 80, 82)

Zum Einen ist der Eifer der Zöglinge natürlich durch das Vorbild und den persönlichen Einsatz der Erzieher beeinflusst. Zum Anderen ermöglicht die Arbeit den Zöglingen das Er- leben von Selbstwirksamkeit. Die Ergebnisse der eigenen Leistungen und Anstrengungen festzustellen, führt somit zu einer erhöhten Zufriedenheit und zu einer steigenden Freude am Leben.

2.4 Wie entsteht Achtung vor den Erziehern? (S. 83)

Es scheint ganz entscheidend zu sein, dass die Zöglinge die Erzieher nicht als Opposition wahrnehmen, als Menschen die ihnen, für die Zöglinge fremdartige, Ziele und Verhaltensweisen vorschreiben. Statt dessen sollten die Erzieher sich so verhalten, dass die Zöglinge sich und die Pädagogen als auf einer Ebene Befindliche sehen.

Außerdem ist es auch von Bedeutung, dass die Zöglinge die guten Absichten und Ziele f ü r die Zöglinge bemerken. Dies ist jedoch nicht mit floskelhaften Aussagen wie „Ich meine es ja bloß gut mit dir.“ oder „Das ist ja nur zu deinem Besten.“ zu erreichen. Vielmehr muss diese Zielsetzung durch das Handeln der Erzieher ganz deutlich zu Tage treten. Durch ihren Einsatz und ihre Aufopferung im täglichen Leben f ü r die Zöglinge.

2.5 Versuchen Sie, die „ Keime des Kollektivs “ » unkommunistisch « , f ü r aktuelle P ä dagogik nutzbar zu interpretieren! (S. 84)

Von Kollektiven ist in pädagogischen Kontexten heute vermutlich nur noch selten die Rede. Das heißt jedoch nicht, dass der dahinter stehende Gedanke heute nicht mehr aktu- ell ist. Modernere Begriffe hierfür sind u. A. Gemeinschaftsgefühl oder Teamgeist. Grup- penbildende und gruppendynamische Prozesse sind aber auch heute noch ein vielbeachte- tes Thema.2 Denn wenn Einzelpersonen sich zu einer Gruppe zusammenschließen und sich mit ihr identifizieren, hat dies häufig den positiven Effekt, dass diese Personen nicht mehr nur egoistisch an die eigenen Interessen denken, sondern möglicherweise auch die Entwicklung von Empathie und Perspektivenübernahme erleichtert wird. Dies ist jedoch eine sehr oberflächliche und stark verallgemeinerte Aussage, die noch wesentlich differen- zierter betrachtet werden müsste.

2.6 Nehmen Sie Stellung zum Spiel „ Dieb und Denunziant “ (S. 102)

Dieses Spiel scheint eine gute Möglichkeit zur Anbahnung von Empathie bzw. Mitgefühl und Rollenverständnis zu sein, da der Zögling einen Handlungsstrang aus allen möglichen Perspektiven erlebt. Dadurch ist es ihm eher möglich, sich in die Situation und die Emotionen anderer hineinzuversetzen. Besonders spannend erscheint mir bei diesem Spiel das Verhalten MAKARENKOS. Wenn er nämlich als „Richter“ oder „Henker“ agierte, entschied und handelte er besonders hart. Dies hat das Mitgefühl der Zöglinge für die darunter Leidenden und ihr Gerechtigkeitsgefühl möglicherweise noch stärker angeregt.

Allerdings ist auch kritisch zu hinterfragen, warum er selber vor den Jungen überhaupt „den Schneidigen“ (S. 102) spielen musste. Und warum er auch bei anderen männlichen (!) Erziehern das sanfte und mitfühlende Verhalten verurteilte und sie zu hartem Vorgehen nötigte. Auch die Anforderungen an die Zöglinge scheinen von traditionellen Geschlechter- bildern geprägt gewesen zu sein. So schreibt er über die Jungen, sie „müßten zäh und mu- tig sein. Sie dürften keine Gefahren fürchten, noch weniger körperliche Schmerzen“ (S. 103). Diese Sichtweise sowie die Frage nach der Notwendigkeit der Brutalität des Spie- les müssten für die Übertragung in die heutige Zeit möglicherweise überdacht werden.

2.7 Weshalb ist JEKATERINA GRIGORJEWNA eine gute Erzieherin? (S. 106)

Sie wird zwar als eine ernste Person beschrieben, jedoch sind auffällige Merkmale ihrer

[...]


1 Sofern keine anderweitigen Angaben zur Quelle der Zitate gemacht werden, entstammen sie MAKARENKO 1984.

2 So z. B. in der Sozialpsychologie, der Sozialpädagogik und auch der Erlebnispädagogik.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
"Ein pädagogisches Poem" von Anton S. Makarenko. Pädagogische Reflexionen zu Hintergrund, Inhalt und Aktualität
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V277989
ISBN (eBook)
9783656710844
ISBN (Buch)
9783656711988
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
poem, anton, makarenko, pädagogische, reflexionen, hintergrund, inhalt, aktualität
Arbeit zitieren
Diplom-Pädagoge Frank Alibegovic (Autor), 2007, "Ein pädagogisches Poem" von Anton S. Makarenko. Pädagogische Reflexionen zu Hintergrund, Inhalt und Aktualität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/277989

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "Ein pädagogisches Poem" von Anton S. Makarenko. Pädagogische Reflexionen zu Hintergrund, Inhalt und Aktualität


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden