Zu den Nachkriegsreformen in Japan, 1945-1952


Seminararbeit, 2004
27 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

A: Hauptteil

i. Nachkriegstraumata (p.3 ff)
a. Die Demokratische Weltrevolution (p.3)
1. Zeitalter der Extreme (p.3)
2. Wilsons 14 Punkte (p.3/4)
3. Das Amerikanische Trauma (p.4/5)
b. Die „Gelbe Gefahr“ (p.5 ff)
1. Globalismusrausch (p.5/6)
2. Perry’s Nonchalance (p.6)
3. „Gelbe Gefahr“ im Pazifik (p.6)
4. Westlicher Chauvinismus (p.6/7)
5. Perlenbucht (p.7)
c. Die Sinkende Sonne (p.7 ff)
1. Froschhüpfen (p.7)
2. Widerstand (p.8)
3. Brandmale und Kainsmale (p. 8/9)
4. Atom-Allergie (p.9)

ii. Der Blauäugige Shogun (p. 11 ff)
a. Kriegszeit-Pläne der Amerikaner (p.11 ff)
1. Unlimited Option (p.11/12)
2. Van Slyck (p.12/13)
b. Der Blau-Äugige Shogun (p.13 ff)
1. Bürokratie und Autokratie (p.13/14)
2. Ah!So? (p.14/15)
3. Nan tte? (p.15/16)
4. Yoshida (p.16)

iii. Die Zweite Revolution (p. 18 ff)
a. Demilitarisierung (p.18 ff)
1. Entwaffnung (p.18)
2. Civil Liberties Directive (p.18/19)
3. Behörden-Säuberungen (p.19)
4. Kriegsverbrechertribunale (p.19)
b. Dezentralisierung (p.20 ff)
1. Land (p.20)
2. Zaibatsu (p.20/21)
3. Ausbildung (p.21/22)
c. Demokratisierung (p.22 ff)
1. Grundrechte (p.22)
2. Gewaltenteilung (p.22/23)
3. Volkssouveränität (p.23)
4. Massenpolitisierung (p.23/24)

iv. Paradigmenwechsel (p.25)
a. Die Dodge Line (p.25)
1. Säbelrasseln (p.25)
2. Rehabilitierung (p.25)
3. Wiederaufstieg (p.25)

I. Kriegstraumata

a) Die Demokratische Weltrevolution

1900 bis 1945, das war das „kurz 20te Jahrhundert“. Ein Jahrhundert, dessen kurze Dauer nie seine eklatante Sonderstellung in der Geschichte überwinden half: es war das „Zeitalter des Massakers“, wie es der Historiker Eric Hobsbawm nannte. Es kannte zwei Weltkriege: Zwei globale, menschenverzehrende Spektakel des technologischen Fortschritts einerseits – jedoch andererseits des zivilisatorischen Rückschrittes, inhumaner Barbarei. Innerhalb der Weltkriege, oder diesen vorausgehend fanden mehrere ideologisch-politisch motivierte Massaker statt, die an Opfern die Millionengrenze leicht überstiegen.

Sie brachten mit sich die nahezu vollständige Zerstörung mehrerer Millionenstädte der ganzen Welt, zum Teil unter Einsatz von nuklearen Massenvernichtungswaffen, und auf allen Seiten Verluste an Leben, die bis dato ungekannt waren. In Relation zu den jeweiligen Bevölkerungszahlen leisten sich die Weltkriege nur mit dem Dreißigjährigen Krieg eine bedeutende Rivalität.

Allein der Erste Weltkrieg - der ja ungeachtet der gesamt betrachtet größeren Ausmaße des Zweiten, von Engländern und Franzosen gleichermaßen als der „Große Krieg“ bezeichnet wird - schockierte die Weltöffentlichkeit durch seine ungeheure Brutalität, durch seine Mechanisierung des Tötens. Nach den Gewalt-Orgien von Verdun und Sedan, nach der Niederlage der Mittel-Mächte im Ersten Weltkrieg, besannen sich die von eben diesen Vernichtungsspektakeln, und der epidemischen Ausbreitung des Krieges auf beinahe alle Teile der Welt schockierten Siegermächte auf ein Programm, das künftigen Ereignissen dieser blutroten Couleur einen Riegel vorschieben sollte.

Die aus diesen und ähnlichen Schock- und Erkenntnismomenten entsprungene, wohl einflußreichste Grundlegung einer Weltfriedensordnung war das „Vierzehn Punkte“ Programm des amerikanischen Präsidenten Thomas Woodrow Wilson von 19181. „Dem ehrgeizigen Idealisten aus Virginia, vom amerikanischen Sendungsbewußtsein beseelt, war vor allem eines wichtig: die Gründung des Völkerbundes, …“2 Dieser sollte über eine internationale Rechtsgrundlage das friedliche Zusammenleben der Menschheit sichern: es war das Programm des „Internationalismus“. Die 14 politisch-praktischen Punkte, die sich als Nachkriegsagenda lesen, gehen auf programmatisch-ideologische Meta-Punkte zurück: Die 1) Abschaffung der Geheimdiplomatie, und der 14) Allgemeine Zusammenschluß aller Nationen zur gegenseitigen Garantie von politischer Unabhängigkeit und territorialer Unverletzlichkeit zielen dabei auf die Errichtung der angesprochenen internationalen Institution der Friedenswahrung - von Wilson genannt „League Of Nations“ oder aber deutsch: Völkerbund. Die Idee dafür geht zurück auf die Philosophie Immanuel Kants und speziell auf seine Schrift „Zum ewigen Frieden“ des Jahres 1795, in der der Philosoph erklärte ein sicherer Friede müsse auf den Grundsätzen der Hospitalität (des Gastrechtes) auf einer weltweit gültigen Rechtsnorm und der republikanischen Staatsordnung fußen3. Mit der Aufnahme der Arbeitstätigkeit des Völkerbundes 1920 und der Verabschiedung seiner Charta, bereits 1919, war eine, mehr oder weniger akzeptierte, globale Rechtsnorm etabliert. Die zweite und die dritte Forderung Kants wurden en ligne mit den Versailler Verträgen erfüllt. Dazu gehörten die Nationale Selbstbestimmung (gesehen als Grundvoraussetzung einer republikanischen Staatsordnung, daß Volk und Staat in Kongruenz zueinander stehen, der Nationalgedanke eben) der Staaten, dies - unter anderem - durch die 8) Räumung des besetzten französischen Territoriums und Rückgabe Elsaß-Lothringens an Frankreich, oder auch der 10) autonomen Entwicklung der Völker Österreich-Ungarns, mithin also der Auflösung des habsburgischen Viel-Völkerstaates, und der 13) Errichtung eines unabhängigen polnischen Staates unter Einschluß aller Gebiete mit unzweifelhaft polnischer Bevölkerung und mit freiem Zugang zur See. In den Punkten 2) und 3), der freien Seeschiffahrt in Frieden und Krieg, sowie der Beseitigung von Schranken und Ungleichheiten im Handelsverkehr kann man die Ausformulierung eines Aspektes Kants Forderung nach Hospitalität sehen. Hinzu kommt der, für sich selber sprechende Punkt der 4) Abrüstung. Die entscheidenden Punkte in Schlagworten sind demnach: Demokratie, Freihandel, Waffenbeschränkungen, Nationale Selbstbestimmung durch Sicherung der territorialen Unabhängigkeit und der politischen Selbstbestimmung der Staaten und Ächtung des Krieges. Dies alles vereint in Symbol und Institution des Völkerbundes, kodifiziert in dessen Satzung von 1919.

Der Völkerbund war bis dahin der größte internationale Versuch, eine rechtliche Grundlage für die Ächtung des Übels des Krieges zu errichten. Er sollte dienen die „Unzulänglichkeiten eines völlig dezentralisierten Rechtsvollstreckungssystems zu überwinden“4. Die Tatsache, daß nun diese Bemühung im Grunde nur wenige 20 Jahre den Frieden stabilisieren konnte und 1939 bereits ein erneuter, sinnloser, menschenverachtender Krieg vom Zaun brach, in dem die, für den Erhalt des Internationalismus maßgeblich eingetretenen USA einen nicht unerheblichen Blutzoll entrichten mußten, gehört zu dem Trauma, das entgegen der lauten Glorifizierung des Sieges über die Kriegsgegner, die leise Stimme hörbar werden ließ, die wisperte, daß „(…) the Fourteen Points had been oversold to ally and enemy alike, creating unrealistic expectations of a perfect peace and bitter postwar disillusionment.“5 Wir wissen, daß die amerikanischen Policy Makers 1945 zu einer Nachkriegsordnung tendierten, die entgegen dem Muster der Außenpolitik nach 1918, nach einer offensiveren, einmischenderen, gestaltenderen Politik verlangte. Eine Politik, die zum einen eine bedingungslose Kapitulation erforderte, welche dann als “(…) theoretical and legal basis for post -surrender policy towards the Axis“ benutzt werden konnte, zum anderen, - um den Bogen zu spannen und auf Japan zu zielen - wie in der Operation Olympic vorgezeichnet, eine Invasion des japanischen Kernlandes, um eine umfassend legitimierte und massive Umwälzungen in Staat und Gesellschaft erwirkende Besatzungsregierung etablieren zu können: „The result was that the Allies – especially the United States and especially in Japan – ended up reengineering entire societies.“6

Die vorausgegangenen Punkte sind für die Nachkriegs-Außenpolitik der Amerikaner zu einem hohen Prozentsatz universell – das bedeutet, welches Land auch immer Ziel des „(…) spirit of democratic evangelism,(…)“7, amerikanisch-liberal-demokratischer Missionierungsarbeit geworden ist: der Häretiker wurde nach den nämlichen Prinzipien bekehrt.

Warum aber gerade Japan, und warum in diesem Umfang ist zunächst nicht klar. Eine historische Retour soll daher zeigen, wie Japan und die USA in außenpolitischem Verhältnis zueinander standen.

b) Die „Gelbe Gefahr“

Nach der nationalen Einigung der Vereinigten Staaten von Amerika 1776 und deren territorialen Arondierung, drängten die Staatsmänner und Geschäftsmänner des Landes auf eine möglichst schnelle wirtschaftliche Expansion des Staates. Dazu gehörten im damaligen Verständnis zu Industrie und Marktwirtschaft, als Instrument auch die Schaffung eines möglichst weitreichenden Handelsraums und einer zahlenmäßig starken Handelsflotte. Im ersten Globalismusrausch des späten 18ten und 19ten Jahrhunderts, drangen daher amerikanische Handelsflotten bereits weit in den Pazifik vor, und, wie es geographisch vorgezeichnet ist, je weiter sie nach Westen vordrangen, desto enger kamen sie auch in Kontakt mit dem damaligen feudalen Japan.

Was folgte ist bekannt: Der amerikanische Marine-Offizier Commodore Perry zwang 1853, mit seinen „Schwarzen Schiffen“ im Rücken, das Bakufu des Tokugawa-Japan zur Öffnung seines seit 250 Jahren von der Außenwelt nahezu abgeschotteten Landes, um daraufhin 1854, gleichermaßen nonchalant, den für die nächsten knapp 50 Jahre schwersten Stein auf die japanische Diplomaten- und Volksseele zu legen: die „Ungleichen Verträge“ von Kanagawa.

Wir können so gesehen davon ausgehen, daß wo japanisches Ringen um Anerkennung durch den Westen – die Entledigung von den Verträgen von 1854 – und somit das Erringen von Sicherheit, das ja unter dem Banner des Fukoku Kyouhei (Reiches Land, Starke Armee) nicht unwesentlich zur Industrialisierung und Modernisierung des Landes beigetragen hatte, stattfand, ihr Ausgang eine schmachvolle Demonstration der japanischen Wehrlosigkeit gewesen war und im Bezug auf die Vereinigten Staaten ein Ansinnen der Rivalität paralell lief.

In der Vermittlung des Portsmouth Vertrages von 1905, der den Russo-Japanischen Krieg beilegte, benachteilte die amerikanische, diplomatische Gesandschaft die erfolgreichen Japaner durch nicht gewährte Kriegsentschädigungszahlungen. Landgewinne waren zwar ausreichend - die Süd-Mandschurei und Süd-Sachalin konnten annektiert, dazu das Protektorat über Korea erreicht werden -, jedoch nicht mit den Erwartungen der japanischen Heeresführung kongruent: Der Chauvinismus der westlichen Zivilisation und die Haltung, im Ernstfall eher zusammenzuhalten, als eine nicht-westliche Macht zu nähren, zeigten sich hier, als zum erstenmal in der modernen Geschichte eine östliche Armee über eine westliche gesiegt hatte. Als in Folge der imperialen Ausdehnung Japans Anstieg in der Leiter der Nationen, in den Bereich der „First-Grade Nations“ nicht abbrach, und somit eine östliche Macht die Augenhöhe mit den großen westlichen Staaten erklomm, verwandelte sich die Überheblichkeit in ein Gefühl der Gefährdung. Rufe wurden wach, die von der „Yellow Peril“ kündeten – der „Gelben Gefahr“ durch ein Wachwerden der asiatischen Völker gegen ihre westlichen, imperialen Besatzer.

Nach dem Ersten Weltkrieg wiederum, „(...) Japan had received the British markets as a gift, (...)“8, und stand militärisch, wie ökonomisch auf der Siegerseite, bestätigte sich die niederhaltende Attitüde des Okzidents, gegenüber der aufgehenden Sonne im Osten: im Washington Vertrag von 1922 diskriminierten gleichermaßen Amerikaner wie Briten und Franzosen die japanische Diplomatie mit einer konzertierten Ablehnung der Aufnahme des Paragraphen zur Rassen-Gleichberechtigung in die Satzung des Völkerbundes und der Nötigung zur Rückgabe von Territorien in China im Shantung-Abkommen, sowie der ungleichen Vergabe von Flottenlizenzen. Mit dem für seinen Expansionskurs unzuträglichen militärischen Status Quo, begann eine offene Haltung der Aggression Japans gegenüber den pazifischen Imperialisten, die zumindest zu der Kündigung des Flottenabkommens nach der Londoner Flottenkonferenz 1930 führte, dessenzufolge aber die japanische Aufrüstung ab 1934 zeitigte, und noch darüberhinaus zum Feindbild USA im Zweiten Weltkrieg beitrug. Eine Folge dieser Orientierung, und nicht nur rein taktisches Kriegsziel war der Angriff auf Pearl Harbor 1941, der wiederum zum Kriegseintritt der Vereinigten Staaten führte.

Die außenpolitischen Reibungen der beiden Staaten waren selbstverständlich nur die eine Seite der Geschichte. Die andere Seite zeichnet sich durch eine „(…) paternalistic relationship with Japan in the late nineteenth century and the amity that lingered between the two nations into the early twentieth century (…)“9 aus. Wiefern nun aber diese Haltung unter der amerikanischen Bevölkerung verbreitet war ist zweifelhaft. Nicht zuletzt war es aus demagogischen Gründen für die amerikanische Führung funktional im Japaner eine Feindbild zu etablieren, das in Verbindung mit dem Angriff auf Pearl Harbor zur öffentlichen Rechtfertigung des Kriegseintrittes benutzt werden konnte.

Pearl Harbor war andererseits für die USA ein Schock-Moment der Verletzlichkeit, da der Nation erster Angriff auf Heimatterritorium in ihrer Geschichte; riß, wie das der Zweite Weltkrieg insgesamt getan hatte einen tiefe Wunde in das seklusionistische Selbstverständnis der amerikanischen Bevölkerung und Politiker. Die Achillesverse, die der Pazifik während des Krieges gewesen, war augenscheinlich geworden, und das ist nicht zuletzt ein Grund, warum ein weiterer Krieg mit Japan, im pazifischen Territorium zukünftig verhindert werden mußte.

c) Die Sinkende Sonne

Pearl Harbor leitete aber nicht zuletzt auch den Untergang des japanischen Großreiches ein. Zusammen mit der Niederlage der deutschen Streitkräfte 1942 in Stalingrad und dem amerikanischen Kriegseintritt, kam die Kehrtwende des Zweiten Weltkrieges. Eine für Japan unendlich grausame Kehrtwende. Denn aus den schon oben genannten machtpolitischen Gründen, fiel die militärische Antwort der amerikanischen Heerführung nicht gerade zimperlich aus. Mit der für die alliierten siegreichen Seeschlacht von Midway 1942, begann die Eroberung des pazifischen Territoriums Japans. Im „Froschhüpfen“ Prinzip (MacArthur), nahmen die pazifischen Streitkräfte ab 1943 Stück für Stück das japanische Pazifik-Imperium auseinander, um schlußendlich in der Operation Olympic, den Sitz der Götter zu stürmen und ein Beatzungsregime zu installieren.

Der Gott jedoch thronte zu diesem Zeitpunkt noch. Aufgrund der ideologischen Gleichschaltung der Bevölkerung und der Streitkräfte jedoch, mithin also der Unterordnung unter ein autoritäres System unter dem Gottkaiser (oder aber „Tenno-Faschismus“, wie Kwang-Duk Kong den Sachverhalt plakativ beschreibt) und der Über-Propagandisierung der besonderen Staatsform Japans und gleichermaßen, wie deren Erhalt für das japanische Volk überlebensnotwendig sei, fand sich selbst in den letzten zwei Kriegsjahren, die nicht unwesentlich durch Entbehrungen der Bevölkerung und gleichzeitige militärische Niederlagen gekennzeichnet waren, noch eine hohe Motivierung der Japaner durchzuhalten vor – und sei es durch Zwang: „In Japan, if you were told it was an order from the Emperor, you couldn’t do anything about it.“10 Diese Widerstandsbereitschaft findet Ausdruck in dem Verlangen der japanischen Regierung, daß die Institution des Tenno von der bedingunslosen Niederlage unberührt bleibe, was den Amerikanern verständlicherweise nicht in den Nachkriegs-Kram paßte. Deswegen wiederum sahen sich die amerikanischen Streitkräfte gezwungen, den resistenten Gegner durch Waffengewalt zur Desolation zu bringen - ihm die Aufgabe abzuringen: ähnlich wie das mit Deutschland etwa zur gleichen Zeit der Fall war.

Mit „(…) one of history’s most remarkable understatements: ’The War has not turned in Japan’s favor.’“11 besiegelte der Kaiser Hirohito dann persönlich am 15 August in einer japanweiten Radio-Übertragung die Niederlage des Reiches, nachdem ein Bombenhagel auf Japan den Widerstand, zumindest im Material, nahezu vollkommmen beseitigt hatte.

In den Atombomben auf Hiroshima am 6. August 1945 und Nagasaki am 9. August 1945 findet sich der Höhepunkt des Militärfeldzuges der Alliierten, in dessen Folge fast alle Großstädte Japans um oder bis zu 50 Prozen zerstört worden war - damit auch die Kriegsindustrie und die dazugehörige Schwer-Industrie; die Grundversorgung brach annähernd vollständig zusammen, da die nötige Infrastruktur innerhalb der Bombardierungsparameter der Fliegerstaffeln lag, oder selbst militärisches Ziel darstellte. In ihrer Folge entstanden zum einen durch den Wegfall von Nahrungsmittellieferungen aus den Kolonialgebieten und der zuvor erwähnten Vernichtung der Transportwege, Hungersnöte, die nach dem späteren Wegfall des Kolonialreiches noch durch die Rückkehr von annähernd 7 Millionen Exilierten, Kolonisten und Militärs verschärft wurden. Nicht mildernd kamen als ökonomische Kriegsfolgen die Vernichtung japanischer Barvermögen durch Inflation, die materielle Zerstörung von Privatbesitz durch die Bombardements der Alliierten, oder aber durch die Aufgabe der Kolonien und der nötigen Repatriierung entstandene Verarmung hinzu. Welche ihrerseits den Staat finanziell schwer belasteten. Immerhin mußte, wie im Vertrag von Potsdam 1945 unter den Alliierten verhandelt, und im Frieden von San Francisco 1951 vertraglich mit Japan vereinbart, das gesamte Imperium abgegeben werden - Japan erstreckte sich damit nurmehr auf die 4 Hauptinseln - auf die Grenzen von 1854! Der Modernisierungs-Rückschritt, wie er als Territorial- und damit als Wirtschaftsraumverlust auftrat, von den Japanern als ungeheure Bestrafung gefühlt, und - mit den Worten Douglas MacArthurs - zur „fourth-rate nation“12 zurückgebombt und zurückratifiziert, zerstörte nachgerade das mühsam gegen den Widerstand der Imperialisten aufgebaute Selbstbewußtsein der Nation.

Ein nicht ganz unbedeutendes psychologisches Phänomen. Die Brandmale der Kriegszerstörungen auf der einen Seite – auf der anderen Seite die Kainsmale der Kriegsmassaker in Nanking, der Versklavung der Völker Süd-Ostasien (vor allem der Koreaner) und des Mißbrauches von Frauen in den Kriegs-Bordellen entlang der Frontlinie ließen die Japaner die Größe ihrer Schuld nicht aus den Augen verlieren.

Hinzu kam, nicht ganz unvorhersehbar, mit der Erst-Besatzung des japanischen Festlandes in der 1400-jährigen Geschichte des Landes, und der Tatsache, daß, wie Elise Tipton einigermaßen zynisch, aber nicht destoweniger berechtigt, berichtet, der „(…) kamikaze (divine wind) which had saved Japan from a Mongol invasion in the thirteenth century“13 ausgeblieben war, ein zusätzlicher Wirklichkeits-Schub, der aus dem Traum von der kokutai in die Nüchternheit der Niederlage drängte. So daß, zum einen die göttliche Herkunft des Kaisers, und die auf ihn abgestimmte Ideologie des Staats-Shintou, die über die Erziehungsedikte das japanische Volk durchdrungen und gleichgeschalten hatte, vom religiösen Glaubensbekenntnis zum historischen Irrtum entwertet worden war; zum anderen, aber entstand somit die für ihr heutiges Selbstbild nicht ganz uncharakteristische „(…) deeply felt revulsion towards all wars among millions of Japanese people.“14, die besonders in der sprichwörtlichen „Atom-Allergie“ zu Tage tritt. Nicht zuletzt aber trug diese Erfahrung bei zur Zustimmung zu den demokratischen Reformen der Amerikaner, und zur heilenden Epidemie des „fever of ’democratization’.“15

Es war das Phänomen, daß mit dieser elementaren Bereitschaft der japanischen Bevölkerung zur Akzeptanz von Veränderung, der aus Sicherheitsbedürfnis, genauso wie aus Sendungsbewußtsein entsprungene Formungswille der Amerikaner vereinbart werden konnte, und daß dieser Verbindung zusammen mit der bedingunslosen Niederlage der japanischen Streitkräfte, die der Kaiser himself in einer Radio-Ansprache am 15.August 1945 verkündet hatte, ein Weg eröffnet worden war, der die Ankunft des Militär-Gouverneurs Douglas MacArthur 13 Tage später zum Beginn eines zweiten erfolgreichen japanischen Aufbruches in die Moderne machen sollte.

[...]


1 Quelle: (Internet) http://www. mitteleuropa.de/wwilson14p.htm [20.03.2004]

2 Quelle: Spiegel, 13/2004; p. 152

3 Quelle: (Internet) http://www2.uni-jena.de/svw/powi/seminare/v_hube.htm [16.03.2004]

4 Quelle: ebd. (Hans Morgenthau – „Macht und Frieden“, 1963; S. 266) [16.03.2004]

5 Hellegers; p. 2

6 Hellegers; p. 3

7 Eccleston; p. 16

8 Pickering; p. 124

9 Hellegers; p. 9

10 Hellegers; p. 223

11 Gordon; p. 227

12 Tipton; p. 148

13 Tipton; p. 143

14 Gordon; p. 225

15 Gordon; p. 232

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Zu den Nachkriegsreformen in Japan, 1945-1952
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Japan Zentrum des Departement für Asienstudien)
Veranstaltung
Grundzüge der Kulturgeschichte Japans III
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
27
Katalognummer
V27810
ISBN (eBook)
9783638297561
ISBN (Buch)
9783638649605
Dateigröße
656 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Schwerpunkt liegt auf den eigentlichen Reformen der Amerikaner. Dazu aber werden die ideologischen und institutionellen Vorraussetzungen von Besatzungs- und Reformarbeit geklärt.
Schlagworte
Nachkriegsreformen, Japan, Grundzüge, Kulturgeschichte, Japans
Arbeit zitieren
Friedrich Alexander Kurz (Autor), 2004, Zu den Nachkriegsreformen in Japan, 1945-1952, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27810

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