„Andere Länder, andere Sitten“, dieses alte Sprichwort verliert vor allem in Zeiten der Globalisierung nicht seine Gültigkeit. Wie auch Alexander Thomas in seinen Vorbemerkungen zum Kulturstandardkonzept schreibt, hat „Vielfalt, die Heterogenität oder – wie es oft heißt – die Diversität der Lebenserscheinungen im privaten und beruflichen Alltag enorm zugenommen“ (Thomas 2011, S. 97). Angesichts dieser Entwicklungen häufen sich kulturell bedingte, kritische Interaktionssituationen (KIs), mit denen Individuen konfrontiert werden. KIs beschreiben hierbei alltägliche Begegnungssituationen von mindestens zwei Personen unterschiedlicher kultureller Herkunft, die von den Beteiligten als konflikthaft oder unverständlich erlebt werden (Thomas 2011, S. 100). An Universitäten treffen viele unterschiedliche Menschen aufeinander, so hat die Ruhr-Universität Bochum (RUB) beispielsweise 5.000 Beschäftigte und über 36.500 Studierende aus 130 Ländern (RUB, Portrait, online) dieses Umfeld bietet reichlich Möglichkeiten zu vielfältigen sowie missverständlichen Begegnungen.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist, anhand eines Interviews, die Identifikation und Analyse von kulturell bedingten, kritischen Interaktionssituationen im studentischen Leben an der Ruhr-Universität Bochum. In einem ersten Schritt werden dafür zunächst die Interviewpersonen sowie deren Heimatland vorgestellt. Darauf folgt eine Darstellung des Interviewleitfadens, des Interviewverlaufs und dessen Auswertung. Interviewleitfaden sowie Transkription des Interviews sind dieser Arbeit als Anhang beigefügt. Im dritten Abschnitt werden die erfassten KIs beschrieben und anhand der Sichtweise der Interviewperson sowie der Autorin im Hinblick auf persönliche, situationsbedingte wie auch kulturelle Einflussfaktoren untersucht. Zudem wird versucht dies mit entsprechenden Kulturstandards der beteiligten Kulturen zu verknüpfen, sowie Erklärungs- und Handlungsalternativen aufzuzeigen. Unter Kulturstandards werden hierbei „[…] alle Arten des Wahrnehmens, Denkens, Wertens und Handels […], die von der Mehrzahl der Mitglieder einer Kultur für sich persönlich und andere als normal, selbstverständlich, typisch und verbindlich angesehen werden“, verstanden (Thomas, 1996, S. 112). Abschließend werden die gewonnenen Erkenntnisse, im Sinne einer Beurteilung der kulturellen Lernerfahrung der Autorin, zusammengefasst und Überlegungen zu deren Generalisierbarkeit angestellt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1 Vorstellung Interviewperson und deren Heimatlandes
2 Methodisches Vorgehen
2.1 Interviewleitfaden
2.2 Interviewverlauf
2.3 Auswertung
3 Darstellung und Analyse der kritischen Interaktionssituationen
3.1 KI 1: Unpünktliche Studierende in Seminaren
3.2 KI 2: Gruppenarbeit mit anderen Studierenden
3.3 KI 3: Gastfreundschaft unter Studierenden
3.4 KI 4: Studierende als ‚Nestflüchter‘
4 Diskussion und Lernbilanz
5 Literaturangaben
6 Anhang
Anhang 1: Interviewleitfaden zur Erfassung Kritischer Interaktionssituationen
Anhang 2: Transkription: Interview mit Carmen
Zielsetzung & Themen
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, anhand eines Interviews mit einer spanischen Austauschstudentin kulturell bedingte, kritische Interaktionssituationen im studentischen Alltag an der Ruhr-Universität Bochum zu identifizieren, zu analysieren und mithilfe von Kulturstandardkonzepten einzuordnen.
- Identifikation kritischer Interaktionssituationen im universitären Kontext
- Vergleich deutscher und spanischer Kulturstandards
- Analyse der Wahrnehmung von Zeitplanung und Pünktlichkeit
- Untersuchung von Aspekten der Gastfreundschaft und sozialen Beziehungspflege
- Reflektion über studentische Unabhängigkeit und familiäre Bindungen
Auszug aus dem Buch
3.1 KI 1: Unpünktliche Studierende in Seminaren
In den von ihr belegten Seminaren, ist Carmen häufiger aufgefallen, dass einige deutsche Studierende erst nach offiziellem Beginn zu den Sitzungen erscheinen. In den meisten Fällen haben sich die Zuspätkommenden nicht entschuldigt und die Dozenten nicht auf dieses Verhalten reagiert.
Carmen ist davon ausgegangen, dass Deutsche in der Regel sehr pünktlich sind (Zeile 98). Darüber hinaus hat es Carmen sehr verwundert, dass sich die Studierenden in den seltensten Fällen entschuldigen, in Spanien sei es üblich, dass Studenten pünktlich zu Seminaren erscheinen und sich im Falle von Verspätungen entschuldigen (Zeilen 108 bis 113). Als noch irritierender hat sie die Tatsache, dass die Dozenten dieses Verhalten ignorieren, empfunden (Zeilen 131 und 132). An spanischen Universitäten würde solch ein Verhalten als große Respektlosigkeit verstanden und getadelt werden; im schlimmsten Fall könne es sogar zum Seminarausschluss führen (Zeilen 137 bis 139). Carmens Empfinden nach müssten sich die Studierenden ungefragt entschuldigen und die Dozenten darauf hinweisen, dass sie solche Störungen nicht dulden und eine Entschuldigung erwarten (Zeilen 143 und 144 sowie Zeilen 148 und 149).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema interkultureller Begegnungen an Universitäten ein und erläutert die Zielsetzung der Identifikation und Analyse von kritischen Interaktionssituationen.
1 Vorstellung Interviewperson und deren Heimatlandes: In diesem Kapitel wird die Interviewpartnerin Carmen vorgestellt und ein kurzer Überblick über das Heimatland Spanien gegeben.
2 Methodisches Vorgehen: Dieses Kapitel beschreibt die Erstellung des Interviewleitfadens, den Ablauf des Gesprächs sowie die qualitative Auswertungsmethode.
3 Darstellung und Analyse der kritischen Interaktionssituationen: Hier werden vier spezifische Situationen – Pünktlichkeit, Gruppenarbeit, Gastfreundschaft und Wohnsituation – detailliert analysiert und theoretisch eingeordnet.
4 Diskussion und Lernbilanz: Abschließend werden die gewonnenen Erkenntnisse reflektiert und die Generalisierbarkeit der kulturell bedingten Unterschiede diskutiert.
Schlüsselwörter
Interkulturelles Lernen, kritische Interaktionssituationen, Ruhr-Universität Bochum, Kulturstandard, Spanien, Deutschland, Pünktlichkeit, Gruppenarbeit, Gastfreundschaft, Studium, Familienorientierung, Individualismus, Sachorientierung, studentischer Alltag, qualitative Auswertung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?
Die Arbeit untersucht anhand eines Interviews mit einer spanischen Austauschstudentin, wie kulturelle Unterschiede zu Missverständnissen oder als kritisch wahrgenommenen Situationen im deutschen universitären Alltag führen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt Themen wie Pünktlichkeit in Lehrveranstaltungen, Arbeitsweisen in der Gruppenarbeit, Auffassungen von Gastfreundschaft und die unterschiedliche Bedeutung des Auszugs aus dem Elternhaus während des Studiums.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Identifikation und Analyse dieser Situationen durch den Vergleich deutscher und spanischer Kulturstandards, um zu belegen, dass es sich dabei um kulturbedingte Phänomene handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde eine qualitative Auswertung eines Interviews durchgeführt, wobei die Interviewpartnerin als Expertin ihrer eigenen Kultur befragt wurde.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodische Beschreibung, die detaillierte Darstellung der vier identifizierten kritischen Interaktionssituationen sowie deren Analyse anhand von Kulturstandardmodellen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Kulturstandards, kritische Interaktionssituationen, interkulturelles Lernen und die Perspektiven von deutschen und spanischen Studierenden.
Wie unterscheidet sich das Verständnis von Gastfreundschaft in Spanien und Deutschland laut Carmen?
Carmen empfindet das in Deutschland verbreitete Splitting von Rechnungen unter Freunden als Mangel an Gastfreundschaft, während für sie das Einladen ein zentraler Bestandteil der sozialen Beziehungspflege ist.
Wie bewerten die Autorin und die Interviewpartnerin das Ausziehen vom Elternhaus?
Während für die spanische Studentin der Auszug aufgrund der hohen Familienorientierung oft als befremdlich oder gar beleidigend wahrgenommen wird, sieht die Autorin darin einen Ausdruck für Individualismus und das Streben nach Selbstständigkeit.
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- Jasmin Brands (Author), 2013, Kritische Interaktionssituationen. Interview mit einer spanischen Austauschstudentin, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278183