Rosa Winkel. Symbol des Stolzes, der Wut und Trauer in der Erinnerungskultur der amerikanischen und deutschen Homosexuellen-Gemeinschaft


Referat (Ausarbeitung), 2014
9 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Rosa Winkel - Symbol des Stolzes, der Wut und Trauer in der

Erinnerungskultur der amerikanischen und deutschen Homosexuellen- Gemeinschaft ab den 1970er Jahren

Zur Situation in den NS-Konzentrationslagern:

Die prekäre Lage homosexueller Männer in NS-Konzentrationslagern, die mit dem Rosa Winkel gekennzeichnet waren, erklärt sich nicht nur aus der Homophobie seitens der SS, sondern auch die Geringschätzung ihrer Mithäftlinge, die ihnen das Leben oft genug zur Hölle machten. Ihr Schicksal ähnelte ein wenig dem der jüdischen Häftlinge sowie der Sinti und Roma, da auch sie mit Ressentiments innerhalb der Lagergesellschaft zu kämpfen hatten. Aufgrund der geringen Zahl der Rosa-Winkel-Häftlinge gab es keine Selbstorganisation und keinen Selbstschutz nach dem Vorbild anderer Häftlingsgruppen, was die Überlebenschancen Homosexueller erheblich schmälerte. Eine der wenigen Chancen, die eigene Situation zu verbessern, war für sie das Aufsuchen des Schutzes einzelner Funktionshäftlinge, die jedoch unter anderem auch sexuelle Gegenleistungen erwarteten. „Wer nicht jung, attraktiv und skrupellos genug war, sich auf dieses Spiel einzulassen, hatte nur geringe Chancen, den Terror der SS zu überstehen.“1 Statistisch wurde für die Konzentrationslager Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen eine Todesrate für die Häftlingsgruppe mit dem Rosa Winkel von 60%, im Vergleich dazu für die Gruppe der politischen Häftlinge 42% und für jene der sog. Bibelforscher 35% errechnet.2

Zur Forschung über nationalsozialistische Anti-Homosexuellen-Politik:

Die Forschung zur nationalsozialistischen Anti-Homosexuellen-Politik ist unter anderem durch folgende Spezifika charakterisiert: erstens hatte die Erforschung der Lebenssituation homosexueller Frauen und Männer in NS-Deutschland immer eine politische Dimension, welche als ein wesentliches Motiv die berechtigten Forderungen hervorheben sollte, von Verfolgung und Deportation Betroffene als Opfer nationalsozialistischen Unrechts anzuerkennen und zu entschädigen; zweitens haben die Forschungsergebnisse maßgeblich zur politischen Bewusstseins- und Willensbildung homosexueller Männer beigetragen, die gestützt auf erste Untersuchungen in den 1970er und 1980er Jahre den Rosa Winkel, das Erkennungszeichen für homosexuelle Häftlinge in den Konzentrationslagern, zu einen Symbol eines neu gewonnenen politischen Selbstbewusstseins erhoben; und drittens werden Publikationen zum Schicksal homosexueller Männer und Frauen im Nationalsozialismus im Vergleich zu anderen Opfergruppen wie z.B. Juden, Sinti und Roma oder Bibelforscher von der Öffentlichkeit kaum zu Kenntnis genommen, obwohl ab den

1970er Jahren zahlreiche Untersuchungen zur Situation der Homosexuellen im Nationalsozialismus erschienen sind. In der Nachkriegszeit wurde in der Bundesrepublik wie in der Demokratischen Republik über die Opfergruppe der Homosexuellen lange politisch gestritten, obwohl „es die Faschisten waren, die die strafrechtliche Verfolgung homosexueller Männer drastisch verschärften, sie offen propagierten, etwa 50.000 Männer verurteilten und über 5.000 in Konzentrationslager deportierten“3. Auch nach der Wende weigerte sich die deutsche Politik weiterhin, das repressive und antihumane Vorgehen als nationalsozialistisches Unrecht anzuerkennen. Wenigstens lässt die Rezeptionsgeschichte der Verfolgung Homosexueller in der Nachkriegszeit für die Bundesrepublik Wandlungen in den Standpunkten sowie Modifizierungen der Wertungen erkennen, was jedoch für die Demokratische Republik während der Zeit ihres Bestehens nicht zutrifft.4

Zur Entwicklung des kollektiven Gedächtnisses in der amerikanischen und deutschen Homosexuellen-Gemeinschaft:

Durch die Kritik des Homosexuellen-Magazins 10 Percent an der Verwendung des Rosa Winkel als ein Emblem der homosexuellen Identität im Winter des Jahres 1993 wurde in den USA und in Deutschland ein wunder Punkt des öffentlichen Diskurses getroffen, was zu heftigen Reaktionen unter der Leserschaft führte. Während einige dies als eine Trivialisierung des Leidens Homosexueller während der NS-Zeit betrachteten, sahen es andere wiederum durchaus positiv, da dies das politische Bewusstsein Homosexueller steigere und zu vermehrter Aktivität gegen homosexuelle Agitation Anlass gebe. Diese Reaktionen illustrierten die kontinuierliche Resonanz des Rosa Winkels, das Insignum für homosexuelle Häftlinge in den Konzentrationslagern. Die historische Erinnerung an die NS- Verfolgung, symbolisiert durch den Rosa Winkel, hat die Wachsamkeit gegenüber heutiger Unterdrückung, die vom sog. queer-bashing bis zu Antihomosexuellen-Initiativen reichen, mobilisiert. Dieser gesellschaftliche Druck wurde sowohl von den weiblichen als auch männlichen Homosexuellen als Teil eines langen historischen Musters wahrgenommen, das sich von der NS-Zeit bis heute erstrecke. Ein gemeinsames Gedächtnis der NS-Verfolgung Homosexueller kam in den 1970er Jahren im politischen Kontext der sog. gay liberation auf, erst einige Dekaden nach dem Ende des NS-Regimes. Die Gründe dafür waren einerseits das Fehlen sowohl einer freien Presse für Homosexuelle als auch eine breit organisierte Homosexuellen-Gemeinschaft unmittelbar nach dem Krieg, welche die NS-Verfolgung in der Erinnerung gehalten hätte, andererseits die kaum vorhandenen Zeugenberichte bzw. persönlichen Erinnerungen von den Opfern selbst sowie die Tatsache, dass viele männliche und weibliche Homosexuelle im Nachkriegsdeutschland die NS-Zeit gänzlich zu verdrängen suchten.5 Aufgrund der gesellschaftlichen Ausgrenzung begann sich die neuere Homosexuellenbewegung ihrer Geschichte und Tradition zu versichern, deren Ziel der Kampf und die Anerkennung und den damit einhergehenden Aufbau einer gesellschaftlichen Identität war und ist. „Die Sorge um die verfolgten Homosexuellen im Nationalsozialismus und die Opfer ist eine wichtige Forderung der neueren Schwulenbewegung der siebziger und achtziger Jahre gewesen.“6 So gibt es den Ausdruck „schwul“ als Selbstbezeichnung einer gesellschaftlichen, sexuell definierten sozialen Gruppe erst seit den 1970er Jahren. Vorher konnte von einer homosexuellen Identität nicht die Rede sein, da zu ihrer Konstitution sowohl ein Name als auch ein Selbstbewusstsein notwendig ist.7 „Wichtig für die Konstruktion einer Identität ist die Geschichte und die soziale und kulturelle Markierung der Geschichte.“8

Ab den 1970er Jahren begann seitens der homosexuellen Männer und Frauen in Westdeutschland sowie in den USA die Aufarbeitung ihrer Geschichte, indem Archive, Forschungsprojekte und „Oral history“-Kollektionen eingerichtet wurden. So musste der Mythos des homosexuellen Nationalsozialisten, den Sozialisten und Kommunisten aus politischem Nutzen ins Leben gerufen hatten, zuerst beseitigt werden, da in der unmittelbaren Nachkriegszeit kaum etwas über die NS-Verfolgung Homosexueller geschrieben worden ist. Daher wurde der Rosa Winkel als Symbol der neuen Homosexuellenbewegung verwendet, um diesen Mythos endgültig zu entkräften. Im Mai 1969 wurde durch eine Reform des Paragraphen 175 die männliche Homosexualität ab dem 21. Lebensjahr in Westdeutschland entkriminalisiert und im Jahre 1971 erfolgte die Gründung der Befreiungsbewegung „Homosexuelle Aktion Westberlin“, die einen radikalen Standpunkt einnahm sowie einen kompletten gesellschaftlichen Wandel anstrebte. Mit der Veröffentlichung des ersten Erinnerungsberichtes eines homosexuellen KZ-Überlebenden im Jahre 1972 rückte die Aufmerksamkeit der Aktivisten auf die Geschichte der NS-Verfolgung und bewirkte einen Anhaltspunkt für ein breites kollektives Gedächtnis. Im Jahre 1973 kam es zur zweiten Reform des Paragraphen 175, indem das Mindestalter für gleichgeschlechtliche Handlungen auf 18 Jahre herabgesetzt wurde. Die homosexuelle Befreiungsbewegung reagierte mit ihrem sog. „Feministenpapier“ und es wurde versucht, eine Opferidentität zu kreieren, um das Bewusstsein innerhalb der Gemeinschaft zu heben bzw. zu politischen Aktionen anzustacheln. Mitte der der 1970er Jahre kam es auch zur Politisierung der weiblichen Homosexualität in Westdeutschland und durch den sog.

[...]


1 Zinn, Homophobie, S. 95.

2 Vgl. ebd., S. 95.

3 Grau, Homosexuelle im NS, S. 91.

4 Vgl. ebd., S. 90f.

5 Vgl. Jensen, Pink Triangle, S. 319ff.

6 Wagner, Engel unterm Rosa Winkel, S. 69.

7 Vgl. ebd., S. 69f.

8 Ebd., S. 70f.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Rosa Winkel. Symbol des Stolzes, der Wut und Trauer in der Erinnerungskultur der amerikanischen und deutschen Homosexuellen-Gemeinschaft
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt  (Geschichte)
Veranstaltung
Kurs
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
9
Katalognummer
V278242
ISBN (eBook)
9783656710929
ISBN (Buch)
9783656712022
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rosa Winkel, Homosexualität, Erinnerungskultur
Arbeit zitieren
DI MMag Fabian Prilasnig (Autor), 2014, Rosa Winkel. Symbol des Stolzes, der Wut und Trauer in der Erinnerungskultur der amerikanischen und deutschen Homosexuellen-Gemeinschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278242

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