Ein Mauerfall. Zwei Perspektiven

Eine vergleichende Analyse der Berichterstattungen rund um den Mauerfall in Ost und West in Printmedien


Bachelorarbeit, 2010
62 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Gegenstand der Arbeit und Motivation
1.2. Methoden und Aufbau der Arbeit

2. Theoretische Vorüberlegungen und Hintergründe
2.1. Die Rolle der Medien in den deutsch-deutschen Beziehungen
2.1.1. Rolle der ostdeutschen Medien
2.1.2. Rolle der westdeutschen Medien
2.2. Stereotypen - und Perzeptionstheorie
2.2.1. Nationenbild - nationales Selbstbild - nationales Fremdbild
2.2.2. Nationalstereotypen
2.2.3. Zur Konstruktion von Nationenbildern und Verwendung von Stereotypen in den Medien
2.3. Kurzporträts der ausgewählten DDR- und BRD- Zeitungen
2.3.1. Neues Deutschland und Berliner Zeitung
2.3.2. Frankfurter Allgemeine Zeitung und Tagesspiegel

3. DDR - Berichterstattung 1989: Vergleich ostdeutscher Artikel des ND und der BZ mit westdeutschen Artikeln der FAZ und des Tagesspiegels
3.1. Der letzte Wahlbetrug der SED
3.1.1. Historischer Kontext
3.1.2. Vergleichende Inhaltsanalyse der Berichterstattungen
3.1.3. Das Bild der BRD und der DDR in den Berichterstattungen
3.2. Das erste Loch im „Eisernen Vorhang“
3.2.1. Historischer Kontext
3.2.2. Vergleichende Inhaltsanalyse der Berichterstattungen
3.2.3. Das Bild der BRD und der DDR in den Berichterstattungen
3.3. Machtwechsel von Honecker zu Krenz
3.3.1. Historischer Kontext
3.3.2. Vergleichende Inhaltsanalyse der Berichterstattungen
3.3.3. Das Bild der BRD und der DDR in den Berichterstattungen
3.4. Der Fall der Mauer
3.4.1. Historischer Kontext
3.4.2. Vergleichende Inhaltsanalyse der Berichterstattungen
3.4.3. Das Bild der BRD und der DDR in den Berichterstattungen

4. Zusammenfassung der deutsch-deutschen Berichterstattung
4.1. Berichterstattung aus der BRD - Perspektive
4.2. Berichterstattung aus der DDR - Perspektive

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Gegenstand der Arbeit und Motivation

„Die Mauer wird noch in 50 oder 100 Jahren bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind“ versicherte der Generalsekretär der DDR, Erich Honecker, noch im Januar 1989. Tatsächlich „fiel“ die Mauer nur zehn Monate später. Heute sind mehr als zwei Jahrzehnte vergangen und die Bundesrepublik Deutschland kann im Oktober diesen Jahres den zwanzigsten Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung feiern. Anlässlich dieses Jubiläums wird der Einigungsprozess 1989 bis 1990 Thema vieler Berichterstattungen sein, wie auch der Mauerfall, der sich bereits im letzten November zum zwanzigsten Mal jährte. Im Mittelpunkt dieser Berichte standen persönliche Geschichten sowie die historischen Geschehnisse, die den Weg zur deutschen Einheit ebneten. Damals überschlugen sich die Ereignisse nahezu. Angestoßen von dem Abbau ungarischer Grenzanlagen nach Österreich und der darauffolgenden Fluchtversuche unzähliger DDR-Bürger über die Volksrepublik in den Westen, sowie den nachgewiesenen Wahlfälschungen der SED, entfaltete sich eine Kette von historischen Geschehnissen. Was noch am Anfang des Jahres niemand für denkbar hielt, ereignete sich nun im Herbst 1989 innerhalb kürzester Zeit. In nur wenigen Wochen zerbrach das Regime nach vierzigjähriger Vorherrschaft wie im Zeitraffer. Geschwächt von den zahlreichen Fluchtversuchen und öffentlichen Protesten im Sommer geriet die Partei immer mehr unter Druck. Als Ungarn sich schließlich im September entschied, die Grenze nach Österreich endgültig zu öffnen, was den Flüchtlingsstrom in den Westen noch mehr antrieb, sah sich die SED in einer ausweglosen Lage und traf daher eine folgenreiche Entscheidung. Honecker war laut der Parteimitglieder nicht mehr dazu fähig, einen Umschwung der Situation zu bewirken, weswegen man ihn am 18. Oktober absetzte. Mit der Nachfolge von Egon Krenz als Generalsekretär wuchs die Kritik an der Regierung. Alle Versuche der Politiker, die Regierung wieder zu stabilisieren, schlugen fehl. Selbst die Ankündigung neuer Reiseregelungen änderte nichts daran. Die Oppositionsbewegungen, die ihren Höhepunkt im November in Berlin fanden, sowie die Fluchtversuche aus der Republik nahmen kein Ende. Aus dem anfänglichen Wunsch der DDR- Bürger, Reformen durchzusetzen, wuchs die Forderung nach dem Rücktritt der SED. Von der einst so starken autoritären Stellung der Regierung war nichts mehr übrig geblieben. Schneller als erwartet mussten das auch die Regierung und das Politbüro der SED einsehen, die am 7. und 8. November zurücktraten. Der Höhepunkt dieses Prozesses ereignete sich am 9. November 1989, mit dem „Fall der Mauer“. Mit der Öffnung der Grenze, die Berlin 28 Jahre lang in Ost und West teilte und symbolisch für die Teilung Deutschlands und den Ost-West-Konflikt stand, war endlich das erreicht, wofür Tausende kämpften. Ein bedeutender Grundstein für die Wiedervereinigung Deutschlands war gelegt.

Dieser Umbruchprozess in der DDR, der in der öffentlichen Wahrnehmung unter den Begriffen „Wende“ oder „Friedliche Revolution“ bekannt ist, war auch damals Gegenstand zahlreicher Medienberichterstattungen, insbesondere in Westdeutschland. Aus der Perspektive des Nachbarlandes berichtete man auf allen medialen Ebenen über die Fluchtwellen, Massendemonstrationen und die politische Situation der DDR. Im Gegensatz zu dem Mediensystem der DDR, das nahezu vollständig im Dienste des Parteiapparates stand, erfüllten die Medien der BRD andere Funktionen und vertraten konträre Auffassungen hinsichtlich ihrer öffentlichen Aufgabe. Diese Differenzen wirkten sich auch auf die Berichterstattung aus. Über dies hinaus beeinflusste der Blickwinkel die Art der Berichterstattung. Als westdeutscher Journalist betrachtete man das Geschehen stets als Außenstehender. Auch wenn man als Korrespondent unmittelbar vor Ort war, so war man dennoch nur „Zuschauer“ und nicht in die Situation involviert. Schon 1964 wies Gerbner darauf hin, dass „all News are views“ sind (Vgl. Gerbners 1964 zit. in Böhme-Dürr 2000: 135). Demnach ist es entscheidend, ob man über etwas berichtet, von dem man selbst betroffen ist, oder ob man ein Geschehen von außen betrachtet. Als Journalist hat man seinen ganz persönlichen und auch lokalen Ausgangspunkt, was sich auf den Medientext auswirkt. Zudem beeinflussen auch die Vorgaben des jeweiligen Presseorgans und des Mediensystems, was und wie publiziert wird. Perspektiven sind demnach sehr vielschichtig und können individuell, systemimmanent, ideologisch und professionell bedingt sein (Vgl. Böhme-Dürr 2000: 135). Die Betrachtung der Geschehnisse 1989 unterschied sich folglich hinsichtlich des Ausgangspunktes der Berichterstattung, also ob über den eigenen Staat berichtet wurde oder über den Nachbarstaat.

Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit der Thematisierung der historischen Ereignisse im Jahr 1989 in ausgewählten ost- und westdeutschen Printmedien. Die Analyse nähert sich dem Untersuchungsgegenstand aus zwei Betrachtungsebenen an. Die Berichterstattungen der Zeitungen werden daraufhin untersucht, wie auf beiden Seiten über dieselben Ereignisse in der DDR berichtet wurde und welche Differenzen dabei festzustellen sind. Neben der inhaltlichen Darstellung der Geschehnisse ist es Ziel, aufzuzeigen, welches Bild die deutsch-deutschen Medien voneinander vermittelt haben und welche Stereotypen gegebenenfalls dafür eingesetzt wurden. Letzteres wird bei den Untersuchungen eine untergeordnete Rolle einnehmen.

Die Frage, warum ich mich ausgerechnet mit diesem Thema auseinandersetzen möchte, ist sehr einfach zu begründen. Mein Interesse ist auf meinen Geburtsort sowie auf meinen Geburtstag zurückzuführen. Ich wurde in einem kleinen Ort der DDR, vier Jahre vor dem Mauerfall geboren und war demnach zu jung, um das Geschehen in meinem Heimatland und die Berichte darüber bewusst wahrzunehmen und zu erleben. Ich bin folglich in einem Land geboren, dass es heute nicht mehr gibt. Demnach beruht mein gesamtes Wissen darüber lediglich auf Medienberichten, Erzählungen und dem Geschichtsunterricht.

1.2. Methoden und Aufbau der Arbeit

Für die Analyse wurden jeweils zwei Printmedien aus der DDR und der BRD ausgewählt. Ein wichtiges Kriterium für die Auswahl der westdeutschen Zeitungen war die Kontinuität von Berichterstattungen über DDR - Themen, welche in erster Linie von täglich erscheinenden Medien gewährleistet wird. Zudem wurde jeweils eine überregional und eine regional erscheinende Zeitung ausgewählt, um beide Ebenen abzudecken. Die Perspektive der DDR wird anhand der Berichte des Zentralorgans der SED, dem Neuen Deutschland (ND) und der Hauptstadtzeitung Berliner Zeitung (BZ)1 analysiert. Für die westdeutsche Sichtweise fungieren Berichterstattungen der Frankfurter Allgemeinen (FAZ), eine der meinungsführenden Zeitungen der Bundesrepublik, sowie Artikel der Berliner Tageszeitung Tagesspiegel als westlicher Gegenpart zur Berliner Zeitung. Im Folgenden werden hauptsächlich die angegebenen Abkürzungen der Zeitungen genutzt.

Die Untersuchung der vorliegenden Textkorpora aller vier Zeitungen orientiert sich an wichtigen Ereignissen im Zeitraum Mai bis November des Umbruchjahres 1989, deren Geschehen einen bedeutenden Einfluss auf die Maueröffnung am 9. November nahmen. Dieser Untersuchungsschnitt wird sich auf den entdeckten Wahlbetrug der SED, der Tausende Bürger auf die Straße trieb; die Öffnung der ungarischen Grenze; Erich Honeckers Sturz sowie der Amtseintritt seines Nachfolgers Egon Krenz und auf den Mauerfall selbst beziehen. Für die Analyse wurden insgesamt 40 verschiedene Artikel untersucht, die in den meisten Fällen eine erste Reaktion auf die Geschehnisse darstellen.

Der erste Teil (Kapitel 2) befasst sich mit dem theoretischen Hintergrund der Untersuchungen. Wesentliche Grundlagen und Begriffsdefinitionen für die folgende Analyse werden darin erläutert. Zunächst wird der Fragestellung nach der Rolle der ost- und westdeutschen Presse während der Monate bis zum Mauerfall nachgegangen. Daraufhin wird in die Stereotypen- und Perzeptionstheorie eingeführt. Die Definition von Nationenbildern, nationaler Selbst- und Fremdbilder sowie nationaler Stereotypen - und was darunter in dieser Arbeit verstanden wird - steht dabei im Mittelpunkt. Der nachfolgende Punkt behandelt die Bedeutung von Nationenbildern und Stereotypen in Berichterstattungen. Abschließend werden die zu analysierenden Zeitungen vorgestellt.

Im empirischen Teil (Kapitel 3) erfolgt die vergleichende Analyse der vorliegenden Artikel ost- und westdeutscher Zeitungen zu den ausgewählten Ereignissen im Jahr 1989. Die Analyse ist in vier Themenbereiche untergliedert, die sich an den jeweiligen Geschehnissen orientieren. Jeder Untersuchungsabschnitt umfasst eine historische Einordnung der zu Grunde liegenden Ereignisse. Im ersten Analysepunkt werden die Berichterstattungen auf inhaltliche Differenzen hin untersucht. Im zweiten Punkt werden die vermittelten Bilder der vorliegenden Artikel ausgewertet.

Daraufhin werden die Untersuchungsergebnisse aus ostdeutscher und westdeutscher Perspektive zusammengefasst (Kapitel 4) und abschließend wird ein Fazit gezogen (Kapitel 5).

2. Theoretische Vorüberlegungen und Hintergründe

2.1. Die Rolle der Medien in den deutsch-deutschen Beziehungen

Um die Inlands- beziehungsweise Auslandsberichterstattung der DDR und BRD zu analysieren, scheint es sinnvoll, zunächst die Frage zu klären, welche Bedeutung den Medien beider deutscher Länder in der DDR-Berichterstattung zukam.

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt, aus denen 1949 zwei separate deutsche Staaten hervorgingen. Während aus den drei westlichen Besatzungszonen die parlamentarisch-demokratische, marktwirtschaftlich orientierte Bundesrepublik Deutschland gegründet wurde, entstand auf dem Gebiet der Sowjetunion der kommunistisch- stalinistische, planwirtschaftlich organisierte Totalitärstaat der Deutschen Demokratischen Republik. In der 40 Jahre langen Trennung Deutschlands regierten demnach zwei deutsche Staaten nebeneinander, deren ideologische und politische Grundsätze nicht unterschiedlicher hätten sein können. Da jede politische Ordnung eines Landes immer auch den Charakter des jeweiligen Mediensystems prägt, kamen diese Differenzen nicht nur in der Führung des Landes zum Ausdruck, sondern auch in der Organisation der Medien (Vgl. Pürer/Raabe 2007: 173).

Folglich wich auch ihre Rolle im Jahr 1989, als in der DDR ein Ereignis auf das nächste folgte, voneinander ab. Inwiefern sich diese, insbesondere auf die Presse und den Untersuchungszeitraum bezogen, differenzieren lässt wird in diesem Kapitel geklärt.

2.1.1. Rolle der ostdeutschen Medien

Im Gegensatz zum pluralistischen System der Bundesrepublik, die das Recht auf eigene Willens- und Meinungsbildung sowie Pressefreiheit garantierte, gewährte die DDR diese Rechte lediglich offiziell durch die Verfassung (Vgl. ebd.: 173). Tatsächlich schränkten zahlreiche Bestimmungen, die kontinuierliche Kontrolle der Zeitungen durch die Partei und immer neue Presseanweisungen die Freiheit ein (Vgl. Schulze 2005: 51). Somit gehörten die Massenmedien der DDR bis zum Herbst 1989 zu den „von der Partei am stärksten kontrollierten politischen Instrumenten der Herrschaftssicherungund legitimierung“ (Lemke 1991: 188). Folglich waren sie streng „in das monistische System des ostdeutschen Staats [eingebunden]“ und erfüllten nach innen eine wichtige Steuerungs- und nach außen eine bedeutende Repräsentationsfunktion (Pürer/Raabe 2007: 173).

Zeitungsjournalisten hatten die von Lenin (1901) festgelegten klassischen Bestimmungen der Funktionen des sozialistischen Journalismus wahrzunehmen. Als kollektiver Propagandist, Agitator und Organisator sollten sie an der Gestaltung und Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft mitwirken (Vgl. Andriefski et al 1984: 70). Holzweißig präzisiert diese Aussage:

„ Als Propagandist sollen die Medien die kommunistische Ideologie verbreiten. In der Funktion des Agitators gilt es, die Tagespolitik der SED zu unterstützen und die Werktätigen zu höheren Leistungen anzuspornen. Als Organisator schließlich obliegt es den Medien, anleitend und kontrollierend die Durchführung der von der Partei gefassten Beschlüsse sowie die aufgestellten Wirtschaftspläne zuüberwachen. “ (Holzweißig 1989: 47)

Hinsichtlich dieser Funktionen und vorab getroffener Aussagen, wird der hohe Stellenwert der ostdeutschen Medien aus der Perspektive der Führungsetage deutlich. Insbesondere Zeitungen wurden zur ideologischen Infiltration der Gesellschaft genutzt, allen voran das Neue Deutschland (Vgl. Andriesfski et al 1984: 212). Neben der Aufgabe, die Bevölkerung über Beschlüsse und Verhaltensvorschriften zu informieren, sollten sie das staatssozialistische Herrschaftssystem festigen und dies stets positiv darstellen. Dafür waren alle Mittel recht. Sei es das Weglassen bedeutender Informationen oder die Bearbeitung dieser, bis sie den Ansprüchen der Regierung gerecht waren. Gegenteilige Behauptungen und Kritik am System waren untersagt und wurden streng sanktioniert (Vgl. Pürer/ Raabe 2007: 173).

Im Jahr 1989, als die Kritik am System der DDR immer lauter und die SED mit immer neuen politischen Problemen konfrontiert wurde, versuchte man, diesen Kurs beizubehalten. An der Stabilität und Souveränität der Partei sollte es keine Zweifel geben. Berichterstattungen über Vorgänge, die Gegenteiliges bewirkten, fanden nicht statt. Gleichzeitig wurde versucht, lediglich die guten Seiten des Staates hervorzuheben, in dem herausragende Beziehungen zu Bündnispartnern und positive gesellschaftliche Ereignisse thematisiert wurden, um damit gleichzeitig von den systemkritischen Vorgängen abzulenken. Mit keiner anderen Methode konnte man so umfangreich und zeitnah auf die Vorgänge reagieren und versuchen, den Einfluss der Geschehnisse zu minimieren. Folglich kann den Medien eine sehr wichtige Rolle während der Monate bis zum Fall der Mauer zugeschrieben werden. Wie sich das im Umbruchjahr 1989 entwickelt hat, soll am Ende dieser Arbeit geklärt werden.

Aus dem großen Vertrauensverlust der Bevölkerung in die Regierung, im Jahr des Mauerfalls und dem Bewusstsein der staatlichen Lenkung der Medien, lässt sich schließen, dass den Printmedien ebenso wenig Vertrauen zuteil kam. Über dies hinaus konnte man nahezu im gesamten Gebiet der DDR westdeutsche Fernsehsender empfangen, die über die Ereignisse weitaus offener berichteten. Die ostdeutsche Zeitungsberichterstattung spielte folglich eine untergeordnete Rolle hinsichtlich der Informationsfunktion über politische Ereignisse.

2.1.2. Rolle der westdeutschen Medien

Welche bedeutende Rolle den westdeutschen Medien zukam, beweist der Fall der Mauer, der als Folge vorauseilender Medienberichterstattungen eintrat. Auf Grund zahlreicher Fernsehberichte über die angebliche Öffnung der Grenze strömten Tausende DDR-Bürger zu den Grenzübergängen, um sich selbst ein Bild zu machen. In Bezug auf dieses Ereignis kommt den elektronischen Medien jedoch ein gewichtigerer Part als den Printmedien zu, da sie durch ihre grenzüberschreitende Eigenschaft einen großen Bevölkerungsanteil der DDR zeitnah erreichen konnten. Dennoch ist die Bedeutung westdeutscher Zeitungsberichte nicht zu unterschätzen. Zahlreiche Berichterstattungen westdeutscher Fernseh- und Radiojournalisten wurden durch Informationen von Presse und Agenturen bestimmt, so dass die Printmedien indirekt über den elektronischen Umweg in die DDR hineinwirkten (Vgl. Dernbach 2008: 81). Zudem konnte auch ein Einfuhrverbot westdeutscher Zeitungen in die DDR ihren Bezug nicht gänzlich verhindern. Ein großer Teil der Printmedien kam auf normalen Postweg ins Land und es war unmöglich, alle Postsendungen zu öffnen. Außerdem nutzten einige DDR-Bürger die Fahrt ins Ausland oder in den Westen für den Erwerb bundesdeutscher Zeitungen. Selbst in der Führungsetage der DDR setzte man sich mit den Berichten der „West-Zeitungen“ auseinander (Vgl. Meyen 2003: 122). Insbesondere die meinungsführenden Zeitungen des Nachbarlandes, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung oder die Süddeutsche Zeitung, wurden genauestens unter die Lupe genommen und beeinflussten in manchen Fällen sogar die Entscheidungsfindung der SED (Vgl. Dernbach 2008: 82). Insgesamt betrachtet spielte die „Westpresse“ als Informationsquelle für die Bevölkerung der DDR dennoch eine untergeordnete Rolle. Dafür im eigenen Land umso mehr.

Sie hatte die Aufgabe, die Primärerfahrungen, welche die Bundesbürger aufgrund der Reisebeschränkungen und anderer Barrieren in der DDR selbst nicht sammeln konnten, mit ihrer Berichterstattung zu ersetzen (Vgl. Dernbach 2008: 17). Mit ausführlichen Artikeln über die Situation und die Geschehnisse erzeugten die Zeitungen bei der Bevölkerung Vorstellungen über die DDR und deren Bevölkerung und halfen mittels stereotypisierter Sprache, dieses Bild in den Köpfen zu manifestieren. Auch wenn den Zeitungen oftmals mehr Raum für Hintergrundwissen zur Verfügung stand als dem Radio oder Fernsehen, konnten sie nur Ausschnitte der Realität abbilden, die dennoch das Bild über die DDR prägten. Da Zeitungen als glaubhaft und vertrauenswürdig galten, kann ihnen eine hohe Bedeutung bei der westdeutschen Meinungsbildung beigemessen werden.

Aus der Sicht der ostdeutschen Führungseinheit stellten die journalistischen Berichterstattungen über die DDR aus westdeutscher Perspektive immer eine Gefahr dar. Wie bereits erläutert, kam den staatsinternen Medien die Aufgabe zu, die Bevölkerung von der Richtigkeit der SED - Politik zu überzeugen und diese durchzusetzen. Kritik von Außen wirkte dem entgegen und wurde daher weitestgehend unterdrückt. Im Gegensatz zu den grenzüberschreitenden elektronischen Medien konnte die Einfuhr unerwünschter Printmedien größtenteils verhindert werden. Gegen die Berichterstattungen auf westdeutscher Seite hatte man jedoch kaum Einfluss und auch die westdeutsche Korrespondentenarbeit im DDR-Gebiet und in Ostberlin konnte man nicht gänzlich verhindern. Dennoch nutzte die Regierung die Möglichkeit, die Arbeitsbedingungen der Korrespondenten durch verschiedenste Maßnahmen maßgeblich zu erschweren (Vgl. Picaper 1982: 75).

Trotz der vielen Schranken und Grenzen, denen die BRD-Korrespondenten im Staatsgebiet des sozialistischen Nachbarn ausgesetzt waren, konnte man in westdeutschen Zeitungen, speziell im Jahr des Mauerfalles, zahlreiche Berichte über erfolgreiche und gescheiterte Fluchtversuche von DDR- Bürgern, über die Protestbewegungen und die Zuspitzung der politischen Lage des Nachbarlandes lesen. Während der „Friedlichen Revolution“ 1989 kam den bundesdeutschen Medien demnach eine Doppelfunktion zu. Sie dienten zum Einen der Übermittlung von Informationen über das Geschehen hinter der Mauer. Auf der anderen Seite nahmen sie jedoch partiell auch die Rolle eines wichtigen Einflussnehmers auf die Geschehnisse ein und verhalfen Flüchtlingen sogar manchmal direkt mit ihren Berichterstattungen (Vgl. Kimmel 2009: 41).

2.2. Stereotypen - und Perzeptionstheorie

Ein Forschungsschwerpunkt vorliegender Arbeit ist die Analyse der Wahrnehmungsunterschiede innerhalb der Printmedien beider deutscher Staaten. Im Mittelpunkt steht dabei die Untersuchung, welche Bilder vom eigenen sowie vom jeweils anderen Staat gezeichnet wurden und welche Stereotypen dabei gegebenenfalls eingesetzt wurden. Die Begriffe „Nationenbild“, „nationales Fremdbild“, „nationales Selbstbild“ und „nationales Stereotyp“ sind dabei von zentraler Bedeutung und sollen vorab erläutert werden. Ferner soll die Rolle von Nationenbildern und Stereotypen in den Medien geklärt werden.

Zunächst aber noch Grundlegendes zum Bereich der Wahrnehmung, denn wer glaubt, wir könnten die Welt mit unseren Sinnen erfassen und mit unserem Verstand begreifen, wie sie wirklich ist, liegt falsch. Tatsächlich gibt es einen Unterschied zwischen der wahrgenommenen und der realen Welt. Wittek beschreibt den Prozess der Wahrnehmung als „subjektiven Vorgang, bei dem jeder einzelne Mensch Reize aufnimmt und zu einem Bild verarbeitet, das ein individuelles Konstrukt der ihn umgebenden physischen Wirklichkeit darstellt“ (Wittek 2005: 25). Tagtäglich strömen auf das Individuum unzählige Informationen ein. Da der Mensch jedoch nur eine begrenzte Verarbeitungskapazität besitzt, kann nur ein Teil, von dem was rein theoretisch wahrgenommen werden könnte, wahrgenommen werden. Folglich muss er selektieren. Der Mensch bedient sich daher bestimmter Raster, um die Informationen zweckmäßig zu selektieren, einzuordnen und zu interpretieren. Diese bereits im System gespeicherten Vorstellungen (Stereotype, Vorurteile, Bilder) steuern, welche Informationen aufgenommen und wie diese dann weiter verarbeitet werden (Vgl. Marten 1989: 10ff). Die bestehenden Denk- und Interpretationsmuster filtern demnach aus der Fülle von Information die Wesentlichen heraus und selektieren diese, wobei sie die Wirklichkeit reduzieren und nie vollständig abbilden (Vgl. ebd.: 11/ Vgl. auch Busch 2005: 19). Infolge dieser Reduktion entstehen „Fehlperzeptionen“, deren Realitätsnähe variiert. Obgleich aber „die Bilder durch den Wahrnehmungsprozess in unseren Köpfen nicht die Objektivität darstellen, so sind sie aber die Realität, die für unsere Realität ausschlaggebend ist“ (Vgl. Boulding 1996: 6/ Vgl. Lippmann 1964: 25 zit. n. Busch 2005: 19).

Kindermann fasst diesen gesamten Vorgang der individuellen Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozesse unter dem Terminus Perzeption zusammen (Kindermann 1981:109 zit. nach Marten: 11). In der kognitiven Sozialpsychologie und der historischen Perzeptionsforschung besteht eine weitgehende Übereinstimmung, was diese Theorie betrifft. Wahrnehmungsprozesse orientieren sich an den erwähnten vorgefertigten und verinnerlichten Mustern (Stereotypen, Vorurteile) und konstruieren daraus Bilder, die zu einer „Reduktion der Komplexität“ führen. Dieses Orientierungssystem ermöglicht die individuelle Bewältigung der physischen Umwelt, indem es vereinfachte Vorstellungen der tatsächlichen Welt entwirft (Vgl. Wittek 2005: 25f). Daher spricht Maletzke in Bezug auf die Denkmuster auch von „Entlastungsmechanismen des Ich“, die das Erleben der Welt einfacher, übersichtlicher und fragloser machen und folglich sinnvoll und notwendig sind (Maletzke 1966: 324/ Vgl. auch Buckow 2003: 26). Gehlen betont sogar ihre Lebensnotwendigkeit, da sich der Mensch aufgrund seiner „hohe[n] Reizzugänglichkeit“ andernfalls ständig zum Handeln entschließen müsse (Gehlen 1960: 48).

2.2.1. Nationenbild - nationales Selbstbild - nationales Fremdbild

„ Bilder von der Welt sind Wissen und Anschauung von ihr. Sie sind folglich das, was das Individuum für wahr erachtet und in diesem Zusammenhang systematisch gegliederte Perzeptionen, zusammenhängende Sichtweisen, die die verschiedenen Vorstellungen und Eindrücke in einem einheitlichen geistigen Bild zusammenfügen wollen “ . (Vgl. Kelman 1965: 25/ Kleining 1972: 357 / Mallinckrodt 1980: 34ff zit. in Bassewitz 1990: 22)

Da diese Arbeit das Bild der DDR und der BRD in westdeutschen und ostdeutschen Tageszeitungen untersucht, interessieren vorrangig die Bilder, die für die Beziehung von Staaten von Bedeutung sind. Als Grundlage soll zuvor eine Definition des allgemeinen Bildbegriffs geliefert werden.

Das Bild ist die „neutralste, offenste und mobilste Form von perzeptions- und handlungsleitenden Konstruktionen in unseren Köpfen“ (Behrens 2003: 28). Ausgehend von dem, was zuvor erläutert wurde, bezeichnet ein Bild nicht die Realität, sondern nur das Bild, welches in unseren Köpfen von der Realität existiert (Vgl. Boulding 1996: 16). Bouldings Ausgangspunkt für den Bildbegriff ist demnach die Diskrepanz zwischen „der objektiven Beschaffenheit der Welt und dem subjektiven Wissen von der

Welt“ weshalb Bilder nicht unbedingt der Wahrheit entsprechen müssen, aber, abhängig von der geographischen, psychischen, kulturellen und politischen Nähe des Betrachters, mehr oder weniger realitätsnah sein können (Boulding 1996: 16/ Vgl. auch Busch 2005: 20). Etymologisch ist das Bild2, das dem englischen Image entstammt, auf das Lateinische imago (Bild) zurückzuführen, mit dem früher jedoch noch optische Abbildungen gemeint waren, während es heute als „kognitiv - psychologisches Konstrukt“ verstanden wird (Vgl. Nafroth 2002: 8/ Wilke 1989: 12).

In den Beziehungen zwischen Staaten, die immer auch als Kommunikationssysteme zu sehen sind, spielen Bilder eine bedeutende Rolle (Vgl. Wilke 1993: 178). Bei dem Versuch, eine Nation und deren Bevölkerung zu begreifen, bedient man sich der Vorstellungen über die jeweiligen Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen (Vgl. Kühnhardt 2000: 14). Aus diesen Vorstellungen entstehen dann die Bilder - sogenannte Nationenbilder - über das jeweilige Land und deren Einwohner. Das Bild einer Nation setzt sich somit aus der Gesamtheit aller Eigenschaften und Attribute zusammen, die eine Person oder eine Gruppe von Personen einer Nation zuweist (Vgl. Bassewitz 1990: 25). Wie auch das Image im Allgemeinen werden Nationenbilder aus individuell erlebten und aus kommunizierten Erfahrungen zusammengesetzt. Aufgrund der geographischen aber auch kulturellen oder politischen Distanz bleiben persönliche Erfahrungen und Kontakte jedoch oftmals aus, weswegen man den Sekundärerfahrungen in diesem Bereich eine größere Rolle beimessen muss. Bilder dienen auf nationaler Ebene ebenso der Komplexitätsreduktion, weshalb es sich hierbei um eine verallgemeinernde und vereinfachte Darstellung der Wirklichkeit handelt. Allerdings gilt das Nationenbild für die Ganzheit eines Staates, dementsprechend stark ist die Reduktion und folglich auch die Diskrepanz zur Realität und kann daher mit Widersprüchen behaftet sein (Vgl. Busch 2005: 21f). Folglich können Images auch „Mißperzeptionen“, also fehlerhafte Bilder, darstellen. Ferner fördert ein gemeinsam geteiltes Nationenbild das Gefühl des Gruppenzusammenhalts beziehungsweise der Gruppensolidarität und dient der Unterscheidung zu anderen Nationen und deren Bevölkerung (Vgl. Nafroth 2002: 12ff). Überdies hinaus implizieren sie keine einheitliche Bewertungsrichtung und können demnach positiv oder negativ ausfallen. Man kann ihnen außerdem die Eigenschaft zuschreiben, keine Langlebigkeit für sich zu beanspruchen, vielmehr kann das individuelle Bild durch äußere Faktoren, wie beispielsweise Politik, Wirtschaft, oder Kultur, beeinflusst werden. Es ist somit veränderbar, wobei der „harte Kern“, also die Tiefenstruktur, unberührt bleibt (Vgl. Busch 2005: 22). Vor diesem Hintergrund kann es also „weniger als ein organisch gewachsenes, fertiges Produkt angesehen werden, als ein interner Entwicklungsprozess, bei dem frisch gewonnene und alte Informationen ständig neu kombiniert werden“ (Bassewitz 1990: 22).

„Alle Nationen haben Bilder von anderen Nationen und sich selbst“ (Nafroth 2002: 16). Demzufolge kann man zwischen dem Fremdbild und dem Selbstbild eines Landes differenzieren, wobei die Vorstellung, die man von anderen entwickelt, und das Bild, das man von sich selbst hat, eng miteinander verbunden sind (Vgl. Loos 2007: 22). Das Selbstbild bezeichnet Meinungen und Empfindungen über die Gruppe, der man angehört. Dem entgegengesetzt bezieht sich das Fremdbild, auf das, was man bei anderen Gruppen wahrnimmt (Vgl. Dabrowska 1999: 80). Mentzel und Pfeiler stellen die Theorie auf, dass „das Fremde Volk mit den Augen des eigenen gesehen und aus dessen Sinnesart und Lebensstil heraus beurteilt und bewertet [wird]“ (Mentzel/Pfeiler 1972: 49). Das bedeutet, dass Nationale Fremdbilder immer auch Rückschlüsse auf das Selbstbild eines Landes zulassen. Die Bewertung des Verhaltens, der Lebensweise und der Kultur eines anderen Landes erfolgt demnach unbewusst oder bewusst, durch die eigene ethnische Gruppe der Nation, die ihr eigenes Gruppenbewusstsein manifestiert. Voraussetzung dafür ist, dass das eigene Selbstbild als das „höher geartete“ erscheint (Bassewitz 1990: 25). Somit überwiegen die positiven eigenen Eigenschaften eines Landes, während die schlechten Seiten einfach ausgeblendet werden. Die Kluft zwischen dem eigenen Bild und dem Fremdbild einer anderen Nation kann aber auch umso mehr in den Vordergrund gerückt werden, je deutlicher der Unterschied zwischen beiden Nationen ist (Vgl. Mentzel/Pfeiler 1972: 49f). Eine Konvergenz zwischen Selbstbild und Fremdbild ist dabei ein Zeichen einer stabilen nationalen Identität (Vgl. Loos 2007: 23).

Innerhalb von Nationenbildern können Stereotypen existieren. Konträr zum Image, welches auch „tatsächlich und ungefärbt erfaßte Gegebenheit“ einschließt, gelten diese als weniger neutral und offen (Bassewitz 1990: 22). Im nächsten Punkt soll der Begriff des Nationalstereotyps näher definiert werden.

2.2.2. Nationalstereotypen

Ursprünglich eine bestimmte Drucktechnik bezeichnend, mit der beliebig viele Abzüge gemacht werden konnten, führte Lippmann (1922) den Terminus des Stereotyps erstmals mit seinem Werk Public Opinion, einer Pionierstudie über die öffentliche Meinung, in den sozialwissenschaftlichen Diskurs ein (Vgl. Groth 2003: 20). Der amerikanische Journalist verweist darin auf die Diskrepanz der inneren Vorgänge des Wahrnehmens und Denkens, den „Bildern in unserem Kopf“ und den äußeren Vorgängen der Umwelt (Vgl. Lippmann 1990: 18). Diese Bilder in unseren Köpfen nennt er Stereotype, die er als eine, neben anderen, mögliche Form der Bewältigung der überkomplexen Welt betrachtet, die im menschlichen Denk und Wahrnehmungssystem unvermeidliche Bestandteile darstellen (Vgl. Bassewitz 1990: 17/Vgl. auch Milling 2008: 81). Quasthoff fasst Lippmanns Stereotypietheorie als Bezeichnung für ein System von Einstellungen, Meinungen und Überzeugungen zusammen, die dabei helfen, die Wahrnehmung zu strukturieren und selektiv zu steuern (Vgl. Quasthoff 1973: 18). Demzufolge stellen Stereotypen wie auch Images eine Orientierungshilfe in der komplizierten Wirklichkeit dar, indem sie Ereignisse der objektiven Welt ebenso verallgemeinern und strukturieren (Vgl. Busch 2005: 23). Über die Komplexitätsreduktion hinaus bewirken sie zudem eine Verknüpfung von alt Bekanntem mit neu Beobachtetem (Vgl. Milling 2008: 81). Schon Lippmann stellt die These auf, dass wir Ereignisse oder Sachverhalte nie unvoreingenommen betrachten:

„ In dem großen, blühenden, summenden Durcheinander deräußeren Welt wählen wir aus, was unsere Kultur bereits für uns definiert hat, und wir neigen dazu, nur das wahrzunehmen, was wir in der Gestalt ausgewählt haben die unsere Kultur für uns stereotypisiert hat. “ (Lippmann 1990: 63)

Vielmehr ist unsere Wahrnehmung durch bereits vorhandenes Wissen geprägt, wodurch Vertrautes noch vertrauter sowie Fremdes noch fremder erscheint (Vgl. ebd. 68). Nach Lippmanns Auffassung sind Stereotype kulturell tradierte, übernommene Ansichten, die nicht auf individuelle Erfahrungen beruhen und innerhalb einer Gesellschaft konzeptualisierte, überindividuell geteilte Vorstellungen darstellen (Vgl. Lippmann 1922: 90 zit. in Milling 2010: 2f). Des Weiteren betont er den Einfluss dieser Denkmuster auf die Wahrnehmung und Interpretation neuer Informationen (Vgl. ebd.: 3). Gleichzeitig ist bei Stereotypen aber auch festzustellen, dass sie stark vereinfachte, klischeehafte Vorstellungen beinhalten, die zwar an die Realität anknüpfen, jedoch meistens bis auf einen wahren Kern nur einen geringen Wahrheitsgehalt haben. Etymologisch ist der Begriff des Stereotyps auf das griechische „stereos“ (starr, hart, fest) und „typos“ (Form, Gestalt, Modell) zurückzuführen und bedeutet soviel wie „dauerhafte Form“, was verdeutlicht, dass Stereotypen im Gegensatz zum Bild starr und langlebig sind (Nafroth 2002: 16f).

Von nationalen Stereotypen spricht man, wenn sie keinen individuellen Charakter besitzen, sondern für Gruppen beziehungsweise Nationen gelten (Vgl. ebd.: 21). Folglich kann man Stereotypen als national bezeichnen, wenn sie den Mitgliedern einer Nation gemeinsame, vermeintlich immer auftretende und typische Eigenschaften zuordnen, demnach also einen „Allgemeingültigkeitsanspruch“ erheben (Müller 2004: 48). In ihrer Funktion stimmen sie mit den vorher genannten Funktionen des Stereotyps weitgehend überein. Sie können eine Orientierungshilfe darstellen, die Individuen dazu befähigen ein fremdes Land einzuordnen und zu strukturieren. Außerdem können sie das Zusammengehörigkeitsgefühl einer Nation fördern. Sie gelten als zentraler Bestandteil des Wertbezugsystems in jeder kulturellen Gruppe, was bedeutet, dass man nicht in einer Gruppe aufwachsen kann, ohne Stereotypen erlernt zu haben, die bestimmten ethnischen Gruppen zugeordnet werden. In diesem Sinne haben sie eine „soziale Integrationsfunktion“ und zielen gleichzeitig darauf ab, sich von anderen Nationen abzugrenzen (Bassewitz 1990: 23). Sie können allerdings ebenso wie sie Orientierung schaffen, beleidigend und diskriminierend sein, indem sie negative Wertungen oder abschätzige Bemerkungen einer anderen Nation oder Personengruppe enthalten und vergleichend die eigene Nation als besser und höherwertig darstellen können. Gegenüber dem Bild, das negativ oder positiv gerichtet sein kann, überwiegt die negative Seite beim Stereotyp (Vgl. Nafroth 2002: 28).

2.2.3. Zur Konstruktion von Nationenbildern und Verwendung von Stereotypen in den Medien

Die Behauptung, dass alles „was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, […] wir durch die Massenmedien [wissen]“ geht auf den deutschen Soziologen Luhmann zurück (Vgl. Luhmann 2004: 9). Insbesondere hinsichtlich der Informationen über fremde Länder und Kulturen stammt unser Wissen aus Medienberichten. Oftmals sind persönliche Erfahrungen über andere Nationen durch zu hohe Distanzen oder durch politische Situationen stark eingeschränkt, weswegen Zeitungen, Fernsehen oder Radio oftmals als einzige Quelle bleiben, um sich ein Bild einer Nation und deren Bevölkerung zu machen. Auch wenn das Reisen in der heutigen Zeit ein geringeres Problem darstellt, als in früherer Zeit, so stammen unsere Vorstellungen über andere Länder dennoch größtenteils aus Sekundärerfahrungen. Und auch wenn sie vielleicht nicht die einzige Quelle sind, so sind sie zumindest häufig die erste, die Informationen über die „Fremde“ liefern. Wir stützen demnach unser Wissen über andere Länder vorrangig auf das, was uns von den Medien vermittelt wird. Dabei ist aber zu beachten, dass Medien ebenso wenig wie das menschliche Gehirn in der Lage sind, ein getreues Abbild der Realität zu liefern, da sie aufgrund von Zeit- und Platzmangel gezwungen sind, aus der Vielzahl von Informationen die berichtenswertesten herauszufiltern und zu bearbeiten. Dabei werden Akzente gesetzt und Aspekte vernachlässigt. Von Seiten der Medien, die an bestimmte Prozesse gebunden sind, aber auch von Seiten der Journalisten, die durch ihre eigene Nation und vermittelten Erfahrungen und Vorstellungen geprägt sind, wird demnach eine allumfassende Abbildung einer Nation verhindert (Vgl. Nafroth 2002: 41f). Medien konstruieren somit lediglich ein Abbild der Wirklichkeit anderer Länder, welches die Bilder und Kenntnisse der Rezipienten über das Ausland entscheidend prägt und beeinflusst (Vgl. Bassewitz 1990: 2). Trotz der Tatsache, dass es sich dabei nur um eine Konstruktion von Wirklichkeit handelt, sind Rezipienten durch die fehlende Möglichkeit der Überprüfung auf diese Informationsvermittlung und auf deren Wahrheitsgehalt angewiesen (Vgl. Nafroth 2002: 42).

Ferner fördert der Fakt, dass Medien an bestimmte Gesetzmäßigkeiten gebunden sind, den Einsatz von Stereotypen, deren Funktionen in der Pressearbeit eingesetzt werden. Mit ihrer reduzierenden Eigenschaft sind sie in der Lage, komplexe Sachverhalte zu vereinfachen und nachvollziehbar zu machen (Vgl. Milling 2008: 81). Insbesondere bei der Fülle von Informationen über fremde Länder, ist es notwendig, die Komplexität zu reduzieren. Allein schon die Auswahl von bestimmten Nachrichten aus anderen Ländern wirkt sich auf die Stereotypisierung aus. Über dies hinaus setzen Journalisten Stereotypen bewusst ein, um die bestehenden Stereotypen der Rezipienten zu bestätigen und somit den Wiedererkennungswert und folglich das Interesse an dem Medienerzeugnis zu steigern (vgl. Milling 2010: 8f). Dabei ist es notwendig einen gemeinsamen Nenner bei den vielen verschiedenen Vorstellungen und Bildern der Rezipienten zu treffen, weswegen man auf „stark vereinfachte, reduzierte, bereits im kollektiven Wissen gespeicherte Erklärungsmuster“ zurückgreift (ebd.: 10). Aber auch eigene Stereotypen der Medienvertreter, „die ihren bereits zuvor durch kulturell, tradiertes stereotypes Wissen vermittelten Kenntnissen über das fremde Land entsprechen“, können sich auf die Nachrichtenauswahl und letztlich auch auf den Pressetext auswirken (ebd.: 9). Demnach lässt sich festhalten: „Nationale Stereotypen der einzelnen Journalisten sind ein die Auslandsberichterstattung mitbestimmender Faktor und können dabei ganz manifest Bestandteil der massenmedialen Vermittlung werden“ (Bassewitz 1990: 2).

2.3. Kurzporträts der ausgewählten DDR- und BRD- Zeitungen

Bevor im nachfolgenden Kapitel die Analyse der Berichterstattungen von ost- und westdeutscher Seite erfolgt, sollen zunächst Kurzporträts der ausgewählten Zeitungen vorangestellt werden. Im Mittelpunkt stehen die Gründungsgeschichte, Reichweite, Besitzverhältnisse und die politische Ausrichtung des Neuen Deutschlands und der Berliner Zeitung sowie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und des Tagesspiegels.

2.3.1. Neues Deutschland und Berliner Zeitung

Das Neue Deutschland war eine der acht überregionalen Zeitungen der DDR und galt als das Flaggschiff der SED. Mit einer Auflage von 1,1 Million Exemplaren war das ND nach der Jungen Welt die zweitgrößte Tageszeitung in der Republik (Vgl. Pürer/Raabe 2007: 190). Hervorgegangen ist dieses Blatt aus der Zwangsvereinigung der KPD und SPD zur SED, dessen Parteizeitungen Das Volk (SPD) und die Deutsche Volkszeitung (KPD) sich zum Neuen Deutschland zusammengeschlossen haben und am 23. April 1946 die erste Ausgabe veröffentlichten (Benning 1997: 5ff). Als wichtigstes Propagandawerkzeug der SED unterstand das ND von Beginn an den Weisungsbefugnissen des zuständigen Zentralkomitee-Sekretärs sowie Leiter des „Presseamtes beim Vorsitzenden des Ministerrats“, Joachim Herrmann, der Entscheidungen nur auf Anweisungen des Generalsekretärs traf (Vgl. Pürer/Raabe 2007: 190). Seit Dezember 1989 hatte sich die einst mächtigste Zeitung der DDR unter Anpassung der sich veränderten Bedingungen vom „Zentralorgan der SED“ zu einer „Sozialistischen Tageszeitung“ gewandelt, die zunächst über eine GmbH im Besitz der PDS blieb. Mit dieser Umgestaltung nimmt das ND heute eine neue Rolle mit anderen Aufgaben ein. Während sie seit dem Tag ihrer Gründung bis 1989 die Funktion des Agitators und Propagandist der Politik der SED übernahm, übt sie nach der Wende durchaus Kritik an der Politik der Bundesregierung aus und bezieht damit eine oppositionelle Haltung (Vgl. Benning 1997: 5ff). Anfang 2007 wurde die sozialistische Zeitung aus dem parteilichen Besitz entlassen. Mit einer aktuellen verkauften Auflage von ca. 40.000 hat das ND heute bei Weitem nicht mehr so viele Leser wie vor der Wende, ist aber, laut eigenen Angaben, die erfolgreichste überregionale Tageszeitung in den östlichen Bundesländern (Vgl. Neues- Deutschland.de 2010: o. A.).

Zwei Wochen nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, am 21. Mai 1945, erschien die erste Ausgabe der Berliner Zeitung. Im Jahr 1953 wurde die Zeitung, die zuvor im Besitz des Magistrat von Groß - Berlin war, dem Zentralkomitee der SED unterstellt. Da sie vom „Berliner Verlag“ herausgegeben wurde und somit kein direktes Organ der SED-Bezirksleitung darstellte, war ihre Einordnung als 15. Bezirkszeitung stets umstritten. Aufgrund dieser Tatsache bezeichnete sie sich als einzige DDR- Tageszeitung im Impressum nie als Organ einer Partei oder Massenorganisation, was ihr den Vorteil verschaffte, in einigen Fällen etwas offener und kritischer berichten zu können. Im Unterschied zu den übrigen Bezirkszeitungen hatte die BZ, die eine Auflage von 425.000 Exemplaren zu DDR-Zeiten hatte, keine eigene Lokalausgabe und sprach im Gegensatz zum ND und den 14 Bezirkszeitungen gezielt bürgerliche Schichten an. Allerdings handelte es sich beim „Berliner Verlag“ um einen SED-eigenen Verlag, weswegen die Zeitung somit zumindest als parteinahe und regionale Tageszeitung eingestuft werden konnte (Vgl. Pürer/Raabe 2007: 191). Trotz einiger Ausnahmen stand sie folglich in den meisten Fällen im Zeichen der Parteipolitik. Nach dem Mauerfall ging die BZ 1990 in den Besitz von „Gruner und Jahr“ und dem Verleger Robert Maxwell über, dessen Anteile zwei Jahre später an „Gruner und Jahr“ übertragen wurden. Heute ist die BZ eine Hauptstadtzeitung für ganz Deutschland und seit 2010 Teil der „DuMont-Redaktionsgemeinschaft“, der weitere Blätter angehören. Mit einer verkauften Auflage von etwa 157.000 (IVW.de 2010: o. A.) ist sie die auflagenstärkste Abonnement-Zeitung in Berlin und laut der Analyse des Instituts für Medienanalyse im Jahr 2006 die meist zitierte Abonnement-Zeitung deutschlandweit (Vgl. Berliner-Zeitung.de 2010: o. A.)

2.3.2. Frankfurter Allgemeine Zeitung und Tagesspiegel

Mit täglich 1.035.000 Lesern ist die Frankfurter Allgemeine Zeitung eine der bedeutendsten überregionalen Qualitätszeitungen Deutschlands (FAZ.net 2010: o. A.). Ins Leben gerufen wurde sie am

1. November 1949 von dem deutschen Publizisten Erich Welter, nur kurze Zeit nach der Gründung der Bundesrepublik (Vgl. Dernbach 2008: 27). Seit nun mehr als sechzig Jahren verlässt die FAZ - Druckerei tagtäglich eine neue Ausgabe der Zeitung, die seit jeher den Untertitel „Zeitung für Deutschland“ trägt, was die Aufgabe, der gedient werden soll, kennzeichnet: Mit der Gründung der FAZ verfolgte man zunächst das Ziel, ein täglich erscheinendes, von den Besatzungsmächten unabhängiges Printerzeugnis zu schaffen, das „drinnen und draußen - für das ganze Deutschland wirken und sprechen sollte“, auch über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus (ebd.). Im Selbstporträt der Zeitung kann man lesen, dass sich an der Absicht, „das ganze Deutschland zu spiegeln“ bis heute nichts geändert hat (Vgl. FAZ.net 2010: o. A.). Mit der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 bekommt die Zeile „Zeitung für Deutschland“ einen neuen Sinn, die nun auch das Gebiet der ehemaligen DDR einschließt. Eine Besonderheit der konservativ-liberal orientierten Zeitung ist, dass sie keinen Verleger hat und ebenso wenig ein Chefredakteur existiert.

[...]


1 Hiermit ist die Ost-Berliner Zeitung gemeint. Nicht zu verwechseln mit der Berliner Boulevardzeitung BZ.

2 Bild und Image werden im Folgenden synonym verwendet.

Ende der Leseprobe aus 62 Seiten

Details

Titel
Ein Mauerfall. Zwei Perspektiven
Untertitel
Eine vergleichende Analyse der Berichterstattungen rund um den Mauerfall in Ost und West in Printmedien
Hochschule
Universität Passau
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
62
Katalognummer
V278256
ISBN (eBook)
9783656874706
ISBN (Buch)
9783656874713
Dateigröße
702 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mauerfall, Wende, 1989, DDR, Ost und West, Politisches System, Ostblock, Politik, Deutsche Geschichte, Eiserner Vorhang
Arbeit zitieren
Susann Hochmuth (Autor), 2010, Ein Mauerfall. Zwei Perspektiven, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278256

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