Religiöse Motive in modernen Romanen


Examensarbeit, 2012

51 Seiten, Note: 3,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Lesen als kulturelle Praxis
2.2 Literatur und Theologie
2.3 Implizite und explizite Religiosität

3. Analyse des Romans „Teufelsleib“ (Andreas Franz)
3.1 Zum Autor
3.2 Plot des Romans
3.3 Religiöse Motive und ihre Bedeutung
3.3.1 Die Taube
3.3.2 Die Olive und der Ölzweig
3.3.3 Das Kreuz
3.3.4 Weitere Motive
3.4 Resümee

4. Analyse des Romans „Die Hütte“ (W.P. Young)
4.1 Zum Autor
4.2 Genese und Plot des Romans
4.3 Religiöse Bezüge und ihre Interpretation
4.3.1 Das Theodizeeproblem
4.3.2 Gottesbild und Trinität
4.3.3 Schuld
4.4 Zusammenfassung

5. Analyse des Romans „Zeit im Wind“ (Nicholas Sparks)
5.1 Über den Autor
5.2 Zum Roman
5.3 Analyse der theologischen Sinnbilder

6. Untersuchungsergebnisse

7. Schlussbetrachtung

II. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wer kennt nicht Harry Potter oder Dan Browns Sakrileg und Illuminati ? Diese Filme wurden weltweit ausgestrahlt und erfreuten sich im Kino hoher Besucherzahlen. Ein Blick auf die Entstehungsgeschichte zeigt, dass den Filmen Romane als Vorlage gedient haben, die ebenfalls wochenlang auf den Bestsellerlisten standen. Gerade der Erfolg von Harry Potter wurde in vielen Publikationen untersucht; auch aus praktisch-theologischer Sicht. Wer die Werke gelesen hat, wird schnell festgestellt haben, dass sie viele religiöse Themen und Motive aufgreifen. Doch was genau sind religiöse Motive und wie werden sie dargestellt? Gibt es verschiedene Methoden religiöse Themen in modernen Romanen einzubinden und zu beleuchten? Und wie kommt es, dass sich trotz nachlassender Bedeutung von Religion (gerade für junge Menschen1 ) viele Leser und Kinogänger für solche Themen interessieren? Denn bedarf es nicht eigentlich theologischen Basiswissens um die religiösen Motive korrekt entschlüsseln zu können?

Diese und weitere Fragen sollen exemplarisch anhand von drei verschiedenen Romanen in der vorliegenden Arbeit geklärt werden.

Dazu wird im ersten Kapitel ein Überblick über Lesen als Teil populärer Kultur gegeben sowie unterschiedliche Romangattungen dargelegt. Des Weiteren wird auf den vermeintlichen Unterschied zwischen Hoch- und Trivialliteratur eingegangen. Es stellt sich überdies die Frage, warum in so vielen Romanen religiöse Bezüge zu finden sind und was die Intention der Autoren gewesen sein könnte.

Das Hauptaugenmerk dieser Examensarbeit liegt auf dem zweiten Kapitel, in dem theologische Motive in verschiedenen Romanen untersucht werden. Stellvertretend wurden für die Untersuchung ein Kriminal- und ein Liebesroman sowie ein christlichbiographischer Roman gewählt.

Im letzten Abschnitt werden die Ergebnisse dieser Analyse zusammengetragen und ein Resümee gezogen. Dabei sollen die Initialfragen abschließend geklärt werden.

2. Theoretische Grundlagen

Obwohl die „religiöse Situation in Mitteleuropa überwiegend durch Stagnation gekennzeichnet ist“2, ist die Religion doch nicht aus dem Alltag der Menschen wegzudenken. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht evident ist, so sind wir fast täglich von Religiösem umgeben und werden mit theologischen Fragestellungen konfrontiert. Manch einer mag sich nun fragen, auf welche Weise dies geschieht. Mit Wilhelm Gräbs Worten kann man hierauf erwidern: „Spuren gelebter Religion begegnen vielfach in unserer urbanen Alltagskultur“3. Damit macht er deutlich, dass wir Zeichen, Botschaften und Bilder mit religiösem Gehalt überall dort finden, wo Versprechen gemacht, Werte propagiert oder Verhaltensweisen empfohlen werden. Das kann in spirituellen Workshops sein, aber auch auf einem Werbeplakat, im Fernsehen, in Liedern oder in Ratgebern. Doch nicht nur in esoterischen Selbsthilfebüchern findet man theologische Motive, sondern auch in Romanen. Stefan Heil geht sogar so weit zu behaupten, dass „bei fast jedem Autoren (…) mit einem breiten Œuvre (...) Spuren religiöser Substanzen in ihrem Werk zu finden [sind]“4.

Gerade die sogenannte Hochliteratur (Franz Kafka, Albert Camus, Graham Greene usw.) enthält oft Zitate, Anspielungen, Variationen christlicher Themen und Stoffe. Betrachtet man allerdings moderne Romane, stellt man schnell fest, dass überwiegend das FantasyGenre auf seinen theologischen Gehalt hin untersucht wurde. Analysen zu Kriminalromanen oder Liebesromanen sind dagegen rar gesät.

Im Folgenden soll Lesen als Teil populärer Kultur betrachtet werden und das Verhältnis von Literatur und Religion summarisch evaluiert werden.

2.1 Lesen als kulturelle Praxis

Wer sich mit Literatur als kulturellem Phänomen befasst, wird feststellen, dass Printmedien im digitalen Zeitalter ihre Vorrangstellung eingebüßt haben.5 Verglichen mit den modernen Medien, ist die Zeit, die Menschen mit Papier und Text verbringen, verhältnismäßig gering und auch die Lesekompetenz der deutschen Schüler rangierte 2009 in der internationalen

PISA-Studie lediglich im Mittelfeld.6

Bei eingehender Betrachtung wird man aber konstatieren, dass Literatur als Phänomen auch andere Befunde generiert. Buchhandelsgesellschaften und -ketten wie Thalia, Weltbild und Hugendubel erfreuen sich hoher Verkaufszahlen, Kinder stehen bei den Harry Potter -Bänden Schlange und auch im Internet finden sich zahlreiche Onlineshops für Literatur wie amazon.de oder booklooker.de. Und ein jeder von uns weiß aus Erfahrung, dass im Reisegepäck selten ein Buch fehlt. Diese beiden Entwicklungsströme scheinen konträr zu sein und sich zu widersprechen; Weyel erklärt hier allerdings, dass „es sich weniger um einen allgemeinen [Lese-]Schwund als eher um einen Wandel des Leseverhaltens handelt“7 ; das Ende der Buchkultur ist noch nicht gekommen, denn Lesen ist und bleibt eine Basisqualifikation.8 Der Wandel zeigt sich darin, dass immer häufiger selektiv und ergebnisorientiert gelesen wird und es werden nicht mehr ausschließlich Hochliteratur und „Klassiker“ gelesen um ein bestimmtes soziales Bildungsniveau zu wahren, sondern überwiegend zur Unterhaltung und eigenem Lesegenuss. Mittlerweile ist neben der Lesepraxis eine veränderte öffentliche Buchkultur zu finden; dazu zählen Buchempfehlungen, Bestsellerlisten und die in der Einleitung erwähnten Verfilmungen von Romanen und anderen Literaturgattungen.9

Es wird folglich deutlich, dass Lesen ein „selbstverständliches Element kultureller Praxis und privaten Lebens“10 darstellt und bereits in der Schule Teil des Curriculums ist. Der Leser benötigt hierfür ein individuelles und kulturelles Können, denn „wer liest, hat selbstständig Anteil an Wissen, an Erzählungen (…) und an Vorstellungsmöglichkeiten“11. Wenn man von Lesen als Teil kultureller Praxis spricht, meint man die Einbettung in das Feld sogenannter populärer Kultur. Popularkultur meint heute die Kultur „ der Leute12, wie sie sich in Filmen, Videos, Werbung, aber auch in bestimmter Literatur ausdrückt. Sie macht mittlerweile einen großen Teil der „Welt- und Wirklichkeitswahrnehmung“13 der Jugendlichen und Erwachsenen aus. Diese populare Kultur, die „ die Leute “ im Blick hat, arbeitet „mit Darstellungsmuster wie Simplifizierung, Stereotypie, einfacher Dramaturgie, guter Kommunizierbarkeit und schneller Konsumierbarkeit“14. Sie ist aber trotzdem nicht trivial.

Was als Literatur zählt und was nicht, daran scheiden sich die Geister. Die Unterscheidung zwischen bürgerlicher Hochkultur und Massenkultur ist vor dem Hintergrund literarischer Genese noch immer präsent. Als gehobene Literatur wird meist Dichtung verstanden, wohingegen die Printmedien der letzten zwei Jahrhunderte oft als Unterhaltungs- oder Trivialliteratur angesehen werden. Letzteres hat eine pejorative Konnotation, denn fühlt sich der Leser von Trivialliteratur nicht ebenfalls „trivial“ und „einfach strukturiert“, nur weil er keine Dichtung liest?

Der Begriff „Trivialliteratur“ impliziert einerseits die Tatsache, dass die literarischen Erzeugnisse „ästhetisch nicht an das Niveau (...)“15 von Hochliteratur heranreichen, andererseits meint dieser Terminus aber auch das, was eingängig und weit verbreitet ist. An dieser Stelle klingt auch die Bezeichnung der Unterhaltungsliteratur an und wird meist als mittlere Stufe literarischer Qualität zwischen Trivialliteratur und Dichtung angesehen.16 Unterhaltungsromane tragen zum Beispiel im Gegensatz zu den sogenannten Heftchenromanen immer die Handschrift ihrer Autoren17. Sie erzählen eine in Buchform abgeschlossene Geschichte, in die der Leser zuerst eingeführt wird um dann am Hauptkonflikt derselben teilzuhaben. Letztendlich partizipiert der Leser als dritten Schritt an der Auflösung dieses Konfliktes.18

Romane sind meist so aufgebaut, dass der Leser bereits zu Beginn Interesse am Buch und der darin beschriebenen Handlung entwickelt und aus diesem Grunde erfahren möchte, wie sich das Geschehen entwickelt und der Konflikt (der je nach Genre unterschiedlich ist) aufgelöst wird. Gerade wenn der Roman spannend oder lustig geschrieben ist, kann man ihn schwer aus der Hand legen und so gestaltet sich Lesen zu einer unterhaltsamen, ablenkenden Freizeitbeschäftigung.

Je nach Gattung des jeweiligen Romans kann die Dramaturgie des Werkes auf vielfältige Weise variieren. In der Regel wird der oben angesprochene Dreischritt bewahrt, aber der Fokus kann entweder darauf liegen, die große Liebe zu finden, den „bösen“ Täter zu fassen oder sein Leben erfolgreich zu meistern und Ähnliches. Aus dem Plot und dem Schwerpunkt des Romans resultiert dessen Einordnung in ein bestimmtes Genre; so gibt es Liebes- und Frauenromane, Kriminalromane, Heimat- und Kindheitsromane, Fantasy- und Science-Fictionromane etc. Das Spektrum ist folglich sehr vielfältig.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Literatur als Teilphänomen populärer Kultur neben den neuen Medien existiert bzw. mit ihnen konkurriert und zur Alltagspraxis vieler Menschen gehört. Lesen ist eine ästhetische Erfahrung, die es dem Leser ermöglicht, dem Alltag und der Realität zu entfliehen und neue Handlungsspielräume kreativ zu entdecken.

2.2 Literatur und Theologie

Das Verhältnis von Religion und Literatur ist vielseitig und komplex. Generell sollte diese Verhältnisbestimmung in Bezug auf ein konkretes Werk erfolgen und auf sorgfältiger Textarbeit basieren.19 Man kann allerdings so weit gehen und sagen, dass auch für die Theologie eine kritische Auseinandersetzung mit Literatur unverzichtbar ist. Das Christentum bezieht sich in seiner Theologie und religiösen Praxis essentiell auf die Bibel. Die reformatorische Theologie unterstreicht das Schriftprinzip, sola scriptura, d.h. die Bibel als hinreichende Vermittlerin der Heilsbotschaft. Auch heute noch werden die Texte der Heiligen Schrift historisch-kritisch untersucht und für die Leser exegetisch ausgelegt.20 Textexegese bildet also ein zentrales Verbindungsstück zwischen religiösen und literarischen Texte; in „der Auslegung von Texten durchkreuzen sich Literatur und Religion“21.

Aber auch die Bibel selbst kann als Roman gelesen werden. Es handelt sich hierbei um Geschichten der vielen Gottesbegegnung der Menschen; Erzählungen, die das Leben interpretieren. Oft wird in der Kirche die Literaturgattung des Romans zu Unrecht abgewertet, aber auch sie drückt „konkretes Erleben von menschlichen Personen aus“22. Literatur als Medium der Weltdeutung bedient sich vielfach theologischer Themen. Religiöse Erfahrungen werden geschildert, die Frage nach Gott und dem Sinn des Lebens taucht vermehrt auf, und in Kriminalromanen findet man stets den Dualismus von Gut und Böse. Auch zentrale dogmatischer Termini sind zu finden; so ist von Schuld und Sühne, Gnade und Sünde, Tod und Erlösung die Rede. Romanwelten haben ein großes symbolisches Potenzial christlicher Tradition inne.23 Sie drücken Ursehnsüchte der Menschheit, wie Liebe, Geborgenheit, ein erfülltes, sinnhaftes Leben etc. aus und beinhalten Themen, die Tiefenerfahrungen des menschlichen Daseins darstellen. Literatur behandelt oft Themen wie die Suche nach sich selbst, Auseinandersetzungen mit Krankheiten und Tod, Einsamkeit und Sexualität. Sie spricht damit jeden Leser in der Tiefe seiner Seele an und greift substantielle und essentielle Fragen des menschlichen Lebens auf. Da viele Romane einen positiven Ausgang haben, vermitteln sie dem Leser das Gefühl, ebenfalls seine Ziele erreichen zu können. Der Mensch selbst ist in den modernen Romanen der Schöpfer und Gestalter seiner Welt und seiner Lebensgeschichte.24

Wie bereits angedeutet, wird im Roman unterschwellig fast immer die Frage nach dem Sinn des Lebens gestellt: Werden die menschlichen Sehnsüchte erfüllt?, Wie können wir ein sinnhaftes Leben führen?, Sind wir fähig zur Liebe? Und welchen Sinn hat das Leben im Angesicht all der Gewalttaten unserer Welt? Die Beantwortung dieser Fragen wird meist implizit gegeben, und dass wir es können, wenn wir hart genug daran arbeiten; doch die Hoffnung auf einen letzten Sinn des Lebens bleibt. Und „auch als Christen sind wir davon überzeugt, daß [ sic ] unser Leben uns viele Gründe der Hoffnung gibt“25.

Wenn man von religiösen Motiven spricht, sollte zuerst in aller Kürze erläutert werden, was ein Motiv in der Literatur überhaupt ist . Per definitionem handelt es sich um einen Beweggrund oder Leitgedanken (von mlat. motivum, movere). Es bezeichnet auch eine eigentümliche, typische Situation, die einen bestimmten Lebensbereich (z.B. Kunst) kennzeichnet.26 In der Literatur ist es ein zentrales Thema oder ein Baustein eines jeden Werkes, das häufig immer wiederkehrt und sich wie ein roter Faden durch dieses zieht. Das Motiv ist vom Autor bewusst gewählt und wird so wichtig für die Handlung des ganzen Buches. Es ist ein inhaltliches und situationsgebundenes Element; kann folglich verschiedene Erzählthemen umfassen (Situationen, Figuren-Konstellationen, Raum- und Zeitkonzepte).27 Interessant ist ein Aspekt, der bei der Internetrecherche zum Terminus Motiv ins Auge fällt: Gibt man bei wikipedia.de das Schlagwort Motiv (Literatur) ein, werden bereits zu Beginn des Artikels klassische Werke (Dostojewski, Walser, Schiller usw.) als Beispiele zitiert, die überwiegend theologische bzw. biblische Motive enthalten (Feindesliebe, Figur des biblischen Jesus und Abraham, Motiv der feindlichen Brüder).

Auch den Begriff „religiös“ sollte man nochmal definieren. Viele Menschen und Wissenschaftler benutzen den Terminus unbekümmert und verständigen sich untereinander mühelos über einen „religiösen“ Sachverhalt. Aber sobald es darum geht, genau zu definieren, was dieses Wort eigentlich meint, gerät man in schnell in Erklärungsnot. Hans Waldenfels legt in seinem Lexikonartikel28 dar, Religion bezeichne „das vom Menschen geforderte Grundverhalten gegenüber der sein Leben erfüllenden, befreienden, heilenden Instanz, die der Christ >>Gott<< nennt“. Religion sei weiterhin zu einem „Genusbegriff geworden, der einerseits verschiedene Religionen miteinander verbindet, sie aber in der Frage nach der wahren Religion voneinander [absetze]“29. Waldenfels hat hier einen sehr weiten Religionsbegriff. Menschliches Suchen und Fragen nach den ungelösten Rätseln des menschlichen Daseins werden als Ausdruck religiösen Sehnens formuliert.30 Die religiöse Frage beantwortet die Frage nach dem Letztgültigen, nach dem, was Wert und Bestand hat. Sie begegnet uns in den Fragen nach der Wahrheit, dem richtigen Verhalten, nach dem Sinn des Lebens, nach der Identität des Menschen und seiner Zukunft. Religiöses liegt folglich da vor, wo Antworten auf diese Fragen offeriert werden, und zwar auch häufig, ohne dass man sich dessen bewusst ist oder darüber reflektiert.31 Dieser Terminus bedeutet also nicht von vornherein „christlich“ oder „gebunden an eine Religionsgemeinschaft“, auch nicht jegliche Verwendung von biblischen Motiven oder Metaphern. Religiös kann in einem weiten Sinne verstanden werden, ist „allerdings auch nicht denkbar ohne eine zumindest offene Beziehung zur Transzendenz“32.

Rezeptionsästhetisch kann gesagt werden, dass Religion und Theologie dort zu finden sind, wo sie von einem Autor als solche identifiziert werden, also folglich auch in der Literatur.33 Motive können dann als religiöse Phänomene deklariert werden, „wenn Menschen sich durch sie in ihrem Grundverhältnis zu Welt und Leben angesprochen finden, ihre ganze Lebens- und Weltansicht durch sie in eine bestimmte Form gebracht wird“34. In solchen Fällen dient Religion dem Leser als Lebensdeutung. Allerdings muss man an dieser Stelle darauf hinweisen, dass das Finden und Auswerten von religiösen Motiven eine subjektive Vorgehensweise ist. Jede Kategorisierung eines Themas oder Motivs als ein theologisches beinhaltet eine Wertung. Ob ein Inhalt theologisch relevant ist oder nicht, hängt stark vom jeweiligen Leser und seinem theologischen Hintergrundwissen ab. Wenn man also „ religiöse Deutungsmuster innerhalb der populären Kultur [in diesem Fall in Romanen] identifiziert, dann hat man sich zunächst klar zu machen, dass es sich bei solchen Feststellungen selbst jeweils um Deutungsvorgänge handelt“35. Es muss aus diesem Grunde praktisch-theologische Hermeneutik36 betrieben werden, denn Religiöses interagiert mit anderen Bereichen des Lebens, z.B. der politischen, ökonomischen, ästhetischen und alltagsbezogenen Praxis der Menschen im sozialen Geflecht.37

Die Menschen behalten sich das Recht vor, selber zu entscheiden, ob und an wen oder was sie glauben. Sie entscheiden selbst, inwieweit sie sich religiös in ihrer Lebensführungspraxis orientieren wollen oder welcher Glaubensgemeinschaft sie sich anschließen.38 Dies führt dazu, dass der Ort gelebter Religion nicht zwangsläufig die Kirche oder eine religiöse Gemeinschaft sein muss. Er kann stattdessen auch in der Kunst, der Literatur, im Film usw. gefunden werden.39

Hubert Knoblauch verbindet Theologie und populäre Kultur und spricht von populärer Religion, was in einem doppelten Sinne zu verstehen ist. Einerseits meint er damit, dass Religion wieder populär geworden ist und in verschiedenen sozialen Milieus akzeptiert wird; andererseits handelt es sich um eine „neue Form der Religion, die sich durch ihre Popularität, ihren populärkulturellen Grundzug auszeichnet“40 und an die Populärkultur angepasst hat. Populäre Kultur beinhaltet bei Knoblauch die christliche Spiritualität, die inzwischen Teil der Kultur geworden ist. Ihre Popularität erhält sie durch ihre Ausweitung über das Feld der Religion hinaus, womit sie eine „Grenzüberschreitung“ vollzieht.41

2.3 Implizite und explizite Religiosität

Spricht man von religionshaltiger Popularkultur, so muss man erwähnen, dass sich diesem Phänomen auf verschiedene Weise genähert werden kann. Hans-Martin Gutmann hat als einer der ersten den Blick dafür geschärft, dass populäre Kultur in hohem Maße jüdisch- christliche Sinnbilder beinhalte. Da moderne Popularkultur mit entsprechenden Bildern und Metaphern spielt, erscheint ihm die generelle Rede von „Traditionsabbruch und Symbolverlust“42 zumindest fragwürdig. Er beansprucht eine Praktische Theologie der Erinnerung, für eine Spurensuche nach den in der Popularkultur zitierten Mythen. Gutmann scheint hier mit dem Umstand zu rechnen, dass „sich in diesen Bildern unterschwellig die bleibende Bedeutung jüdisch-christlicher Tradition manifestiere“43. Jörg Herrmann betont dagegen den gemeinsamen Wurzelgrund von populärer und religiöser Kultur. Er plädiert dafür, zwischen Elementen expliziter und impliziter Religion zu unterscheiden. Während die explizite Religiosität auf bestehende Traditionen, insbesondere auf die christlich-biblische, aufmerksam mache, handele es sich bei der impliziten Religiosität um allgemeine Sinndeutungsmuster.44 So erklärt er, dass das Funktionieren der expliziten Religiosität früher durch die religiöse Gemeinschaft gewährleistet wurde, wohingegen es heute die neuen Medien sind, die Entsprechendes für die implizite Religion übernehmen.45 Phänomene impliziter Religion wären beispielsweise die (zwischenmenschliche) Liebe, die Natur sowie das Erhabene. Herrmann bedient sich eines funktionalen Religionsbegriffs, der es ihm ermöglicht, die Religionshaltigkeit der neuen Medien herauszustellen (hier speziell für den Film):

„Für die Theologie ist der populäre Film eine unverzichtbare Bezugsgröße für die zeitgemäße Interpretation ihrer Tradition. Aufgrund der großen Bedeutung des populären Kinos für die Jugendkultur gilt dies in besonderem Maße für die Religionspädagogik“46.

Auf welche Weise ein Dialog zwischen filmischen und religiösen Sinnmustern stattfinden kann, bleibt allerdings offen.

Religion kann in der populären Kultur explizit oder implizit47 begegnen. Ersteres meint das bewusste Erwähnen und Auftreten von christlichen Themen (beispielsweise in Serien wie Eine himmlische Familie oder in Romanen wie Die Hütte). Explizite Motive sind folglich eindeutige, religiöse Symbole, wie etwa das Kreuz, die Liturgie des Gottesdienstes oder die religiöse Sprache. Sie sind religiös markiert und werden auch von Menschen erkannt, die atheistisch aufgezogen wurden. Sie scheinen an solchen religiösen Markierungen zu erkennen, wann es sich um Religion handelt.48 Ergo zeigt religiös konnotierte Popularkultur, dass kirchlich nicht (mehr) gebundene Menschen auf religiöse Themen und Symbole ansprechen. Sie kann so zu einer symbolischen Bewältigung der Lebenswelt und des Alltags beitragen.49

Bei impliziten theologischen Sinnbildern dagegen gestaltet sich das Erkennen derselben weitaus schwieriger; viele Leser würden theologische Symbole, Formen und Themen, die sich nicht offensichtlich darstellen, nicht mehr erkennen, da sie nicht mehr in den religiösen Traditionen aufgezogen wurden.50

So könnte populäre Kultur implizit in „popkulturellen Thematisierungen und Verhaltensweisen, die als „religionsaffin“ oder „religionsanalog“ beschrieben werden“51, erscheinen. Auch das tägliche Ansehen der Tagesschau oder die Chorgesänge im Fußballstadion können als rituelle Verhaltensweisen betrachtet und religiös gedeutet werden. Folglich sind Literatur und Kunst, Fernsehsendungen und Fußball usw. in der Lage „alltagskulturelle Sinncodierungsleistungen für die sich im entsprechenden Milieu bewegenden Menschen“52 zu erbringen. Religionshaltige Aspekte finden sich in der Alltagskultur meist implizit. Oft nehmen wir es überhaupt nicht wahr, dass alltagskulturellen Symbolen ein theologischer Sinngehalt innewohnt. Literatur zum Beispiel ist so in den menschlichen Alltag eingelassen, dass sie ihn zeitgleich unterbricht, eine Auszeit gewährt, in dem sie ein symbolisches Universum kreiert, dass den Leser in seinen Bann zu ziehen vermag und ihm bestenfalls aufzeigt, wie sein Leben zu bewältigen ist.

Bei der Analyse eines Romans mit theologischen Anspielungen steht im Hintergrund immer die Frage, wie Religiöses textimmanent dargelegt wird. Dabei muss die Problematik geklärt werden, ob Religion als explizite stets unterschwellig präsent ist oder ob sie überwiegend als implizite zur Sprache kommt. Einige theologische Motive erlauben bei näherer Auseinandersetzung sowohl einen impliziten als auch einen expliziten Zugriff. Zu welcher Seite sich dabei die Interpretation des einzelnen Literaten neigt, ist in gewissem Sinne dem individuellen Leser überlassen.

Dabei darf man allerdings nicht den Fehler der Überinterpretation begehen: Das NichtChristliche zur Bedeutungslosigkeit zu degradieren oder als anderes Extrem mit zu viel theologischem Gehalt aufzuladen. Denn das würde letztlich bedeuten, die Intention des Autors falsch zu verstehen.

Für die Analyse wurden drei verschiedene Romangenres ausgewählt, um aufzuzeigen, dass Religion neu und unerwartet an eigentlich „fremden Orten“ zu finden ist. Religion ist nicht nur beschränkt auf ihren bislang klassischen Platz „Kirche“, sondern begegnet den Menschen auch an anderen Stellen und Orten; so auch in Literatur, Kino, Kultur. Allerdings findet man Ingredienzien des Religiösen nicht nur in Kriminalromanen, die mit dem evidenten Dualismus von Gut und Böse spielen, sondern eben auch in Unterhaltungs- und Liebesromanen. Die drei gewählten Werke sind deshalb interessant, da sie mit zahlreichen theologischen Themenstellungen ausgestattet sind und eine große Leserschaft aufweisen können. Aus diesem Grunde werden Teufelsleib, Zeit im Wind und Die Hütte stellvertretend für die drei Gattungen Kriminal-, Liebes- und christlich-biographischer Roman untersucht und es soll demonstriert werden, wieso sie Elemente in sich vereinen, die Menschen- jung und alt- am Herzen liegen und existentiell bewegen. Meist handelt es sich bei solchen Werken nicht um „christliche Literatur“, nicht um eine bewusste Thematisierung religiöser Vorstellungen. Doch soll untersucht werden, ob sich an diesen Romanen etwas über die aktuelle Situation der Religion in der modernen Gesellschaft ablesen lässt und warum sich eine so große Leserschaft mit den Sinndeutungen identifizieren kann. Weiterhin wurde die Auswahl der Texte durch ihren Aktualitätswert bestimmt.

Im Folgenden wird auf die wichtigsten Deutungsmöglichkeiten eines jeden Motivs eingegangen; die Interpretation erfolgt aber immer mit Hinblick auf den jeweiligen Roman und unter Berücksichtigung des spezifischen Kontextes.53

3. Analyse des Romans „Teufelsleib“ (Andreas Franz)

Auch wenn moderne Kriminalromane nicht zur sogenannten „anspruchsvollen“ Literatur zählen, ist die Welt derselben heute „nahezu unübersehbar“54. Sie sind im besten Fall so spannend, dass der Leser das Buch nicht aus der Hand legen will und unbedingt das Ende erfahren möchte. Dieses Genre weist eine große Leserschaft auf; auch der Hamburger Praktische Theologe Hans-Martin Gutmann bezeichnet sich selbst als „begeisterungsfähige[n] Leser von Kriminalromanen“55.

Das Interesse an Detektiv- und Kriminalromanen rührt daher, dass es den Leser interessiert, was im Innersten der dargestellten Figuren vor sich geht, ob sie ahnungslos von einem plötzlichen Tod durch Unfall oder Mord überrascht werden oder sich durch ein schlimmes Ereignis lebensmüde dem Tod ausliefern. Das Kapitalverbrechen Mord kommt in diesem Genre mit Abstand am häufigsten vor.56

Dem Liebhaber dieser Gattung wird nicht entgangen sein, dass eine Vielzahl dieser Werke sich religiöser Motive bedient, die sich bereits im Titel manifestieren57. Betrachtet man biblische Geschichten (vor allem die alttestamentlichen), so könnte man behaupten, dass die Kriminalliteratur schon mit der Bibel begann, denn in beiden geht es um die „Verderbtheit des Menschen, um die Abgründigkeit der Welt und um das Verhältnis von Schuld und Sühne“58. Die Thematisierung des Bösen in all seinen Formen ist auch aus kirchlicher Sicht sinnvoll, denn ohne die Realität des Bösen ist auch die Realität des Guten, des Heils und der Erlösung nicht zu ermessen.59 Oft wird dann nicht nur das Furchtbare aufgezeigt, sondern auch Hoffnung gegeben und demonstriert, dass das, was folgt besser wird. Die Darstellung in Kriminalromanen zielt also nicht nur darauf ab, zu erschüttern, sondern zu veranschaulichen, dass es nicht beim Bösen bleibt und dass das Gute im überwiegenden Fall siegt.

Inwiefern die Romane im weiteren Verlauf des Plots Gebrauch von theologischen Themen machen, soll im Folgenden exemplarisch an Hand des Werkes Teufelsleib von Andreas Franz demonstriert werden. Dabei werden zuerst die drei Motive gedeutet, auf die der Autor sein Hauptaugenmerk gerichtet hat.

[...]


1 Anm.: siehe hierzu die Shell Jugendstudie: http://www.static.shell.com/static/deu/downloads/aboutshell/our_commitment/shell_youth_study/2010/yout _study_200_graph_religion.pdf (24.04.2012). Luckmann betont allerdings, dass die „Kirchlichkeit“ der Menschen zwar sichtbar abnehme, allerdings dürfe dies nicht mit einem Schwund der Religiosität gleichgesetzt werden. Es handele sich eher um eine Formveränderung und nicht um ein Verschwinden der Religion. Luckmann benutzt hierfür den Terminus „unsichtbare Religion“ [Knoblauch (2007), S.202].

2 Kaufmann (1989), S.209.

3 Gräb (1999), S.17.

4 Heil (2005), S.134.

5 Vgl. Weyel (2007), S.371.

6 http://www.oecd.org/document/24/0,3746,de_34968570_39907066_43804440_1_1_1_1,00.html (24.04.2012).

7 Weyel (2007), S.371.

8 Ebd.

9 A.a.O., S.372.

10 Fechtner (2005), S.185.

11 Ebd.

12 Vgl. Ritter (2003), S.7

13 Ebd.

14 Ritter (2003), S.7.

15 Fechtner (2005), S.186.

16 Ebd.

17 Anm.: Im Folgenden wird der Lesbarkeit halber ausschließlich die maskuline Form verwendet. Selbstverständlich sind die Autorinnen eingeschlossen. Gleiches gilt für den Leser.

18 Vgl. Fechtner, S.186.

19 Vgl. Weyel (2007), S.376.

20 A.a.O., S.375.

21 von Jagow (2009), S.344.

22 Greeley (1993), S.26.

23 Vgl. Weyel (2007), S.372.

24 Vgl. Greeley (1993), S.27.

25 A.a.O., S.29.

26 Vgl. Duden (1963), „Motiv“, S.452f.

27 http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/Motiv (10.05.2012). 7

28 Anm,.: Gemeint ist sein Artikel „Religion (en)“ in Schütz, Chr. (Hg.): Praktisches Lexikon der Spriritualität, Freiburg 1998, Sp. 1048f.

29 Motté (1997), S. 25 [für beide Zitate].

30 A.a.O., S.26.

31 Ebd.

32 Motté (1987), S.13.

33 Vgl. Meyer-Blanck (2009), S.64.

34 Gräb (1999), S.21.

35 Meyer-Blanck (2009), S.66, [Anm.: Der Kursivdruck wurde vom Autor übernommen].

36 Anm.: Zur Begrifflichkeit und Explikation praktisch-theologischer Hermeneutik siehe Meyer-Blanck, S.65.

37 A.a.O., S.66.

38 Vgl. Gräb (1998), S.43.

39 Anm.: Gräb nennt sie „soziale Orte für die Kultpraxis der modernen Religiosität“ [Gräb (1998), S.44].40 Knoblauch (2007), S.193.

41 A.a.O.,S.197.

42 Gutmann (1998), S.27f., S.38.

43 Roggenkamp (2003), S.37 [online abgerufen am 26.04.2012].

44 Ebd.

45 A.a.O., S.38.

46 Herrmann (2001), S.243.

47 Anm.: In der von Thomas Luckmann inaugurierten Tradition erscheint Religion als ein In- bzw. Nacheinander verschiedener Transzendenzen kleiner, mittlerer und größerer Reichweiten. Implizite Religion wäre auf der Stufen der kleineren und mittleren Transzendenzen anzusiedeln. Diese meinen allgemein menschliche, intersubjektiv vermittelbare Erfahrungen. Die „alltägliche Erfahrung von Raum und Zeit“ wird mit den kleinen Transzendenzen gleichgesetzt, während die Erfahrung des Mitmenschen als des Anderen auf die mittlere verweist. Nicht erfahrbare Wirklichkeiten werden im Rahmen der großen Transzendenzen dargestellt. Insofern erscheinen im- und explizite Religion als Deutungsmöglichkeiten entsprechender Transzendenzen [Roggenkamp. S.37, S.41].

48 Vgl. Knoblauch (2007), S.195f.

49 Vgl. Ritter (2003), S.10.

50 Vgl. Knoblauch (2007), S.198.

51 Meyer-Blanck (2009), S.64.

52 Gräb (1998), S.55.

53 Anm.: Zitate aus den jeweiligen Romanen werden unmittelbar danach durch die Seitenzahl in Klammern, nicht als Fußnote, kenntlich gemacht.

54 Gutmann (2009), S.89.

55 Ebd.

56 Vgl. Motté (1997), S.186.

57 Anm.: Um einige Beispiele aus dem eigenen Bücherregal zu nennen: Teuflische Versprechen (A. Franz), Verdammnis und Vergebung (S. Larsson), Erbarmen und Erlösung (J. Adler-Olsen), Todsünde (T. Gerritsen) und viele mehr.

58 http://www.ursulahomann.de/ReligionUndKrimi/kap001.html (18.05.2012).

59 Vgl. Motté (1987), S.12.

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Religiöse Motive in modernen Romanen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
3,0
Jahr
2012
Seiten
51
Katalognummer
V278282
ISBN (eBook)
9783656720485
ISBN (Buch)
9783656722205
Dateigröße
652 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
religöse, motive, romanen
Arbeit zitieren
Anonym, 2012, Religiöse Motive in modernen Romanen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278282

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