Die Operationalisierung von Relevanz und Zuverlässigkeit über value relevance-Studien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
25 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung: Die externe Rechnungslegung als Informationssystem der Unternehmung

II. Die Informationen der externen Rechnungslegung und ihr Spagat zwischen Relevanz und Zuverlässigkeit
1. Der Wert von Informationen auf Kapitalmärkten
2. Definition von Relevanz und Zuverlässigkeit von Informationen
3. Die Problematik von Relevanz und Zuverlässigkeit in der Bilanzierung
4. Das Ohlson-Modell

III. Das Konzept der value relevance
1. Die Zielsetzung der value relevance-Literatur
2. Die Methodik der value relevance
2.1 Grundlegende Annahmen
2.2 Verhalten der Anleger bei spezifischen Unsicherheiten
2.3 Theoretische Begründung der value-relevance über das clean-surplus-accounting
3. Empirische Bedeutung der value relevance-Studien
3.1 Analyse einzelner Bilanzierungsprobleme
3.2 Vergleich von Rechnungslegungssystemen

IV. Fazit: Relevanz der Operationalisierung von Relevanz und Zuverlässigkeit unter value relevance-Gesichtspunkten

V. Abkürzungs- und Symbolverzeichnis

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung: Die externe Rechnungslegung als Informationssystem der Unternehmung

Es besteht in der allgemeinen Literatur zur Rechnungslegung kein Zweifel, dass externe Rechnungslegung eine Informationsfunktion zu erfüllen hat[1]. Bei der Frage allerdings, wer der Adressat der gelieferten Information sein oder welchen Nutzen er daraus ziehen solle, beginnt bereits die Uneinigkeit. Besonders in der deutschen, stark bilanzrechtlich geprägten Diskussion, wird meist unterstellt, dass Rechnungslegung eine Informationswirkung habe, ohne auf den eigentlichen Zweck der Information oder des Rechnungslegungssystems einzugehen[2]. Stattdessen wendet sich die Fachliteratur meist dem Wie der Rechnungslegung zu und vernachlässigt dabei das Weshalb. Ähnlich verhält es sich in den IFRS. Zwar wird hier im Gegensatz zum HGB als Zweck eindeutig die Vermittlung entscheidungsnützlicher Informationen konkret angegeben[3], allerdings ist der Adressatenkreis sehr weit gefasst[4], so dass es höchst fragwürdig ist, ob sich die Informationsinteressen aller Adressaten durch ein einziges Rechnungslegungssystem befriedigen lassen. Zudem ist auch hier nicht angegeben, welchen Zweck die Informationsvermittlung als solche verfolgt. Geht man von einer informationsorientierten Bilanztheorie aus, so muss diese nach Ballwieser zunächst „Bilanzwirkungstheorie“ sein[5]. Es macht in der Rechnungslegungstheorie wenig Sinn, normativ zu bestimmen, wer wann wie worüber informiert wird, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie die Information wirkt und ob der mit der Verbreitung der Information verfolgte Zweck auch tatsächlich erreicht wird. Sowohl die Informationsökonomik als auch die empirische Bilanzforschung versuchen, auf diese Fragen des Nutzens von Informationen eine Antwort zu geben. Das Konzept der value-relevance möchte dabei im Rahmen der empirischen Bilanzforschung einen Zusammenhang zwischen einzelnen Größen der Rechnungslegung und Marktpreisen ermitteln, um so den Informationsnutzen der Rechnungslegung an sich und einzelner ihr entnommener Größen zu beurteilen.

II. Die Informationen der externen Rechnungslegung und ihr Spagat zwischen Relevanz und Zuverlässigkeit

Das Konzept der value relevance stellt eine empirische Assoziation zwischen einzelnen Größen der Rechnungslegung und Marktpreisen her. Bevor ich im Rahmen der Arbeit auf das Konzept der value relevance eingehe, werde ich in diesem Kapitel zunächst darstellen, welchen Wert Informationen auf Kapitalmärkten verschiedener Informationseffizienzen haben. Anschließend werde ich die Begriffe „Relevanz“ und „Zuverlässigkeit“ bei Informationen untersuchen und auf das Spannungsverhältnis zwischen beiden Begriffen in der Rechnungslegung eingehen.

1. Der Wert von Informationen auf Kapitalmärkten

Welchen Wert spezifische Informationen auf Kapitalmärkten besitzen, ist eine in der wirtschaftswissenschaftlichen Fachliteratur viel diskutierte Frage. Kaum eine wirtschaftstheoretische These ist derart umfangreich und mit einer derartigen Fülle von Datenmaterial getestet worden wie die These der Informationseffizienz von Kapitalmärkten. Der bekannten Definition von Fama zufolge ist ein Markt dann informationseffizient, wenn die Aktienkurse zu jedem Zeitpunkt alle verfügbaren Informationen voll widerspiegeln[6]. Üblicherweise wird dabei zwischen der schwachen, der mittelstrengen, sowie der strengen Variante von Informationseffizienz unterschieden:

- Ein Markt ist im schwachen Sinne effizient, wenn die Kurse alle vergangenen Preis- (=Kurs-)informationen bereits voll verarbeitet haben (=keine Erzielung von Überrenditen durch technische Analyse möglich).
- Ein Markt ist im mittelstrengen Sinne effizient, wenn die Kurse alle öffentlich zugänglichen Informationen voll verarbeitet haben (=keine Erzielung von Überrenditen durch fundamentale Analyse möglich).
- Ein Markt ist im strengen Sinne effizient, wenn die Kurse alle vorhandenen Informationen voll verarbeitet haben (=keine Erzielung von Überrenditen durch Insiderinformationen möglich).[7]

Liegt die jeweilige Form der Informationseffizienz vor, so ist es weitgehend sinnlos, Informationen aus dem jeweiligen Bereich zu verarbeiten, da auch durch ihre Nutzung keine Überrenditen erzielt werden können[8]. Es fielen also lediglich Transaktionskosten an, denen kein Nutzen gegenüber stünde. Fama unterstellt für das Erreichen von Informationseffizienz drei hinreichende Bedingungen:

- keine Transaktionskosten beim Handel,
- Informationen sind für alle Anleger kostenlos verfügbar und
- alle Anleger interpretieren die Informationen einheitlich[9].

Diese stellen allerdings keine notwendigen Bedingungen dar.

Für die Rechnungslegung ergeben sich aus der Effizienzhypothese verschiedene Implikationen: Die Form der Publikation einer Information im Jahresabschluss (Bilanz, Anhang, etc.) spielt auf informationseffizienten Märkten keine Rolle. Da alle Anleger über identische Informationen verfügen, ist es nicht relevant, in welcher Form sie die Information erhalten. Daher ist es auch nicht notwendig, dass jeder Marktteilnehmer über die Kenntnisse verfügt, komplizierte Rechenwerke zu verstehen. Durch die Existenz professioneller Akteure fließen die Informationen in die Kurse ein und gewähren dem unkundigen Anleger ausreichenden Schutz. Weiterhin ergibt sich eine Konkurrenz der Informationssysteme. Es stellt sich also die Frage, was die Bilanzierung anderen Informationssystemen (z.B. ad-hoc-Publizität) voraus hat oder ob sie ihnen womöglich unterlegen und somit redundant ist. Um dies zu prüfen wurden zahlreiche empirische Tests zur Informationseffizienz von Kapitalmärkten durchgeführt. Die empirischen Befunde zur These der Informationseffizienz sind uneinheitlich. Allerdings überwogen in der Vergangenheit bei weitem die Ergebnisse, die den Kapitalmärkten ein sehr hohes Maß an Informationseffizienz im schwachen und im mittelstrengen Sinne bescheinigen[10]. Die Studien zeigen, dass Märkte rasch auf neue Informationen reagieren, die sie zum Teil auch aus komplizierten Rechenwerken extrahierten. Zusätzlich scheint der Markt auch bilanzpolitische Maßnahmen zu durchschauen und die Gewinnermittlung vorwegzunehmen. Dementsprechend dürften also weder die technische, noch die fundamentale Aktienanalyse die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen. Seit einigen Jahren gibt es in der wissenschaftlichen Literatur allerdings ernste Zweifel an dieser Sicht. So lässt sich beispielsweise der post-earnings-announcement-drift, der besagt, dass sich nach Bekanntgabe unerwarteter Gewinnänderungen für einige Zeit Überrenditen erzielen lassen[11], in einem Markt mit mittelstrenger Informationseffizienz nicht erklären. Dennoch ist dieser Effekt bestätigt und vielfach beobachtbar[12]. In der neueren Literatur zeichnet sich daher eine differenziertere Betrachtungsweise ab, die versucht, die Abweichungen von der Informationseffizienz zu erklären (z.B. Behavioral Finance). Auch im Bereich der Rechnungslegung gibt es neuere empirische Untersuchungen, die nachzuweisen versuchen, dass die durch die Rechnungslegung gelieferten Informationen eine Prognose künftiger Einzahlungsüberschüsse ermöglichen. Dazu sind zunächst die Anforderungen an Informationen in der Rechnungslegung zu prüfen.

2. Definition von Relevanz und Zuverlässigkeit von Informationen

Dem „Deutschen Rechnungslegungs Standards Committee e.V.“ zufolge benötigen die Adressaten der Rechnungslegung „Informationen, mit deren Hilfe sie die Höhe, die zeitliche Struktur und den Grad der Sicherheit künftiger Zahlungsströme, die sie interessieren, einschätzen können. Die mit der Rechnungslegung bereit gestellten Informationen sollen es den Adressaten ermöglichen, entsprechende Prognosen selbst zu erstellen.“[13]. Diese Informationen haben sowohl relevant als auch zuverlässig zu sein. Relevanz wird im IFRS-Framework Abs. 26 treffend definiert: „Informationen gelten dann als relevant, wenn sie die wirtschaftlichen Entscheidungen der Adressaten beeinflussen, indem sie ihnen bei der Beurteilung vergangener, derzeitiger oder zukünftiger Ereignisse helfen oder ihre Beurteilungen aus der Vergangenheit bestätigen oder korrigieren.“ [14] . Eine Information ist demnach also nur dann relevant, wenn sie die Entscheidung des Adressaten potenziell beeinflussen kann. Dies kann sie nur, wenn sie etwas über die zukünftige Entwicklung des Unternehmens auszusagen vermag oder bereits getroffene Annahmen zur Zukunft des Unternehmens korrigiert oder bestätigt. Besitzt eine Information also einen „predictive value“ oder einen „feedback value“, so kann sie als relevant angesehen werden[15]. Wagenhofer ergänzt diese Definition noch um den zeitlichen Aspekt des rechtzeitigen Eintreffens der Information beim Adressaten[16].

Ebenso wie der Begriff der Relevanz, wird auch der Begriff der Verlässlichkeit im IFRS-Framework zutreffend definiert. In Abs. 31 heißt es dort: „Informationen sind dann verlässlich, wenn sie keine wesentlichen Fehler enthalten und frei von verzerrenden Einflüssen sind und sich die Adressaten darauf verlassen können, dass sie glaubwürdig darstellen, was sie vorgeben darzustellen oder was vernünftigerweise inhaltlich von ihnen erwartet werden kann.“[17].

Wie bereits an dieser Stelle zu sehen ist, besteht zwischen der Relevanz und der Zuverlässigkeit einer Information ein nicht unerhebliches Spannungsverhältnis. Relevanten Informationen fehlt es vielfach an Zuverlässigkeit, während es zuverlässigen Informationen häufig an Relevanz mangelt.

3. Die Problematik von Relevanz und Zuverlässigkeit in der Bilanzierung

Diese Problematik des Spannungsverhältnisses zwischen Relevanz und Zuverlässigkeit erkennt auch das IFRS im Framework, wo in Abs. 32 folgende Aussage getroffen wird: „Informationen können zwar relevant, jedoch in ihrer Art oder Darstellung so unzuverlässig sein, dass ihr Ansatz möglicherweise irreführend ist.“ [18] . Streim/ Bieker/ Leippe zufolge ist diese Aussage falsch, da eine relevante Information nicht irreführend sein kann[19]. Vielmehr ist es möglich, dass eine Information aufgrund mangelnder Zuverlässigkeit vom Empfänger nicht genutzt wird. Dennoch gibt das IFRS der Relevanz im Folgenden den Vorrang vor dem Kriterium der Zuverlässigkeit[20]. Demgegenüber geht das deutsche HGB den anderen Weg, indem es zum Zwecke des Gläubigerschutzes das Kriterium der Zuverlässigkeit anhand des Vorsichtsprinzips vor das Kriterium der Relevanz stellt[21]. Informationen sollen demnach erst dann in der Bilanz erscheinen, wenn sie bereits zuverlässig bestimmt sind. Das Kriterium der Relevanz spielt dabei für das HGB nur eine untergeordnete Rolle. Weshalb der Spagat zwischen Relevanz und Zuverlässigkeit in der Rechnungslegung so entscheidend ist, lässt sich am Beispiel der Goodwill-Bilanzierung zeigen. Der Theorie zufolge ist der Goodwill der abdiskontierte Betrag der Einzahlungsüberschüsse des erworbenen Unternehmens. Die Praxis zeigt, dass der tatsächliche Wert des Goodwills diesen Betrag allenfalls zufällig trifft. Demnach hat die Höhe des Goodwills also eine hohe Relevanz, da sie den Unternehmenswert des erworbenen Unternehmens darstellt, allerdings nur eine geringe Zuverlässigkeit. Fraglich ist nun also, wie es sich mit der Rechnungslegung im Allgemeinen verhält. Optimal für den Anleger wäre es, wenn sich durch die Rechnungslegung die für ihn interessanteste Information, nämlich der Unternehmenswert, bestimmen ließe.

[...]


[1] Vgl. Busse von Colbe (1993).

[2] Das deutsche HGB enthält zwar eine Fülle von Rechnungslegungsvorschriften, allerdings keine Begründung für den Zweck einer Rechnungslegung.

[3] IAS-Framework, Pkt. 12

[4] IAS-Framework, Pkt. 9

[5] vgl. Ballwieser (1993), 108 f.

[6] vgl. Fama (1970; 1991).

[7] vgl. Fama (1970) und Campbell/Lo/MacKinlay (1997).

[8] Empirische Informationseffizienztests setzen als Basis ein Hintergrundmodell über die Bildung einer „normalen Rendite“ voraus (z.B. Marktmodell von Sharpe).

[9] Vgl. Fama (1991).

[10] vgl. Möller (1985); Bühler/Hax/Schmidt (1993).

[11] vgl. Bernhard (1993).

[12] vgl. Shefrin, H., (2000), “Beyond Greed and Fear”, Harvard Buisness School Press

[13] „Entwurf Grundsätze ordnungsmäßiger Rechnungslegung“, DRSC e.V., Pkt. 11

[14] IFRS-Framework, Abs. 26

[15] vgl. Streim/Bieker/Leippe, (2001).

[16] vgl. Wagenhofer/Ewert (2002).

[17] IFRS-Framework Abs. 31.

[18] IFRS-Framework, Abs. 32.

[19] vgl. Streim/Bieker/Leippe, (2001).

[20] vgl. IFRS-Framework, Abs. 43.

[21] vgl. §252 HGB.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Operationalisierung von Relevanz und Zuverlässigkeit über value relevance-Studien
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Lehrstuhl für Unternehmensprüfung)
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V27833
ISBN (eBook)
9783638297677
ISBN (Buch)
9783638648288
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Operationalisierung, Relevanz, Zuverlässigkeit
Arbeit zitieren
Pascal Holz (Autor), 2004, Die Operationalisierung von Relevanz und Zuverlässigkeit über value relevance-Studien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27833

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