Von den Anfängen der systemischen Therapie bis zur Entwicklung des Reflecting Teams


Hausarbeit, 2002
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historie der Systemtheorie
2.1. Allgemeine Systemtheorie (Kybernetik 1. Ordnung)
2.2. Moderne Systemtheorie (Kybernetik 2. Ordnung)

3. Historie der Familientherapie und der daraus entstehenden systemischen Psychotherapie
3.1. Kalifornien
3.2. Deutschland
3.3. Italien
3.4. Züricher Kongress

4. Ablauf einer systemischen Familientherapie

5. Entstehung des Reflecting Teams

6. Darstellung des Verfahrens
6.1. Aufbau / Organisationsform des Reflecting Teams
6.2. Ablauf des Reflecting Teams

7. Richtlinien für Reflexionen

8. Ziele des Reflecting Teams

9. Diskussion des Verfahrens
9.1. Vorteile
9.2. Nachteile und Ausblicke

10. Was ist eigentlich Kollegiale Lehrersupervision

11. Idealtypischer Ablauf einer Supervisionssitzung

12. Problembearbeitung mit dem Verfahren des Reflecting Teams

Literaturnachweis

Internetrecherche

Anhang

1. Einleitung

Ich möchte hier kurz erklären, warum ich diese Hausarbeit schreibe und wie ich dazu gekommen bin: Im Seminar von Frau Dr. Dietze über systemische Beratung und Supervision habe ich bereits ein Referat über das Reflecting Team gehalten. Dieses Thema war das einzige, das noch zur Verfügung stand, und ich hatte anfangs keine Ahnung, worum es sich handelt. Erst als ich mich in Büchern darüber kundig gemacht und wir das Verfahren im Seminar auch einmal durchgespielt haben, hat mich seine Effektivität sehr beeindruckt.

In dieser Arbeit möchte ich mich nun näher mit dem historischen und theoretischen Hintergrund beschäftigen. Und zwar: von den Anfängen der Systemtheorien, über die Übertragung auf die Familientherapie, bis hin zur systemischen Psychotherapie. Anschließend stelle ich dar, wie das Verfahren des Reflecting Teams entwickelt wurde, wie es durchgeführt wird, welche Vor- und Nachteile es mit sich bringt und wie es eingesetzt werden kann. Dafür habe ich mir als Beispiel die Kollegiale Lehrersupervision herausgesucht.

2. Historie der Systemtheorie

2.1. Allgemeine Systemtheorie (Kybernetik 1. Ordnung)

Der Begriff der „Kybernetik“ (1948) stammt vom Mathematiker Norbert Wiener. Es handelt sich um eine „wissenschaftliche Forschungsrichtung, die Systeme verschiedener Art (technische, biologische, soziologische Systeme) auf selbsttätige Regelungs- und Steuerungsmechanismen (Dynamik) hin untersucht“ (Duden, Deutsches Universal Wörterbuch, S. 917). Annahme der Kybernetiker war also, dass komplexe Systeme sowohl plan- als auch steuerbar seien.

Auf diesen neuen Wissenschaftszweig aufbauend gründete Ludwig von Bertalanff 1954 die „Gesellschaft für Allgemeine Systemforschung“ mit dem Ziel, die Kybernetik auf alle offenen Systeme anzuwenden, die in einem Fließgleichgewicht stehen. Dabei besteht die Finalität eines Systems in der Wiederherstellung und Konstanthaltung des Fließgleichgewichts gegenüber Störgrößen, deren Wirkung von den selbstregelnden Systemen verringert wird (=Homöostase, 1932 nach W. Cannon). Der Istzustand soll also immer wieder dem Sollzustand angeglichen werden. Wichtig ist, dass diese Stabilität im System nur kurzzeitig gehalten werden kann, um eine pathologische Homöostase zu verhindern. Das System wurde unabhängig von seiner äußeren Umwelt gesehen.

Übertragen auf die Familientherapie der 70er Jahre bedeutet dies, dass der Beobachter getrennt von dem Beobachteten betrachtet wurde.

2.2. Moderne Systemtheorie (Kybernetik 2. Ordnung)

In der modernen Systemtheorie sind die Gegensätze (z.B. Offenheit und Geschlossenheit oder Stabilität und Instabilität) das wichtigste Unterscheidungsmerkmal. In komplexen Situationen ist es eben nicht möglich, durch klare Bestimmung des Inputs den Output vorherzusagen. Die daraus entstehenden Probleme der Prophezeiung von Systemen sind u. a. für Humberto Maturana und Varela zentrale Themen geworden, die sich im Bereich der Biologie mit autopoietischen Systemen auseinander setzten. Es handelt sich hierbei um autonom organisierte und strukturell determinierte Systeme, die die Fähigkeit besitzen, sich aus ihren eigenen Elementen Selbst zu erzeugen und zu erhalten.

Von Foerster entwickelte eine Kybernetik 2. Ordnung (die Regeln der Kybernetik wurden auf die Kybernetik selbst angewandt), die Anfang der 80er Jahre in der Familientherapie auch als „Kybernetik des beobachtenden Systems“ bezeichnet wurde. Eine Trennung von Beobachter und Beobachteten war somit nunmehr unmöglich, da jede vom Beobachter gegebene Beschreibung die Vorurteile, Theorien und Charakteristika des Beobachters selbst beinhaltet und absolute Neutralität nicht erreicht werden kann. Das System musste also den Beobachter und die Beobachteten einschließen. Insgesamt waren Maturana und Varela allerdings sehr vorsichtig mit der Übertragung ihrer Theorie der Autopoiese lebender Systeme auf soziale Systeme (http://www.psych.uni-goettingen.de/stud/fachgrupe/papers/systemtheorie.html, http://www.scope-online.de/systemisch.htm, S. 1 u. 2 und Boscolo u. Bertrando, S. 95, 99 u. 124).

3. Historie der Familientherapie und der daraus entstehenden systemischen Psychotherapie

Es gibt eine Fülle von Schulen und Modellen, die deutlich machen, dass die systemische Familientherapie nicht eine Theorie oder einen Begründer hat, sondern sie besteht aus einer Vielfalt von verschiedenen Forschungsarbeiten. Die wichtigsten Vertreter der verschiedenen Länder möchte ich nun im Folgenden kurz vorstellen:

3.1. Kalifornien

Die systemische Psychotherapie geht zurück auf die Arbeitsgruppe um Gregory Bateson in Palo Alto. Zwischen den Jahren 1952 und 1962 arbeitete er zusammen mit Virginia Satir, Watzlawick und Haley am Mental Research Institute. Dabei ging es zunächst hauptsächlich um die Kommunikation von Familien mit einem schizophrenen Mitglied.

Die Idee, ganze Familien mit in die Therapie mit einzubeziehen, war neu und wurde sogar als Paradigmenwechsel bezeichnet. Denn bis dahin wurden „die ‚Probleme’ ausschließlich als ‚Eigenschaften’ einzelner Personen gesehen und nicht als Bestandteile sozialer Systemstrukturen“ (http://www.if-weinheim.de/wasistsyst./famsyst.htm, S. 1). Diese Methode basierte also auf der Kybernetik 1. Ordnung (s. oben) und auf systemischem Denken.

Ein wichtiges Ergebnis ihrer Arbeit war die Theorie des „double bind“ (zu deutsch: Doppelbindung, Beziehungsfalle). Dabei handelt es sich um die Verständigung auf zwei unterschiedlichen logischen Ebenen, ohne dass die beteiligten Personen über die Art ihrer Verständigung selbst reden können (http://www,psychiatrie.de/therapie/familien.htm, S. 2).

Grundannahme dafür war die Erkenntnistheorie nach Bateson und Maturana: Die Dinge werden nicht an sich gesehen, sondern wir konstruieren uns ein Bild von einer Sache, indem wir gewisse Arten von Unterscheidungen treffen. Diesem Bild geben wir eine subjektive Erklärung, und dadurch entstehen unterschiedliche Beschreibungen desselben Bildes, von der keine „wirklicher“ ist als eine andere (nach Maturana: Multiversa statt Universum). „Realitäten“ werden von einem System konstruiert, und nur dieses System als Ganzes kann entscheiden, seine Struktur zu verändern (Seidl, S. 218 und http://bidok.uibk.ac.at/texte/hyperakt/html).

3.2. Deutschland

Erste Ansätze finden sich in den 60er Jahren, die aus der psychoanalytischen Denktradition hervorgingen. Das Ehepaar Sperling bildete eine Arbeitsgruppe in Göttingen, Horst Eberhard Richter aus Gießen ruft Anfang der 70er Jahre die Internationale Arbeitsgemeinschaft für Familienforschung und Familientherapie (AGF) ins Leben, 1974 entstand das Heidelberger Institut als Zentrum der Familientherapie mit der Unterstützung des Psychoanalytikers und Familientherapeuten Helm Stierlin, und 1978 wurde die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Familientherapie (DAF) in Gießen gegründet. Damit begannen die „Gründerjahre“, und die Familientherapie fand eine immer stärkere Verbreitung.

3.3. Italien

In praxisbezogener Sicht wurde Anfang der 70er Jahre ein Höhepunkt erreicht durch das Mailänder Modell auf der Basis der theoretischen Überlegungen von Watzlawick und Bateson. Die Internistin und Psychoanalytikerin Mara Selvini Palazzoli kam mit ihrer psychoanalytischen Methode bei der Behandlung von Magersüchtigen nicht mehr zurecht und suchte zusammen mit dem Psychiater Luigi Boscolo eine Neuorientierung. In Italien fingen sie als erste an, ganze Familien und Paare zu behandeln. Dabei griffen sie die Methode aus Palo Alto wieder auf. 1975 erschien das folgenreiche Werk „Paradoxon und Gegen-paradoxon“, in dem das Markenzeichen des Mailänder Modells, die paradoxen Interventionen, erläutert wurden. Dabei war nicht die Technik an sich das Entscheidende, sondern das systemische Verständnis der Beschwerden. Systemisch denken, um systemisch zu handeln lautete das Motto (Boscolo u. Bertrando, S. 121 und http://www.systemisch.de/texte/ludewig.htm, S. 2).

1980 trennte sich dann die Gruppe und die beiden Hauptvertreter gingen verschiedene Wege:

Mara Selvini Palazzoli entwickelte zusammen mit Giuliana Prata weitere Interventionstechniken (z.B.: Hypothetisieren, Zirkularität, Neutralität), und Luigi Boscolo und Gianfranco Checcin beschäftigten sich mehr mit Ausbildungsfragen bezüglich der systemischen Familientherapie . Sie erweiterten den Familienbegriff, um eine größere Anzahl von interagierenden und für das Problem signifikanten Systemen aufzunehmen. Auch richteten sie die Aufmerksamkeit auf den Therapieprozess selbst anstatt auf die Schlussintervention. Basierend auf der Kybernetik 2. Ordnung (s. oben) wurde die Familie also nicht mehr länger als „homöostatische Maschine“ (Boscolo u. Bertrando, S. 126) angesehen, sondern – wie die Therapeuten selbst – als ein beobachtendes System. Der Therapeut hatte dabei die Aufgabe, sich die Meinungen der anderen Mitglieder dieser signifikanten Systeme vorzustellen und sie aufeinander zu beziehen. So kommt er zu einer komplexeren, multizentrischen und, in einem gewissen Sinne, kollektiven Hypothese, die durch ihre Tiefe ein stereoskopisches Bild des Systems bietet, um damit die persönliche eindimensionale Hypothese zu ersetzen (Boscolo u. Bertrando, S. 127, http://www.scope-online.de/systemische.htm, S. 3).

3.4. Züricher Kongress

Entscheidend vorangetrieben hat der amerikanische Psychologe Paul Dell den Übergang von der Familientherapie zur eigentlichen systemischen Therapie. Auf dem Züricher Kongress im Jahre 1981 berief er sich in seinem Vortrag auf den chilenischen Neurobiologen Humberto Maturana und dessen Autopoiese-Konzept. Außerdem lehnte er sich an die Kybernetik 2. Ordnung von Foersters und an den Radikalen Konstruktivismus von Glasersfelds an. So demontierte er nacheinander alle Grundprämissen, auf denen die Familientherapie bis dahin gebaut hatte.

Heute sind fast alle Formen der Familientherapie mehr oder weniger von dieser systemischen Therapierichtung beeinflusst (http://www.psychiatrie.de/therapie/familien.htm, S. 2 und http://www.systemisch.de/texte/ludewig.htm, S. 3).

Bevor ich die Weiterentwicklung zum Reflecting Team darstelle, möchte ich kurz den typischen Ablauf einer systemischen Familientherapie (Zweikammermodell) skizzieren, um den Unterschied beider Verfahren deutlicher herausstellen zu können.

4. Ablauf einer systemischen Familientherapie

Wenn möglich wird die Therapie von einem Therapeutenteam durchgeführt, welches sich vor jeder Sitzung trifft und eine Arbeitshypothese formuliert, wenn schon Informationen vorhanden sind. Danach führt einer von ihnen die Familiensitzung und der Rest sitzt vom Therapieraum getrennt hinter einer Einwegscheibe. Die Sitzung kann entweder von dem Therapeuten oder von dem Beobachtungsteam unterbrochen werden, um eine kurze Beratung untereinander abzuhalten und Ideen auszutauschen. Am Ende der Sitzung trifft sich das Therapeutenteam etwas länger. Während dieser Zeit bilden sie eine systemische Hypothese, die dann die Grundlage für eine Schlussintervention bildet. Anschließend wird der Familie diese Schlussintervention mitgeteilt, die entweder eine Neuformulierung, eine Verschreibung mit Aufgaben oder ein Ritual sein kann (Boscolo u. Bertrando, S. 121 und http://www.psychatrie.de/therapie/familien.htm, S. 3).

5. Entstehung des Reflecting Teams

1984 bildeten mehrere Mitarbeiter der psychiatrischen Klinik in Tromsö, Norwegen zwei Teams unter der Leitung von Tom Andersen, einem Professor für Sozialpsychologie. Zusammengesetzt waren die Teams aus Sozialarbeitern, Psychologen, Psychiatern und Ärzten, die versuchten „nach Mailänder Art“ zu arbeiten. Stark beeindruckt waren sie von der Beachtung des laufenden Interview-Prozesses, die sie nach Trennung der Mailänder Gruppe bei Boscolo und Cecchin kennen lernten. Diese veränderten ihre Konzepte weg von den invasiven und interventionistischen Teilen ihres Modells hin zu einem Modell der hilfreichen und sinnvollen Konversation (Andersen, S. 25).

Durch eine zufällige Begebenheit im März 1985 (man vergaß die Mikrophone auszuschalten, während die Therapeuten sich hinter dem Einwegspiegel berieten, so dass die Klienten die Unterhaltung mit anhören konnten) drängte sich dann die Idee des Reflecting Teams ans Licht, die Tom Andersen 1987 bis 1988 in seinem Buch: „Das reflektierende Team, Dialoge und Dialoge über die Dialoge“ veröffentlichte. Damit kam es zu einer Weiterentwicklung der systemischen Psychotherapie. Sie konnte nicht länger als eine lineare, kausale und problembezogene Intervention verstanden werden, sondern als Durchführung eines günstigen zirkulären Dialogs.

Kritik übte Tom Andersen und sein Team an den Schlussinterventionen und den teilweise offen ausgesprochenen Manipulationen als Methode, die sie in vielen klassischen systemischen Arbeitsformen fanden. Dabei stellten sie sich die Frage, „inwieweit ein Konzept, dessen Ziel ein emanzipatorisches ist, nicht auch in seiner Struktur emanzipatorisch sein müsse“ (Hargens u. von Schlippe, S. 15). Sie störte, dass der Interviewer bis zu diesem Zeitpunkt nie die Überlegungen aus der Beratung mit dem Team übermittelte, und traten deshalb ein für mehr Transparenz mittels einer praktischen Handlungsform, die dem Inhalt deutlicher entspricht (Seidl, S. 217 und http://www.systemisch.de/texte/ludewig.htm, S. 3).

Begriffsklärung:

Refleksjon (norwegisch): etwas aufnehmen / überdenken, bevor eine Antwort gegeben wird (Andersen, S. 28)

Definition: Rückwendung des Subjekts vom wahrgenommenen Gegenstand auf seine eigene Wahrnehmungs- und Denkebene (Meyers Großes Taschenlexikon, Bd. 18, S. 195)

Team (engl.): Gruppe von Personen, die gemeinsam an einer Aufgabe arbeiten (Duden, Deutsches Universal Wörterbuch, S. 1520)

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Von den Anfängen der systemischen Therapie bis zur Entwicklung des Reflecting Teams
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Rehabilitationswissenschaften)
Veranstaltung
Systemische Beratung und Supervision im rehabilitationspädagogischen Kontext
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V278331
ISBN (eBook)
9783656711346
ISBN (Buch)
9783656712619
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
anfängen, therapie, entwicklung, reflecting, teams
Arbeit zitieren
Sonderpädagogin Anne Graefen (Autor), 2002, Von den Anfängen der systemischen Therapie bis zur Entwicklung des Reflecting Teams, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278331

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