Siedlungsgeschichte und Sprache der Burgunder


Seminararbeit, 2013

37 Seiten, Note: 5,5 (Schweiz)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Geschichte der Burgunder (2. v. Chr. – 6. Jh. n. Chr.)

2. Siedlungsgeschichte der Burgunder
2.1. Ortsnamen mit dem Suffix –ingōs

3.Die burgundische Sprache’
3.1. Phonologie, Morphologie und Lexik des Burgundischen
3.1.1. Gemeinsamkeiten mit den ostgermanischen Sprachen
3.1.2. Gemeinsamkeiten mit den westgermanischen Sprachen
3.1.3. Eigenheiten des Burgundischen
3.2. Lehnwörter im und aus dem Burgundischen
3.2.1. Frankoprovenzalische Wörter burgundischen Ursprungs
3.2.2. Burgundische Wörter lateinischen Ursprungs

Schlusswort

Bibliographie

Anhang

Einleitung

Das heutige Burgund – die Region Bourgogne in Frankreich – ist vor allem für seine Weine, seine Kirchen, Paläste und Schlösser bekannt. Doch wie sieht es aus mit dem spätantiken namhaften Volk der Burgunder? Dieses kennen die Meisten aus Sagen wie dem Nibelungenlied, der Thidrekssaga Dietrichs von Bern, dem Siegfried-, Dietrich-, Brunhild- oder Atlilied aus der Liederedda, welche inhaltlich in die Völkerwanderungszeit zurückreichen. Den Sagen zufolge, die den historischen Stoff mit weiteren mündlich überlieferten germanischen Heldensagen verflochten, hatte der burgundische König Gunther seinen Hauptsitz in Worms, was Literaturwissenschaftler, Historiker und Archäologen dazu veranlasste in diesem Gebiet nach den historischen Spuren des burgundischen Volkes zu suchen; bis heute jedoch ohne Erfolg. Auch historische literarische, inschriftliche und die wenigen archäologischen Quellen aus der Zeit des Römischen Reichs konnten bei diesem Unternehmen nicht weiterhelfen.

Auch über die Identität und Kultur der Burgunder erfahren wir äusserst wenig durch die Römer, die in der Sapaudia ab 443 mit ihnen Landbesitz und Nachbarschaft teilten; dies z. B. aus Sidonius Apollinaris’ sarkastischem Gedicht an Catullinus (MGH, AA 8, 1887, 230f.), wo er die Burgunder als ein vielfrässiges, germanisch sprechendes Volk mit barbarischem Betragen, langen mit ranziger Butter eingeschmierten Haaren, das zwar sehr gern und auch gut sang, aber dennoch am morgen früh schon nach Knoblauch und Zwiebeln stank (vgl. Beck 1981, 229). Über die rechts vom Rhein sesshaften Burgunder erfahren wir durch Sokrates, dass sie friedlich von der Landwirtschaft, ihrer Pferdezucht, dem Handel und ihrem Lohn als Handwerker (Holzbauleute), und nicht von Beutezügen lebten (vgl. Kaiser 2004, 31 und 34f.).

Es stellen sich weitere Fragen, wie: Woher kamen die Burgunder und wo genau siedelten sie über längere Zeit nach ihrer Teilnahme an der Völkerwanderung? Wie mag ihre Sprache geklungen haben und welcher Sprachgruppe würde man das Burgundische heute am ehesten zuweisen? Welche sprachlichen Gemeinsamkeiten hat es mit dem West- und Ostgermanischen und welche Charakteristika unterscheiden es von beiden? Wie lange wurde das Burgundische gesprochen? Und zuletzt: Welchen Einfluss hatte das Lateinische auf das Burgundische oder es selbst auf andere Sprachen, wie das Frankoprovenzalische?

Mit diesen Fragen soll sich die vorliegende Arbeit beschäftigen, wobei wir aufgrund fehlender oder in kleinen Mengen vorhandener Quellen und dem aktuellen Forschungsstand nicht immer eine gesicherte Antwort geben werden können. Hierzu soll in einem ersten Schritt auf die Geschichte der Burgunder vom 2. Jahrhundert v. Chr. bis zum 6. Jahrhundert n. Chr. eingegangen werden, welche heute durch historische Werke antiker Autoren teilweise rekonstruiert werden kann. Im zweiten Kapitel wird anhand des typisch burgundischen - ingōs- Suffix in alten Siedlungsnamen das Siedlungsgebiet dieses Volkes von ca. 443 bis 534 genauer untersucht. Daraufhin widmen wir uns der Disziplin der Linguistik und gehen auf die phonologischen, morphologischen und lexikalischen Gemeinsamkeiten des Burgundischen mit den ostgermanischen Sprachen ein und grenzen dies durch solche mit den westgermanischen ab, um danach auf die Eigenheiten des Burgundischen zu sprechen zu kommen. Und um die Tatsache, dass das Burgundische in Lehnbeziehungen mit anderen Sprachen stand nicht ausser Acht zu lassen, soll schliesslich in einem letzten Schritt kurz auf Frankoprovenzalische Wörter burgundischen Ursprungs und den Einfluss des Lateinischen aufs Burgundische eingegangen werden. Die Karten und Lexiktabellen im Anhang sollen dabei als visuelle und geographische Stütze dienen, auf welche im Verlauf der Arbeit immer wieder verwiesen werden wird.

1. Geschichte der Burgunder (2. Jh. v. Chr. – 6. Jh. n. Chr.)

Da die Burgunder kein eigenes Herkunftszeugnis zurückgelassen haben, müssen wir uns vor allem auf die Stellungnahmen römischer und griechischer Autoren stützen, um etwas über ihre Geschichte ihr Siedlungsgebiet und ihre Identität zu erfahren. Dabei sind die Quellen bis zum 3./4. Jh. sehr spärlich, weil sich die Burgunder noch nicht im eigentlichen römischen Gebiet befanden.

In der Antike wurden die Burgunder von römischen Autoren meist auf zwei Arten genannt: Die erste und öfter verwendeten Variante war die schwache lateinische Form Burgundioni / Burgundiones und die zweite nach der starken lateinischen Deklination Burgundii /griech. Bourgoundoi. Dieses Ethonym lässt sich auf die Wurzel *burgund ‚hoch’ zurückverfolgen, welche vom indogerm. *bhrghus ‚gross, hoch, stark’ abstammt und somit auf eine hochgelegene Landschaft verweisen könnte (vgl. Escher 2006, 7; vgl. Beck 1981, 230). Die früheste Quelle, die die ursprüngliche Heimat der Burgunder indirekt nennt, ist Plinius des Älteren enzyklopädisches Werk Historia naturalis (IV, 99),[1] deren erste zehn Bücher um 77 n. Chr. veröffentlicht wurden. Indirekt, weil er nur sagt, dass es fünf Hauptstämme der Germanen gibt, darunter einer – der der Vandiler – zu denen die Burgu(n)diones, die Variner (Warner), Chariner und Gutonen (Goten) gehören – welche somit zur Gruppe der Ostgermanen gerechnet werden können (vgl. Anton 1981, 235f.). Die Vandili sind die uns bekannten Vandalen, über welche einige Forscher sagen, dass sie ihre ursprüngliche Heimat in Skandinavien hatten (vgl. Kaiser 2004, 15f.). Wenn nun also die Burgunder ein Unterstamm des Hauptstammes der Vandalen ist, hätte Skandinavien auch ihre Heimat sein können. Doch weitere konkretere Zeugnisse zu ihrer ursprünglichen Heimat haben wir leider nicht. Dafür haben wir aber Thesen der Vorgeschichtsforschung: Eine dieser Thesen besagt, dass die Insel Bornholm, deren alter Name Burgundarholmr (wahrscheinlich ‚die hochragende Insel’) war, das wohl auf ein noch älteres *Burgund zurückgeht, ein möglicher Aufenthaltsort, wenn nicht sogar die ursprüngliche Heimat der Burgunder gewesen war (vgl. Escher 2006, 7; vgl. Neubauer 2005, 56; Pohl 2002, 154). Diese These wird auch durch das altenglische Wort burgendas ‚die Bewohner der Insel Bornholm’ gestützt, das bei König Alfred des Grossen Übersetzungen des Öfteren vorkommt und die Bewohner dieser Insel bezeichnet (vgl. Neumann 1981, 230). Falls sie im Rahmen der verschiedenen Einwanderungswellen von germanischen Stämmen aus Skandinavien nach Mitteleuropa übersiedelten, geschah dies wahrscheinlich im 2. Jh. v. Chr (vgl. Neubauer 2005, 56; vgl. Anton 1981, 236).

Nach ihrem Auszug aus Skandinavien, wie man vermutet, findet man sie Mitte 2. Jh. n. Chr. im Gebiet zwischen mittlerer Oder und Weichsel, wo östlich von ihnen – jenseits der Vistula (Weichsel) – die Semnonen lebten, wie es Ptolemäus, der seine Geographia universalis (II, 8/ II, 15/ II, 18) etwa um 150 n. Chr. schrieb, bezeugte (vgl. Neubauer 2005, 56; vgl. Anton 1981, 236). Heute glaubt man, dass sich der Kern ihres Siedlungsgebietes „in der Niederlausitz und in Brandenburg beiderseits der [mittleren] Oder, vorwiegend links des Flusses [befand][…], und sich bis zur Oberlausitz und in das w[estliche] Schlesien nach S[üden], sowie bis in die Uckermark und das vorpommersche Gebiet nach N[orden] erstreckte“ (Anton 1981, 236; vgl. Escher 2006, 8f.; siehe Karte 1 im Anhang). Leider ist dieses erste burgundische Siedlungsgebiet auf dem Festland archäologisch noch nicht mit Sicherheit zu identifizieren, da man bisher noch keine genaue Vorstellung von spezifisch burgundischem Fundgut, ihrer Siedlungsweise und ihren Bestattungsformen hat. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass man immer wieder dieselben Keramikformen, Siedlungsweisen, Bestattungsformen[2] und Trachtbestandteile (wie Bügelfibeln) findet, welche aber auch denen im östlichen und westlichen Nachbargebiet sehr ähnlich sind. So findet man in einigen wenigen Kriegergräbern nicht nur im damaligen Siedlungsgebiet der Burgunder die Grabbeigabe von Axt und Pfeilspitzen, sondern zeitgleich auch bei westlichen und südlichen Nachbarstämmen. Das burgundische Gebiet scheint sich geographisch – so wie Plinius und Ptolemäus die Burgunder lokalisiert haben – teilweise auch mit der sich im Norden Polens (nördliches Mittelodergebiet) befindlichen Wielbark-Zivilisation[3] zu decken; und deckt sich später, durch die Ausweitung des burgundischen Siedlungsgebietes, auch südöstlich vom Wielbark-Gebiet, mit der „Luboszyce- oder Lebus-Lausitzer-Kultur“[4] zu decken (Neubauer 2005, 56f.; vgl. Escher 2006, 11f.). Durch ihre Nachbarschaft zu den Goten, welche ebenfalls östlich der Weichsel lebten, entstand – wie man in der Forschung seit dem 19. Jh. glaubt – auch eine gewisse ostgermanische Sprachverwandtschaft, welche im Kapitel 3.1.1. genauer dargestellt ist. Ab Mitte des 3. Jh. n. Chr. lässt sich jedoch eine Siedlungsausdünnung in diesem Gebiet feststellen, welche auf eine erste Emigrationswelle der Burgunder schliessen lässt (vgl. Neubauer 2005, 56). Wie Jordanes in seiner Mitte 6. Jh. verfassten Getica (XVII, 97) berichtet, sei ein Teil der rechts von der Oder siedelnden (Ost-)Burgunder etwa in der Mitte des 3. Jh. mit den Gepiden Richtung Schwarzes Meer gezogen, nachdem sie von denselben – die damals an der unteren Weichsel lebten und ihr Siedlungsgebiet zu erweitern suchten – geschlagen wurden;[5] dort lebten dieser Teilstamm in der Nachbarschaft von Goten und Alanen (vgl. Kaiser 2004, 16; vgl. Anton 1981, 236).

Von 200 bis ca. 278 erfahren wir praktisch nichts über den Hauptstamm der Burgunder. Durch Zosimus erfahren wir dann, dass Teilgruppen der Burgunder und ihre Verbündeten, die Vandalen, auf ihren Raubzugsmissionen 278/279 bis nach Rätien kamen, wo sie von den unter Kaiser Probus stehenden Römern am Fluss Ligys (wahrscheinlich Lech) geschlagen wurden (vgl. Kaiser 2004, 17; vgl. Anton 1981, 236). Nach dieser Niederlage siedelten die Burgunder in die obere und mittlere Main-Gegend über, welche die Alemannen um 259/260 verlassen haben, nachdem sie den Limes durchbrochen hatten; dies machte die Burgunder nun zu den östlichen oder nördlichen Nachbarn der Alemannen (vgl. Anton 1981, 237; vgl. Kaiser 2004, 2004, 17). In diesem Siedlungsgebiet fand man aber nur noch wenige Ortschaften und Gräberfelder, welche man evtl. den Burgundern zuweisen könnte, was sich damit erklären lässt, dass man schon hier einen relativ starken römischen Einfluss feststellen kann (vgl. Knaut 2005, 55). Daher meint Knaut auch, dass es vergeblich sei ab 400 n. Chr. links des Rheins nach burgundischen resp. germanischen Trachtelementen zu suchen (vgl. Knaut 2005, 55; vgl. Neubauer 2005, 59).

Nachdem 29 Jahre lang nichts über die Burgunder berichtet wird, erfahren wir im Jahre 289 aus einer vor dem Kaiser Maximian gehaltenen und schriftlich festgehaltenen Rede vom Panegyriker Claudius Mamertinus, dass die Burgundiones, mit den Alemannen, Chaibonen und Herulern an einem Einfall in Gallien beteiligt waren, jedoch bald bezwungen wurden (vgl. Kaiser 2004, 17f.; vgl. Neubauer 2005, 57).[6] Schon 291 erfahren wir von demselben Panegyriker, dass es zwischen Burgundern und Alemannen zu ersten Kämpfen kam, da die Burgundiones ihr östlich des Limes gelegenes Siedlungsgebiet in Richtung demjenigen der Alemannen (Dekumatenland) zu vergrössern versuchten, was ihnen schliesslich auch gelang (vgl. Kaiser 2004, 18; vgl. Neubauer 2005, 57).[7] Nach einer 65 jährigen Phase ohne jegliche Meldungen über die Burgunder, berichtet Ammianus Marcellinus in seinem Geschichtswerk Res gestae, dass Kaiser Constantius II. im Jahre 356 von Süden her gegen die angrenzenden Alemannen vorrückte und dabei von den Burgundern unterstützt wurde, wie es auch später oft der Fall war (vgl. Kaiser 2004, 18). Ein gewichtiger und auf Gegenseitigkeit beruhender Grund war einerseits die immer stärker werdende Feindschaft der Burgunder und Alemannen – auch im Kampf um Salzquellen „vermutlich im Raum von Jagst und Kocher bei Schwäbisch Hall und Öhringen“ –, und andererseits die Feindschaft der Römer und der das Limes-Gebiet besetzenden Alemannen (Kaiser 2004, 19; vgl. Neubauer 2005, 57): ganz im Sinne von Napoleons späterer Aussage „Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“ Zudem hielten sich die Burgunder – eines Berichts Ammianus Marcellinus’ zufolge –, nachdem sie die von Römern erfundene Abstammungslegende der Burgunder hörten, selbst für Nachkommen der Römer, (vgl. Anton 1981, 238).[8] So folgten weitere gemeinsame Kämpfe der Römer und Burgunder gegen die Alemannen in den Jahren 359 und 369/370[9] (vgl. Res gestae, XVI, 12, 16; vgl. Kaiser 2004, 18f.).

Ende des 4. Jh. wurde die Position der Römer am Rhein schwächer, da sie viele ihrer Truppen vom Limes abzogen, um sie gegen die eingefallenen Westgoten in Italien einzusetzen. Diese Schwäche nutzten – wie Orosius in seiner Historia adversum paganos [10] und Jordanes in seiner Getica (XXXI, 161-162) festhielten – die gentes der Vandalen, Alanen, Sueben, Alemannen und auch ein Teil der Burgunder, um um die Jahreswende 406/407 den zugefrorenen Rhein zu überqueren und in Gallien einzumarschieren (vgl. Kaiser 2004, 26f.; vgl. Neubauer 2005, 58).

Jenseits des Rheins ist die Existenz der Burgunder durch das Fragment 18 des Geschichtswerks des Griechen Olympiodor erstmals für 411 bezeugbar; was jedoch den Hauptsitz ihres Siedlungsgebietes betrifft, herrscht Uneinigkeit in der heutigen Forschung. Olympiodor und Gregor von Tours (Libri historiarum X, Liber II, 411) zufolge beteiligten sich die Burgunder unter ihrem Anführer (phylarchos) Guntiarios[11] und die Alanen unter ihrem Anführer Goar an der Erhebung des gallorömischen Gegenkaisers Iovinus an einem Ort namens Mundiacum / Mundiakon in der Germania Inferior (II), welchen die eine Forschungsrichtung als Worms[12], die andere als Mainz (Moguntiacum / Mogontiacum) zu identifizieren suchte und sie als Hauptsitz der Burgunder bezeichnen wollte.[13] Worms und Mainz waren aber bis zur zweiten Hälfte des 4. Jh. primär noch Militärsitze – mit einer gemischten, jedoch vorwiegend wohlhabenden, Bevölkerung – und Mainz die Hauptstadt der römischen Germania Superior (I) (vgl. Grünewald 2004, 123; vgl. Kaiser 2004, 27f.). Für die Kaisererhebung Iovinus’ käme eher Mainz als Worms in Frage, jedoch befindet sich Mainz nicht in der Germania Inferior (II), sondern in der Germania Superior (I) (vgl. Kaiser 2004, 27). Mittlerweile sei, wie Kaiser schreibt, die Worms-These in der Forschung weitgehend akzeptiert und somit das erste burgundische Reich am Mittelrhein, wahrscheinlich bei Worms zu lokalisieren; gesichert ist dies jedoch noch nicht (vgl. Kaiser 2004, 29). Leider kann auch die Archäologie keine Beweise liefern, da man in diesem Gebiet vorwiegend Fundgut römischer Provenienz fand; zudem ist die These, dass die Burgunder wahrscheinlich derart romanisiert wurden, dass durch die Akkulturation viele typisch burgundische – uns immer noch unbekannte – Trachtelemente verloren gingen, weit verbreitet (vgl. Neubauer 2005, 57f.).[14]

Ergänzt werden die spärlichen literarischen Hinweise auf ein Burgundenreich am Rhein ansonsten nur durch Prosper Tiro’s von Aquitanien Werk Epitome Chronicon. Doch er sagt in einer Notiz zum Jahr 413 über die Ansiedlung der Burgunden lediglich, dass sie ein Siedlungsgebiet in einem Teil Galliens, der sich nahe am Rhein befand, entweder als Föderaten zugewiesen bekamen, oder es selbst in Besitz nahmen (vgl. Neubauer 2005, 59; vgl. Anton 1981, 239).[15] Zur These des gewaltsamen Erlangens dieses Gebiets würde auch Orosius’ Feststellung in seinem Werk Historia adversum paganos (VII, 32, 12) passen, nach welcher „der besonders starke und Verderben bringende Verband der Burgunder sich in den gallischen Landen festgesetzt habe“, nachdem er „die Inbesitznahme einfach vorweg[genommen]“ hatte, sich also unautorisiert gallischer Lande bemächtigt haben (Castritius 2009, 40f.). Doch leider berichtet auch er nicht, welcher Teil von Gallien damals genau besetzt wurde. Obwohl die Burgunder ihren lang ersehnten Status als Föderaten Roms ca. im ersten Viertel des 5. Jh. erhielten, wurden sie 435 vertragsbrüchig, als sie in die Belgica I eindrangen und daraufhin vom römischen Feldherrn Aëtius, der dies als Aufstand auffasste, geschlagen (vgl. Anton 1981, 241; vgl. Castritius 2009, 41; vgl. Kaiser 2004, 32). Der Grund dieses Eindrigens ist noch nicht geklärt: Es könnte sein, dass sie auf Beutezügen im Trier Raum unterwegs waren oder dass sie ihr Einflussgebiet in die Belgica vergrössern wollten. Eine andere These besagt, dass sie aufgrund des starken Drucks der Hunnen von Osten her – welche angeblich seit 430 schon gegen die restlichen rechtsrheinischen Burgunder vorstiessen – in die benachbarte Provinz Belgica auswichen (vgl. Kaiser 2004, 32; vgl. Castritius 2009, 41).

Kurz darauf schloss Aëtius zunächst mit ihnen wieder Frieden, um sie ein Jahr später mit mit seinen römischen Truppen völlig zu besiegen, wie es bei Hydatius heisst (Chronica subdita 99, anno 436; vgl. Castritius 2009, 47.). Zum Jahr 437 heisst es sogar ‚zwanzigtausend Burgunder getötet’[16], wobei man Tausenderzahlen in antiken und mittelalterlichen Texten immer vorsichtig behandeln sollte und ihnen nicht unbeschränkten Glauben schenken sollte. Während Hydatius noch keine Hunnen nennt, tut dies Prosper Tiro in seiner Epitome Chronicon, wo es zum Jahr 435 heisst, dass Aëtius die Burgunden zwar geschlagen hatte und ihren Frieden gewährte, dies aber nicht lange anhielt, da kurz darauf „die Hunnen den König samt seinem Volk vollständig vernichteten“ (Castritius 2009, 47).[17] Während diese beiden von einer vollständigen Auslöschung der Burgunder sprechen, finden wir nur in der Chronica Gallica anno 452 die Feststellung, dass „mit dem König beinahe das gesamte Volk von Aëtius ausgelöscht wurde“ (Castritius 2009, 47).[18] In derselben Chronik, die hierfür die einzige Quelle darstellt, lesen wir zum Jahr 443: „Den Resten der Burgunder wird die Sapaudia zur Aufteilung mit den Einheimischen gegeben“[19] – vermutlich aus militäpolitsch-strategischen Gründen, nämlich um die Alpenpässe für die Römer zu kontrollieren (Kaiser 2004, 34).[20] Durch die Bedingung der Landteilung mit den Einheimischen, kann man annehmen, dass die Burgunder durch das enge Nebeneinanderwohnen mit den Römern, spätestens in dieser Siedlungszeit bilingual wurden (vgl. Anton 1981, 241). Dieses Gebiet an der Rhône und der Raum des Genfer Sees entwickelte sich nach der Wiedererrstärkung der Burgunder ab Mitte des 5. Jh. zum zweiten burgundischen Reich (vgl. Pohl 2002, 158; vgl. Anton 1981, 241; siehe Karte 2 im Anhang). Was geschah jedoch mit den Burgundern zwischen 436 und 443? Reto Marti schreibt, „[dass] Untersuchungen […] aber gezeigt [haben], dass mehrere Einträge in der nachweislich fehlerhaften Chronik verschoben sind – Fehler wohl vom Abschreiben der erst in einer Kopie des 9./10. Jh. erhaltenen Chronik. Der Eintrag dürfte ins Jahr 438 gehören, was den allzu langen Zeitraum von sieben Jahren zwischen Niederlage und Ansiedlung auf ein plausibles Mass verkürzen würde.“ (Marti 2005, 60; vgl. auch Pohl, 2002, 158 (Anm. 30)).

Vor ihrer Ansiedlung in der Sapaudia erfahren wir von Orosius (VII, 32, 13) zudem, dass die Burgunder zum Christentum der arianischen Richtung konvertierten, welcher auch in ihrem Reich an der Rhône noch gut bezeugt ist (vgl. Anton 1981, 240; vgl. Kaiser 2004, 34). Durch archäologische Funde wurde bestätigt, dass der neue Wohnort der Burgunder zunächst vor allem das untere Gebiet des Genfer Sees – mit Genf als erstem Hauptsitz bis ca. 456 –, das nördliche bis nach Lausanne und bis zur oberen Isère umschloss (vgl. Anton 1981, 241f.; vgl. Boehm 1971, 55; vgl. Marti 2005, 62). 456 hatten die Burgunder, dem Bischof Marius’ von Avenches zufolge, ein Stück Galliens (Lugdunensis I) - inkl. Lyon, das ab 461 neuer Hauptsitz wurde – besetzt, welches jedoch vertraglich mit gallisch-römischen Senatoren geteilt wurden (vgl. Marti 2005, 60; vgl. Boehm 1971, 55; vgl. Anton 1981, 242).[21] 463 hat sich der burgundische Einflussbereich noch weiter südwärts bis über die Stadt Drie am Fluss Drôme hinaus ausgedehnt, wo wir heute noch Siedlungen finden die das ursprünglich burgundische Suffix –ingōs in ihrem Namen tragen (vgl. Anton 1981, 242); doch dazu mehr im nächsten Kapitel. Im Jahre 471 stiessen die Burgunder unter König Chilperich I. die über die Rhône vordringenden Westgoten zurück und eroberten weitere Teile Galliens links der Rhône und südlichere Gebiete fast bis zum Fluss Durance (vgl. Anton 1981, 242). Auch die Städte Vaison und Vienne werden durch Apollinaris Sidonius (ep. V, 6, 2; ep. V, 7, 7) fürs Jahr 474 als burgundisch bezeugt (vgl. Anton 1981, 242). Danach expandierten die Burgunder in Gebiete nordwestlich des Departement Jura, wo sie wieder harte, doch gewinnbringende Kämpfe gegen die Alemannen ausfochten, sodass sie danach die gesamte Lugdunensis I und einen grossen Teil der Maxima Sequanorum zu ihren Herrschaftsbereich zählen konnten (vgl. Anton 1981, 242).

Sie hatten ab 480 – als Gundobad, Chilperichs I. Neffe, König wurde – zudem mächtige Konkurrenten, wie die West- und Ostgoten und später auch die Franken, obwohl Gundobad 492/494 seinen Sohn Sigismund mit Ostrogotha, der Tochter des Ostgotenkönigs, und seine Nichte Chrodechilde mit dem Frankenkönig Chlodwig aus Büdniszecken vermählen liess (vgl. Pohl 2002, 159; vgl. Anton 1981, 243). Unter Gundobad versuchten die Burgunder nach 507 zudem bis zum Mittelmeerraum zu expandieren, gelangten aber nur bis zum Fluss Durance, wo die Ostgoten ihre Grenzkastelle installiert hatten (vgl. Marti 2005, 62; vgl. Anton 1981, 244).

Etwa um 500 nennt die Lex Burgundionum schliesslich weitere Burgunder, die sich dem Rhônereich anschlossen und somit die Heeresmacht stark vergrösserten (vgl. Kaiser 2004, 31f.; vgl. Neubauer 2005, 59); dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um die zurückgebliebene rechtsrheinische Burgunder-Gruppe, welche nach ca. 436 lange unter hunnischer Herrschaft stand und sich an sie akkulturierte, wie man durch archäologische Befunde – europide Schädel mit künstlichen Deformationen, wie sie sonst nur Reiternomaden, wie die Hunnen, aufwiesen[22] – feststellen konnte (vgl. Marti 2005, 63; vgl. Kaiser 2004, 31f.; vgl. Escher 2005/2, 684).

Nachdem König Gundobad 516 starb wurde sein Sohn Sigismund zum Nachfolger und Alleinherrscher, der schon nach seines Onkels Godigisels Tod 501/502 dessen Residenz Genf als rex erhalten hatte (vgl. Anton 1981, 244). Ein Jahr später wurde das Reichsgebiet der Burgunder in der burgundischen Reichssynode festgehalten, welches damals im Süden bis zur Durance, im Westen bis zur Rhône-Saône und Chalon-sur-Saône (inkl. Autun, Nevers), im Norden bis an die Linie Langres-Besançon-Solothurn und im Osten bis zur „Linie Solothurn-Avenches (Bern?) – Octodurum/Martigny-Tarentaise-Embrun-Durance-Provenzal. Alpen“ reichte (Anton 1981, 245).

Nachdem Sigismund seinen eigenen Sohn Sigerich (aus der Ehe mit Ostrogotha) 522 wegen falschen Anschuldigungen des Verrats hinrichten liess, entstand ein Konflikt zwischen Burgundern und Ostgoten (vgl. Pohl 2002, 164; vgl. Anton 1981, 245). Diese Gelegenheit nutzten die Franken unter Chlodomer, Childebert und Chlothar 523 für einen Angriff und die Gefangennahme Sigismunds samt Frau und Kindern, welche schliesslich in Orléans ermordet wurden (vgl. Pohl 2002, 164; vgl. Anton 1981, 245). Daraufhin eroberten die Franken im selben Jahr den Norden des Burgunderreichs – welches der letzte burgundische König Godomar II., der Bruder Sigismunds, wieder rückeroberte – und die Ostgoten unter Theoderich das burgundische Gebiet zwischen Durance und Isère (vgl. Anton 1981, 245).

Durch einen neuen Bündnisvertrag mit den Ostgoten, gelang es Godomar II. 530 jedoch wieder die von ihnen besetzten Landstriche wieder zurückzuerhalten, welche jedoch 534 von den erneut angreifenden Franken samt dem Rest des Burgunderreichs annektiert wurden, was schliesslich zum Ende des zweiten burgundischen Reichs führte (vgl. Anton 1981, 245f.).

[...]


[1] Plinius, Historia naturalis (IV, 99): “Germanorum genera quinque: Vandili, quorum pars Burgundiones, Varini, Charini, Gutones.” (zit. nach: Escher 2005/2, 692).

[2] Bestattung in Brandgruben, mit praktisch keiner Waffenbeigabe, mit nur wenigen Ausnahmen (vgl. Neubauer 2005, 56f.)

[3] Die Wiebark-Kultur ist im 1. Jh. n. Chr. aus der Jastorf-Kultur entstanden (vgl. Escher 2006, 11f.)

[4] Die Luboszyce- oder Lebus-Lausitzer-Kultur weisen Archäologen der Zeit zwischen Ende 2. und Mitte 4. Jh. n. Chr. zu (vgl. Escher 2006, 11f.)

[5] Jordanes, Getica (XVII, 97): „ Nam (Fastida) Burgundzones pene usque ad internicionem delevit, aliasque nonnullus gentes perdomuit.“ (zit. nach Escher 2005/2, 692).

[6] Claudius Mamertinus, Paneg. (II [10], 5/ X [II], 5): „[…] neque solum Burgundiones et Alamanni, sed etiam Chaibones Erulique, viribus primi barbarorum, locis ultimi, praecipiti impetu in has provincias irruisent. “ (zit. nach Escher 2005/2, 692).

[7] Claudius Mamertinus, Paneg. (III [11], 16): „[…] Burgundiones Alamannorum agros occupavere, sed sua quoque clade quaesitos. Alamanni terras amisere, sed repetunt.“ (zit. nach Escher 2005/2, 693).

[8] Ammianus Marcellinus, Res gestae (XXVIII, 5, 11): „ Iam inde <a> temporbus priscis subolem se esse Romanam Burgundii sciunt.“ (zit. nach Escher 2005/2, 694).

[9] In diesen Jahren erstmals mit reges als Anführer im Kampf (vgl. Kaiser 2004, 35).

[10] Orosius, Historia adversum paganos (VII, 38, 3): „ Alanorum, Suevorum, Vandalorum, ipsoque simul motu inpulsorum Burgundionum, ultro in arma sollicitans.“ (zit. nach Escher 2005/2, 698).

[11] Latinisierte Form von burg. Gundahar / Gundichar (vgl. Kaiser 2004, 35).

[12] Dies vor allem in Anlehnung ans Nibelungenlied, wo Worms als Kaiserresidenz der (literarischen) Burgunderkönige Gunther, Gernot und Giselher bezeichnet wurde. Diese Namen decken sich zudem gut mit denen in der Königsliste der Lex Burgundionum; dort werden als Vorgänger König Gundobads folgende genannt: Gibica, Gundomar, Gislahar und Gundahar.

[13] Weitere Vermutungen sind: Montzen, Mindt, Münz oder Mündt (vgl. Kaiser 2004, 28).

[14] Weitere Versuche archäologisches Fundgut aus diesem, wie auch aus dem zweiten Burgunderreichsgebiet den Burgundern zuzuschreiben sind in Katalin Eschers Werken Les Burgondes. Ier – VIe siècle apr. J.-C. (2006) und Genèse et évolution du deuxième royaume burgonde (443-534). Les témoins archéologiques (2 Bände, 2005) umfassend dargestellt worden.

[15] Prosper Tiro, Epitome Chronicon (Chron. Min. I 467): „Burgundiones partem Galliae propinquam Rheno optinuerunt“ (zit. nach Anton 1981, 239).

[16] Hydatius, Chronica subdita, anno 436, c. 118: „ Burgundionum caesa XX milia “ (zit. nach Anton 1981, 241).

[17] Prosper Tiro, Epitome Chro nicon (Chron. Min. I 467): “[…] illum [Gundicharium Burgundionum regem] Chuni cum populo suo ab stirpe deleverint.“ (zit. nach Castritius 2009, 47).

[18] Chronica Gallica: “[…] quo universa paene gens cum rege per Aetium deleta.” (zit. nach Anton 1981, 241).

[19] Chronica Gallica: „Sapaudia Burgundionum reliquiis datur cum indigenis dividenda.“ (zit. nach Anton 1981, 241).

[20] Die Burgunder kämpften auch um 451 auf den Katalaunischen Feldern wieder für Aëtius gegen die Hunnen; 456 für den römischen Kaiser Avitus zusammen mit den Westgoten gegen die Sueben in Spanien (vgl. Marti 2005, 60; vgl. Anton 1981, 241f.).

[21]Eo anno Burgundiones partem Galliae occupaverunt terrasque cum Gallis senatoribius diviserunt “ (zit. nach Boehm 1971, 55).

[22] Kleinkindern wurde der Kopf so stark bandagiert, dass er länglich in die Höhe wuchs; es ist anzunehmen, dass die rechtsrheinischen Burgunder diese Sitte selbst kurz übernahmen (vgl. Marti 2005, 63).

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Siedlungsgeschichte und Sprache der Burgunder
Hochschule
Universität Zürich  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Völkerwanderungszeit (12 ECTS)
Note
5,5 (Schweiz)
Autor
Jahr
2013
Seiten
37
Katalognummer
V278362
ISBN (eBook)
9783656708513
ISBN (Buch)
9783656710653
Dateigröße
5791 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Die Burgunder, Siedlungsgeschichte, burgundische Sprache
Arbeit zitieren
Jelena Zagoricnik (Autor), 2013, Siedlungsgeschichte und Sprache der Burgunder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278362

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