Der Grund für Heinrichs 'miselsuht' in Hartmann von Aues "Der arme Heinrich". Strafe, Prüfung oder Schicksal?


Seminararbeit, 2010

15 Seiten, Note: 5,5 (Schweiz)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. These Nr. 1: Strafe für die Hauptsünde superbia

III. These Nr. 2: Prüfung durch Gott als Grund für die miselsuht

IV. These Nr. 3: miselsuht als Schicksalsauferlegung durch Gott

V. Schlusswort

I. Einleitung

Hartmanns von Aue kurze Verserzählung „Der arme Heinrich“ handelt vom hochadligen tugendhaften Ritter Heinrich von Ouwe, den Gott schlagartig und unerwartet mit Aussatz zeichnet, welcher sich nur durch Gottes Gnade selbst, oder durch das Blut einer sich freiwillig opfernden Jungfrau beheben lässt. Nachdem er diese Informationen über die Heilungsmethoden von einem Arzt in Salerno erhalten hat, kehrt er niedergeschlagen und verzweifelt in seine Heimat zurück, verschenkt den grössten Teil seines Hab und Gutes und lässt sich von einem, in seinem Dienst stehenden Meier, in dessen Heim aufnehmen. Dort wird er von der Familie, vor allem aber von ihrer achtjährigen Tochter, freundlich umsorgt und gepflegt. Das Mädchen wird zu seiner anhänglichen Gefährtin, welche keinen Fuss von ihm weicht und welche auch Heinrich mit der Zeit sehr ans Herz wächst. Als er aber nach drei Jahren Aufenthalt bei der Meiersfamilie ihnen erklärt warum er, seiner Meinung nach, die miselsuht von Gott erhielt, und wie man dieselbe heilen könnte, hört dies das Mädchen und beschliesst sich für Heinrich zu opfern. Sie erklärt ihren Eltern, welche natürlich nicht zustimmen wollten, dass sie dies tun wolle, um so den Herrn zu retten, damit dieser der Familie weiterhin ein angenehmes Leben sichern und sie sich selbst einen Platz im Jenseits und ein ewiges Leben sicherstellen könne. Nach langem Zögern, entschliessen sich die Eltern dem Mädchen den Wunsch zu gewähren und lassen sie und Heinrich zum Opfer-Praktizierenden Arzt nach Salerno reisen. Nachdem sich der Arzt vergewissert hat, ob das Mädchen sich auch wirklich freiwillig opferte und nicht dazu gezwungen wurde, fesselt er sie nackt auf dem Tisch an Händen und Beinen und beginnt das Messer zu wetzen. Als Heinrich das furchterregende Geräusch hört, schleicht er sich an die Tür, findet ein Loch darin und unterbricht die Opferung sofort, nachdem er das wunderschöne nackte Mädchen erblickte. Sein Vorhaben kommt ihm plötzlich ungeheuerlich vor und somit entscheidet er sich seinen gottgegebenen Aussatz zu akzeptieren und lieber selbst daran zu sterben, als jemand anderen für seine Heilung zu opfern. Das Mädchen gerät ausser sich, da damit ihr Weg zum ewigen Leben zunichte gemacht wurde; sie sammelt sich aber wieder, nachdem sie auf der Heimreise der wunderlichen Heilung Heinrichs durch Gott gewahr wird. Zu Hause angekommen heiratet er das Mädchen trotz Standesunterschied, macht den Meier zum Freibauern und sie beide, Heinrich und das Mädchen, erhalten den ewigen Segen.

In der Forschung stellte man sich oft, wie heute immer noch, die Frage nach dem eigentlichen Grund für Heinrichs miselsuht, denn Hartmann zeigt den tatsächlichen Grund in seinem Werk an keiner Stelle deutlich auf. Im Laufe der Zeit wurden jedoch einige Thesen entwickelt, welche versuchten den Grund für Heinrichs Aussatz zu erklären. Deshalb soll in der folgenden Arbeit ein Einblick in diese häufig vertretenen Thesen gegeben werden. Im einem ersten Schritt soll die erste These vorgestellt werden, welche den Grund für Heinrichs Aussatz als Strafe für seine Hauptsünde superbia (Hochmut) definiert. Im dritten Kapitel wird die zweite These dargestellt, welche eine andere Zugangsweise zum Aussatz-Problem aufweist. Viele Literaturwissenschaftler, die die Sünden-These in dieser Form nicht akzeptieren konnten, waren der Meinung, Heinrich mache sich nicht einer Sünde schuldig, sondern er würde lediglich von Gott auf die Probe gestellt werden. Nachdem in den Kapiteln II und III die ersten zwei Thesen vorgestellt wurden, sollen zusätzlich, am Ende der entsprechenden Abschnitte die Nachteile dieser Thesen aufgeführt werden, indem auf diejenigen Aspekte eingegangen wird, welche sich mit der entsprechenden These nicht erklären lassen.

Der Fokus dieser Arbeit soll jedoch hauptsächlich auf der zuletzt formulierten These liegen: die miselsuht als Schicksalsauferlegung durch Gott. Diese These bietet einen etwas anderen Einstieg in Hartmanns Werk, indem sie von der Schicksalhaftigkeit von Heinrichs Leben ausgeht, welche durch den allwissenden Gott, den cordis speculator, zustande kommt. Durch diese dritte und letzte These soll somit in der folgenden Arbeit ein weiterer Anlauf gestartet werden, welcher Heinrichs Aussatz zu begründen versucht, so dass auch weitere, durch die zuvor erwähnten Thesen, ungeklärte Aspekte des Werks miteinbezogen und erhellt werden können.

II. These Nr. 1: Strafe für die Hauptsünde superbia

Viele Literaturwissenschaftler stützen ihre Begründung für Heinrichs Aussatz auf die Erklärung, dass ursprünglich eine Sünde vorhanden gewesen sein muss, für welche Gott Heinrich mit der miselsuht hätte bestrafen können.

Wapnewski erklärt, dass:

„Selbstgerechtigkeit die Sünde des Herrn Heinrich [sei], eine mildere Spielart der Ursünde superbia. Sie wird in 'spiegelnder Strafe' gesühnt: der Weltverliebte wird ausgesetzt, aus der Welt verstossen; der in strahlender Schönheit Glänzende wird von Verwesung befallen.“[1]

Obwohl Heinrich also eine Unmenge von ritterlichen Tugenden (êre, muot, stӕte, triuwe, zuht, milte, hövescheit) besitzt, aus einer angesehenen Familie kommt, reich, hübsch und hilfsbereit ist (v. 31-74)[2], wird er doch durch Gott mit der miselsuht gezeichnet. Das gleiche Schicksal das Heinrich zuteil wurde, ereilte ebenso zwei Persönlichkeiten aus dem Alten Testament, Absalom (v. 84-90) und Hiob (v. 128-132), welche auf die gleiche Weise aus dem „Zenit des Glücks“[3] gestürzt wurden. Heinrich kommt schliesslich nach dreijährigem Leiden zur Einsicht; das Unglück deutet ihn auf seine Sündigkeit hin.[4]

Er interpretiert seine Schuld selbst (v. 383-411), wenn er zum Bauern sagt: ich hân den schemelîchen spot / viel wol gedienet umbe got (v. 383f.) und sich die Krankheit damit erklärt, daz hôch offen stuont mîn tor / nâch werltlîcher wünne (v. 386f.). Dabei erkennt er auch, dass er ein werlttôre war zu denken, dass er sich dieses wunschleben ganz allein erworben habe und nicht daran gedacht habe, Gott zu achten und für seine Gnade zu danken, welche es eigentlich war, die ihm so vil êren unde guotes (v. 403) zukommen liess. Ihm wird ausserdem klar, dass dô des hôchmuotes / den hôhen portenӕre verdrôz, / die sӕlden porte er mir beslôz (v. 404-406). Ihm wird also sein eigentlicher Makel, die „weltverliebte Ichsucht“[5] bewusst. Im Werk selbst wird an keiner Stelle ausdrücklich gesagt, dass Heinrich seine religiösen Dienste vernachlässigt habe, doch er erkennt, dass er sich unbewusst von Gott distanziert hatte.[6]

Harold Bernhard Willson hat also recht, wenn er sagt:

"Superbia und caritas sind unvereinbar. Caritas sollte wechselseitig sein. Zuerst hat Gott seine Liebe zu Heinrich manifestiert, aber sie ist nicht erwidert worden. Dementsprechend misst ihm Gott eine Strafe zu, die der Sünde, die Heinrich begangen hat, angemessen ist, obgleich ihm sein Verhalten als Sünde nicht voll im Bewusstsein gewesen sein mag."[7]

Willson argumentiert weiter, indem er die Beziehung zwischen Gott und Mensch des Alten Testaments nun auf den Fall Heinrichs reflektiert. Die Menschheit habe, „als Ergebnis der Sünde der superbia, die die Stammeltern begangen haben “, „ den Aussatz der Seele als Strafe erlitten “, wodurch ihre Seele entstellt und verdorben wurde, und somit auch ihre ursprüngliche Form, welche nach dem Ebenbild Gottes geformt wurde, einbüssen musste. Genau so wie Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben wurden, wurde Heinrich wegen seiner miselsuht aus der Gesellschaft verbannt. Heinrichs Fehl war das Festhalten an vergänglichen irdischen Gütern, anstatt sich den ewigen nicht weltlichen Dingen zu widmen.[8]

In Heinrichs Schuldbekenntnis, als er dem Meier den Grund für seine Krankheit erklärt, zeigt sich aber keine Hoffnung auf die Barmherzigkeit Gottes, welche ihn wieder von dem Aussatz erlösen könnte, denn „für ihn ist Gott noch der alttestamentliche, strafende“[9] Gott, welcher sich an ihm rächen wollte (v. 409).

Heinrich wird schliesslich vom Aussatz erlöst, als er sich entscheidet das Opfer des Mädchens abzulehnen, weil er […] verkêrte vil drâte / sîn altez gemüete / in eine niuwe güete (v.1238-1240). Er vollzieht also eine Läuterung und entscheidet sich sein Schicksal und seine Krankheit zu akzeptieren (gotes wille müeze an mir geschehen (v.1276)), weil es das ist, swaz dir got hât beschert (v. 1254). Durch die Einsicht seiner tumpheit und seines unrehts und indem er „alle Ichbefangenheit und Selbstsucht, alle Eigenliebe und Wehleidigkeit abstreift“[10] wird er vom heilic Krist (v. 1365) begnadigt und von der miselsuht erlöst.

Es gibt aber auch eine zweite mögliche Sicht in der Forschung, welche die Schuld Heinrichs im angenommenen Angebot des Mädchens sich zu opfern, sieht. Denn in der Annahme des Todes des Mädchens, zeigt er seinen eigentlichen hôchmuot, indem er tatsächlich darauf eingeht einen anderen Menschen zu opfern, nur um sein eigenes Überleben zu sichern.[11] Er entscheidet sich aber am Schluss doch für den richtigen Weg.

Christoph Cormeau hat aber das superbia -Problem auf die zeitgenössische Theologie zur Zeit Hartmanns geprüft und erkannt, dass Heinrich der superbia nur dann schuldiggesprochen werden könnte, wenn er sich in vollem Bewusstsein von Gott abgewandt hätte, was schliesslich in Heinrichs Fall nicht zutreffen kann.[12]

„Um Heinrichs Schuld zu erkennen, brauchen wir das Konkrete. Denn theoretisch formulierte Probleme stellen sich in einem konkreten Menschenleben nur an einem konkreten Anlass zur Entscheidung“[13]

Somit kann also der Aussatz in diesem Fall keine Strafe für eine bewusst begangene Sünde darstellen.

[...]


[1] WAPNEWSKI, Peter: Hartmann von Aue. 4., erg. Aufl. Stuttgart 1969, S. 100.

[2] Hartmann von Aue: Der arme Heinrich. Stuttgart: Reclam 1993, S. 5-8.

[3] VERWEYEN, Theodor: Der „Arme Heinrich“ Hartmanns von Aue. Studien und Interpretationen. München 1970, S. 17.

[4] Vgl. DATZ, Günther: Die Gestalt Hiobs in der kirchlichen Exegese und der "Arme Heinrich" Hartmanns von Aue. Göppingen 1973, S. 215.

[5] WAPNEWSKI, Peter: Hartmann von Aue. 4., erg. Aufl. Stuttgart 1969, S. 100.

[6] Vgl. CORMEAU, Christoph: Sünde und Heilserfahrung bei Hartmann von Aue. Nach den Verserzählungen 'Armer Heinrich' und 'Gregorius' skizziert, Berlin 1969, S. 121.

[7] WILLSON, Harold Bernhard: Symbol und Wirklichkeit im >Armen Heinrich<. Darmstadt 1973, S. 154.

[8] Vgl. WILLSON, Harold Bernhard: Symbol und Wirklichkeit im >Armen Heinrich<. Darmstadt 1973, S. 154f.

[9] VERWEYEN, Theodor: Der „Arme Heinrich“ Hartmanns von Aue. Studien und Interpretationen, München 1970, S. 36.

[10] WAPNEWSKI, Peter: Hartmann von Aue. 4., erg. Aufl. Stuttgart 1969, S. 100.

[11] Vgl. CORMEAU, Christoph: Sünde und Heilserfahrung bei Hartmann von Aue. Nach den Verserzählungen 'Armer Heinrich' und 'Gregorius' skizziert. Berlin 1969, S. 118.

[12] Vgl. CORMEAU, Christoph: Hartmann von Aue "Armer Heinrich" und "Gregorius". Studien zur Interpretation mit dem Blick auf die Theologie zur Zeit Hartmanns. München 1966, S. 127-129.

[13] CORMEAU, Christoph: Hartmann von Aue "Armer Heinrich" und "Gregorius". Studien zur Interpretation mit dem Blick auf die Theologie zur Zeit Hartmanns. München 1966, S. 23.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Grund für Heinrichs 'miselsuht' in Hartmann von Aues "Der arme Heinrich". Strafe, Prüfung oder Schicksal?
Hochschule
Universität Zürich  (Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Hartmann von Aue
Note
5,5 (Schweiz)
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V278374
ISBN (eBook)
9783656708469
ISBN (Buch)
9783656708971
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hartmann von Aue, Der arme Heinrich, miselsuht, Aussatz, Strafe, Prüfung, Schicksal
Arbeit zitieren
Jelena Zagoricnik (Autor), 2010, Der Grund für Heinrichs 'miselsuht' in Hartmann von Aues "Der arme Heinrich". Strafe, Prüfung oder Schicksal?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278374

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