»Gehört nicht Alles, was die Vor- und Mitwelt geleistet, dem Dichter von Rechtswegen an? [...] Nur durch Aneignung fremder Schätze entsteht ein Großes.
2. Dezember 2000, eine Menschenansammlung und jemand ruft, »Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage, und manche liebe Schatten steigen auf; [...]«; ich befinde mich im Vorraum der Arena und diese Tatsache zusammen mit dem Wissen, soeben ein Theaterticket mit dem Aufdruck: Peter Stein inszeniert ‚Faust’ von Johann Wolfgang Goethe eingelöst zu haben, machen mir bewusst, mich in einem Theaterstück zu befinden. Verdränge ich den geschilderten Kontext, bin ich Teil dieser ‚Welt’ und fühle mich direkt angesprochen, denn neben der Widmungsqualität, die Goethes Zueignung innewohnt, wird hier auch die theatralische Illusion aufgehoben indem erst das Folgende als dichterische Hervorbringung, als Spiel poetischer Imagination deklariert wird. Diese Intention Goethes setzt Stein dramaturgisch brillant um; nach der Zueignung bittet ‚er’ ins Theater. So betrete ich erst jetzt das ‚Theaterhaus’ und habe noch Zeit, mir über meine mitgebrachten Bilder Gedanken zu machen.
Einst - an der Polytechnischen Oberschule - hatte ich Goethes Schlussmonolog in Faust II zu meiner Abschlussprüfung rezitieren und interpretieren müssen; eine der Aufgabenstellungen lautete: ‚Ordnen Sie Goethes Faust in das sozialistische Kulturerbe der DDR ein!’. Ziemlich fassungslos, weil sich die ‚Welt’ des Goetheschen Faust für mich nicht mit jenem sozialistischen Kulturerbe in Einklang bringen ließ, gelang es mir doch, jene Vision Fausts: Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn, entsprechend der sozialistisch-nationalen Lesart zu kommentieren. Jenes verzerrte Bild einer positiven tatkräftigen Faust-Figur als einer nationalen Vorreiterfigur des Sozialismus wurde mir damals eingeimpft, und eben jenes Bild kam mir nun ob seiner Paradoxie wieder in den Sinn.
Und dies jenem Goethe, der sich Tore und Straßen nach allen Enden der Welt wünschte und auf eine allgemeine Weltliteratur hoffte, die einen allgemeineuropäischen bzw. gar weltweiten Wechseltausch des Nehmens und Gebens bedeuteten sollte. Dabei ist gerade die Faust-Dichtung beispielgebend für solchen Wechseltausch, der Goethe im Faust wichtiger scheint als eine innere Stringenz...
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Goethes Faust – Bild der Welt
I. Das moderne System der „schönen Künste“
1. Medienästhetische Ansätze:
Du Bos – Batteux - Diderot
2. Mediendifferenz zwischen Dichtung und darstellender Kunst:
Lessings: Laokoon
3. Goethes dynamische Kunstanschauung
II. Goethe, die bildende Kunst und „Faust I“
1. Goethe und die bildende Kunst: Begegnung
Exkurs: Metamorphose der Kunst
Exkurs: Bildbeschreibung
2. Die bildende Kunst und „Faust I“
Natur gesehen durch Kunst, Kunst gesehen durch „Faust I“
„Das schönste Bild von einem Weibe“
Phantastische „Bilder“welt
III. „Faust I“ und seine Bilder
1. Illustrationen
2. Theater
3. Film
Nachwort: Dichtung als Bild
Zielsetzung & Forschungsschwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der bildenden Kunst auf Goethes Weltbild und dessen künstlerische Niederschlagung in der Faust-Dichtung. Zentral ist dabei die Forschungsfrage, inwiefern Goethes ästhetische Reflexionen über das Verhältnis von Dichtung und bildender Kunst sein Hauptwerk „Faust I“ strukturell und inhaltlich geprägt haben.
- Analyse der medienästhetischen Diskurse des 18. Jahrhunderts (u.a. Lessings Laokoon).
- Untersuchung von Goethes persönlicher Begegnung mit und theoretischer Reflexion über bildende Kunst.
- Analyse der Transformation bildnerischer Konzepte in die poetische Struktur des „Faust I“.
- Betrachtung der Wirkung von Goethes Bildhaftigkeit in Illustration, Theater und Film.
Auszug aus dem Buch
Die bildende Kunst und Johann Wolfgang Goethes „Faust I“
»Schließlich war er davon überzeugt, in der bildenden Kunst, die nicht seiner genuinen Begabung entsprach, ein adäquates Medium zur Reflexion des schöpferischen Prozesses gefunden zu haben, da er hier objektiver und distanzierter zu urteilen glaubte als in der intuitiv beherrschten Dichtkunst. Zu sehen wie ‚Poesie und bildende Kunst wechselseitig aufeinander einwirken könnten’, bedeutete ihm Erkenntnisgewinn und Freude zugleich; beidem fühlte er sich innerlich zugehörig.«
Ein wichtiger Aspekt in Bezug auf Goethes symbiotisches Verhältnis zur bildenden Kunst ist, neben dem engen Aufwachsen mit dieser, seine hochentwickelte Fähigkeit bildhaften Sehens, die er noch über das abstrakt-begriffliche Denken stellt; »Denken ist interessanter als Wissen, aber nicht als Anschauen«. »’Lebendige Anschauung’ und ‚anschauende Kenntnis’ sind von jeher die Kriterien, die seine Denkweise bestimmen und das Auge zum wichtigsten Bindeglied zwischen Innenwelt und Außenwelt machen.« Auf der italienischen Reise wird sich Goethe dieser Prägung bewusst: »Es ist offenbar, daß sich das Auge nach den Gegenständen bildet, die es von Jugend auf erblickt«; während seines Italienaufenthaltes wird diese Prägung durch die tiefen Impressionen intensiviert und durch vielfältige Erfahrungen und Eindrücke angereichert.
Kapitelübersichten
Einleitung: Goethes Faust – Bild der Welt: Einführung in die thematische Verbundenheit von Goethe mit bildender Kunst und erste Verortung seiner Faust-Dichtung im Kontext von Weltliteratur.
I. Das moderne System der „schönen Künste“: Theoretische Auseinandersetzung mit der Abgrenzung von Dichtung und bildender Kunst im 18. Jahrhundert unter Einbezug von Du Bos, Batteux, Diderot und Lessing.
II. Goethe, die bildende Kunst und „Faust I“: Detaillierte Betrachtung von Goethes biographischer Kunsterfahrung und der daraus resultierenden Anwendung seiner Kunsttheorie auf die szenische Gestaltung des „Faust I“.
III. „Faust I“ und seine Bilder: Untersuchung der Rezeptionsgeschichte und der bildhaften Dimensionen von „Faust I“ in den Bereichen Illustration, Theaterinszenierung und Film.
Schlüsselwörter
Goethe, Faust, bildende Kunst, Medienästhetik, Kunstanschauung, Weltliteratur, Dichtung, Mimesis, Illustration, Theater, Film, Natur, Anschauung, Epochenwandel, Ästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselbeziehung zwischen bildender Kunst und Johann Wolfgang Goethes Faust-Dichtung und beleuchtet, wie Goethes Kunstverständnis seinen dichterischen Schaffensprozess beeinflusste.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die Medienästhetik des 18. Jahrhunderts, Goethes Kunstanschauung (insbesondere die „lebendige Anschauung“), die Rolle der bildenden Kunst als Inspirationsquelle und deren spätere Rezeption in den Medien Illustration, Theater und Film.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Goethe die bildende Kunst nicht lediglich zur Illustration seiner Dichtung nutzte, sondern dass seine künstlerische Auseinandersetzung mit der visuellen Welt als fundamentales Strukturprinzip in den „Faust I“ eingegangen ist.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Es wird eine literaturwissenschaftliche und medienästhetische Analyse verfolgt, die sowohl Goethes theoretische Schriften und Korrespondenzen als auch die Faust-Dichtung selbst sowie kunsthistorische Bezüge und Rezeptionsbeispiele einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Grundlegung der Mediendifferenz, die biographische Prägung Goethes durch die Kunst und die konkrete Analyse bildnerischer Motive und Konzepte innerhalb von „Faust I“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Goethes Kunstanschauung, Mediendifferenz, Weltliteratur, Anschauung, Metamorphose der Kunst und die spezifische Bildlichkeit des Faust definieren.
Inwiefern spielt der „Prolog im Himmel“ für die Argumentation eine Rolle?
Der Prolog fungiert als Beispiel für Goethes Vorgehensweise, visuelle Anregungen – hier inspiriert von Taddeo Gaddis Hiobslegende – in eine eigenständige dichterische Handlung zu überführen, ohne dabei die Autonomie der Dichtung aufzugeben.
Welche Bedeutung hat das „schönste Bild von einem Weibe“?
Dieser Abschnitt thematisiert die Projektion der Giorgioneschen „Schlummernden Venus“ auf die Figur der Margarete und verdeutlicht Goethes Streben, durch das Wort eine „himmlische“ und zugleich sinnliche Bildwirkung zu erzeugen.
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- Claudia Slischka (Author), 2002, Die bildende Kunst und Johann Wolfgang Goethes Faust I, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27842