Foucault. Gouvernementalität, Sicherheitsdispositive und Risikoprävention


Hausarbeit, 2013

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Gouvernementalität
2. 1. Geschichte der Gouvernementalität
2. 2. Machtverhältnisse und Gouvernementalität

3. Sicherheitsdispositive

4. Risikoprävention im 20. und 21. Jahrhundert

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es gibt im Leben Augenblicke, da die Frage, ob man anders denken kann, als man denkt, und auch anders wahrnehmen kann als man sieht, zum Weiterschauen und Weiterdenken unentbehrlich ist.“

(Foucault 1986: 15)

Foucault gilt als einer der bedeutendsten Gesellschaftsanalytiker des zwanzigsten Jahrhunderts. In seinen zahlreichen Werken betrachtet er Phänomene, wie Macht, Sexualität, Subjekt oder Wissen, auf seine individuelle, innovative Art und Weise. Er beschreibt sein Herangehen als krebsartig, indem er sich Inhalten horizontal nähert. Einer seiner wichtigsten Begriffe ist Gouvernementalität, mit der er die Steuerung individuellen und kollektiven Verhaltens auf Grundlage vielschichtiger Regierungstechniken zu erklären versucht.

Um es mit Foucaults viel zitierten Worten zu sagen: „Ich verstehe unter Gouvernementalität die aus den Institutionen, den Vorgängen, Analysen und Reflexionen, den Berechnungen und den Taktiken gebildete Gesamtheit, welche es erlauben, diese recht spezifische, wenn auch sehr komplexe Form der Macht auszuüben, die als Zielscheibe die Bevölkerung, als wichtigste Wissensform die politische Ökonomie und als wesentliches technisches Instrument die Sicherheitsdispositive hat. Zweitens verstehe ich unter Gouvernementalität die Tendenz [...] die [...] zur Vorrangstellung dieses Machttypus geführt hat, den man über alle anderen hinaus die Regierung nennen kann: [...]. Schließlich denke ich, dass man unter Gouvernementalität [...] das Ergebnis des Vorgangs verstehen sollte, durch den der mittelalterliche Staat der Gerichtsbarkeit, der im 15. und 16. Jahrhundert zum Verwaltungsstaat wurde, sich nach und nach gouvernementalisiert hat (Foucault 2006: 163). In meiner Arbeit befasse ich mich mit dieser Dreiteilung des Gouvernementalitätsbegriffs und seiner Historie seit der Antike bis heute. In den Kapiteln zwei bis drei werde ich versuchen ein umfassendes Verständnis für Foucault's Denksystem in Verbindung mit weiteren Grundbegriffen, wie Freiheit, Diskurs, Bio-Politik, Subjektivierungstechniken oder Normalisierung, im Zusammenhang mit Gouvernementalität zu erzeugen. Ziel des vierten Abschnitts meiner Hausarbeit ist eine Anwendung der Theorien Foucault's auf das Thema Risiko und Risikoprävention unter Einsatz einzelner Beispiele, um die Fragen der Emergenz und des Nutzens präventiver Regierungstechniken in der heutigen Zeit unter dem Blickwinkel der Gouvernementalität zu beleuchten. Ich werde außerdem versuchen weitestgehend keine Wertung gegenüber präventiven Maßnahmen allgemein und den genannten Beispielen für Prävention zu nehmen.

2. Gouvernementalität

2. 1. Geschichte der Gouvernementalität nach Foucault

Der Begriff „ Gouvernementalität“, wie wir ihn heute benutzen, findet seinen Ursprung in einer Vortragsreihe Foucault's zum Thema „Sicherheit, Territorium, Bevölkerung“ am Collège de France aus den Jahren 1978 und 1979. Ergänzend zu seinen Werken „Überwachen und Strafen“ (1976) und „Der Wille zum Wissen“ (1977), geht Foucault im Kontext seiner Vorlesungen auf Fragen, wie der Entwicklung von Regierungstechniken seit der Antike, „Technologien des Selbst“ (Foucault 2006: 28), dem Verhältnis von Subjektivierungsprozessen zu Herrschaftsformen, oder den Machtbeziehungen in unseren komplexen modernen Staaten ein. Im Zentrum seiner Analyse steht dabei der Begriff der Regierung. Die älteste Regierungsform, von der Antike bis ins Mittelalter, tituliert Foucault als „mittelalterlichen Staat der Gerichtsbarkeit“ (Foucault 2006: 163). Kennzeichnend für jenen Gerechtigkeitsstaat ist eine ethisch-juridische Konzeption der Regierung, sowie die Souveränität als vorherrschende Machtform. Untrennbar verwachsen mit der Souveränität waren das Gesetz, das Gottesgnadentum und der Gehorsam, worauf der Souverän seine Macht gründete. Foucault nimmt einen Text aus dem 16. Jahrhundert, Machiavelli's „Der Fürst“ (1513), als Prototyp des mittelalterlichen Souveräns: „Bei Machiavelli ist das Verhältnis des Fürsten zu seinem Fürstentum durch Singularität, Äußerlichkeit und Transzendenz bestimmt. Machiavellis Fürst erhält sein Fürstentum entweder durch Erbschaft, durch Erwerb oder durch Eroberung; er gehört ihm jedenfalls nicht an, sondern ist ihm äußerlich. Das Band, das ihn an sein Fürstentum bindet, ist entweder ein Band der Gewalt oder der Tradition oder auch ein Band, das durch vertragliche Arrangements und das Einverständnis […] der anderen Fürsten begründet wurde“ (Foucault 2006: 139).

Mit der Genese des Merkantilismus und des Kameralismus im 16. Jahrhundert, wird die abendländische Regierung, im Sinne Foucault's, erstmals in ihren Zügen modifiziert. Eine Art „Rationalisierung der Machtausübung“ (Foucault 2006: 152) in den territorialen Monarchien Europas führte zu einer Gesellschaft der Verordnungen und Disziplinen. Diese Entwicklung wurde erheblich durch ein Aufkommen neuer Wissensarten, wie der Statistik, gefördert, die eine Mehrung des Staatshaushaltes im Sinne hatten. Es entstand eine „Gesellschaft der Verordnungen und Disziplinen“ (Foucault 2006: 164), mit denen die Regierung, durch negative Gesetzgebung, seine Absichten verfolgte. Unterteilt wurde also in Erlaubtes und Verbotenes.

Die Physiokraten und Nationalökonomen dieser Zeit erkannten, dass nicht allein durch das Gesetz die Ziele des Regierens erreicht werden. Stattdessen „liegt das Ziel der Regierung in den Dingen, die sie lenkt“ (Foucault 2006: 150). Die Gesetze, als Werkzeuge der Regierung, werden nunmehr durch politische bzw. ökonomische Taktiken ersetzt. Regieren bezieht sich also nicht mehr nur auf ein Territorium, Klima, Geologie, Flora und Fauna, sondern auf den Komplex, den die Menschen mit diesen Dingen bilden. Weiterhin sind es „die Menschen in ihren Beziehungen zu jenen anderen Dingen, wie den Sitten, den Gepflogenheiten, den Handlungs- oder Denkweisen […], den möglichen Unfällen oder Unglücken, wie Hungersnot, Epidemien, Tod“ (Foucault 2006 146) mit denen sich gouvernementales Regieren auseinandersetzt. Mit dieser Erkenntnis folgte ein Wandel in der Signifikanz der Familie, als ursprüngliches Modell der Regierung. Anstelle der Familie tritt nun der Bevölkerung. Grundlegend ist dabei die „Verschiebung der Familie von der Ebene des Modells zur Ebene der Instrumentalisierung“ (Foucault 2006: 158). Das Problem der Bevölkerung ist die Konsequenz von Faktoren, wie der demographischen Expansion im 18. Jahrhundert, monetärem Überfluss oder der Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion. Indem man die Bevölkerung, und ihre immanenten Phänomene, betrachtete, konnte die Regierung außerhalb des juridischen Rahmens der Souveränität denken und den Begriff der Ökonomie neu ausrichten. Wieder spielt die Statistik eine fundamentale Rolle als Indikator der Regelmäßigkeiten in der Bevölkerung in einem größeren Rahmen als der Familie. Das Verhältnis von Bevölkerung und Familie hat sich zugunsten der Bevölkerung verschoben und die Familie ist jeher nur noch ein Element bzw. ein Segment der Bevölkerung, die wiederum in ihrem Ganzen als Zielobjekt relativiert wird. Statistische Verfahren über Geburtenrate, Ernährung, Sterblichkeit oder Krankheitshäufigkeit demonstrieren diese Objektivierung der Bevölkerung. Durch diese Verschiebung zugunsten der Bevölkerung konnte die Familie instrumentalisiert werden. Gleichzeitig ist die Bevölkerung der höchste Zweck, da die Regierung durch sie ihre Ziele verfolgen kann. Mit der Emergenz des Bevölkerungsbegriffs sieht Foucault den Übergang in den heutigen Regierungsstaat.

„Durch die Erfassung dieses durchgehenden und vielfältigen Geflechts zwischen Bevölkerung, Territorium, Reichtum wird sich […] eine Wissenschaft bilden, die man die politische Ökonomie nennt“ (Foucault 2006: 159). Wenn man bei Machiavelli von der „Gnade des Souveräns“ und im 16. und 17. Jahrhundert noch von einer Regierungskunst sprach, steht mittlerweile eine politische Wissenschaft im Vordergrund. Der Souverän tritt damit in den Hintergrund. Stattdessen bilden liberale Techniken, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, ab dem 18. Jahrhundert den politischen Kontext. Anhand von Beispielen, wie dem Kornpreis, verdeutlicht Foucault das von den Physiokraten ausgehende Aufkommen liberaler Ordnung in der Politik. Die Forderung eine Ordnung der Natur in alle öffentlichen Bereiche des Lebens zu transzendieren. Durch das Aufkommen des Bevölkerungsproblems, die Besinnung auf natürliche Prozesse in Politik und Ökonomie, die Forderung nach wissenschaftlicher Rationalität und die Entwicklung zu einer bürgerlichen Gesellschaft wurden die Machtverhältnisse erneut umgestaltet.

2.2. Machtverhältnisse und Gouvernementalität

Die Analyse verschiedener Machtmechanismen in der abendländischen Kultur nimmt eine zentrale Stellung in Foucault's Theorie der Gouvernementalität ein. Frühere Untersuchungen nahmen Bezug auf ein juridisches Machtmodell, ausgedrückt in Souveränitätsgedanken und Disziplinarregimen. Anders als seine Vordenker geht Foucault auf die Mikrophysik der Macht ein und untersucht sie anhand verschiedener Techniken, Technologien, Dispositionen und Funktionsweisen. Foucault beschreibt Macht als „ein Ensemble von Mechanismen und Prozeduren […], deren Rolle oder Funktion und Thema darin besteht, die Macht zu gewährleisten, selbst wenn sie dies nicht erreichen“ (Foucault 2006: 14), wobei er auf die produktiven Aspekte von Macht verweist, anstatt der regressiven. Generell differenziert er dabei zwischen Macht und Herrschaft, stellt aber fest, dass die Regierung das Bindeglied zwischen Herrschaftszuständen und Machtbeziehungen ist. Machtmechanismen sind Ursache und Wirkung aller Beziehungen, wie Produktionsbeziehungen, familiäre Beziehungen oder sexuelle Beziehungen. „Die Machtmechanismen sind intrinsischer Bestandteil all dieser Beziehungen“ (Foucault 2006: 14). Weitere Relevanz erfährt der Machtbegriff in Verbindung mit Subjektivität, da durch diese Verknüpfung eine Verbindung von Herrschaftstechniken und den „Technologien des Selbst“ ermöglicht wird, und schließlich verknüpft Foucault Macht und Wissen, da Macht Wissen hervorbringt und umgekehrt Wissen Macht konstituieren kann.

Verschiedene Formen und Beziehungen von Machtverhältnissen werden von den Anfängen des Christentums bis in die Moderne elaboriert. Ein dem Christentum inhärenter Machttyp beeinflusst dahingehend bis heute die Individuen des Abendlandes: die Pastoralmacht. In ihrer ursprünglichen Form ist sie das Prinzip der Beziehung zwischen Hirte und Herde in einem christlich-religiösen Kontext. Sie definiert sich durch ihre Wohltätigkeit, im Hinblick auf eine „Regierung der Seelen“, welche das jenseitige Heil der Individuen fokussiert. Foucault sieht das Pastorat als Präludium der modernen Gouvernementalität, als erste „Kunst die Menschen zu regieren“ (Foucault 2006:242), auch wenn der Eintritt des Pastorats in die Politik erst Ende des 16. Jahrhunderts begann. Die Pastoralmacht wird als eine auf das Subjekt, nicht das Territorium, zielgerichtete Macht

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Foucault. Gouvernementalität, Sicherheitsdispositive und Risikoprävention
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Ethnologie)
Veranstaltung
BA Organisationsethnologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V278518
ISBN (eBook)
9783656718512
ISBN (Buch)
9783656741060
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
foucault, gouvernementalität, sicherheitsdispositive, risikoprävention
Arbeit zitieren
Ludwig Bode (Autor), 2013, Foucault. Gouvernementalität, Sicherheitsdispositive und Risikoprävention, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278518

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