Die Metamorphose als Motiv literarischer Texte ist so alt wie die Schriftkultur Europas und hat ihren festen Platz im Mythos; doch so weit verbreitet das Motiv ist, so vielgestaltig ist es, und so unterschiedlich kann seine Bedeutung sein: In gewisser Weise verkörpert damit die Metamorphose in ihrer literatur-, kunst- und kulturgeschichtlichen Erscheinung die Wandelbarkeit, von der sie erzählt.
Auf den ersten Blick scheinen die Kunstmärchen "Die kleine Seejungfrau" von Hans Christian Andersen und "Siebenhaut" von Ludwig Bechstein wenig miteinander gemein zu haben. Doch bei näherer Betrachtung fallen zunehmend Gemeinsamkeiten auf. Die auffälligste Ähnlichkeit ist die körperliche Verwandlung, welche die Protagonisten der Texte beide durchmachen. Verwandlung ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen, also eine einschneidende äußerliche, d.h. körperliche Veränderung. Solche Verwandlungen beschreibt auch der römische Dichter Ovid in seinen Metamorphosen.
Mit Bezug auf diesen antiken Text, sollen in meiner Arbeit die Kunstmärchen von Andersen und Bechstein analysiert und verglichen werden. Dabei geht es um die symbolische Bedeutung der Verwandlung im Text und dem „Tier“, in das sich die Figur verwandelt. Dabei wird gefragt, warum sich die Figur verwandelt, in welcher Form die Verwandlung vonstatten geht und was die Auswirkungen davon sind. In einem letzten Teil werden vor diesem Hintergrund die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden Texte herausgearbeitet und mit Ovids Arbeit verglichen.
Aufgrund der Komplexität der Begriffe, werden diese jedoch zunächst erläutert und ein Definitionsversuch gemacht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsklärung
2.1 Das Kunstmärchen
2.2 Die Metamorphose
3. Die kleine Seejungfrau
3.1 Inhalt
3.2 Die Metamorphosen
3.3 Symbolische Bedeutung der Seejungfrau
3.4 Die Deutung der Metamorphosen
3.5 Die Seejungfrau bei Ovid
4 Siebenhaut
4.2 Inhalt
4.3 Die Metamorphose
4.4 Symbolische Bedeutung der Schlange
4.5 Die Deutung der Metamorphose
4.6 Die Schlange bei Ovid
5 Der Vergleich der Kunstmärchen
5.1 Vergleich der Metamorphosen
5.2 Vergleich der „Tiere“ und ihrer symbolischen Bedeutung
5.3 Vergleich des Ovid-Bezuges
6 Fazit
7 Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Motiv der Metamorphose in den Kunstmärchen „Die kleine Seejungfrau“ von Hans Christian Andersen und „Siebenhaut“ von Ludwig Bechstein im Vergleich zu Ovids antiken „Metamorphosen“. Ziel ist es, die symbolische Bedeutung der Verwandlungsprozesse sowie der involvierten Tierwesen zu analysieren, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der narrativen Verarbeitung dieses antiken Motivs herauszuarbeiten.
- Analyse des literarischen Motivs der Metamorphose in Kunstmärchen
- Vergleichende Studie von Hans Christian Andersen und Ludwig Bechstein
- Symbolische Deutung von Seejungfrau und Schlange als Tiermotive
- Untersuchung der psychologischen und soziokulturellen Hintergründe der Menschwerdung
- Referenzierung und Abgrenzung zum antiken Vorbild Ovid
Auszug aus dem Buch
3.3 Symbolische Bedeutung der Seejungfrau
Eine Seejungfrau hat viele Namen und Assoziationen und ihr Phänomen ist schon häufig und vielfältig analysiert worden. Sie heißt Undine, Melusine, Meerjungfrau, Nixe, Nymphe, Sylphe, Wasserfrau oder Sirene; gemeint ist damit immer ein mythisches Mischwesen aus Mensch und Tier, wobei das Tier in diesem Fall stets ein Fisch oder eine Schlange ist.
Sie sind immer Bewohnerinnen einer dem Menschen unzugänglichen Wasserwelt, erstreben eine menschliche Seele, um von ihrem naturhaften Status erlöst zu werden, und sind dabei zu ihrer Erlösung an die Liebe eines irdischen Mannes gebunden.
Den Wasserfrauen werden aufgrund ihrer Verbindung zu Meeren, Flüssen und Seen Attribute zugeschrieben, die auch das Wasser selbst besitzt: Wasser und Wasserfrau können gleichzeitig lebensspendend und todbringend vorgestellt werden.
Das bewegte Gewässer gurgelt, flüstert, raunt, orakelt, die Prophetie scheint seine Bestimmung zu sein, der Wasserfrau ist deshalb von allen weisen Frauen und Elementargeistern die Zukunft am vertrautesten.
Sie gelten sogar als „Symbol für die bewegende Kraft der Kunst, für die Poesie schlechthin“. Ganz allgemein, stehen sie als Elementargeister aber auch für die Natur selbst: Gerade die Wasserfrau, sei sie nun Sirene oder Nymphe, erweist sich immer wieder als Hüterin unantastbarer Naturgeheimnisse; bisweilen steht sie gar als Symbol für diese.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Metamorphose als literarisches Motiv ein und skizziert die vergleichende Analyse der beiden Kunstmärchen im Kontext zu Ovid.
2. Begriffsklärung: Dieses Kapitel definiert die Gattung Kunstmärchen und erläutert den literarischen Begriff der Metamorphose unter Einbeziehung wissenschaftlicher Definitionen.
3. Die kleine Seejungfrau: Hier wird der Inhalt sowie die dreifache Metamorphose der Meerprinzessin analysiert, ergänzt durch eine symbolische Deutung und den Vergleich zu Ovidschen Frauenfiguren.
4 Siebenhaut: Dieses Kapitel befasst sich mit der Erzählung Bechsteins, der Metamorphose der Schlange in einen Menschen sowie der zugrundeliegenden Symbolik und Ovid-Bezügen.
5 Der Vergleich der Kunstmärchen: Dieser Abschnitt führt die Ergebnisse der Einzelanalysen zusammen, vergleicht die Art der Verwandlungen, die Tiermotive sowie die Ovid-Bezüge systematisch.
6 Fazit: Das Fazit fasst die wesentlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der untersuchten Texte zusammen und reflektiert die Beständigkeit des Metamorphose-Motivs.
7 Bibliographie: Das Verzeichnis listet sämtliche herangezogene Quellen und Forschungsliteratur auf.
Schlüsselwörter
Metamorphose, Kunstmärchen, Hans Christian Andersen, Ludwig Bechstein, Die kleine Seejungfrau, Siebenhaut, Ovid, Verwandlung, Tiermotiv, Wasserfrau, Menschwerdung, Symbolik, Literaturwissenschaft, Erlösung, Seele.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit dem literarischen Motiv der Metamorphose in zwei ausgewählten Kunstmärchen des 19. Jahrhunderts und deren Bezug zur antiken Mythologie.
Welche sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Mensch-Tier-Verwandlung, der Symbolik der Wasserwesen und Schlangen sowie dem Wunsch nach einer menschlichen Seele.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist der systematische Vergleich der Verwandlungsprozesse bei Andersen und Bechstein sowie deren Einordnung in die Tradition Ovids.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine komparatistische Literaturanalyse, die literarische Texte mit mythologischen Vorlagen vergleicht und psychologische sowie symbolische Deutungsmuster anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Einzelanalyse der beiden Märchen hinsichtlich ihrer spezifischen Metamorphosen und deren Interpretation, gefolgt von einem direkten Vergleich der Ergebnisse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Metamorphose, Kunstmärchen, Menschwerdung, Symbolik und die spezifischen Protagonisten der untersuchten Werke.
Warum spielt die Seele eine so zentrale Rolle in Andersens Werk?
In „Die kleine Seejungfrau“ ist die Erlangung einer unsterblichen Seele das primäre Ziel der Protagonistin, was Andersen als einen tiefenpsychologischen Prozess der Menschwerdung und Opferbereitschaft inszeniert.
Wie unterscheidet sich die Verwandlung in „Siebenhaut“ von der „Kleinen Seejungfrau“?
Während die Seejungfrau eine bewusste, schmerzhafte Wahl trifft, geschieht die Verwandlung in „Siebenhaut“ eher als Erlösung von einem Fluch, wobei der Protagonist seine menschliche Identität und Sprache bewahrt.
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- Nikola Schulze (Author), 2005, Metamorphosen im Märchen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278635