Frauen im Kontext männlicher Gewalt. Die Erzählungen um Dina (Gen 34) und Tamar (Gen 38) im Alten Testament


Hausarbeit, 2011

24 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. DINA - EINE FRAU WIRD ZUM ANLASS EINER GEWALTTAT (GEN 34, 1-31)

3. TAMAR UND DER KAMPF UM DAS RECHT (GEN 38, 1-30)

4. DINA UND TAMAR - ZWEI FRAUEN IM KONTEXT MÄNNLICHER GEWALT UND HERRSCHAFT

5. FAZIT

6. QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS
6.1. PRIMÄRQUELLEN
6.2. SEKUNDÄRQUELLEN
6.3. INTERNETQUELLEN

7. RECHTSVERBINDLICHE ERKLÄRUNG

1. Einleitung

„Keine Gewalt hat Dauer.“ - Leonardo da Vinci -

In unserer heutigen Gesellschaft stehen Sexualität und die Rollen des männlich und weiblichen Geschlechts, stark im Fokus des öffentlichen Interesses. Tabuthemen gibt es kaum noch. Die Stellung der Frau hat sich ebenfalls wesentlich, hin zur Gleichberechtigung, gewandelt. Dies kommt auch im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland zum Tragen, denn dort heißt es im Artikel 3 konkret:

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.1

Aus diesem Kontext heraus ist auch Gewalthandlungen an Frauen ein hoher Stellenwert zuzuschreiben. Erfahren Frauen Gewalt, durch zum Beispiel Männer, sei es in körperlicher, sexueller oder psychischer Form, haben sie rechtliche Möglichkeiten und öffentliche Anlaufpunkte, um ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Sie sind nicht dazu verdammt, Leid über sich ergehen lassen zu müssen.

Doch wie sind Geschlechterrollen im Hinblick auf Religionen zu verstehen?

Religionen haben durch Vorschriften, Mythen, und Erzählungen, Theologien und Kulte starken Einflußauf imaginierte und reale Geschlechterrollen. Bilder vom › richtigen Mann ‹ oder der › weiblichen ‹ oder › unweiblichen Frau ‹ und ihrer Stellung in Gesellschaft, Arbeit und Familie prägen individuelle Identitätsformen, soziale und politische Strukturen und deren Veränderungen.2

Vor dem Hintergrund unseres aktuellen Verständnisses von Gleichberechtigung möchte ich zwei Erzählungen des Alten Testaments vergleichen, welche sich um die Frauen Dina (Gen 34, 1-31) und Tamar (Gen 38, 1-30) drehen. Schwerpunktmäßig möchte ich mich damit auseinandersetzen, welche Positionen die Frauen, im Kontext männlicher Gewalt und Herrschaft einnehmen. Zuerst werde ich deshalb beide Erzählungen jeweils analysieren, um so ein genaueres Bild von beiden Frauen zu gewinnen. Im Anschluss werde ich Dina und Tamar speziell, bezüglich ihrer individuellen Persönlichkeiten und Rollen in den beiden Erzählungen, vergleichen. Letztlich möchte ich ein Fazit ziehen: Wie ist das Verhalten von alttestamentlichen Frauen, wie Dina und Tamar, in solch einem männlich dominierten System zu bewerten? Und vor welche Aufgaben stellen solche Erzählungen die Leserschaft?

2. Dina - eine Frau wird zum Anlass einer Gewalttat (Gen 34, 1- 31)

Bevor ich nun genauer auf die Erzählung um Dina in Gen 34, 1-31 eingehe, ist es erwähnenswert, dass es sich bei Dina, um die Tochter von Lea und Jakob handelt. Sie taucht ebenfalls in Gen 30,21 und Gen 46,15 auf. Der Name „Dina“ leitet sich vom Hebräischen ab und bedeutet so viel wie „Recht schaffen“. Als Nomen könnte man ihn auch in der Bedeutung „Gericht“ verstehen.3 Eine Verbindung zu dieser Namensbedeutung wird sich im Folgenden zeigen. Doch was ereignet sich genau in Gen 34? Welche Position nimmt Dina in dieser Erzählung ein?

Eingeleitet wird die Geschichte um Dina eigentlich schon in Gen 33, 18-20, als geschildert wird, dass die Familie Jakobs sich vor den Toren der Stadt Sichem ansiedelt.4 Dies bildet einen wesentlichen Ausgangspunkt für die Geschehnisse, die sich anschließend ereignen.

In Gen 34, 1-2 heißt es:

Dina aber, die Tochter Leas, die sie dem Jakob geboren hatte, ging hin, um sich unter den Frauen des Landes umzusehen. Da sah Sichem sie, der Sohn des Hiwiters Hamor, des Landfürsten. Er ergriff sie, vergewaltigte und demütigte sie.

In diesen einleitenden Versen wird Dina erstmals vorgestellt, nachdem in Gen 30,21 eine konkrete Gebärnotiz fehlte. Dina sucht die Gesellschaft von Frauen.5 Bei den „Frauen des Landes“ (Gen 31,2) handelt es sich wohl um Einheimische, die dem Lande Sichems angehören. Möglicherweise schwingt hier eine Abwertung Dinas mit, da sie allein ausgeht.6 „Suchte Dina die Gesellschaft von Frauen, so gerät sie in die brutale Gesellschaft eines mächtigen Mannes. Dreifach wird die Gewalttat an der Frau betont.“7 Doch dann ändert sich das Verhalten von Sichem, wie in Gen 34, 3 ersichtlich wird. Er liebt Dina und versucht deren Liebe auch zu gewinnen.8 Aus diesem Grund wendet er sich wohl auch an seinen Vater Hamor, welcher ihm eine Heirat mit Dina ermöglichen soll.

Trotz der Tatsache, dass an dieser Stelle, direkt nach der Gewalttat, die Gefühle von Sichem geschildert werden, wird im Gegenzug Dina völlig übergangen. Dina nimmt nur eine passive Rolle ein, denn Klagen hört man sie im Kontext der Vergewaltigung nicht.9 „In den Erzeltern- Erzählungen wird durch ein solches Verhalten die Opferrolle der Frau manifestiert.“10

Doch Vergewaltigung zu dieser Zeit nimmt einen anderen Stellenwert ein, als in der heutigen Gesellschaft. Dinas Vergewaltigung wird anhand der Gesetzgebung in Ex 22, 15.16 und ebenfalls in Dtn 22, 28.29 nachvollziehbar. Abgehandelt wird die Vergewaltigung unter dem Begriff des Beischlafs mit einer unverlobten Frau, deren Ziel eine Wiedereingliederung der Frau in einen normalen Lebenszyklus ist. Deshalb muss der Mann, der eine solche Tat begangen hat, das entsprechende Mädchen auch heiraten.11

In Exodus wird dem Vater das Recht eingeräumt, dem Mann die Tochter zu verweigern und trotzdem das Brautgeld zu erhalten. Im Deuteronomium gibt es ein solches Recht des Vaters nicht, dafür eine andere Zusatzklausel. Der Mann, der die junge Frau zum sexuellen Akt gezwungen hat, darf diese Frau niemals entlassen.12

In beiden Rechtstexten wird die Vergewaltigung des Mädchens jedoch nur als gewalttätiger Übergriff eines Mannes dargestellt. Wichtig ist es dabei aber nicht, vertieft auf die Zustimmung des betroffenen Mädchens einzugehen. Ebenfalls wird keine große Differenzierung zwischen verschiedenen Fällen der Vergewaltigung vorgenommen, da die Rechtslage deutlich ist. Die Rechtstexte nehmen lediglich eine männliche Perspektive ein, übergehen dabei aber völlig die Gefühle solcher junger Frauen.13 „Die Frage nach ihrer Haltung zu einer Ehe mit dem Mann, der sie unter Umständen vergewaltigt hat, kommt in den Texten nicht vor.“14

Auf die Vergewaltigung seiner Tochter reagiert Jakob nur mit Schweigen (vgl. Gen 34, 5).

In Gen 34, 6-7 heißt es folgend:

Hamor aber, Sichems Vater, ging hin zu Jakob, um mit ihm zu reden. Aber als sie davon hörten, kamen die Söhne Jakobs vom Feld. Die Männer fühlten sich gekränkt und ihr Zorn entbrannte heftig: » ja, er hat eine Schandtat in Israel begangen, indem er die Tochter Jakobs vergewaltigte. So etwas darf nicht getan werden. «

Die Reaktion der Söhne Jakobs spiegelt vor allem Betroffenheit und Zorn wieder. Was Sichem Dina angetan hat, wird in Israel als Schandtat bewertet, denn eine Vergewaltigung ist nicht akzeptabel.15

In Gen 34, 8-10 setzt dann die Verhandlung um Dina ein, wobei das Vergehen selbst nicht angesprochen wird. Hamor beginnt dabei zwar, überlässt die Verhandlungen, um das Brautgeld, dann aber seinem Sohn Sichem. Stattdessen knüpft er an die Werbung um Dina in Vers 9-10 ein politisches Angebot: er eröffnet Jakob und seiner Familie die Möglichkeit, sich dauerhaft im Land niederzulassen.16 Auch die Heirat beider Gruppen untereinander will er möglich machen. „Hamors Vorschlag klingt weise, friedlich und modern. Aus heutiger Sicht ist der Versuch fremder Gruppen, verwandtschaftliche Beziehungen untereinander aufzubauen, ein wichtiger Schritt der Integration und der friedlichen Koexistenz.“17 In Gen 34, 11-12 kommt dann Sichem selbst zum Zug. Er ist sich bewusst, dass er in einer schwachen Verhandlungsposition ist und bittet regelrecht um die Frau. Selbst der Brautpreis und die Morgengabe sind für ihn unerheblich, denn er würde scheinbar alles tun, um Dina heiraten zu dürfen.18

Die Brüder aber antworten ihm trügerisch, indem sie die Beschneidung als conditio sine qua non hinstellen. Sie handeln als Vorbedingung für eine Eheschließung die kollektive Beschneidung der männlichen Bewohner der Stadt Sichems aus (V.14f.). Sollte die Bedingung nicht erfüllt werden, so wird man die Schwester nehmen und fortziehen (V. 17).19

Als befremdlich wirkt es an dieser Stelle der Erzählung, dass nicht Jakob, sondern seine Söhne auf das Angebot antworten. Zur damaligen Zeit galt eine solche Abmachung ohne die Zustimmung des Vaters nicht. Als wichtig ist es hier auch anzusehen, dass in Vers 13b, dass Motiv der Brüder für die sich anschließende Bedingung der Beschneidung genannt wird „[...] und sie redeten so, weil er ihre Schwester Dina entehrt hatte“.20

Die Jakobsöhne stellten Sichem also keine individuelle Bedingung, sondern den Sichemiten eine politische (V15b). Es ist daher sachgem äß , daßsie nun auch das Konnubium erwähnen (V16a), zumal sie (V16b) das Bleiben im Land mit der Scheinzusage krönen, man würde ein einziges Volk werden. (s. zu Vers 8f.).21

In Gen 34,19 wird deutlich, wie wichtig Sichem die Heirat mit Dina ist. Er macht sich sofort an die Umsetzung der Bedingungen, die Jakobs Söhne ihm gestellt hatten. Es ist nicht verwunderlich, dass Hamor im Anschluss mit Sichem zum Tor der Stadt geht, um sich mit den Männern zu beraten (vgl. Gen 34,20).

Das Stadttor diente ihnen als Beratungsort, um den Männern ihr Anliegen zu vermitteln. Den Männern kommt dabei eine entscheidende Position zu. Sie sind die Stimmberechtigten und haben das Sagen inne. Die Rede, die Hamor und Sichem in diesem Kontext halten (Gen 34, 21-23) ist durch und durch politisch. Das persönliche Anliegen der Heirat, wird von Sichem dabei nicht erwähnt. Stattdessen setzt die Rede damit ein, dass der Jakobfamilie eine völlige Vertrauenswürdigkeit zugesprochen wird. Aus diesem Grund soll ihr Gastrecht nun zu einem dauerhaften Aufenthaltsrecht werden.22 „Mit V22a wird aber deren Bedingung eingeführt, die das Wort von einem Volk zusätzlich schmackhaft machen will: Die Beschneidungssitte einer großen Familie soll von einer ganzen Stadt übernommen werden.“23 Dieser Bitte kommen die Männer der Stadt auch nach (vgl. Gen 34,24).

Am dritten Tage aber, als sie Wundschmerzen hatten, da nahmen die beiden Jakobsöhne Simeon und Levi, Dinas Brüder, jeder sein Schwert, kamen unbehelligt zur Stadt und töteten alles Männliche. Auch Hamor und seinen Sohn Sichem töteten sie mit der Schärfe des Schwertes. Dann holten sie Dina aus dem Haus heraus und gingen davon. (Gen 34,25- 26)

Bei einer Beschneidung ist besonders der dritte Tag nach dem Vollzug kritisch. Sie bildete deshalb die Grundlage für die Ermordung der ganzen männlichen Bevölkerung, nur durch die Söhne Jakobs. Überraschend ist, dass an dieser Stelle der Erzählung die Brüder Simeon und Levi, explizit benannt werden. Unmittelbar daran fügt sich Vers 26 inhaltlich an, wobei der Schwerpunkt nicht auf der Tötung von Hamor und Sichem liegt. Diese war eigentlich schon im vorherigen Vers mit eingeschlossen. Vielmehr wird dadurch eine andere Tatsache deutlich: Dina war seit den Verhandlungen, bezüglich der Heirat, bei Sichem belassen worden. Erst jetzt holen sie die Brüder zurück.24 Doch die Bluttat an den Männern reicht den Brüdern offenbar nicht, denn in Gen 34,27 heißt es: „Die Söhne Jakobs aber kamen über die Erschlagenen und plünderten die Stadt, weil sie ihre Schwester entehrt hatten“.

[...]


1 http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/gg/gesamt.pdf

2 Alexandra Grieser: Sexualität und Geschlechterrollen. In: Metzler Lexikon Religion. Gegenwart - Alltag - Medien. Band 3: Paganismus - Zombie. Hg. v. Christoph Auffarth, Jutta Bernard und Hubert Mohr. Stuttgart, Weimar: Verlag J.B. Metzler 2005, S. 402.

3 Vgl. http://www.bibelwissenschaft.de/de/nc/wibilex/das- bibellexikon/details/quelle/WIBI/referenz/16461/cache/29c2085c63fef90b193004b3ad062ae7/ (Zugriff am 01.06.2012)

4 Vgl. Irmtraud Fischer: Gottesstreiterinnen. Biblische Erzählungen über die Anfänge Israels. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer 2006, S. 131. Im Folgenden abgekürzt mit: Fischer 2006.

5 Vgl. ebenda.

6 Vgl. Horst Seebas: Genesis 2. Vätergeschichte 2 (23,1-36,43). Neukirchen-Vluyn: Neukirchner Verlag 1999, S. 422. Im Folgenden abgekürzt mit: Seebas 1999.

7 Fischer 2006, S. 131.

8 Vgl. ebenda.

9 Vgl. ebenda.

10 Ebenda.

11 Vgl. Ilse Müllner: Sexuelle Gewalt im Alten Testament. In: Sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen als Thema der feministischen Theologie. Hg. v. Ulrike Eichler und Ilse Müllner. Gütersloh: Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus 1999, S. 49. Im Folgenden abgekürzt mit: Müllner 1999.

12 Ebd. , S. 49f..

13 Vgl. ebenda.

14 Ebenda.

15 Vgl. Fischer 2006, S. 135.

16 Vgl. Seebas 1999, S. 424.

17 Christoph Recker: Die Erzählungen vom Patriarchen Jakob - ein Beitrag zur mehrperspektivischen Bibelauslegung. Münster, Hamburg, London: LIT Verlag 2000, S.222.Im Folgenden abgekürzt mit: Recker 2000.

18 Vgl. Fischer 2006, S. 135f..

19 Vgl. ebd., S. 136.

20 Vgl. Seebas 1999, S. 424.

21 Ebd., S. 425.

22 Vgl. ebd., S. 425.

23 Ebd., S. 425 f..

24 Vgl. ebd., S. 426f..

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Frauen im Kontext männlicher Gewalt. Die Erzählungen um Dina (Gen 34) und Tamar (Gen 38) im Alten Testament
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Institut für Evangelische Theologie)
Veranstaltung
Frauen und Männer in biblischen Texten
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
24
Katalognummer
V278672
ISBN (eBook)
9783656726593
ISBN (Buch)
9783656726555
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frauen, kontext, gewalt, erzählungen, dina, tamar, alten, testament
Arbeit zitieren
Julia Walter (Autor), 2011, Frauen im Kontext männlicher Gewalt. Die Erzählungen um Dina (Gen 34) und Tamar (Gen 38) im Alten Testament, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278672

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