Genie und Wahnsinn. „Die Vermessung der Welt“ und „Mahlers Zeit“ von Daniel Kehlmann


Seminararbeit, 2013
19 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Genie und Wahnsinn
2.1 Zum Geniebegriff
2.2 Der Begriff des Wahnsinns in Verbindung mit Genialität
2.3 Genie und Wahnsinn in „Die Vermessung der Welt“
2.4 Genie und Wahnsinn in „Mahlers Zeit“

3 Kontrollverlust und Chaos bei Daniel Kehlmann
3.1 Der Begriff des Chaos
3.2 Kontrollverlust und Chaos in „Die Vermessung der Welt“
3.3 Kontrollverlust und Chaos in „Mahlers Zeit“

4 Schlussbemerkungen

5 Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Genies erscheinen manchen Menschen oftmals als unheimlich. Was für sie vollkommen normal ist, wird vom Großteil der Gesellschaft als „andersartig“ oder „verrückt“ bezeichnet. In ihrem Handeln und Denken unterscheiden sich Genies deutlich von ihren Mitmenschen und werden daher von ihrer Umgebung anders wahrgenommen als sie sich selbst sehen. Nicht selten verlieren sie sogar die Kontrolle über sich und ihr eigenes Leben und enden schlussendlich im Chaos.

So ergeht es auch den Protagonisten in den zwei von mir gewählten Werken von Daniel Kehlmann. In „Die Vermessung der Welt“1 scheinen sich der Mathematiker Carl Friedrich Gauß und der Naturwissenschaftler Alexander von Humboldt vollends in ihren Wissenschaften zu verlieren und in den einfachen Dingen des Lebens kläglich zu scheitern. Die Menschen in ihrer Umgebung bezeichnen sie oftmals als „unheimlich“ oder „wahnsinnig“ und mit ihrem Verhalten stoßen sie nicht selten auf Ablehnung.

Im zweiten Werk, „Mahlers Zeit“2, geht es um den Physiker David Mahler, der glaubt, im Traum eine Theorie entdeckt zu haben, die die Ordnung der Zeit, und somit der ganzen Welt ins Chaos stürzen würde. Doch seinen Vermutungen will kaum jemand Glauben schenken, sodass er beginnt, an sich selbst zu zweifeln und die Kontrolle über sein Leben verliert.

Der Grat zwischen Genie und Wahnsinn ist besonders schmal. Die Protagonisten beider Werke sind mit dem Kontrollverlust, sowie dem Verschwimmen von Realität und Fiktion konfrontiert. Ein weiterer bedeutender Begriff in beiden Werken ist das „Chaos“. Die Genies Humboldt, Gauß und Mahler versuchen durch ständiges Vermessen, Analysieren und Erforschen, Ordnung zu schaffen und Ungewissheit zu vermeiden.

Wodurch unterscheiden sich Genies von den anderen Menschen und wie reagieren diese auf ihr Verhalten? Wie gehen die Genies mit diesen Reaktionen um und wann werden sie sich selbst unheimlich? Kommt es letztlich zum Ausschluss aus der Gesellschaft und inwieweit führt dies zum Bruch mit der Wirklichkeit?

In meiner Proseminararbeit möchte ich diese Aspekte mithilfe ausgewählter Sekundärliteratur, unter anderem von Horst Daemmrich3, Gottfried Benn4 und Bettina Pflügl5, herausarbeiten und versuchen, diese Fragen zu beantworten.

2 Genie und Wahnsinn

2.1 Zum Geniebegriff

Der Begriff des „Genies“, so wie wir ihn heute verstehen, wurde erstmals in der Zeit des Sturm und Drang zwischen 1760 und 1775 verwendet.6 In der Renaissance stellte Genialität eine vorwiegend negativ besetzte Eigenschaft dar, wonach die „einseitige Konzentration auf Ideen zur geistigen Verwirrung führen kann“7. Das 18. Jahrhundert stand wiederum ganz im Sinne der Aufklärung und der Forderung nach der Freiheit des Individuums. Man machte den Dichter zum Genie, indem man ihn zu einem gottähnlichen Schöpfer erhob, der Fähigkeiten aufweist, die ihn von den anderen Menschen unterscheidet.

Auch noch heute, im 21. Jahrhundert, verursacht ein Genie Bewunderung und Faszination in der Gesellschaft. Die Menschen sind begeistert von den naturgegebenen Gaben, die ein Genie in sich trägt und was es daraus hervorbringen kann. Pflügl definiert Genialität in ihrer Arbeit folgendermaßen:

„Ein Genie ist ein Mensch, der bei einer Vielzahl von Personen, unabhängig voneinander, in Bezug auf seine eigene, sich wiederholende, produktive, schöpferische und kreative Leistung Faszination und Staunen hervorruft.“8

Und dennoch wird Genialität auch mit etwas Befremdlichem und Abnormalem assoziiert. Dadurch, dass ein Genie Eigenschaften aufweist, mit denen es sich von der breiten Masse unterscheidet, wird die Andersartigkeit nicht selten zum Unheimlichen. Wie Ernst Jentsch in seinem Werk „Zur Psychologie des Unheimlichen“ beschreibt, ist es das Unbekannte, was den Menschen unheimlich wird.9 Andere können demnach nicht nachvollziehen, wie Genies denken oder agieren, da ihnen diese Verhaltensweisen völlig fremd sind. Der Ausschluss des Genies aus der Gemeinschaft ist daher in vielen Fällen eine absehbare Folge.

2.2 Der Begriff des Wahnsinns in Verbindung mit Genialität

Um den Begriff des Wahnsinns zu erklären, bedarf es der Betrachtung verschiedener Auffassungen. In der religiösen Literatur „erschien (der Wahnsinn) als Strafe für die Lasterhaftigkeit und die seelische Verderbnis“10, also eine Bestrafung Gottes für die Sünden und Fehlbarkeit der Menschen. Im 17. Jh. war man der Ansicht, moralische Verdorbenheit, vor allem bei Randgruppen wie Bettler und Verbrecher, führe zum Wahnsinn und letztlich zum Ausschluss aus der Gesellschaft. Nach dem 17. Jh. setzte sich die Auffassung durch, dass der Wahnsinn unmittelbar mit der Unvernunft und dem Unsinn konnotiert war und ihnen deshalb die Einsicht in jegliches Wissen verwehrt bleibe. „Im vernünftigen Weltbild der Aufklärung erscheint der Wahnsinn als letzte Konsequenz ungezügelter Leidenschaften“11. Später wurde dieses Denken umgekehrt, indem man dem Wahnsinn durchaus positive Aspekte zuschrieb. Die philosophische Anschauung ging so weit, dass man glaubte, dem Wahnsinnigen stehen Wege der Erkenntnis offen, welche einem „normalen“ bürgerlichen Menschenleben unmöglich wären.12

Benn beschreibt dies in seinem Aufsatz „Das Genieproblem“.13 Er führt hierzu unzählige Beispiele berühmter Wissenschaftler, Künstler und Musiker auf, die unter psychischen Problemen litten, wie Vincent Van Gogh, Lenz, Hölderlin und Chopin. Benn nennt sogar Wolfgang Amadeus Mozart, der unter Verfolgungswahn litt und mit der steten Angst lebte, vergiftet zu werden.14

Wenn Genies ihren Leidenschaften voll und ganz verfallen, besteht die Gefahr, dass sie den Zugang zur Realität verlieren und keinen Anschluss in die Gesellschaft finden.

„Die Gesellschaft steht dem Künstler, seiner Berufung und seinen Zielen völlig verständnislos gegenüber, (…) stößt ihn in die Vereinsamung und (dies) führt zum Bruch mit der Wirklichkeit“15. Diesen „Bruch“, mit der Gesellschaft, sowie mit der Realität, werde ich an den literarischen Beispielen von Daniel Kehlmann aufzeigen.

[...]


1 Kehlmann, Daniel: Die Vermessung der Welt. Rowohlt Verlag: Hamburg 2005.

2 Kehlmann, Daniel: Mahlers Zeit. Suhrkamp: Frankfurt am Main 1999.

3 Horst Daemmrich: Themen und Motive in der Literatur. Ein Handbuch. Fran>4 Gottfried Benn: Das Genieproblem. In: Gerhard Schuster (Hrsg.): Gottfried Benn. Sämtliche Werke. Bd. III. Ernst Klett Verlag: Stuttgart 1987.

5 Bettina Pflügl: Die Aspekte „Genialität“ und „Wahnsinn“ in einer Bearbeitung des literarischen und

gesellschaftlichen Kontextes anhand von Patrick Süskinds „Das Parfum“ und Robert Schneiders „Schlafes Bruder“. Diss. eingereicht von Bettina Pflügl, Salzburg 2004.

6 Vgl. Pflügl, 2004, S. 5.

7 Daemmrich, 1987. S. 333.

8 Pflügl, 2004, S. 15.

9 Vgl. Sigmund Freud: Das Unheimliche. In: Sigmund Freud: Der Moses des Michelangelo. Fischer: Frankfurt am Main 2004. S. 137-172.

10 Daemmrich, 1987, S. 334.

11 Ebd., S. 334

12 Vgl. Pflügl, S. 20.

13 Benn, 1987.

14 Vgl. Benn, 1987, S. 283.

15 Daemmrich, 1987, S. 335.

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Details

Titel
Genie und Wahnsinn. „Die Vermessung der Welt“ und „Mahlers Zeit“ von Daniel Kehlmann
Hochschule
Universität Salzburg
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V278789
ISBN (eBook)
9783668132146
ISBN (Buch)
9783668132153
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Daniel Kehlmann, Die Vermessug der Welt, Mahlers Zeit, Genie, Wahnsinn
Arbeit zitieren
Simona Winkler (Autor), 2013, Genie und Wahnsinn. „Die Vermessung der Welt“ und „Mahlers Zeit“ von Daniel Kehlmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278789

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