Die Erwachsenenbildung im Nationalsozialismus fand lange Zeit keine Berücksichtigung in der Forschung nach 1945. Erwachsenenbildner und Erwachsenenbildungstheoretiker wie Werner Picht oder Hellmut Becker blenden die Zeit des Nationalsozialismus völlig aus oder gehen nur sehr sporadisch darauf ein. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten sei in der Erwachsenenbildung ein „Vakuum“ entstanden, in dem „volksbildnerische Tradition zerstört worden sei.“, schreibt Werner Picht. Erwachsenenbildung im Dritten Reich habe sich aus der demokratischen Tradition verabschiedet, sodass „Bildungsarbeit als Chance zur Selbstbildung und freien Entscheidungen nicht mehr möglich“ gewesen sei.
Bedingt durch die Etablierung der Wissenschaft von der Erwachsenenbildung, rückte in den 1970er Jahren die nationalsozialistische Erwachsenenbildung in den Blickpunkt der Forschung. Dietrich Urbach, Georg Fischer und Hildegart Feidel-Mertz sind nur drei Namen, die in diesem Zusammenhang zu nennen sind.
Aber wie wirkte sich die „Machtübernahme“ Hitlers am 30. Januar 1933 tatsächlich auf die Arbeit der Erwachsenenbildung in Deutschland aus? Erfolgte wirklich ein Kontinuitätsbruch in der Erwachsenenbildungsarbeit wie man nach 1945 annahm?
Um diese Fragen zu klären, soll zunächst ein Blick auf die Jahre der nationalsozialistischen Machtfestigung von 1933 bis 1936 geworfen werden. Anschließend fällt der Fokus auf die Jahre zwischen 1936 bis 1939, also die Zeit, in der die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland gefestigt war. Die Rolle, welche die Machthaber der Erwachsenenbildung im Verlauf des Zweiten Weltkrieges - sowohl in Deutschland als auch in den besetzten Gebieten - zuschrieben, wird in dieser Arbeit nicht thematisiert.
Um die Entwicklung der Erwachsenenbildung im Dritten Reich aufzuzeigen, dienen besonders zeitgenössische Dokumente, sowie die Werke von Josef Olbrich und Georg Fischer als Grundlage.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Erwachsenenbildung im Dritten Reich
2.1 Erste Phase (1933- 1936)
2.2 Zweite Phase (1936- 1939)
3. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Entwicklung und Transformation der Erwachsenenbildung in Deutschland während des Zeitraums von 1933 bis 1939. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob es nach der nationalsozialistischen Machtübernahme tatsächlich zu einem abrupten Kontinuitätsbruch kam oder ob sich der Prozess der Gleichschaltung schrittweise vollzog.
- Analyse der nationalsozialistischen Machtfestigung in der Erwachsenenbildung (1933-1936)
- Untersuchung der ideologischen Instrumentalisierung der Bildungsangebote
- Betrachtung der Zentralisierungsbestrebungen und der Rolle der Deutschen Arbeitsfront (DAF)
- Evaluation der Entwicklung unter dem Vierjahresplan (1936-1939)
- Kritische Einordnung des "Kontinuitätsbruchs" im Vergleich zur Weimarer Republik
Auszug aus dem Buch
2. Erwachsenenbildung im Dritten Reich
„Die Erwachsenenbildung wird nicht mehr den Weg außerhalb, sondern innerhalb der bestehenden Lebensordnung gehen.“4
2.1 Erste Phase (1933- 1936)
Nach der „Machtübernahme“ durch die Nationalsozialisten veränderte sich das „gesamte geistige kulturelle, politisch institutionelle und das gesellschaftliche System.“5 Diese Veränderung erfolgte allerdings nicht schlagartig, sondern schrittweise.
Auch die Erwachsenenbildung war von den Umwälzungen betroffen. Nach dem 30. Januar 1933 versuchten die Einrichtungen der Volksbildung sich mit den neuen Machthabern zu arrangieren. So erklärte am 29. März 1933 die „Gesellschaft für Volksbildung“, dass ihr Wirken schon immer im Sinne der Volksgemeinschaft gestanden habe6 und auch der „Reichsverband der deutschen Volkshochschulen“ erklärte sich bereit, die ihnen „gestellten nationalen und sozialen Aufgaben“ treu zu erfüllen.7 Mit solchen Loyalitätsbekundungen war die Hoffnung der Verantwortlichen verbunden, die selbständige Bildungsarbeit ohne staatliche Kontrolle fortsetzen zu können. Solche Hoffnungen wurden allerdings schnell enttäuscht und so wurde die Gesellschaft für Volksbildung im Herbst 1933 dem der „Deutschen Arbeitsfront“ (DAF) unterstellten „Reichsbund Volkstum und Heimat“ eingegliedert. Der „Reichsverband der deutschen Volkshochschulen“ löste sich im Juli 1933 auf.8
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die langjährige Vernachlässigung des Themas in der Forschung nach 1945 und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Art und Weise des Wandels der Erwachsenenbildung ab 1933.
2. Erwachsenenbildung im Dritten Reich: Dieses Hauptkapitel beschreibt die schrittweise Gleichschaltung und ideologische Vereinnahmung der Erwachsenenbildung in zwei Phasen, geprägt durch Machtkämpfe zwischen Parteiorganen und staatlichen Stellen.
3. Schlussbetrachtung: Das Fazit widerlegt die These eines radikalen Kontinuitätsbruchs und arbeitet stattdessen einen stufenweisen Prozess der nationalsozialistischen Durchdringung sowie die Grenzen dieses Machtanspruchs heraus.
Schlüsselwörter
Erwachsenenbildung, Nationalsozialismus, Drittes Reich, Volksbildung, Gleichschaltung, Deutsche Arbeitsfront, Volksgemeinschaft, Ideologie, Kontinuitätsbruch, Machtübernahme, Vierjahresplan, Bildungsauftrag, NS-Weltanschauung, Volkshochschulen, politische Instrumentalisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die strukturellen und inhaltlichen Veränderungen der deutschen Erwachsenenbildung im Zeitraum zwischen 1933 und 1939 unter dem Einfluss des nationalsozialistischen Regimes.
Welches ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu klären, wie die nationalsozialistische „Machtübernahme“ die Erwachsenenbildungsarbeit konkret beeinflusste und ob man nach 1945 zu Recht von einem abrupten Kontinuitätsbruch sprach.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Im Zentrum stehen die Machtfestigung zwischen 1933 und 1936, die Rolle des „Vierjahresplans“ für die Bildungsarbeit sowie die institutionelle Gleichschaltung durch DAF und Reichsministerium.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer historisch-kritischen Literaturanalyse unter Einbeziehung zeitgenössischer Dokumente und fachwissenschaftlicher Sekundärliteratur zu diesem Themenkomplex.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei Phasen: Die erste Phase (1933-1936) beschreibt das anfängliche Arrangement und die schrittweise Übernahme; die zweite Phase (1936-1939) analysiert die Etablierung des „Primats der Politik“ und die vollkommene ideologische Ausrichtung.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit am besten?
Die zentralen Schlagworte sind Erwachsenenbildung, Nationalsozialismus, Gleichschaltung, Volksgemeinschaft und der Prozess der schrittweisen Umgestaltung durch die NSDAP.
Warum wird in der Arbeit das Jahr 1936 als Zäsur hervorgehoben?
1936 markiert durch den „Vierjahresplan“ und die verstärkte Ausrichtung auf Autarkie sowie die totale parteipolitische Kontrolle der Bildungsangebote den Punkt, ab dem die Überformung der Erwachsenenbildung durch das NS-Regime am deutlichsten greifbar wird.
Konnte die NSDAP die Erwachsenenbildung jemals vollständig kontrollieren?
Nein, der Autor kommt zu dem Schluss, dass trotz der massiven Bemühungen eine vollständige Einheitlichkeit und Kontrolle nie vollständig erreicht wurde, wobei sogar von „passivem Widerstand“ und parallelen Strukturen berichtet wird.
- Arbeit zitieren
- Matthias Jansen (Autor:in), 2013, Erwachsenenbildung im Dritten Reich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278796