Die Ästhetik des Ekels in Gottfried Benns "Schöne Jugend"


Hausarbeit, 2012
17 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
- 1.1. Einführung und oberflächliche Betrachtung
- 1.2. Genauere Betrachtung
- 1.3. Lyrische Instanz und Adressat

1. formale/semantische Analyse
- 2.1. Wortwahl
- 2.1.1. Verben
- 2.1.2. Substantive
- 2.1.3. Adjektive
- 2.2. Satzbau
- 2.2.1. Satzaufbau
- 2.2.2. Enjambements
- 2.2.3. Satzart
- 2.3. Klang
- 2.3.1. Hiatus
- 2.3.2. Alliterationen
- 2.3.3. Onomatopoetika
- 2.4. Bildlichkeit
- 2.4.1. Vergleiche und Bilder
- 2.4.2. Wasserleiche als Motiv
- 2.4.3. Kreislaufmotiv

1. Fazit

2. Literaturangabe

1. Einleitung

1.1. Einführung und oberflächliche Betrachtung

Gottfried Benns Gedicht „Schöne Jugend“ erschien 1912, als eines von fünf Gedichten seines Sammelbandes „Morgue“ (Leichenschauhaus)[1] und wird der Epoche des Expressionismus zugeschrieben.

Im Zusammenhang mit Gottfried Benns Gedichtband „Morgue“ und einiger anderer zeitgenössischer Werke, wird oftmals von einer „Ästhetik des Ekels“ gesprochen. Auf diesen Begriff hin, möchte ich „Schöne Jugend“ im Folgenden eingehend untersuchen.

Es wird, zunächst einmal oberflächlich betrachtet, die Obduktion „eines Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte“ (V. 1)[2] geschildert. Im Zuge dieser Obduktion wird ein Rattennest freigelegt, welches sich in der aufgebrochenen Brust der Toten befindet. Erst die kleinen Ratten scheinen das Interesse der Lyrischen Instanz zu wecken.

Im Laufe des Gedichtes wird klar, dass der irreführende Titel „Schöne Jugend“ vielmehr den heranreifenden Ratten gilt, als der eingangs beschriebenen Wasserleiche. Letztlich finden auch die Ratten ihren Tod. Sie werden ins Wasser geworfen und sterben, wie zuvor das Mädchen, so lässt es sich zumindest vermuten, durch Ertrinken.

1.2. Genauere Betrachtung

Das einstrophige Gedicht „Schöne Jugend“ besteht aus zwölf Versen; die Verfasstheit erscheint prosaisch und weist weder Reime, noch eine durchgehende Metrik auf. Es liegen keine Anzeichen vor, um Tages- oder Jahreszeit fest zu machen. Die Verben stehen aber zum aller größten Teil im Präteritum und im Plusquamperfekt. Es handelt sich also um ein nachträgliches Erzählen des Geschehens durch die lyrische Instanz.

In den ersten drei Versen wird der Zustand der Mädchenleiche beschrieben. In der Sprache der Lyrischen Instanz lassen sich bisher keine Anzeichen von Sympathie festmachen. In abtuender Kürze wird vom angeknabberten Mund der Toten, vom Aufbrechen ihrer Brust durch die, oder den Obduzierenden und der löchrigen Speiseröhre berichtet.

Wiederholt wird die vergleichende Konjunktion „so“ (V. 1 & V. 3) verwendet. Der Mund der Leiche „sah so angeknabbert aus“ (V. 1) und ihre „Speiseröhre so löchrig“ (V. 3). Die Sprache des Beobachters scheint hier eher vage als zutreffend und genau zu sein.

In Vers vier bis sechs allerdings, wird nun scheinbar das Interesse der lyrischen Instanz geweckt. Es wird berichtet, wie unter dem Zwerchfell des toten Mädchens ein Nest junger Ratten entdeckt wird. Eine der Ratten, welche der Beobachter verniedlichend „kleines Schwesterchen“ (V. 6) nennt, liegt bereits tot innerhalb der Wasserleiche. Diese Diminuitivform mutet seltsam an, denn scheinbar wird erst nun, da er von der toten Ratte berichtet, die Sympathie des Betrachters ersichtlich. Das Adverb „Schließlich“ (V. 4) kann Anzeichen dafür sein, dass der Beobachter das Rattennest als eigentlichen Fund wertet, welcher im Zuge der Obduktion zutage getragen wurde. Der Umstand, dass die Suche nach einem Rattennest jedoch keinesfalls der ursprüngliche Beweggrund sein konnte, eine Autopsie durchzuführen, lässt die Aussagen der lyrischen Instanz vermutlich seltsam auf die meisten Leser wirken.

In den drei folgenden Versen sieben bis neun, schildert der Beobachter, wie sich die Ratten von den Eingeweiden, der „Leber und Niere“ (V. 7) und dem kalten Blut der Toten ernährten. Wenn der Betrachter nun anmerkt, dass die Ratten hier im Körper der Wasserleiche, „eine schöne Jugend“ (V. 9) verlebten, wird es klar ersichtlich, dass sein Interesse ungeteilt den Ratten gilt. Denn der Leser, so ist es anzunehmen, geht vorerst davon aus, dass der Titel „Schöne Jugend“ dem anfangs erwähnten Mädchen und nicht etwa den parasitären Ratten gewidmet ist.

Abschließend, von Vers zehn bis zwölf, wird der Tod der jungen Ratten wiedergegeben. Dieser wird als „schön und schnell“ (V. 10) kommend beschrieben. „Man warf sie allesamt ins Wasser“ (V. 11). Im letzten, dem zwölften Vers liegt die einzige Interjektion im gesamten Gedicht vor: „Ach“ (V. 12); diese besonders auffällige, lautmalerische Interjektion kann gewiss als Ausdruck von ungehemmter Emotion der Lyrischen Instanz verstanden werden. Besonders prägnant ist es auch, dass das Augenmerk des Betrachters nun auf den quietschenden Schnauzen der ertrinkenden Ratten liegt, war doch gleich zu Beginn des Gedichtes die Rede vom Mund des „Mädchens, das lange im Schilf gelegen hatte“ (V. 1). Interessant ist gerade hier vor allem, dass die lyrische Instanz in der Zeitform ihres Obduktionsberichtes schwankt, denn das Verb „quietschen“ (V. 12) steht im Gedicht als einziges im Präsens. Es wirkt so, als sei der Berichterstatter in einem solchen Maße durch seine eigene Erzählung befangen, dass er sich während seines Niederschreibens, beziehungsweise Vortragens zeitlich zurück zum Zeitpunkt des Geschehens imaginiert. Selbst, oder gerade wenn die hier vorliegende Abweichung in der Zeitform von der lyrischen Instanz nicht intendiert sein sollte, lässt sie über die Betrachtungsweise derselben aufschlussreiche Schlüsse ziehen.

1.3. Lyrische Instanz und Adressat

Hinweise auf einen vermeintlichen Adressaten der lyrischen Rede liegen nicht vor und auch über die lyrische Instanz selbst kann nur wenig ausgesagt werden, da selbst Hinweise, wie auf sie bezogene Personal- oder Possessivpronomen fehlen. Es sind wohl die individuellen Eindrücke eines Beobachters, der ohne selbst einzugreifen einer Obduktion beiwohnte. Die obduzierende Person selbst, beziehungsweise die Anzahl der Obduzierenden bleibt ungenannt und lediglich ihre Aktivitäten sind von Wichtigkeit für den Berichterstatter. Sein Interesse steigt, was auch sprachlich bereits an einigen wenigen Beispielen angedeutet wurde, an, als er Zeuge wird, wie unter dem Zwerchfell der Toten ein Rattennest entdeckt wird. Am deutlichsten ist die lyrische Instanz durch ihre Eigenartigkeit charakterisiert. Diese Eigenart zeichnet sich einerseits aus, durch den zunehmend an Sachlichkeit verlierenden Beschreibungsstil, andererseits durch das steigende Interesse am Schicksal der parasitären Ratten und an den damit einhergehenden Anzeichen von Emotion, wie beispielsweise die Interjektion „Ach“ (V. 12) im letzten Vers veranschaulicht.

2. Formale/Semantische Analyse

2.1. Wortwahl

Schon bei einmaligem rezipieren fällt einem ins Auge, dass hier ein von Menschenhand vorgenommener, künstlicher Eingriff in natürliche Vorgänge geschildert wird. So setzt sich die Sprache überwiegend aus natürlichen, aber auch aus spezifisch medizinischen/anatomischen und sogar architektonischen Begriffen zusammen. Speziell im Eingang des Gedichtes vermittelt die Wortwahl den Eindruck einer, wenn auch nicht zwingend fachkundigen, so doch routinierten lyrischen Instanz, die scheinbar nicht erstmalig Zeuge einer solchen Sektion wurde. Das im Gedicht geschilderte, also die Obduktion der Wasserleiche und die Ratten, die sich innerhalb des Brustkorbs ihr Nest eingerichtet haben, mag wohl auf eine große Mehrzahl der Leser abstoßend und ekelerregend wirken, die angewandten Worte selbst können jedoch, betrachtet man sie einzeln, nicht als vulgär, obszön oder gar ekelnd bezeichnet werden. Vielleicht erhält man mehr Aufschluss durch genauere Untersuchung wichtiger und auffälliger Wortgruppen des Gedichtes. Im Folgenden werde ich versuchen die Eigenartigkeit und befremdlich anmutende Art und Weise der Sprache in welcher das Gedicht verfasst ist, noch genauer zu interpretieren und so über die Wirkung des ästhetischen Ekels in Gottfried Benns Gedicht „Schöne Jugend“ etwas mehr Erkenntnis zu gewinnen.

2.1.1. Verben

Hier, eine Auflistung aller im Gedicht enthaltener Verben (Zur vereinfachten Darstellung im Infinitiv); gegliedert in Tätigkeits-, Zustands-, und Vorgangsverben.[3]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Von den insgesamt 83 Worten des Gedichtes (den Titel mit einbezogen) sind Elf Verben; darunter acht Tätigkeits- und vier Zustandsverben. Vorgangsverben liegen keine vor.

Das erste Verb „gelegen“ (V. 3), nimmt eine besondere Position ein. Ich zähle es den Tätigkeits-, wie auch den Zustandsverben zu, da es innerhalb des Gedichtes als überraschendes Moment fungiert. Der Leser, mit großer Wahrscheinlichkeit noch vom Titel irregeleitet, weiss nicht um den Zustand des Mädchens, bis er dem zweiten Vers entnimmt, dass ihr Mund „so angeknabbert“ (V. 2) aussieht. Erst nachdem er diesen zweiten Vers gelesen hat, verfügt er über die Information, dass es sich um eine Tote handelt und ihr Liegen keine Tätigkeit darstellt, sondern einen, dem Umstand geschuldeten Zustand.

Die fehlenden Vorgangsverben weisen auf einen überwiegend aktiven Charakter des Erzählten hin.[4] Das Augenmerk der lyrischen Instanz richtet sich eingangs zwar auf die passive Leiche, welche im Schilf lag und deren Mund „so angeknabbert“ (V. 2) aussah, jedoch werden daraufhin aktive Vorgänge an ihrem Leichnam durchgeführt. So brach der unbenannte Obduzierende ihren Brustkorb auf und stieß unter ihrem Zwerchfell auf das Rattennest. Die tote Ratte „Schwesterchen lag“ (V. 6), als man sie fand ebenso passiv wie das Mädchen tot da. Die restlichen Ratten verhielten sich wiederum aktiv; sie „lebten“ (V. 10), „tranken“ (V. 11) und „verlebten“ (V. 9) ihre „schöne Jugend“ (V. 9) im inneren der passiven Leiche. Des weiteren agiert selbst ihr möglicherweise als Personifikation zu verstehender Tod aktiv, wenn er „schön und schnell kam“ (V. 10). Schließlich wird im elften Vers eine weitere Aktivität ausgeführt. Der unbenannte Obduzierende, hier durch das Indefinitpronomen „Man“ (V. 11) gekennzeichnet, wirft die Ratten ins Wasser. Aktiv „quietschen“ (V. 12) ihre „kleinen Schnauzen“ (V. 12).

2.1.2. Substantive

Hier, eine Auflistung aller im Gedicht enthaltener Substantive; gegliedert in Sachbereiche.[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die sechzehn vorliegenden Substantive lassen sich in drei überbegriffliche Sachbereiche einteilen. Die der Körperteile und Organe, die der Natur und Architektur und diese der Personen, beziehungsweise der Personifikationen.

Die gebrauchten Substantive sind Bestandteil der medizinischen Ausdrucksweise der lyrischen Instanz. Ausnahmen bestätigen allerdings, wie so oft, auch hier die Regel. Die Ausdrucksweise des Betrachters verliert beträchtlich an Sachlichkeit, wenn er die tote Ratte diminuitiv als „Schwesterchen“ (V. 6) personifiziert.

Substantive technischer oder industrieller Art fehlen, denn selbst das im Gedicht enthaltene architektonische Substantiv „Laube“ (V. 4) ist hier zweckentfremdet verwendet und Bezeichnung für einen organischen Raum „unter dem Zwerchfell“ (V. 4) des toten Mädchens, innerhalb welchem die Obduktion dann den Fund der Ratten zutage legt. Die Entlehnung des Begriffes „Laube“ (V. 4) stellt einen Beleg für eine unkonventionelle Ansichtsweise und dieser zufolge, eine unnormale Ausdrucksweise der lyrischen Instanz dar, denn die Leiche wird hier von ihr, im Gegensatz zur toten Ratte, welche personifiziert wird, versachlicht. Am Rande sei erwähnt, dass auch das Adverb „hier“ (V. 9) als Ortsangabe deutlich darauf hinweist, dass der Betrachter die Leiche des Mädchens sozusagen als “Ort des Geschehens“ ansieht.

Die Personifikation der toten Ratte und die angedeutete Versachlichung der Menschenleiche indizieren eine unserem allgemeinen Wertekanon fern liegende, genauer noch, eine ihm gegensätzliche Ansicht, da die Prioritäten von Mensch und Tier nicht nur gleichgestellt, sondern vertauscht werden.

Zum größten Teil bestehen die Substantive in „Schöne Jugend“ aus Konkreta. Die Ausnahmen bilden die beiden Abstrakta „Jugend“ (V. 9) und „Tod“ (V. 10), welche ihrer Bedeutungen nach zwar konträr sind, doch insofern in Verbindung zueinander stehen, als dass sie Entwicklungsstadien eines Menschen oder ferner eines Lebewesens beschreiben, welche unabdingbar in kausalem Zusammenhang stehen.

Zusammengefasst weisen die überwiegend fachbezogenen Substantive, größtenteils Konkreta, die Sprache des Betrachters als medizinisch fundiert aus, denn erst vorliegende Wortwahl lässt den Schluss zu, dass es sich bei „Schöne Jugend“ um die lyrische Darstellung eines Autopsieberichtes handelt. Es sind die wenigen Ausnahmen in der Sprache der lyrischen Instanz, so zum Beispiel die Personifikation und Versachlichung, wie auch die seltenen Abstrakta, welche einen Teil der Wirkung des ästhetischen Ekels ausmachen könnten.

[...]


[1] „Morgue“. In: Duden online. Zugriff über online Publikation, (24.09.2003).

[2] Versangaben in Klammern zitiert nach: Gottfried Benn: Schöne Jugend. In: Morgue und andere Gedichte von Gottfried Benn. Mit Zeichnungen von Georg Baselitz, 2. Aufl. Stuttgart 2012, S. 6.

[3] Horst J. Frank: Wie interpretiere ich ein Gedicht?, Tübingen 2003, S. 41

[4] Frank: Wie interpretiere ich ein Gedicht?. S. 41f.

[5] Ebd., S. 42.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Ästhetik des Ekels in Gottfried Benns "Schöne Jugend"
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Institut für Lyrikanalyse)
Veranstaltung
Lyrikanalyse
Note
1
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V278802
ISBN (eBook)
9783656715856
ISBN (Buch)
9783656715948
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gottfried, Benn, Ästhetik, Ekel, Morgue, Schöne, Jugend, Gedichtanalyse
Arbeit zitieren
Frank König (Autor), 2012, Die Ästhetik des Ekels in Gottfried Benns "Schöne Jugend", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278802

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