Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein erwies sich die Forschungsliteratur der deutschen, mittelalterlichen Artusepik als „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ (Roßnagel 1996: 8). Während die „Klassiker“ von Hartmann von Aue oder Wolfram von Eschenbach von Beginn an großes Interesse und Begeisterung weckten, schenkte man den „nachklassischen“ Artusromanen wenig Beachtung bzw. deklarierte sie als „Nachahmungsversuche untalentierter Imitatoren“ (Roßnagel 1996: 5). Seit den 1970er Jahren bemühte sich eine neue Generation von Literaturwissenschaftlern um eine von den „klassischen“ Artusromanen losgelöste, objektivere Beurteilung und Auseinandersetzung der „nachklassischen“ Artusromane von Autoren wie Wirnt von Grafenberg, Der Stricker, der Pleier und Heinrich von dem Türlin, der ich mich mit dieser Arbeit anschließen möchte. Gerade die zwiespältigen Reaktionen, die „Diu Crône“ des Heinrich von dem Türlin aufgrund ihrer Andersartigkeit hervorruft, macht sie zum interessanten Forschungsgegenstand und fordert dazu auf, sie mit unterschiedlichen literatur- und kulturwissenschaftlichen Fragestellungen zu untersuchen. Das Werk Heinrichs von dem Türlin eröffnet innerhalb des Genres des Artusromans neue Dimensionen und Möglichkeiten der Deutungen durch ihre einzigartige Umsetzung der Artus-Thematik. In bewusster Anlehnung an die „Klassiker“, aber auch bewusster Loslösung von etablierten Formen und Normen spaltet Heinrichs „Krone“ die Mei-nungen. Untersuchungen am Artusroman „Diu Crône“ führten sowohl in der früheren als auch moder-nen literaturwissenschaftlichen Forschung zu einem breit gefächerten Spektrum von Interpretationen. Während z.B. Dick die „Krone“ als ersten fantastischen Roman, als Beginn der Fantasy-Dichtung, hervorhebt und Wolf über eine „festliche Bestätigung des Rittertums“ (Vollmann 2008: 1) spricht, sieht Jillings in ihm eine Satire, einen Anti-Parzival, Anti-Gralsroman und Anti-Lancelot, also einen Roman mit Anti-Struktur. Durch die Komplexität der „Krone“ wirkt sie teilweise chaotisch, struktur-los und episodenhaft durch die Reihung von âventiure an âventiure. Ulrich Wyss sagte über Heinrichs Werk: „Uns nachträglichen Lesern fällt es schwer, dieses Buch anders als ein Experiment aufzufassen, von dem wir nicht wissen, ob wir in seiner Extravaganz froh werden sollen.“ (Wyss 1993: 271) Ob-wohl „Diu Crône“ nur kurze Zeit nach den „Klassikern“ der Gattung der Artusromane entstand, ist sie dennoch anders organisiert und konfrontiert den Rezipienten m
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. „Diu Crône“ – der „etwas andere“ Artusroman
2.1 Dichter und Entstehungszeit
2.2 „Diu Crône“ im Vergleich zum „klassischen“ Artusroman
3. König Artus und seine Funktion in „Diu Crône“
3.1 Stoffliche Herkunft der Artus-Thematik
3.2 Artus zu Beginn der „Krone“
3.3 Artus als aktiver Held?
3.4 Artus als ruhender Herrscher
4. Der Musterritter Gawein
4.1 Auswirkungen des krisenlosen Helden
4.2 Gawein als Wiederhersteller der Ordnung am Artushof
4.3 Gawein als Gralserlöser
4.4 Gawein im Schutz der Saelde
5. Funktion und Bedeutung von Artus und Gawein am Exempel der Hirschjagdszene
5.1 Die Hirschjagdszene im „Erec“ zum Vergleich
5.2 Die Hirschjagdszene in „Diu Crône“
6. Zusammenfassende Worte
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die komplementären Rollen von König Artus als ruhendem Herrscher und Gawein als aktivem Aventiureritter in Heinrichs von dem Türlin „Diu Crône“. Im Zentrum steht die Frage, wie diese beiden Figuren durch ihre unterschiedlichen, aber aufeinander bezogenen Funktionen den Bestand und die Ordnung des Artushofs und damit die „Artusidee“ sichern.
- Analyse des „nachklassischen“ Artusromans „Diu Crône“
- Untersuchung der Funktionsweise von Artus als Repräsentant und Rechtsinstanz
- Charakterisierung Gaweins als krisenloser Musterritter und „zweiter Garant“ der Ordnung
- Vergleichende Analyse der Hirschjagdszene als funktionales Identitätsmoment
Auszug aus dem Buch
3.2 Artus zu Beginn der „Krone“
Als typisches, gattungsspezifisches Merkmal führt Heinrich von dem Türlin König Artus zu Beginn des Romans im prologus ante rem ein:
Uns ist dicke geseit
Von maneger hant vrümekeit,
Die Artûs der künec begienc.
Wâ ez sich êrste anevienc,
Daz ist ein teil unkunt,
Ich will iu doch dar under
Sîner tugende anegenge sagen,
Wie ez in sînen kinttagen
Im aller êrste ergienge,
Und wâ sich anevienge
Sîner tugende loblîcher strît,
Den ime noch diu werlt gît (Cr. V 161-174)
Diese Verse können als programmatische Einleitung verstanden werden. Es geht nicht um seine Taten selbst, sondern darum, dass überhaupt davon erzählt wird. Heinrich spricht von einem Uns, das die Rezipienten, denen die zeitgenössischen Literatur bzw. der Artusstoff bekannt sein müsste, mit einschließt und somit Artus als kollektivstiftender Bezugspunkt fungiert. In den folgenden Versen wird von Artus‘ Wesen berichtet, geprägt von Ruhm, Ehre, Tugend, einem einwandfreiem Ruf und begleitet von saelde und heil. Dabei werden zwar keine konkreten Taten angesprochen, jedoch durch die häufige Wiederholung der Worte lobe und tugende seine außerordentliche Stellung verdeutlicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit verortet „Diu Crône“ innerhalb der Forschung als „nachklassischen“ Artusroman und etabliert die Untersuchung der komplementären Rollen von Artus und Gawein als Forschungsgegenstand.
2. „Diu Crône“ – der „etwas andere“ Artusroman: Dieses Kapitel beleuchtet Heinrichs Autorschaft und grenzt das Werk von der „klassischen“ Tradition (Chrétien/Hartmann) durch seine strukturelle Andersartigkeit und den bewussten Umgang mit Intertextualität ab.
3. König Artus und seine Funktion in „Diu Crône“: Hier wird Artus als passiver, aber zentraler Garant des Artusreichs analysiert, der trotz seiner Rolle als ruhender Herrscher durch Rechtsbräuche Abenteuer initiiert.
4. Der Musterritter Gawein: Das Kapitel definiert Gawein als krisenlosen, idealen Aventiureritter, dessen Identität bereits feststeht und der durch sein Handeln die von Artus repräsentierte Ordnung im Krisenfall absichert.
5. Funktion und Bedeutung von Artus und Gawein am Exempel der Hirschjagdszene: Anhand des Vergleichs zur Hirschjagd im „Erec“ wird verdeutlicht, wie das Zusammenspiel von Artus’ Rechtswahrung und Gaweins Einsatz für den Bestand der höfischen Gesellschaft essentiell ist.
6. Zusammenfassende Worte: Die Ergebnisse werden gebündelt: Die „Artusidee“ lebt in der notwendigen Symbiose aus dem ruhenden Herrscher und dem aktiven Ritter.
Schlüsselwörter
Diu Crône, Heinrich von dem Türlin, Artus, Gawein, Artushof, Artusroman, Aventiure, Musterritter, Mittelalter, Höfische Literatur, Intertextualität, Hirschjagdszene, Identität, Artusidee, Minne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Untersuchung der beiden Hauptfiguren König Artus und Gawein im mittelhochdeutschen Artusroman „Diu Crône“ von Heinrich von dem Türlin.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die funktionale Differenzierung zwischen dem ruhenden Herrscher und dem aktiven Ritter, die Bewahrung der höfischen Ordnung sowie der Vergleich zur klassischen Artusepik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob und wie Artus und Gawein als Institutionen in einem funktionalen Zusammenspiel für den ewigen Bestand der „Artusidee“ in der „Krone“ verantwortlich sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primär textimmanente Interpretationen mit dem Vergleich zu klassischen Artusromanen kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einordnung, eine detaillierte Funktionsanalyse der Hauptfiguren Artus und Gawein sowie eine exemplarische Fallstudie anhand der Hirschjagdszene.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Artusroman, Aventiure, Musterritter, Funktionszusammenhang und intertextuelle Bezüge.
Warum spielt die Hirschjagdszene eine besondere Rolle?
Sie dient als „Was-wäre-wenn-Szenario“, das die fatale Abhängigkeit des Artushofs vom handelnden Ritter Gawein demonstriert und somit die theoretische Passivität von Artus im Ernstfall entlarvt.
Inwiefern unterscheidet sich der Gawein der „Krone“ von anderen Darstellungen?
Er wird als „krisenloser“ Held eingeführt, dessen Identität als bester Ritter nicht in Abenteuern erworben, sondern durch diese lediglich bestätigt werden muss, um das Reich zu stabilisieren.
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- Elisa Dambeck (Author), 2014, Artus und Gawein zur Sicherung der Artusidee in Heinrichs "Diu Crône", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278805