Kinderphilosophische Prozesse als Bildungsprozesse


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2014
14 Seiten
Martin Richtlinger (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Merkmale des kinderphilosophischen Prozesses

3. Chancen und Möglichkeiten des Philosophierens
3. 1 Philosophieren in der Schule
3. 2 Methodik des Philosophierens und konkrete Ideen für den Unterricht

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Philosophieren ist so alt wie die Menschheit selbst. Die eigene Lebenswelt mit ihren Erscheinungen zu hinterfragen, ist Teil der ureigenen Neugier des menschlichen Individuums. Besonders die griechische Antike brachte eine Vielzahl berühmter Philosophen hervor, die bereits ihre „Liebe zur Weisheit“ entdeckten. Heutzutage wird insbesondere ein Augenmerk auf kinderphilosophische Prozesse gerichtet und es wird auch in Deutschland bewusst daran gearbeitet, das Philosophieren an Schulen und in Kindergärten verstärkt zu betreiben.

Im Folgenden soll nun dieser Prozess des Philosophierens untersucht werden, insbesondere hinsichtlich seiner Merkmale. Fragen wie: Was kann das Philosophieren und woher kommt die Lust daran, wird auf den Grund gegangen werden. Ferner werden die Chancen und Möglichkeiten des Philosophierens in den Blick genommen und es wird die Methodik der Philosophie in der Schule erläutert. Diesbezüglichen werden Ideen für die Umsetzung verschiedener Methoden im Unterricht gegeben und es wird auf den Begriff des „ganzheitlichen Philosophierens“ eingegangen.

Letztendlich soll verdeutlicht werden, dass der philosophische Prozess bei Kindern zugleich ein Bildungsprozess ist, da er eine kritische und selbstreflektierende Auseinandersetzung mit der eigenen Umwelt, den Mitmenschen und dem eigenen Selbst anstößt und somit Entwicklungspotenzial bietet.

Letztendlich soll verdeutlicht werden, dass der philosophische Prozess bei Kindern zugleich ein Bildungsprozess ist, da er eine kritische und selbstreflektierende Auseinandersetzung mit der eigenen Umwelt, den Mitmenschen und dem eigenen Selbst anstößt und somit Entwicklungspotenzial bietet.

2. Merkmale des kinderphilosophischen Prozesses

Beschäftigt man sich mit den Merkmalen und den Besonderheiten von kinderphilosophischen Prozessen, so stellt sich zunächst die Frage, ob Kinder überhaupt in der Lage sind zu philosophieren und dies überhaupt wollen. Sind die Kinder unserer heutigen Gesellschaft, die sich hauptsächlich durch ihre Schnelllebigkeit auszeichnet und in der selbst die Jüngsten schon im Internet surfen und das Fernsehprogramm auswendig können, überhaupt für eine Tätigkeit, die nicht von direktem Nutzen ist und oft nicht einmal ein Ergebnis hat, zu begeistern?

Antwort auf diese Frage konnte Martens mit einem einfachen „Experiment“ finden. Er stellte einer Gruppe von Kindern und Erwachsenen die Frage, ob Blumen glücklich seinen können und beobachtete Erstaunliches. So waren es am Ende die Kinder, die die Erwachsenen vorführten und Lust und Freude am philosophieren zeigten (vgl. Martens 2007, S. 101 ff.). Sie taten dies nicht aus Schadenfreude oder sportlichem Ehrgeiz, berichtet Martens, sondern einzig aufgrund der kindlichen „Freude an der freien Bewegung des Geistes“ (Martens 2007, S.103).

Betrachtet man Philosophieren somit „einfach“ als Weiterdenken (vgl. Martens 2007, S. 99) und rückt ab von den großen Philosophen und den theoretischen Grundsätzen, so sind Kinder sehr wohl im Stande weiterzudenken. Oftmals sind sie gerade aufgrund ihrer kindlichen Naivität und Ungezwungenheit noch eher, als Erwachsene fähig ihre Gedanken zu äußern und mit ihrer Phantasie zu spielen. Sie haben noch nicht jene gesellschaftliche Angepasstheit zu eigen, die es manch Einem später schwer macht seine Meinung zu sagen und sich über alltägliche Grenzen in einem philosophischen Gespräch hinweg zu setzen. Warum viele Erwachsene ihre Phantasie verlieren, sich ihren kindlichen Eigensinn und ihre Individualität nicht bewahren können ist eine andere Frage, die sicherlich mit bestimmten gesellschaftlichen Problematiken zusammenhängt. Vielleicht ist es auch die sich ständig wandelnde Welt in der wir leben mit ihren technologischen Raffinessen, die uns das Staunen und die Neugier abgewöhnt hat. Letztendlich jedoch sind augenscheinlich auch die Kinder der heutigen Zeit in der Lage zu philosophieren und sollten dies auch tun, da bereits bei der Untersuchung der Merkmale von philosophischen Prozessen deutlich wird, dass Philosophieren gerade den Jüngsten eine Entwicklungsmöglichkeit in vielfältiger Hinsicht bietet.

Im Folgenden sollen einige dieser Merkmale und ihre Bedeutung für den Bildungsprozess analysiert werden, wobei allerdings keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden soll, da nur als besonders wichtig erachtete Merkmale betrachtet werden und es sicherlich noch eine Vielzahl Weitere zu finden gibt.

Ein Merkmal des philosophischen Prozesses sind bestimmte Perspektivenwechsel, die manchmal vorgenommen werden müssen, um etwas aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und vielleicht von einer festgefahrenen Meinung abzurücken. Diesen Perspektivenwechsel konkret mit Kindern zu „trainieren“ hat den Vorteil, dass sie sich auch im späteren Leben in Mitmenschen „hinein versetzen“ können und Meinungen, beziehungsweise Handlungen Anderer tolerieren lernen. Jedoch soll auf dieses Merkmal und seine besondere Bedeutung für den Bildungs- und Entwicklungsprozess später noch einmal näher eingegangen werden. Im Allgemeinen fördert das Philosophieren den toleranten Umgang miteinander und lehrt noch dazu die eigene Meinung zu äußern und die der Anderen zu akzeptieren. Dieses Merkmal ordnet Martens einem hermeneutischen Vorgehen zu (vgl. Martens 2007, S. 104), wobei Hermeneutik die Lehre des Verstehens und Deutens ist. Im diesem Sinne lehrt das Philosophieren eben auch Zuhören, denn wie will man sonst sein Gegenüber verstehen. Des Weiteren verlangt der philosophische Prozess geradezu danach die eigenen Erfahrungen und Wahrnehmungen ernst zu nehmen und den Mut zu finden darüber zu diskutieren und sie mit Anderen zu teilen. An diesem Punkt soll nochmals erwähnt sein, dass Letztgenanntes Kindern meist nicht schwer fällt, Erwachsenen hingegen häufig schon, da sie oft bereits negative Erfahrungen in diesem Zusammenhang gemacht haben. Kindern hingegen fehlen diese Erlebnisse (gemeint ist hier beispielsweise ausgelacht zu werden oder „nicht ernst genommen zu werden“ usw.) und auch deshalb bietet das Philosophieren, die Chance zu lernen mit Kritik, umzugehen und selbst angemessen zu kritisieren.

Außerdem beinhaltet das Philosophieren als Tätigkeit bestimmte Arbeitstechniken und Methoden, die den Kindern zwar so noch nicht bewusst sind, aber dennoch bereist angewendet werden, wie das Beispiel bei Martens zeigt. So wenden die Kinder eine elementar phänomenologische Methode an, indem sie das Objekt von Interesse (in dem Falle eine Blume) genau beobachten und analysieren (vgl. Martens 2007, S. 104). Schließlich beschreibt Martens wie sie Kriterien aufstellen, aus denen sie Rückschlüsse für ihre Thesen ziehen können. Somit ist auch das analytische und wissenschaftliche Arbeiten als Charakteristikum des Philosophierens zu nennen. Der philosophische Prozess zeichnet sich jedoch nicht nur durch diese strukturierten und sachlichen Vorgehensweisen aus, sondern ist immer auch spekulativ. Das heißt es wird selbst fantastisch anmaßenden Äußerungen nachgegangen, was mitunter zu erstaunlichen Ergebnissen führt, wie Martens Blumengeschichte zeigt. Zumal die einfachen Gedankenspiele die Kreativität der Kinder fördern. Interessant ist jedoch, dass die Kinder nicht nur ihre Ideen sagen wollen, sondern hiernach wissen wollen, „ob ihre Meinungen auch haltbar oder wahr sind“ (Martens 2007, S.104). Das bedeutet, sie begeben sich selbstständig denkend auf die Suche nach einer Wahrheit und sind dabei bereit Rückschläge und Kritik einzustecken.

3. Chancen und Möglichkeiten des Philosophierens

Was das Philosophieren kann und welche signifikante Bedeutung es für den Bildungsprozess bei Kindern hat, wurde bereits im obigen Abschnitt angedeutet. Hier soll nun jedoch nochmals verstärkt auf die Besonderheiten und Potentiale einiger Merkmale hingewiesen werden, wobei speziell die Perspektivenwechsel, die beim Philosophieren eingenommen werden können, wichtig sind. Dadurch können die Kinder Schritt für Schritt lernen ein Problem nicht mehr nur aus einer (ihrer eigenen) Sichtweise wahrzunehmen, sondern sich in Andere hineinzuversetzen. Das Einnehmen fremder Blickwinkel hat den Vorteil, dass man sich selbst neu sieht, „denn Menschen, egal in welche Richtung sie schauen, [können] immer nur einen Teil der Realität wahrnehmen“ (Osthoff-Münnix 2007, S.59). Diese Erkenntnis kann als eine Errungenschaft von philosophischen Prozessen auch schon bei Kindern angestrebt werden und trägt zur Entwicklung in vielerlei Hinsicht bei. Zunächst ist es jedoch möglich zwischen verschiedenen Perspektivwechseln zu unterscheiden. So kann man konkret den Blickwinkel einer anderen Person einnehmen und versuchen dadurch dessen Meinung nachzuvollziehen, oder aber mit dieser Fremdperspektive die eigenen Denkweisen neu interpretieren lernen. Des Weiteren kann man sich auch mit der sogenannten Überblicksperspektive eine Feldorientierung über ein bestimmtes Gebiet aneignen und einfach unterschiedliche Ansätze und Meinungen zu einem bestimmten Thema einholen. Eine letzte Möglichkeit die Perspektiven zu wechseln besteht in der Kombination einzelner Sichtweisenwechsel (vgl. Osthoff-Münnix 2007). Natürlich hört sich dies anfänglich zu komplex für ein philosophisches Arbeiten mit Kindern an, doch anhand einfacher Geschichten oder Rollenspiele lernen die Kinder sehr schnell diese neuen Denkmöglichkeiten kennen.

Für die Entwicklung des Kindes ist dieses Einfühlen in Andere ein entscheidender Schritt und trägt sowohl zur Identitätsbildung, als auch zur Bildung von Charakterstärke und Selbstbewusstsein bei. Das heißt, die Kinder lernen dadurch einerseits die Welt kennen, gleichzeitig aber auch sich in ihr zu verorten und zu orientieren, wobei ihnen der fremde Blickwinkel (von außen auf das eigene Selbst) oftmals behilflich seien kann. Einen weiteren Vorteil, den die Entwicklung einer solchen „sozialorientierten Ichstärke“ mit sich bringt, ist die geringere Anfälligkeit für Gruppendruck und Gruppenzwang (vgl. Osthoff-Münnix 2007).

Damit legt das Philosophieren einen Grundstein für ein friedliches, offenes und gesittetes Miteinander, denn es kann, „wenn es Konsenserlebnisse im gemeinsamen Nachdenken ermöglicht, auch interkulturelle Aggressionspotenziale abbauen helfen und zur Gewaltprävention beitragen“ (Osthoff-Münnix 2007, S. 69). Diese Chance der philosophischen Prozesse muss gerade in unserer heutigen globalisierten Welt genutzt werden, in die sich immer mehr Vorurteile und Hass einschleichen und das Verhältnis der Menschen untereinander vergiften. Durch einen frühzeitigen Umgang mit Vielfältigkeit und Verschiedenheit, wie er beim Philosophieren durch unterschiedliche Perspektiven und Meinungen geübt wird, lassen sich fundamentale Tugenden und Werte vermitteln. So wird die Möglichkeit geboten die Kinder von Heute zu mündigen Bürger zu erziehen, oder zumindest einen Beitrag dazu zu leisten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Kinderphilosophische Prozesse als Bildungsprozesse
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V278859
ISBN (eBook)
9783656764663
ISBN (Buch)
9783656764656
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
kinderphilosophische, prozesse, bildungsprozesse
Arbeit zitieren
Martin Richtlinger (Autor), 2014, Kinderphilosophische Prozesse als Bildungsprozesse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278859

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