Die konstruktivistische Perspektive der Weltpolitik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Entstehung des Konstruktivismus

3. Das Weltbild des Konstruktivismus

4. Verortung des Konstruktivismus im System der Theorien der internationalen Beziehungen

5. Alexander Wendts Konstruktivismus
5.1. Wendts Annahmen
5.2. Die soziale Konstruktion des internationalen Systems
5.3. Die soziale Konstruktion des nationalen Interesses

6. Kritik am Konstruktivismus

7. Konklusion

1. Einleitung

Diese Arbeit soll sich mit der Frage beschäftigen, ob der Konstruktivismus eine Relevanz für die Theorie der internationalen Beziehungen hat. Um den Konstruktivismus in den Theorien der internationalen Beziehungen zu verorten und seine Bedeutung klären zu können, bedarf es einer Deskription und Forschung nach der Entstehung des Begriffs. Daher werde ich zunächst auf die Entstehung des Konstruktivismus als wissenschaftlicher Begriff und die Entwicklung von Ideengut innerhalb der Politischen Theorie, dass dem heutigen, politiktheoretischen Konstruktivismus verwandt ist, eingehen. Dabei soll angedeutet werden, dass es sich bei dem konstruktivistischen Ansatz keineswegs um grundlegend neues Ideengut handelt, sondern es vielmehr schon lange vor dem Beginn der Konstruktivismus-Debatte Politikwissenschaftler gab, die einen ähnlichen Ansatz verfolgten.

Im weiteren wird es darum gehen, den Konstruktivismus zu charakterisieren und zu beschreiben, was ihn von anderen Theorien unterscheidet. Dabei möchte ich im Besonderen auf das Konstruktivismus-Modell von Alexander Wendt eingehen, der einen gemäßigten Konstruktivismus propagiert. Dadurch soll ein greifbarer Eindruck vermittelt werden, wie der Konstruktivismus nicht nur als sozialer Denkansatz, sondern auch als in der Theorie ausformuliertes Modell existiert. Erst nach diesen Betrachtungen wird sich ein Bild des Konstruktivismus ergeben, dem dann Kritikpunkte entgegengestellt werden sollen, die in der wissenschaftlichen Diskussion häufig geäußert werden. Zum Schluss soll geklärt werden, in welcher Funktion der Konstruktivismus Relevanz für die Theorie der internationalen Beziehungen hat oder haben könnte. Zu Beginn jedoch muss noch der Begriff der Theorie der internationalen Beziehungen klarer gefasst werden, damit deutlich wird, was so eine Theorie ausmacht, um erkennen zu können, ob der Konstruktivismus als eine solche Theorie gelten kann. Zur Theorie der internationalen Beziehung schreibt Lothar Brock: „Ein zentrales Problem der Analyse der i.B. besteht darin, die Fragestellungen so zu fokussieren und die Vorgehensweise so zu organisieren, daß ein intersubjektiver Vergleich der Forschungsergebnisse, die Akkumulation von Wissen und eine bedingte Prognose (...) möglich wird.“[1] Dabei soll das Hauptaugenmerk in dieser Arbeit auf die Fähigkeit von Theorien gelegt werden, sowohl vergangene Geschehnisse der Weltpolitik zu erklären, als auch zukünftige Entwicklungen vorauszuahnen und über den möglichen Verlauf der Politik in den internationalen Beziehungen Prognosen zu erstellen. Anhand einer Theorie muss die Analyse von Akteursverhalten und dadurch verursachte Geschehnisse ebenso möglich sein, wie die Prognose prinzipieller Handlungsmöglichkeiten.

2. Entstehung des Konstruktivismus

Der Konstruktivismus ist im Gegensatz zu anderen Theorien, wie dem Realismus, dem Liberalismus oder auch dem Marxismus nicht aus einer sozialen Bewegung heraus entstanden. Er ist stattdessen ein Produkt wissenschaftlicher Reflexion. Der Begriff des Konstruktivismus entstammt der Soziologie und der Sozialpsychologie. Er fand erst viele Jahre später Beachtung in der Theorie der Internationalen Beziehungen.

Jedoch gibt es schon eine längere Tradition konstruktivistischer Ideen, ohne dass allerdings der Begriff dafür verwandt wurde. So kann man in den Ideen von Hugo Grotius, Immanuel Kant und Friedrich Hegel eine konstruktivistische Weltsicht wiederfinden. Auch die zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg vorherrschende Theorie des Institutionalismus besitzt konstruktivistische Züge, auch wenn es damals um einen teleologischen und nicht um einen deskriptiven Ansatz ging.[2] Ebenso gab es in den 1950er und 1960ern Jahren dem heutigen Konstruktivismus ähnliche Entwicklungen in der Theorie der internationalen Beziehungen, die Politik als einen reinen Informationsverarbeitungsprozess ansahen. Alexander Wendt nennt in diesem Zusammenhang Ernst Haas, Hedley Bull und Karl W. Deutsch mit seiner Theorie der politischen Kybernetik.[3] Diese definierte Deutsch als „systematische wissenschaftliche Beschäftigung mit Kommunikations- und Steuerungsvorgängen in Organisationen aller Art.“[4] Er hielt die Steuerung durch Kommunikation für wesentlich, nicht die materiellen Antriebe. Wie im weiteren Verlauf der Arbeit deutlich wird, stellt dieses eine der wichtigsten Inhalte des heutigen Konstruktivismus dar. Deutsch forderte die Verlagerung des Interesses weg von den Antrieben und Instinkten der Menschen, hin zu einer Beschäftigung mit den Steuerungsmechanismen und den Entscheidungs-, Regulierungs- und Kontrollsystemen.[5] Er wendet sich damit deutlich vom Materialismus ab. Das Kommunikation das wesentliche organisatorische Merkmal sei, treffe auf die „Organisation der lebenden Zellen im menschlichen Körper wie auf die Organisation der Einzelteile in einer elektronischen Rechenmaschine wie auch auf die Organisation denkender menschlicher Wesen in einer sozialen Gruppe zu.“[6] Daraus ergebe sich, dass nicht der Transport von Gütern bedeutend sei, sondern der Transport von Informationen. Durch die Fähigkeit, Nachrichten zu übermitteln, entstehen Organisationen und – wie die Konstruktivisten heute sagen würden – kollektive Identitäten.[7]

Auch andere Wissenschaftler haben schon früher die Notwendigkeit der Einbeziehung sozialer Strukturen in die Theorie der Internationalen Beziehungen erkannt. Vorreiter des Konstruktivismus könnte in diesem Sinne neben Karl W. Deutsch die Englische Schule sein, deren Vertreter Martin Wight schon 1966 von einem internationalen Sozialbewusstsein ausging und sagte: „International society (...) can be properly described only in historical and sociological depth.“[8]

Anders als seine gedankliche Entstehung verdankt der Begriff des Konstruktivismus seine Berücksichtigung in der Politischen Theorie allerdings durchaus außerwissenschaftlichen Entwicklungen. Sowohl das „Neue Denken“[9] des Michail Gorbatschow, also die Transformation des nationalen Interesses der Sowjetunion durch die neue Führungsspitze, welches das Ende des systemischen Konfliktes einleitete, als auch die Zunahme von ethnischen, nationalen und religiösen Konflikten in den 1990er Jahren, sind Geschehnisse in der Weltpolitik, deren Inhalte und Ziele nicht mehr durch die neorealistische Theorie, also der Annahme des Faktors Macht als zentrale Handlungsanleitung, erklärt werden können, sondern deren Handeln vielmehr durch die Neuinterpretation der politischen Lage im einen und durch das Empfinden kollektiver Identitäten im anderen Fall erklärt werden kann.[10] Solche kollektiven Identitäten grenzten sich von anderen Gruppierungen in Merkmalen wie Religion oder Ethnie ab. Aus diesen Identitätsunterschieden entstehen seit Ende des systemischen Konfliktes immer öfter Konflikte und Kriege, die mit den herkömmlichen Theorien, also dem Neorealismus, dem Neoliberalismus und dem Neoinstitutionalismus, nicht erklärt werden können. Der positivistische rational-choice-Ansatz dieser drei Theorien, mit dem versucht wird das Handeln der Akteure stets mit rationalen Interessen zu erklären, wurde nun mit der Opposition des „Postpositivismus“[11], deren Vertreter die rational-choice-Ansätze als „undersocialized“[12] ablehnten, konfrontiert. Zur Untersuchung der sozialen Konstruktion der internationalen Politik muss man analysieren, wie Interaktionsprozesse die soziale Struktur produzieren und reproduzieren, welche die Akteure formen, die wiederum die Bedeutung der materiellen Kapazitäten formen. Damit wird der gegensätzliche Charakter des Konstruktivismus zum Materialismus und damit zum Neorealismus deutlich, in dem davon ausgegangen wird, das materielle Gegebenheiten per se die internationale Politik bestimmen. Auch zu den rational-choice-Ansätzen wird ein Gegensatz deutlich, da in diesen angenommen wird, das Identitäten und Interessen nicht durch Interaktionen veränderbar sind[13].

Robert Keohane kann als Begründer der konstruktivistischen Debatte gesehen werden. Er entwickelte in Abgrenzung zu den rationalistischen Theorien reflexive Ansätze, denen eine soziologische Orientierung zugrunde lag, für die der „intersubjektive Bedeutungsgehalt“ bei der Untersuchung von Institutions- und Akteurswirkungen bedeutender ist, als die „utilitaristische Interessenkalkulation“.[14]

Durch die politischen Umwälzungen der Jahre ab 1989 entstand eine „neue Unübersichtlichkeit“[15], die zur Produktion einer Vielzahl von Theorieansätzen führte, die die zuvor eher statische Theoriedebatte belebte und der offener gewordenen Struktur des internationalen Systems eher entsprach. Dieses bedeutete das Ende der sogenannten Dritten Debatte und den Beginn der Vierten Debatte, wobei von einigen Wissenschaftlern die Vierte nur als Fortsetzung der Dritten Debatte verstanden wird.[16] Jedoch ist ein klarer Schnitt zu erkennen zwischen der Dritten und Vierten Debatte, da die neue Debatte vor allem methodologisch geführt wurde und wird, während die Dritte Debatte eine einheitliche Methodologie besaß, nur von unterschiedlichen Faktoren ausging. Die Dritte Debatte war somit eine Diskussion zwischen verschiedenen Ontologien, während die Vierte Debatte sowohl ontologisch als auch epistemologisch geführt wird. Dem Konstruktivismus liegt eine andere Erkenntnistheorie zugrunde als den in der Dritten Debatte diskutierten Theorien, die alle positivistische Ansätze sind. So sehen Konstruktivisten in einem Ergebnis einer empirischen Sozialforschung nicht das Abbild, sondern nur eine Konstruktion der Realität, die u.a. durch die Formulierung der Hypothese und das Festlegen der Variablen vom Forscher – und damit sozial – konstruiert wird.[17] Die ontische Realität bleibt kognitiv unerschließbar. Ging es in der Dritten Debatte darum zu klären, ob im neorealistischen Sinne die Macht, im neoliberalen Sinne der Handel und die Wirtschaft, oder im neoinstitutionalistischen Sinne die Institutionen die entscheidenden Faktoren in der internationalen Politik sind, geht es seit dem Auftreten postpositivistischer Theorien darum, ob es überhaupt solche Variablen wie Macht oder Institutionen sind oder ob die Weltpolitik nicht vielmehr durch das individuelle Agieren von Akteuren aufgrund ihrer persönlichen Wahrnehmung und Konstruktion der Realität bestimmt wird.

Nach dem Ende des systemischen Konfliktes entwickelten sich verschiedene Prognosen, wie die Weltpolitik in den kommenden Jahren sich entwickeln würde. Menzel benennt drei damals für möglich erachtete Szenarien. Zunächst zeichnet er die neorealistische Möglichkeit einer unilateralen Welt vor, in der die USA als einzig verbliebende Supermacht ihre Idee der Neuen Weltordnung durchsetzen, wofür der Zweite Golfkrieg 1991 der ideale Beweis zu sein schien. Als zweite denkbare Konsequenz bezeichnet er eine Entwicklung zur freiwilligen Kooperation von Staaten, der Ausbreitung von Demokratie und Marktwirtschaft und der daraus folgenden Zivilisierung der Welt im Sinne von Immanuel Kants Idee des demokratischen Friedens. Die dritte mögliche Entwicklung sah Menzel in einem Rückfall in die Großmachtpolitik Europas im 19. Jahrhundert im globalen Maßstab, die von wirtschaftlichen und kulturellen Konflikten gekennzeichnet ist und wiederum einem neorealistischen Politikverständnis entspringt.[18] Zusätzlich dazu gab es auch die sogenannte Endism-Debatte, die von dem Ende der Theorie der internationalen Beziehungen als solcher nach Wegfall des Blocksystems ausging.

Allerdings musste festgestellt werden, dass diese Szenarien so nicht eintrafen, sondern vielmehr Instabilität bzw. Flexibilität u.a. in Form von nicht vorhergesehene Konflikten das internationale System bestimmten. Dem Konstruktivismus gelang es dabei mit seiner Fixierung auf soziale Prozesse, Normen und religiöse, nationale und ethnische Identitäten die Vorgänge zu erklären, an deren Deutung die bis dahin vorherrschenden Theorien gescheitert waren.[19] Hiermit erfüllt der Konstruktivismus eine der beiden in der Einleitung dieser Arbeit gestellten Erwartungen an eine Theorie der internationalen Beziehungen. Jedoch bedeutet dies noch nicht, dass der Konstruktivismus als eine neue Theorie der internationalen Beziehungen verstanden werden kann, die die älteren Theorien in ihrer Führungsrolle ablöst. Die Erfüllung der zweiten Erwartung an eine Theorie der internationalen Beziehungen ist ungleich schwerer und an das Grundverständnis des Konstruktivismus, nämlich an das konstruktivistische Weltbild gekoppelt, wie im nächsten Kapitel deutlich gemacht werden soll.

[...]


[1] Brock, L.: Internationale Beziehungen / Politik, in: Nohlen, D. (Hrsg.): Wörterbuch Staat und Politik, Neuausgabe, Bonn 1995, Seite 290-297, hier Seite 295.

[2] Siehe Wendt., A.: Social Theory of International Politics, Cambridge 1999, Seite 3, Im folgenden zitiert als: Wendt, A.: Social Theory.

[3] Siehe ebda.

[4] Deutsch, K.W.: Politische Kybernetik, 2. Auflage, Freiburg i.Br. 1970, Seite 126.

[5] Siehe ebda., Seite 127.

[6] Deutsch, K.W., a.a.O., Seite 128.

[7] Siehe ebda., Seite 127f.

[8] Wight, M.: Western values in International Relations, in: Butterfield, H. / Wight. M. (eds.): Diplomatic investigations, London 1966, Seite 89-131, hier Seite 96; hier aber zitiert aus: Krell, G.: Weltbilder und Weltordnung: Einführung in die Theorie der internationalen Beziehungen, Baden-Baden 2000, Seite 241.

[9] Krell, G., a.a.O., Seite 240.

[10] Siehe ebda.

[11] Menzel, U.: Zwischen Idealismus und Realismus. Die Lehre von den internationalen Beziehungen, Frankfurt a.M. 2000, Seite 218.

[12] Wendt, A.: Social Theory, Seite 4.

[13] Siehe Wendt. A.: Constructing International Politics, in: International Security, 20. Jg. (1995), Heft 1, Seite 71-81, hier Seite 81. Im folgenden zitiert als: Wendt, A.: Constructing International Politics.

[14] Schaber, T. / Ulbert, C.: Reflexivität in den Internationalen Beziehungen, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen, 1. Jg. (1994), Heft 1, Seite 139-170, hier Seite 140.

[15] Habermas, J.: zitiert in Menzel, U., a.a.O., Seite 201.

[16] Siehe Menzel, U., a.a.O., Seite 204.

[17] Siehe Merlingen, M.: Die Relativität von Wahrheit dargestellt am Beispiel der Entstehungsgeschichte der Wirtschafts- und Währungsunion, in: Zeitschrift für internationale Beziehungen, 6. Jg. (1999), Heft 1, Seite 93- 128, hier Seite 94.

[18] Siehe Menzel, U., a.a.O., Seite 202.

[19] Siehe ebda. Seite 205. Siehe auch: Wendt, A.: Social Theory, Seite 4.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die konstruktivistische Perspektive der Weltpolitik
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Der weltpolitische Wandel seit 1989 in der theoretischen Debatte
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
26
Katalognummer
V27891
ISBN (eBook)
9783638298148
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Perspektive, Weltpolitik, Hauptseminar, Wandel, Debatte
Arbeit zitieren
Timothy Erik Röhrig (Autor), 2003, Die konstruktivistische Perspektive der Weltpolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27891

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