Internationale Migration und ihre ökonomischen Auswirkungen

Betrachtung des Wirtschaftswachstums und des Arbeitsmarktes


Masterarbeit, 2014

102 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

M
ASTERTHESIS
14.01.2014
I
NTERNATIONALE
M
IGRATION UND IHRE
ÖKONOMISCHEN
A
USWIRKUNGEN
B
ETRACHTUNG DES
W
IRTSCHAFTSWACHSTUMS
UND DES
A
RBEITSMARKTES
E
INGEREICHT VON
:
Helen Bolender
J
ULIUS
-M
AXIMILIANS
-U
NIVERSITÄT
W
ÜRZBURG
L
EHRSTUHL FÜR
V
OLKSWIRTSCHAFTSLEHRE
,
INSBESONDERE
W
IRTSCHAFTSORDNUNG UND
S
OZIALPOLITIK

Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung ... 1
2
Migration: Definition und Umfang ... 3
2.1
Definition von Migration ... 3
2.2
Zahlen und Fakten ... 4
3
Auswirkungen der Immigration auf das Wachstum ... 13
3.1
Theoretische Betrachtung ... 14
3.1.1
B
RAUN
Modell ... 14
3.1.2
Endogenes Wachstumsmodell ... 24
3.2
Empirische Betrachtung ... 34
3.3
Zwischenfazit ... 41
4
Auswirkungen der Immigration auf den Arbeitsmarkt ... 42
4.1
Theoretische Betrachtung ... 42
4.1.1
Arbeitsmarktmodell mit geschlossener Volkswirtschaft ... 43
4.1.2
Arbeitsmarktmodell mit offener Volkswirtschaft ... 46
4.2
Empirische Betrachtung ... 52
4.2.1
Area Approach ... 52
4.2.2
Skill Group Approach ... 58
4.2.3
Factor Proportions Approach ... 63
4.2.4
Production Theory Approach ... 66
4.2.5
Natürliche Experimente ... 71
4.2.6
Außenhandelsmodelle ... 75
5
Fazit ... 78
6
Anhang ... 81
A.
Tabellen und Abbildungen ... 81
B.
Ergänzungen zum
B
RAUN
Modell ... 88
C.
Ergänzungen zum endogenen Modell ... 88
7
Literaturverzeichnis ... 91

III
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Entwicklung des Anteils der Migranten an der jeweiligen Bevölkerung von
1960-2010 global und in drei verschiedenen Entwicklungslevels. ... 5
Abbildung 2: Strömung der Migranten in einem ,,Nord"-,,Süd" Diagramm. ... 6
Abbildung 3: Länder mit der größten Anzahl an im Land lebenden Immigranten im Jahr
2013. ... 7
Abbildung 4: Länder mit der größten Anzahl an Emigranten im Jahr 2013. ... 8
Abbildung 5: Verhältnis von Immigrantinnen zu Immigranten im Jahr 2013 nach dem Alter
und der Zielregion bzw. weltweit. ... 9
Abbildung 6: Phasendiagramm im
B
RAUN
Modell. ... 20
Abbildung 7: Steady-State Gleichgewicht im endogenen Modell... 30
Abbildung 8: Überblick über mögliche Szenarien im endogenen Modell. ... 30
Abbildung 9: Zusammenhang der Konvergenzgeschwindigkeit und der Sensitivität der
Migrationsrate in sieben Ländern. ... 38
Abbildung 10: Immigration bei Homogenität des Produktionsfaktors Arbeit und
geschlossener Volkswirtschaft. ... 44
Abbildung 11: Immigration bei Heterogenität des Produktionsfaktors Arbeit und
geschlossener Volkswirtschaft. ... 45
Abbildung 12: Entwicklung der Anzahl an Migranten (in Millionen) von 1960-2010 global
und in drei verschiedenen Entwicklungslevels. ... 81
Abbildung 13: Vergleich der Altersstruktur in Europa im Jahr 2013 mit der Altersstruktur
im Jahr 2050. ... 81
Abbildung 14: Überblick über mögliche Szenarien im endogenen Modell. ... 88

IV
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Zusammenhang von Migration und Konvergenz für ausgewählte Länder aus der
Studie von B
ARRO ET AL
. (1998). ... 36
Tabelle 2: Vergleich des Ausbildungsniveaus Einheimischer und Immigranten in
ausgewählten Ländern. ... 39
Tabelle 3: Ausbildungsniveau der Immigranten in Deutschland; aufgeschlüsselt nach den
fünf häufigsten Herkunftsländern im Jahr 2008. ... 40
Tabelle 4: Ausbildungsniveau der Immigranten in Kanada; aufgeschlüsselt nach den fünf
häufigsten Herkunftsländern im Jahr 2008. ... 40
Tabelle 5: Auswirkung der Immigration auf Niedrigqualifizierte in den Jahren 1970 und
1980, aus der Studie von A
LTONJI ET AL
. (1991). ... 54
Tabelle 6: Einfluss von Immigranten auf den Arbeitsmarkt von einheimischen Männern, aus
der Studie von B
ONIN
(2005). ... 62
Tabelle 7: Ausgewählte Ergebnisse der Studie von B
ORJAS ET AL
.
(1997)
zur Auswirkung
der Immigration auf Arbeiter verschiedener Qualifikationsgruppen in den USA. ... 65
Tabelle 8: Faktorpreiselastizitäten der männlichen Bevölkerung im Jahr 1980, aus der
Studie von B
ORJAS
(1987). ... 69
Tabelle 9: Faktorpreiselastizitäten innerhalb der männlichen eingewanderten Bevölkerung
im Jahr 1980, aus der Studie von B
ORJAS
(1987). ... 70
Tabelle 10: Vergleich der Arbeitslosenrate von Individuen im Alter von 16-61 Jahren in
Miami und Kontrollstädten in den Jahren 1979 und 1981, aus der Studie von C
ARD
(1990). ... 72
Tabelle 11: Veränderung des Output-Mix von 1980 bis 1990 in ausgewählten Staaten der
USA, aus der Studie von H
ANSON ET AL
. (1999). ... 76
Tabelle 12: Zusammenhang von Migration und Konvergenz für ausgewählte Länder aus der
Studie von B
ARRO ET AL
. (1998). ... 82
Tabelle 13: Einfluss von Immigranten auf den Arbeitsmarkt von Immigranten, aus der
Studie von B
ONIN
(2005). ... 82
Tabelle 14: Anzahl an Immigranten im Verhältnis zu Einheimischen in Effizienzeinheiten,
aus der Studie von B
ORJAS ET AL
. (1997). ... 83
Tabelle 15: Geschätzter Beitrag von Immigration und Handel mit Entwicklungsländern zum
Wachstum der log Lohndifferenz von 1980 bis 1995, aus der Studie von B
ORJAS ET
AL
. (1997). ... 84
Tabelle 16: Arbeitslosenrate von Individuen im Alter von 16-61 Jahren von 1979-1985, aus
der Studie von
C
ARD
(1990). ... 85
Tabelle 17: Vergleich von Löhnen, Beschäftigungsrate und Arbeitslosenrate für alle
,,Schwarzen" in Miami und den Kontrollstädten, aus der Studie von
C
ARD
(1990). .. 85
Tabelle 18: Vergleich von Löhnen, Beschäftigungsrate und Arbeitslosenrate für
,,Schwarze", die weniger als zwölf Jahre zur Schule gingen, in Miami und den
Kontrollstädten; aus der Studie von
C
ARD
(1990). ... 86
Tabelle 19: Veränderung des Output-Mix von 1980 bis 1990 in ausgewählten Staaten der
USA, aus der Studie von H
ANSON ET AL
. (1999). ... 87

V
Abkürzungsverzeichnis
Stand der Technik
Regressionskonstante
Barwert des Lohnsatzunterschieds
BIP
Bruttoinlandsprodukt
BNE
Bruttonationaleinkommen
CES
Konstante Substitutionselastizität
Regressionskoeffizient
Konsumnachfrage
Kostenfunktion
Arbeitsnachfragefunktion
Koeffizient der Nettomigrationsrate
Effizienter Arbeitseinsatz
Eulersche Zahl
Funktion des durchschnittlich eingesetzten Wissens
Frontex
Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den
Außengrenzen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union
Funktion von Charakteristika eines Individuums
Ein Land
Region
Wissensbestand in der Produktion eines Gutes
HQ
Hochqualifizierte
Fähigkeiten eines Individuums
Ein Land
ISCED
International Standard Classification of Education
Index für Qualifikation
Vektor mit regional erklärenden Variablen
Index für die Fähigkeit eines Individuums Wissen aufzunehmen
Kapitaleinsatz
Pro-Kopf-Kapitaleinsatz
Arbeitskräfte
Index für das Gütersortiment
Immigranten
Verhältnis von Immigranten zu Einheimischen
Einheimische
NQ
Niedrigqualifizierte
Gesamtzahl an Produktionsfaktoren
Eingesetzte Faktoranteile der jeweiligen Qualifikationsgruppe
Index für Länder
Bevölkerungszahl
PUMS
Public Use Microsample

VI
Güterpreis
Input des Produktionsfaktors
Gewichtung der Güter
Natürliche Ressource
Zinssatz
Arbeitsangebotsfunktion
Hochqualifiziert
Gesamter betrachteter Zeitraum
Zeit
Intertemporale Nutzenfunktion
UN
Vereinte Nationen
Niedrigqualifiziert
Produziertes Gut in Land
VAE
Vereinigte Arabische Emirate
Regressionskoeffizient
Gütersortiment
Lohnsatz
Vektor mit erklärenden Variablen des Individuums
Stückzahl der Güter
Output
Pro-Kopf-Output
Produziertes Gut in Land
Pro-Kopf-Einkommen
Anteil der Immigranten an der Gesamtzahl der Arbeiter in einer
Qualifikationsgruppe
Rate des technischen Fortschritts
Individuum
Konvergenz-Koeffizient
Lebenszeit eines Individuums
Wachstumsrate
Nettogewinn durch Immigration
Parameter zur Kapitalabschreibung
Weltweite Konsumausgaben
Fehlerterm
Nettomigrationsrate
Arbeitsangebotselastizität
Eingesetzter Humankapital-Input
Studienzeit
Aufenthaltsdauer im Zielland
Einkommensanteil für Ausgaben eines Inputfaktors
Relatives Qualifikationsverhältnis der Immigranten zu den Ein-
heimischen

VII
Skalenelastizität
Hick`sche Elastizität der Komplemente
Verteilungsparameter
Diskontierter Ertrag der Bildungsinvestition
Arbeitsnachfrageelastizität
Produktivitätskoeffizient
Rendite
Fähigkeit eines Individuums Wissen aufzunehmen
Relative Anzahl an Personen von Typ in einem Land
Zeitpräferenzrate
Sektoraler Anteil im Faktormarkt
Substitutionselastizität
Gewichtet die Inputfaktoren
Auswirkungen durch schulische Ausbildung
Durchschnitt eines Arbeitsmarkt-Outputs
Effizienzparameter
Andere Variablen in der Regression
Auswirkungen durch Berufserfahrung
Periodisch auftretende Effekte
Umkehrfunktion der Kostenfunktion
Substituierbarkeit der Inputfaktoren
Technologiekoeffizient
Produktionsinput
Produktionsinput
Regressionskoeffizient
Anzahl der Schuljahre
Berufserfahrung

1
1
Einleitung
Menschen wohnen selten ein Leben lang an dem Ort, an dem sie geboren wurden. Häu-
fig findet die Wanderung innerhalb eines Landes statt, aber auch die Zahl internationa-
ler Migranten ist mit weltweit 231,5 Millionen Menschen im Jahr 2013 beträchtlich und
so hoch wie nie zuvor.
1
Im Zeitalter der Globalisierung, in der Länder vernetzt sind,
nimmt die internationale Wanderung eine neue Bedeutung ein. Entfernungen sind rela-
tiv geworden: Eine Zugfahrt von Würzburg nach Berlin dauert in etwa so lange wie ein
Flug von Frankfurt nach Hongkong. Weltweit operierende Konzerne und ein damit ver-
bundener globaler Arbeitsmarkt sind die Rahmenbedingungen der zunehmenden Wan-
derungsbewegung.
2
Migration ist dabei nicht immer wirtschaftlich motiviert, denn es
gibt viele Wanderungsgründe. Flucht vor Krieg, Unterdrückung und Verfolgung sind
dabei besonders belastende Motive. Ebenfalls trägt die wachsende Kluft zwischen ar-
men und reichen Ländern zur Wanderungsbewegung bei.
Wie Länder auf Migration politisch und gesellschaftlich reagieren, ist weltweit sehr
unterschiedlich und häufig historisch begründet. Einige Länder haben nur geringe Ein-
wanderungsbestimmungen, während andere harte Auswahlrichtlinien für Immigranten
verfolgen. Die ,,Abschottung Europas" ist hierzu ein aktuell kontrovers diskutiertes
Thema, welches durch im Mittelmeer stattfindende Flüchtlingsdramen emotional ange-
heizt wird. Wer darf einreisen, wer nicht? Diese Entscheidung ist keine leichte! Sie
verweist auf Fragen nach Gerechtigkeitsvorstellungen, der Rolle und Legitimität staatli-
cher Autorität und nationalem Eigentum. Bedenkt man, dass es Zufall ist, in welchem
Land wir geboren werden, so ist es eine grundlegende Überlegung, ob das Privileg in
einem reichen Land leben zu dürfen, tatsächlich anderen verwehrt werden sollte. Die
,,Abschottung Europas" ist weltweit betrachtet kein Einzelfall einer restriktiven Migra-
tionspolitik.
Verschiedene mögliche Motive hinter einer ablehnenden Haltung lassen sich in aktuel-
len Diskursen vermuten: Fürchten die Menschen eine Entfremdung ihrer Kultur? Den-
ken sie, Immigranten würden nur auf ihre Kosten leben und ihnen die Arbeitsplätze
wegnehmen? Derartige Vermutungen und damit verknüpfte Stereotypen gibt es viele!
Welche Auswirkungen Migration tatsächlich auf das Zielland hat, scheint unklar.
Migration tangiert, wie die angesprochenen Ängste zeigen, viele Bereiche einer Gesell-
schaft. Dadurch kommt es je nach Wissenschaft auch zu einer Betrachtung aus unter-
schiedlichen forschungsgeprägten Perspektiven. Die volkswirtschaftliche Betrach-
1
Vgl. U
NITED
N
ATION
, Population Division ­ International Migration, 2013.
2
Vgl. D
ÜVELL
, 2006, p. 1.

2
tungsweise ist eine davon, die in der vorliegenden Arbeit aufgegriffen wird. Nur eine
Klärung der Sachlage die alle Teilbereiche umfasst, ermöglicht die Auseinandersetzung
mit dem Thema auf einer rationalen Ebene. Denn erst wenn die Auswirkungen der Im-
migration ausreichend analysiert sind, kann man begründet lenken und politisch agie-
ren.
Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf die ökonomische Sichtweise und wird the-
matisch durch die Betrachtung zweier Teilbereiche der Volkswirtschaft eingegrenzt:
Welche Auswirkungen hat Immigration auf den Arbeitsmarkt und das Wachstum des
Ziellandes, ist die zentrale Frage dieser Arbeit.
Die Forschung auf diesem Gebiet ist vielschichtig und aufgrund der Methodenvielfalt
nicht leicht zu durchschauen. Die elementaren Aufgaben der Arbeit sind daher: Einen
strukturierten Überblick über den Forschungsstand zu geben, Ergebnisse zu analysieren
und zu vergleichen, um darauf aufbauend ein Fazit zu geben.
Die Arbeit nähert sich durch eine Betrachtung theoretischer und empirischer Studien
mit kritischer Diskussion der zentralen Frage an. Dazu wird im zweiten Kapitel nach
einer Begriffsbestimmung zunächst ein Überblick über den Umfang der Migration ge-
liefert und auf Wanderungsgründe eingegangen. Ebenso behandelt das zweite Kapitel in
Kürze die Einwanderungspolitik und illegale Immigration. Im dritten Kapitel werden
die Auswirkungen von Immigration auf das Wachstum in Theorie und Empirie betrach-
tet. Dazu wird zunächst ein neoklassisches Modell von B
RAUN
und anschließend ein
endogenes Modell von W
ALZ
thematisiert. Darauf folgend werden empirische Studien
auf diesem Gebiet behandelt, Statistiken analysiert und mit den theoretischen Erkennt-
nissen verglichen. Ein ähnlich strukturierter Aufbau ergibt sich in Kapitel vier, in dem
die Auswirkungen der Immigration auf den Arbeitsmarkt in Theorie und Empirie be-
handelt werden. Die theoretische Analyse umfasst einen kurzen Überblick über Ar-
beitsmarktmodelle mit geschlossener Volkswirtschaft und anschließend eine tiefere Be-
trachtung eines Arbeitsmarktmodells mit offener Volkswirtschaft. Die darauf folgende
Diskussion des empirischen Forschungstands gliedert sich hinsichtlich der angespro-
chenen Methodenvielfalt in sechs Unterkapitel. Abschließend werden in Kapitel fünf
die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und ein Fazit zur anfangs gestellten zentra-
len Frage dieser Arbeit gezogen.

3
2
Migration: Definition und Umfang
Wie Migration definiert werden kann, wie groß der Umfang der internationalen Wande-
rung ausfällt und welche Gründe für Migration vorliegen, sind Leitfragen dieses Kapi-
tels. Des Weiteren werden die Einwanderungspolitik und die illegale Migration kurz
thematisiert.
2.1
Definition von Migration
Der Begriff der ,,Migration" stammt aus dem Lateinischen (,,migrare" bzw. ,,migratio")
und bedeutet ,,wandern", ,,wegziehen", ,,Wanderung".
3
In der Literatur findet man keine
einheitliche Definition des Migrationsbegriffs, denn dafür fließen zu viele verschiedene
Komponenten in den Wanderungsprozess ein. D
ÜVELL
(2006)
listet zehn Bestandteile
auf, über die bei der Definition von Migration diskutiert wird. Dazu zählen unter ande-
rem der Zweck der Wanderung und der rechtliche Status der Migranten.
4
I
NGRID
O
SWALD
beschränkt sich bei der Definition von ,,Migration" vor dem Hintergrund der
Begriffsvielfalt auf die in ihrer Sicht wichtigsten Aspekte
5
und definiert wie folgt:
,,Migration wird [...] als ein Prozess der räumlichen Versetzung des Lebensmittel-
punkts, also einiger bis aller relevanten Lebensbereiche, an einen anderen Ort, der mit
der Erfahrung sozialer, politischer und/oder kultureller Grenzziehung einhergeht [ver-
standen]".
6
Eine sehr umstrittene Komponente bezieht sich auf die zeitliche Dimension: Ab welcher
Dauer spricht man von Migration? Ist zum Beispiel ein Reisender, der eine längere Zeit
im Ausland verbringt und in dem Land zwischendurch auch arbeitet, ein Migrant? Für
einige Forscher und Institute zählt nur die dauerhafte Verlagerung des Wohnsitzes als
Migration. Für andere reicht schon ein Monat aus, um von Migration zu sprechen.
7
Die
UN unterscheidet bezüglich der Dauer zwischen Kurzzeit- und Langzeit-Migranten,
wobei Letztgenannte ab einer Dauer von zwölf Monaten als solche gelten. Ab einer
Aufenthaltsdauer von drei Monaten bezeichnet die UN Personen als Migranten, wobei
sie unter anderem Urlauber ausschließt.
8
So definiert die UN: Migranten sind Personen
die ihren regulären Aufenthaltsort in einem anderen Land haben als ihrem bisherigen.
Diese Definition der Langzeit-Migranten ist bei internationalen Organisationen weit
3
Vgl. H
AN
, 2000, p. 7.
4
Siehe dazu weiterführend D
ÜVELL
, 2006, p. 11.
5
Dazu zählen der Ortswechsel, die Veränderung des sozialen Beziehungsgeflechts und die Grenzerfah-
rungen.
6
O
SWALD
, 2007, p. 13.
7
Vgl. D
ÜVELL
, 2006, p. 6f.
8
Vgl. U
NITED
N
ATIONS
Data Glossary, 2013.

4
verbreitet, z.
B. verwenden die W
ORLD
B
ANK
9
und die OECD
10
die genannte Deutung
für ihre Datenerhebungen.
Wissenschaftler sind sich in den einzelnen Punkten uneins, sodass keine Definition klar
dominiert. Dies wäre aber insbesondere wünschenswert, um Migration anhand von
standardisierten Datensätzen besser messen und vergleichen zu können.
In der folgenden Arbeit wird hauptsächlich die internationale Migration betrachtet, bei
der ein Wohnsitzwechsel dauerhaft oder vorübergehend zwischen Nationalstaaten statt-
findet. Dabei wird zwischen der Immigration (Einwanderung) und der Emigration
(Auswanderung) unterschieden.
11
Um die vorliegende Arbeit in einem angemessenen
Rahmen zu halten, werden vor allem die Effekte der Immigration betrachtet und nur auf
einzelne Auswirkungen der Emigration verwiesen.
2.2
Zahlen und Fakten
Das folgende Kapitel dient dazu, eine Vorstellung davon zu bekommen wie groß die
Anzahl der weltweiten Migranten ist und welche Charakteristika die Wandernden auf-
weisen. Des Weiteren werden Gründe aufgeführt, die zu einer Migrationsentscheidung
führen. Außerdem sollen unterschiedlich praktizierte Einwanderungspolitiken ausge-
wählter Länder und illegale Migration Gegenstand dieser Betrachtung sein.
Umfang und Charakteristika der Migration
Im Jahr 2013 waren 231,5 Millionen Menschen UN Angaben zufolge Migranten.
12
1960
belief sich diese Zahl noch auf ca. 75,4 Millionen.
13
Bedenkt man den Anstieg der
Weltbevölkerung, so ist der Unterschied weniger deutlich, wie auch Abbildung 1 illus-
triert. Im Jahr 1960 belief sich der Anteil der Migranten an der Weltbevölkerung auf
2,5% und im Jahr 2010 auf 3,1%. Auffällig ist hingegen die Steigerung der Immigran-
ten in den ,,mehr entwickelten Ländern"
14
. 1960 waren 3,4% der in diesen Staaten le-
benden Bevölkerung Immigranten, während es im Jahr 2010 schon 10,3% waren.
15
An-
hand von Abbildung 1 ist auch der leichte Rückgang des prozentualen Anteils der Im-
9
Vgl. W
ORLD
B
ANK
­
Migration and Remittances Factbook Glossary, 2011.
10
Vgl. OECD Glossary, 2013.
11
Vgl. H
AN
, 2000, p. 9.
12
Vgl. U
NITED
N
ATION
, Population Division ­ International Migration, 2013.
13
Vgl. A
LONSO
,
2011, p. 5.
14
Die U
NITED
N
ATION
definiert Europa, Nordamerika, Australien, Neuseeland und Japan als ,,mehr ent-
wickelte Länder". Alle anderen Länder der Welt wurden 2013 als ,,weniger entwickelt" definiert.
15
Vgl. A
LONSO
,
2011, p. 5.

5
migranten an der Bevölkerung in den ,,weniger und am wenigsten entwickelten Län-
dern" von 1960 bis 2010 gut ersichtlich.
16,17
Abbildung 1: Entwicklung des Anteils der Migranten an der jeweiligen Bevölkerung von 1960-2010
global und in drei verschiedenen Entwicklungslevels.
18
Die meisten Immigranten lebten 2013 in Europa (72,5 Mio.), gefolgt von Asien (70,8
Mio.) und Nordamerika (53,1 Mio.). In den ,,mehr entwickelten Ländern" ist fast jeder
neunte ein Immigrant, während in den ,,weniger entwickelten Staaten" nur jede dreiund-
sechzigste Person ein Einwandernder ist.
19
Dieser Trend setzt sich fort, denn die Netto-
migrationszahl
20
im Zeitraum von 2005 bis 2010 von den ,,weniger entwickelten Län-
dern" in die ,,mehr entwickelten Länder" betrug 17,4 Millionen.
21
In Abbildung 2 sind
die Wanderungsrichtungen der Immigranten in einem ,,Nord"-,,Süd" Diagramm einge-
zeichnet. Daraus ist klar ersichtlich, dass die ,,Süd"-,,Nord"-Wanderung einen hohen
Anteil (35%) einnimmt. Die größte Wanderung (36%) findet allerdings innerhalb der
16
Eine Abbildung, die die Entwicklung der Migration von 1960 bis 2010 in absoluten Zahlen zeigt, be-
findet sich im Anhang A.1, p. 81.
17
Einen umfangreichen Überblick über die Historie der Migration und die Gründe die zu großen Wande-
rungsbewegungen führten, liefern bei weiterführendem Interesse C
ASTLES
UND
M
ILLER
(1993).
18
Eigene Darstellung auf Grundlage der Daten aus A
LONSO
, 2011, p. 5.
19
Eigene Berechnung auf Grundlage der Daten der U
NITED
N
ATION
, Population Division ­ International
Migration, 2013.
20
Zur Berechnung der Nettomigrationszahl wird die Gesamtzahl der Auswanderer von der Gesamtzahl
der Einwanderer abgezogen.
21
Vgl. U
NITED
N
ATION
, World Population Prospects, 2012.
0
2
4
6
8
10
12
1960
1965
1970
1975
1980
1985
1990
1995
2000
2005
2010
Anteil der
Migranten
an der
Bevölkerung
in %
Jahr
Entwicklung der Migration in %
Welt
"Mehr entwickelte Länder"
"Weniger entwickelte Länder"
"Am wenigsten entwickelte Länder"

6
,,wenig entwickelten Länder" statt. Den kleinsten Anteil nehmen mit 6% der weltweiten
Migranten die Wandernden von ,,Nord" nach ,,Süd" ein.
22
Abbildung 2: Strömung der Migranten in einem ,,Nord"-,,Süd" Diagramm.
23
a.
Mit ,,Norden" sind die in Fußnote 14 definierten ,,mehr entwickelten Länder" gemeint.
b.
Mit ,,Süden" sind alle ,,weniger entwickelten Staaten" gleichzusetzen.
Das größte Einwanderungsland ist seit Jahrzehnten die USA. 2013 lebten dort 45,8 Mio.
Immigranten, also 14,3% der US-Bevölkerung. Die zweitgrößte Anzahl an Zuwande-
rern wies 2013 Russland mit 11,0 Mio. Immigranten auf. Der prozentuale Anteil der
Einwanderer an der Einwohnerzahl in Deutschland beträgt 11,9%. Absolut gesehen leb-
ten 2013 9,8 Mio. Immigranten in der Bundesrepublik und somit ist Deutschland (abso-
lut gesehen) das weltweit drittgrößte Einwanderungsland. In dieser Statistik folgen Sau-
di-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Großbritannien und Frankreich, wie
die folgende Grafik zeigt.
24
22
Vgl. U
NITED
N
ATION
, Population Division ­ International Migration, 2013.
23
Eigene Darstellung auf Grundlage der Daten der U
NITED
N
ATION
, Population Division ­ International
Migration, 2013.
24
Vgl. U
NITED
N
ATION
, Population Division ­ International Migration, 2013.
Strömung der Migranten
,,S
ÜDEN
"
b
,,N
ORDEN
"
a
,,S
ÜDEN
"
b
,,N
ORDEN
"
a
53,7 Mio. (23%)
13,7 Mio. (6%)
82,3 Mio. (36%)
81,9 Mio. (35%
)

7
Abbildung 3
:
Länder mit der größten Anzahl an im Land lebenden Immigranten im Jahr 2013.
25
Prozentual zur eigenen Bevölkerung lebten die meisten Immigranten im Jahr 2010 in
Katar. Dort sind 87% der Bevölkerung Immigranten. Die Vereinten Arabischen Emira-
ten (70%), Kuweit (69%) und Jordanien (46%) folgen Katar in dieser Liste.
26,27
Wie Abbildung 4 zeigt, stammen die meisten Emigranten aus Indien, denn im Jahr 2013
lebten 14.166.558 Inder außerhalb ihres Heimatlandes. Ebenfalls stammen sehr viele
Emigranten aus Mexiko. Von den 13.212.220 Mexikanern, die 2013 außerhalb ihres
Herkunftslandes wohnten, leben 98,0% in den benachbarten USA. Mexiko ist das elft
bevölkerungsreichste Land der Welt und auch die anderen Staaten, die in der Abbildung
der häufigsten Herkunftsländer aufgelistet sind, gehören dieser Gruppe an. Eine Aus-
nahme bildet dabei die Ukraine, welche gut 45 Mio. Einwohner im Jahr 2013 beheima-
tet hat. Dennoch stammen 5.559.808 Emigranten aus diesem Land. Dies sind 12,3% der
Bevölkerung der Ukraine im Jahr 2013.
28
25
Eigene Darstellung auf Grundlage der Daten der U
NITED
N
ATION
, Population Division ­ International
Migration, 2013.
26
In dieser Statistik wurden ausschließlich Länder mit mehr als einer Million Einwohner berücksichtigt.
27
Vgl. U
NITED
N
ATION
, Population Division ­ International Migration, 2013.
28
Eigene Berechnung auf Grundlage der U
NITED
N
ATION
, Population Division ­ International Migration,
2013.
0
10
20
30
40
50
Frankreich
Großbritanien
VAE
Saudi-Arabien
Deutschland
Russland
USA
Anzahl der Immigranten in Millionen
Häufigste Zielländer der Welt
Anzahl der Immigranten (in Millionen)

8
Abbildung 4: Länder mit der größten Anzahl an Emigranten im Jahr 2013.
29
Die meisten Migranten (73,8%) sind im arbeitsfähigen Alter zwischen 20 und 64 Jah-
ren. Kinder und Jugendliche machen einen Anteil von 15,1% an den 231,5 Mio. Mig-
ranten im Jahr 2013 aus. Einen Anteil von 11,1% nehmen ältere Menschen über 65 ein.
Damit stellen Migranten im Vergleich zur Weltbevölkerung einen prozentual höheren
Anteil in der Gruppe der arbeitsfähigen Personen (global 58%) und der Menschen über
65 Jahren (weltweit 8%). Der prozentuale Anteil von Kindern und Jugendlichen beträgt
hingegen (35%) und ist damit im Vergleich zu dem Anteil unter Migranten deutlich
höher.
30
Im Durchschnitt sind Migranten 38,4 Jahre alt und damit älter als der ,,Durchschnitts-
Weltbürger", der im Jahr 2013 ein Alter von 29,2 Jahren aufweist. Migranten in ,,mehr
entwickelten Ländern" sind mit durchschnittlich 42 Jahren älter als Migranten in ,,weni-
ger entwickelten Ländern" (33 Jahre).
Der prozentuale Anteil der Migrantinnen beträgt 48% im Jahr 2013. Abbildung 5 illus-
triert die bestehenden Unterschiede des Geschlechteranteils nach Alter und Zielregion
bzw. weltweit. Die orangefarbene Linie markiert dabei die Trennlinie zwischen mehr
Immigrantinnen als Immigranten (oberhalb) und mehr Immigranten als Immigrantinnen
(unterhalb). Gut ersichtlich ist, dass in der Altersgruppe über 65 Jahre Immigrantinnen
unabhängig ihrer Zielregion einen höheren Anteil einnehmen als Immigranten. In den
,,weniger entwickelten Ländern" nehmen Immigranten im Vergleich zu den Immigran-
tinnen allerdings in allen anderen Altersgruppen (außer im Alter 65+) einen höheren
29
Eigene Darstellung auf Grundlage der Daten der U
NITED
N
ATION
, Population Division ­ International
Migration, 2013.
30
Vgl. U
NITED
N
ATION
, Population Division ­ International Migration, 2013.
-16
-14
-12
-10
-8
-6
-4
-2
0
Anzahl der Emigranten in Millionen
Häufigste Herkunftsländer der Welt
Anzahl der Emigranten (in Millionen)
Indien
Mexiko
Russland
China
Bangladesh
Pakistan
Ukraine

9
Anteil ein. In den ,,mehr entwickelten Ländern" hingegen stellen Immigrantinnen in
allen Altersgruppen über 29 Jahren den größeren Anteil im Vergleich zu den Immigran-
ten.
31
Abbildung 5: Verhältnis von Immigrantinnen zu Immigranten im Jahr 2013 nach dem Alter und
der Zielregion bzw. weltweit.
32
Die beschriebenen Daten dieses Kapitels sind allerdings aus zwei Gründen mit Vorsicht
zu betrachten. Zum einen gibt es in einigen Staaten der Welt kein funktionierendes Sys-
tem zur Erfassung der internationalen Migrantenzahl bzw. vorhandene Daten werden
nicht ausgewertet und veröffentlicht.
33
Zum anderen unterscheiden sich in diesen Län-
dern der Erhebungsumfang und die Kriterien, wie sie auch schon in Kapitel 2.1 ange-
sprochen wurden.
34
Migrationsgründe
Es gibt viele Gründe für Migration und selten führt nur ein einziger zur Wanderungsent-
scheidung. Es ist vielmehr das Zusammenwirken von sogenannten Push- und Pull-
31
Vgl. U
NITED
N
ATION
, Population Division ­ International Migration, 2013.
32
Vgl. U
NITED
N
ATION
, Population Division ­ International Migration, 2013.
33
Vgl. B
ILSBORROW
, 1997, p. 11.
34
Vgl. B
ILSBORROW
, 1997, p. 31.
0,4
0,6
0,8
1
1,2
1,4
Verhältnis von
Immigrantinnen
zu Immigranten
Alter
a
Verhältnis von Immigrantinnen zu Immigranten in der Welt
Verhältnis von Immigrantinnen zu Immigranten in "mehr entwickelten Ländern"
Verhältnis von Immigrantinnen zu Immigranten in "weniger entwickelten Ländern"
Verhältnis von Immigrantinnnen zu Immigranten

10
Faktoren. Push-Faktoren sind vorherrschende Umstände im Heimatland, die einen
Drang auslösen, das Heimatland verlassen zu wollen. Pull-Faktoren hingegen sind Um-
stände, die im Zielland vorherrschen und Migranten anziehen. Die meisten Faktoren
sind im Herkunfts- wie auch im Zielland die gleichen.
35
So können z.
B. ökonomische
Faktoren bei einer schlechten Wirtschaftslage einen Push-Faktor im Heimatland darstel-
len und gleichzeitig einen Pull-Faktor in der Zielregion bedeuten, wenn dort die öko-
nomische Lage als positiv wahrgenommen wird. Betrachtet man beispielsweise das Pro-
Kopf-BNE im Jahr 2013 in Deutschland (34.020 ) und in Polen (9.794 ), so lässt sich
ein deutlicher Unterschied erkennen, der einen Anreiz zur Migration für manchen polni-
schen Staatsbürger darstellt. In den USA beträgt das Pro-Kopf-BNE im Jahr 2013 mit
38.743 sogar mehr als fünfmal so viel wie in Mexiko mit 7.529 .
36
Die Chance auf einen Arbeitsplatz, die Möglichkeit einer guten Ausbildung, eine Fami-
lienzusammenführung, eine soziale und politische Stabilität oder ganz allgemein be-
trachtet die Hoffnung auf einen höheren Lebensstandard sind Beispiele für Pull-
Faktoren im Zielland, welche einen Migrationsanreiz darstellen. Push-Faktoren hinge-
gen sind politische Instabilität bzw. Unruhen und Kriege, welche eine Hauptursache für
Wanderungsbewegungen darstellen. Häufig sind damit religiöse, ethnische oder staatli-
che Verfolgungen verbunden, die die Menschen zur Flucht treiben.
37
Naturkatastrophen
oder andere Umweltprobleme können ebenfalls zu einer Emigration führen. Schätzun-
gen zufolge leben im Jahr 2013 15,4 Millionen Flüchtlinge außerhalb ihres Heimatlan-
des, also 6,7% der gesamten internationalen Migranten.
38
Dass Migration nicht immer eine freiwillige Entscheidung ist, zeigt auch die hohe Zahl
des weltweiten Menschenhandels, welcher von der Internationalen Arbeitsorganisation
auf 20,9 Mio. im Jahr 2012 beziffert wurde.
39
Allerdings ist diese Zahl mit Vorsicht zu
betrachten, da das Ausmaß des Menschenhandels nur schwer abschätzbar ist. Dies liegt
zum einen daran, dass es sich um kriminelle Aktivitäten handelt, die im Verborgenen
stattfinden und daher schwer messbar sind. Zum anderen ist die Abgrenzung der Daten
zu anderen Formen der Migration nicht immer eindeutig.
40
35
Vgl. S
EGAL ET AL
., 2010, p. 7.
36
Vgl. W
ORLD
B
ANK
Daten, 2013, (Umgerechnet mit einem Wechselkurs von 1$ zu 0,773).
37
Vgl.
S
EGAL ET AL
., 2010, p. 5-10.
38
Vgl. U
NITED
N
ATION
, Population Division ­ International Migration, 2013.
39
Vgl. I
NTERNATIONAL
L
ABOUR
O
RGANIZATION
-
Global Estimate of Forced Labour, 2012, p. 13.
40
Vgl. U
NITED
N
ATIONS
D
EVELOPMENT
P
ROGRAMME
, Bericht über die menschliche Entwicklung, 2009,
p. 33.

11
Einwanderungspolitik und illegale Immigration
Jedes Land verfolgt eine eigene Einwanderungspolitik, sodass im Folgenden ausschließ-
lich auf einige interessante Aspekte eingegangen wird, um eine Idee für die Vielfalt der
Unterschiede zu bekommen.
41
Während die USA eine relativ große Anzahl an Migran-
ten mit legalem Status einwandern lässt, gibt es in Deutschland vergleichsweise viele
Restriktionen. Interessant ist auch die Tatsache, dass alle Menschen die in den USA
geboren werden, automatisch US-Bürger sind, sogar wenn es sich bei den Eltern um
illegale Immigranten handelt. Ganz anders wird dies in Deutschland oder der Schweiz
gehandhabt, denn hier sind Neugeborene, selbst wenn ihre Eltern schon seit Jahrzenten
in dem entsprechenden Land leben, nicht automatisch deren Staatsbürger.
42
Die Einwanderungspolitik wird häufig von der Geschichte des Landes geprägt. Da bei-
spielsweise die USA und Kanada von Asien aus erst bevölkert wurden, hat Immigration
dort eine andere Bedeutung als z.
B. in Deutschland. Den Familienangehörigen und
Flüchtlingen in Kanada und den USA wird z.
B. die höchste Priorität bei der Erteilung
von Einwanderungsvisa eingeräumt. Des Weiteren sticht Kanada durch ein hohes Ni-
veau an Integrationshilfen und Unterstützung bei der Niederlassung hervor.
43
Die Aus-
wahl der Immigranten erfolgt in Kanada wie auch in Australien und Neuseeland nach
einem Punktesystem, welches Hochqualifizierten die Einwanderung besonders einfach
macht. Diesem Beispiel folgend, wurde auch in einigen europäischen Staaten (2008)
und ebenfalls in Japan (2012) und Korea (2011) ein Punktesystem eingeführt.
44
Ein besonderes Problem der Einwanderungspolitik ist der Umgang mit Menschen ohne
legalen Aufenthaltsstatus. Schätzungen zufolge leben und arbeiten 50 Mio. Menschen
illegal im Ausland.
45
In Europa wird die Zahl der illegalen Immigranten im Jahr 2005
grob auf 7,4 Mio. beziffert.
46
Es wird geschätzt, dass jährlich etwa 500.000 illegale
Migranten in die EU und ebenso viele in die USA einwandern. Insgesamt wurde für die
USA die Anzahl illegaler Immigranten im Jahr 2010 auf 10,8 Millionen geschätzt.
47
Ein
Grund für diese hohe Zahl sind frühere koloniale Bindungen und die Gastarbeiteran-
werbung, welche sogenannte Migrationsbrücken schafften. Dadurch entstanden wirt-
41
Einen umfassenden Überblick gibt das Handbuch der Ausländer- und Zuwanderungspolitik von
G
IELER
(2003), in dem die Einwanderungspolitik jedes Landes einzeln betrachtet wird.
42
Vgl. F
RIEDBERG ET AL
., 1995, p. 24.
43
Vgl. G
IELER
, 2003, p. 272ff.
44
Vgl. OECD - International Migration Outlook, 2013, p. 46.
45
Vgl. U
NITED
N
ATIONS
D
EVELOPMENT
P
ROGRAMM
- Bericht über die menschliche Entwicklung, 2009,
p. 3.
46
Vgl. OECD - International Migration Outlook, 2007, p. 47.
47
Vgl. B
ORJAS
, 2012, p. 330.

12
schaftliche und politische Verbindungen zwischen den Herkunfts- und Zielländern.
48
Solch eine Bindung lässt sich nicht so leicht wieder trennen, denn ,,Migration ist kein
Wasser, das durch einen Hahn fließt, den man nach Belieben auf- oder zudrehen
kann."
49
Restriktive Einwanderungsbedingungen und Abschottungspolitiken in westli-
chen Industrieländern sollen zwar bestimmte Bevölkerungsgruppen von der Einwande-
rung abhalten, allerdings verengen sich dadurch meist nur die legalen Migrationspfade.
Es werden neue Migrationsstrategien entwickelt und die Wandernden nehmen größere
Risiken auf sich. Der Einsatz von Schleusern nimmt dabei eine zunehmende Bedeutung
ein. Einige Migranten reisen auch mit einem Touristenvisum ein und bleiben anschlie-
ßend illegal im Land.
50
Welche Folgen diese erhöhte Risikoaufnahme hat, zeigt sich beispielsweise in der zu-
nehmenden Zahl der Menschen, die bei dem Versuch die europäischen Grenzen zu er-
reichen und zu überqueren sterben. In der Zeit von 1988 bis Oktober 2013 sind mehr als
19.000 Immigranten entlang der europäischen Grenze umgekommen, wobei mehr als
8.800 von ihnen immer noch im Mittelmeer verschollen sind. Aufgrund von fehlenden
offiziellen Statistiken wurden diese Zahlen durch die Zählung von Angaben in Presse-
mittteilungen ermittelt.
51
Dennoch ist die medial präsenteste illegale Einreise über den Seeweg und mit Hilfe von
Schleusern nicht die verbreitetste Methode, sondern vielmehr die legale Einreise mit
anschließender Überziehung der erlaubten Aufenthaltsdauer. In Italien kamen im Jahr
2005 z. B. 60% der illegalen Migranten zunächst legal ins Land und blieben länger als
erlaubt. 25% reisten mit gefälschten Papieren ein und 14% über den Seeweg.
52
Damit diese Zahlen nicht steigen, wurde im Jahr 2004 die EU-Gemeinschaftsagentur
F
RONTEX
gegründet, welche für die operative Zusammenarbeit der EU-Mitgliedsstaaten
beim Schutz der Außengrenzen zuständig ist. Die Europäische Union brachte in den
letzten Jahren zunehmend mehr Geld auf, um F
RONTEX
zu finanzieren und den Grenz-
schutz auszubauen. Im Jahr 2005 betrug das Budget von F
RONTEX
6.157.000 ; im Jahr
2012 wurden der Agentur bereits 84.960.000 zur Verfügung gestellt.
53
In diesen Zah-
len deutet sich die zunehmende ,,Abschottung Europas" an.
Angesichts des demografischen Wandels, der in der EU durch eine anhaltend niedrige
Geburtenrate und eine ansteigende Lebenserwartung gekennzeichnet ist, muss diese
48
Vgl. H
ECK
, 2008, p. 21.
49
B
OUTANG
, 2004, p. 170.
50
Vgl. H
ECK
, 2008, p. 26.
51
Vgl.
DEL
G
RANDE
, Fortress Europe, 2013.
52
Vgl. OECD - International Migration Outlook, 2007, p. 47f.
53
Vgl. F
RONTEX
, 2013.

13
ablehnende Haltung in Frage gestellt werden.
54,55
Denn Europa wird langfristig auf
Einwandernde angewiesen sein.
56
Nur wenn die Auswirkungen der Immigration auf ein
Zielland von verschiedenen Wissenschaften erforscht werden und ein ständiger Aus-
tausch darüber stattfindet, kann die Migrationspolitik auf einer rationalen Ebene disku-
tiert und entsprechend ausgerichtet werden.
Gegenstand dieser Arbeit ist die Beleuchtung des Einflusses von Immigranten auf zwei
Teilbereiche im Zielland: Die ökonomischen Auswirkungen Einwandernder auf das
Wachstum der Zielländer wird im folgenden Kapitel thematisiert und anschließend in
Kapitel vier auf die Arbeitsmarktauswirkungen eingegangen.
3
Auswirkungen der Immigration auf das Wachstum
Welche Auswirkungen Immigration auf das Wachstum hat, hängt laut F
RIEDBERG
UND
H
UNT
(1995) sowohl von den vorherrschenden Umständen im Zielland als auch von den
Charakteristika der einreisenden Migranten ab.
57
Blickt man bei den Auswirkungen von Immigration auf die globale Wohlfahrt, so ist der
positive Effekt auf den Lebensstandard offensichtlich: Migranten werden meist von
Regionen, in denen sie wenig produktiv eingesetzt werden können, in Länder ziehen, in
denen sie z.
B. durch einen höheren technischen Standard, produktiver arbeiten können.
Dies schafft individuelle Effizienzgewinne, welche den Wohlstand steigern.
58
Ausge-
hend von dieser Folgerung gehen M
OSES UND
L
ETNES
(2004) in ihrer Arbeit der Frage
nach, welcher weltweite wirtschaftliche Gewinn durch eine freie internationale Migrati-
on entstehen würde.
59
Sie schätzen, dass dieser Gewinn im Jahr 1998 bis zu 55,04 Tril-
lion US $ hätte betragen können. Dieser Betrag ist mehr als das weltweite BIP für das
selbige Jahr. Selbst in der risikoreichsten Berechnung ergaben sich noch immer 1,97
Trillion US $, was 5,6% des globalen BIP des Jahres 1998 darstellt. Selbstverständlich
sind solche Berechnungen äußerst vage und die Hindernisse einer Liberalisierung der
Arbeitsmärkte nicht zu verachten, worauf die Autoren selbst hinweisen. Ihre Intention
54
Vgl. E
UROSTAT
Jahrbuch, 2010, p. 159.
55
Abbildung 13 im Anhang A.2, p. 81 untermauert diese Aussage durch eine Darstellung der Altersstruk-
tur im Jahr 2013 und im Jahr 2050 in Europa.
56
Vgl. S
EGAL ET AL
., 2010, p. 441.
57
Vgl. F
RIEDBERG ET AL
., 1995, p. 24.
58
Vgl. M
OSES ET AL
., 2004, p. 1609.
59
Ihre Arbeit baut auf der Arbeit von H
AMILTON UND
W
HALLEY
(1984) auf, deren Ergebnisse sie mit
neuen Daten aktualisierten.
Ende der Leseprobe aus 102 Seiten

Details

Titel
Internationale Migration und ihre ökonomischen Auswirkungen
Untertitel
Betrachtung des Wirtschaftswachstums und des Arbeitsmarktes
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Lehrstuhl für VWL, insb. Wirtschaftsordnung und Sozialpolitik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
102
Katalognummer
V278923
ISBN (eBook)
9783656718468
ISBN (Buch)
9783656718451
Dateigröße
1062 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
internationale, migration, auswirkungen, betrachtung, wirtschaftswachstums, arbeitsmarktes
Arbeit zitieren
Helen Bolender (Autor), 2014, Internationale Migration und ihre ökonomischen Auswirkungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/278923

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