Wie es Eliten gelingt, Protestpotential zu instrumentalisieren. Die AfD im Vorfeld der Bundestagswahl 2013


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
19 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Theorieteil
Die Grundlage - Massen und Wählermassen
Die Akteure - Eliten und Elitenbildung
Wirkungsmittel und Legitimation der Macht
Der Typus Protestpartei - Merkmale von Populismus

Fallbeispiel AfD - Parallelen zur Theorie

Fazit

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Einleitung

Die Alternative für Deutschland (AfD) ist eine sehr junge - sie wurde erst am 6. Februar 2013 gegründet - deutsche Partei, welche während ihrer noch kurzen Parteigeschichte mit ihrem Ergebnis von 4,7% (Statistisches Bundesamt, 2013) bei der Bundestagswahl 2013, mit welchem sie nur knapp den Einzug in den Bundestag verfehlt haben, für großes Aufsehen gesorgt hat. Die AfD wird oftmals mit dem Prädikat einer >>Anti-Euro-Partei<< oder populistischen Protestpartei belegt. (Leber, 2013)

Nach der Bundestagswahl 2013 häufen sich nun vermehrt Nachrichten aus dem Lager der Alternative für Deutschland, welche von massiven Konflikten innerhalb und bezüglich der Parteiführung berichten. Die Partei, die vor der Bundestagswahl 2013 noch beispielhafte Einigkeit, Zielstrebigkeit und eine, für eine so junge Partei ungewöhnlich starke Medienkompetenz an den Tag legte, verliert sich nunmehr in innerparteilichen Grabenkämpfen. (Bender, 2013)

Diese Machtkämpfe in Verbindung mit der hohen Elitendichte, den verschiedenen ideologisch weit voneinander entfernten politischen Strömungen der AfD, sowie dem Label als Protestpartei sprechen dafür, dass Parteieliten der AfD versuchen, deren populistisches Potential als Mittel für ihren persönlichen Machtgewinn zu instrumentalisieren. In Bezug auf diese Hausarbeit wirft sich folgende Fragestellung auf:

Wie gelingt es Eliten, sich durch die Instrumentalisierung des Potentials von Protestparteien politische Macht zu verschaffen?

Das Erkenntnisinteresse dieser Hausarbeit wird hauptsächlich die deskriptive Beantwortung dieser Fragestellung sein. Die theoretische Grundlage hierfür bilden die Elitentheorien von Vilfredo Pareto, Gaetano Mosca und Robert Michels, sowie Theorien aus der Psychologie der Massen von Gustave Le Bon. Ziel ist es hierbei, speziell jene thematischen Aspekte aus Elitentheorie und Massenpsychologie herauszuarbeiten und aufzugreifen, auf deren Grundlage sich eine allgemeine Theorie zur Beantwortung der Fragestellung formulieren lässt. An einem kurzen Fallbeispiel der AfD wird versucht aufzuzeigen, ob sich Parallelen zwischen ihr und den Erkenntnissen dieser Hausarbeit ziehen lassen.

Theorieteil

Die Grundlage - Massen und Wählermassen

Um die Entstehung und die Wirkung von Eliten nachvollziehen zu können, muss man zunächst einmal das Prinzip der Masse und ihrer Bildung verstehen, da sie zwei Seiten ein und derselben Medaille darstellen und einander bedingen. Ohne die Masse gäbe es keine Elite, da letztere immer der ersten bedarf um sich entweder aus ihr selbst herauszubilden, oder aber sich zum eigenen Vorteil und Machterhalt an ihre Spitze zu stellen.

Der bekannteste Vertreter der Massentheorie ist Gustave Le Bon mit seinem Werk Psychologie der Massen.

„Im gewöhnlichen Wortsinn bedeutet Masse eine Vereinigung irgendwelcher einzelner von beliebiger Nationalität, beliebigem Beruf und Geschlecht und beliebigem Anlass der Vereinigung.“ (Le Bon, 2009, p. 29)

Mit diesen Worten beginnt Le Bon sein erstes der insgesamt 3 Bücher seines berühmten Werkes. Nun könnte man vermuten, dass er mit Masse lediglich einen losen Zusammenschluss von Individuen, ähnlich der Situation auf einem Marktplatz beschreibt. Dem ist jedoch nicht so. Laut Le Bon kann man in diesem Fall noch nicht von einer, wie er sie bezeichnet, psychologischen Masse sprechen (Le Bon, 2009, p. 30).

Für ihn unterscheidet sich das Phänomen der Masse von dem einer bloßen Menschenansammlung durch bestimmte psychologische Merkmale, welche alle Massen gemein haben. Er nennt sie das Wesen einer Masse. Nach Le Bons Theorie kennzeichnet sich das Wesen einer Masse dadurch, dass sich mehrere Einzelindividuen unter bestimmten Umständen zu einem Kollektiv vereinen, welches sich in seinen Handlungen verhält wie eine Einheit. Die Charaktereigenschaften der einzelnen Mitglieder treten merklich in den Hintergrund und gleichen sich einander an. Ebenso wie die Ausrichtung der Emotionen und Gedanken. Des Weiteren zeichnen sich psychologische Massen durch eine Regression der bewussten Persönlichkeit und Intelligenz der Individuen, sowie durch ihre gesteigerte Affektiertheit, Emotionalität und Suggestibilität aus. Voraussetzung für die Bildung einer Masse, ist immer der Grund der sie eint, dieser kann in seiner Beschaffenheit jedoch stark variieren. Nationale Ereignisse wie politische Unruhen, Kriege und Armut können ebenso Auslöser für Massenbildungen sein wie ein gemeinsamer Glaube, die gleiche Angst, oder etwa der Hass auf dieselbe Sache. Aber auch die Verehrung gegenüber einer Person oder eines Sportvereins, welche die Fanmassen bei Rockkonzerten oder in Fußballstadien zu einen vermag, kann ein Grund für eine Massenbildung sein. Im Gegensatz zur organisierten Minderheit der Elite, ist die große Masse unorganisiert und ohne Führung und Struktur (Le Bon, 2009, pp. 29-ff).

Le Bon nennt 3 Ursachen als Erklärung für die besonderen Charaktereigentümlichkeiten einer Masse und die psychologischen Beweggründe für ihre Bildung.

1. Das Gefühl der Macht und der Anonymität innerhalb der Menge, welches jedes Individuum verspürt. Triebe, welche von der Einzelperson gezügelt oder unterdrückt worden wären, können nun im Kollektiv ausgelebt werden.
2. Das Phänomen der geistigen Übertragung. Im Zuge der Gleichschaltung der einzelnen Charaktereigenschaften und Persönlichkeitsmerkmale, beeinflussen sich die Individuen auch in ihren Gefühlen und Handlungen untereinander. Le Bon beschreibt es als eine Erscheinung hypnotischer Art.
3. Die Suggestibilität. Die Mitglieder der Masse beeinflussen sich nicht nur wie bereits erwähnt gegenseitig, sondern zeigen sich zudem auch höchst anfällig für Reize von Außerhalb. Jede noch so geringe Stimulation der Umwelt, wird unmittelbar in eine überspannte Affekthandlung umgesetzt. (Le Bon, 2009, pp. 35-37)

Die Psychologie der Massen unterscheidet zwischen zwei Arten von Massen, der homogenen und der heterogenen Masse.

Die heterogene Masse ist ein Kollektiv aus Personen, welches sich ungeachtet des Bildungsgrades, der beruflichen Tätigkeit, oder des finanziellen Reichtums der Mitglieder zusammensetzt. Die Ursache für diese Form der Massenbildung ist nicht gesellschaftlich, sondern einzig und allein psychologisch und ideologisch begründet. Le Bon unterteilt diese in namenlose und nicht namenlose Massen. Namenlose Massen bilden sich zufällig in den Straßen und nicht namenlose Massen sind jene, die sich in Geschworenengerichten und Parlamenten bilden. Aufgrund des Verantwortlichkeitsgefühls, dass den namenlosen Massen fehlt und die nicht namenlosen innehaben, sind ihre Handlungsweisen oft divergent. Die homogene Masse zeichnet sich durch ihre gesellschaftlich bedingte Zusammensetzung aus. Bei dieser Form der Massenbildung stehen Kriterien wie die Zugehörigkeit zu einer Sekte, einer Kaste oder einer bestimmten Klasse im Vordergrund. (Le Bon, 2009, pp. 145-149)

Das Kapitel, welches für die angestrebte Erkenntnis im Rahmen dieser Hausarbeit von besonderem Interesse ist, ist Le Bons Abhandlung über die Wählermassen.

Le Bon beschreibt die Wählermassen als ungleichartige Massen, da sie sich aufgrund politischer Gesinnung unter Mitgliedern verschiedenster Einkommens- und Gesellschaftsschichten bilden. Da auch sie eine heterogene Masse im klassischen Sinne darstellen, finden sich auch bei ihnen viele der bekannten Erkennungsmerkmale. So sind auch die Wählermassen unorganisiert, leicht erregbar, einfältig und naiv. Es mangelt ihnen im Kollektiv an der Fähigkeit zu kritischem Denken, sie sind Suggestibel, von minderer Intelligenz und neigen stark zu Affekthandlungen. Was sie eint, ist meist eine gemeinsame politisch-ideologische Einstellung, die sich durch Emotionen wie Empörung, Angst oder Unzufriedenheit gebildet hat. Geprägt durch diese gemeinsame politische Ideologie, streben sie nach politischer Einflussnahme. Als unorganisierte Masse sind sie dazu jedoch nicht in der Lage, weshalb sie nach Organisation und Führung streben. Dieses Verlangen und die bereits erwähnten Eigenschaften einer Masse, machen sie empfänglich für die Verführungskünste politischer Eliten, oder wie Le Bon sie bezeichnet, die Führer der Massen. (Le Bon, 2009, pp. 161-171)

Basierend auf der bisherigen Untersuchung kann man sagen, dass innerhalb von Wählermassen, aufgrund ihrer psychischen Charakteristik zwar ein stark politisch- ideologisch geladenes Aktionismuspotenzial herrscht, welches sich jedoch ohne entsprechende Organisation und Führung nicht entladen kann. Die Masse muss sich also entweder selbst organisieren, und somit Eliten ausbilden, oder durch Eliten von außerhalb geführt werden.

Die Akteure - Eliten und Elitenbildung

Bereits Aristoteles erkannte das Phänomen der Trennung der Gesellschaft in Masse und Elite, und beschrieb es als unumgänglich. In seiner Politik beschreibt er das Verhältnis von dem, was er das von Natur Regierende, zu dem, was er das von Natur aus Regierte nennt, als eine natürliche Notwendigkeit.

„Vor allem ist es eine Notwendigkeit, dass, was nicht ohne einander bestehen kann, sich paarweise miteinander vereint, einerseits das Weibliche und Männliche und der Fortpflanzung willen (und zwar nicht aus bewusster Absicht, sondern geradeso, wie auch den Tieren und Pflanzen von Natur der Trieb innewohnt, ein anderes, ihnen gleiches Wesen zu hinterlassen), andererseits das von Natur Regierende und das von Natur Regierte um der Lebenserhaltung willen; [...].“ (Höffe, 2009, pp. 414-415)

Die These, dass eine organisierte Gesellschaft - egal welcher Form - sich zu beiderseitigem Vorteil immer in eine kleine herrschende Elite und ein große beherrschte Masse teilt - zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte - ist also eine Erkenntnis, welche in ihrem Ursprung bis in die Zeit der antiken Griechen zurückreicht und auch heute nichts an ihrer Brisanz eingebüßt hat.

Der Begriff >>Elite<< kommt aus dem Französischen und hat seinen Ursprung im lateinischen Wort [eligere], was so viel bedeutet wie [auslesen]. Grundlegend beschreibt er Personen, oder eine Gruppe von Personen, welche sich durch herausragende Leistungen, oder überdurchschnittliche Qualifikationen in ihren jeweiligen Gebieten von der Bevölkerungsmehrheit abheben. Man spricht beispielsweise bei Personen mit großem politischem Einfluss von einer Machtelite, Absolventen von gewissen Schulinstitutionen, bezeichnet man als Bildungselite. Aber auch finanzieller Reichtum, sportlicher Erfolg oder berufliche Fähigkeiten, können Kriterien für die Zugehörigkeit zu einer elitären Gruppe darstellen. Kurzum, überall dort, wo sich eine kleine Minderheit durch gewisse Eigenschaften von der breiten Masse abhebt, spricht man von Eliten. (Brockhaus, 1997, p. 54) (Brockhaus, 2008, p. 106) (Brockhaus, 1984, p. 88)

Der Elitebegriff, mit welchem sich diese Hausarbeit beschäftigt, wurde stark von den klassischen Vertretern der Elitesoziologie Gaetano Mosca; Robert Michels und Vilfredo Pareto geprägt. In ihren Grundaussagen sind sich die drei Werke sehr einig, wobei jedoch jede einzelne ihren eigenen Schwerpunkt aufweisen kann, welcher die Gedanken der beiden anderen entweder weiterführt, oder entscheidend ergänzt.

Im Punkt der Unterteilung der Gesellschaft in eine herrschende, jedoch zahlenmäßig unterlegene Elite und eine beherrschte, aber weitaus zahlreichere Masse, sind sich alle drei Theorien einig. Eine detaillierte Definition des Elitebegriffs findet sich jedoch lediglich bei Pareto. (Hartmann, 2008, pp. 37-ff)

Wo Mosca und Michels bei ihren Elitebegriff nicht genauer definieren, unterscheidet Pareto zwischen einer herrschenden und einer nicht herrschenden Elite. Eine ausführliche Beschreibung der Gründe von Elitenbildung liefert wiederum Robert Michels. Er spricht hierbei von einer zwangsläufigen Oligarchisierung und formuliert dafür drei prägnante Ursachen. Diese unterteilt er in Ursachen von technisch-administrativer, psychologischer und intellektueller Natur. (Hartmann, 2008, pp. 26,33)

Die technisch-administrative Ursache ist die Tatsache, dass eine direkte Selbstverwaltung der Masse, aufgrund der großen Personenanzahl nicht realisierbar ist. Die Verwaltung und Kontrolle einer Organisation dieser Größenordnung, verlange laut Michels nach der Ernennung eines festen beruflichen Führertums. (Hartmann, 2008, p. 33)

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Wie es Eliten gelingt, Protestpotential zu instrumentalisieren. Die AfD im Vorfeld der Bundestagswahl 2013
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Institut für Politikwissenschaften)
Veranstaltung
Einführung in die Politikwissenschaften
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
19
Katalognummer
V279000
ISBN (eBook)
9783656723677
ISBN (Buch)
9783656723653
Dateigröße
855 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
eliten, protestpotential, vorfeld, bundestagswahl
Arbeit zitieren
Michael Nimmrichter (Autor), 2013, Wie es Eliten gelingt, Protestpotential zu instrumentalisieren. Die AfD im Vorfeld der Bundestagswahl 2013, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279000

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