Wenn Essen zum Problem wird. Essstörungen in der Jugend


Hausarbeit, 2014

28 Seiten, Note: 1,2

Helene Ja (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Entwicklungsaufgaben und deren Bewältigung
1.1 Zum Begriff Jugend
1.2 Entwicklungsaufgaben
1.3 Bewältigung der Entwicklungsaufgaben

2 Was sind Essstörungen? Essstörungen als typisches Beispiel für ein Bewältigungsproblem in der Jugendphase
2.1 Anorexia nervosa
2.2 Bulimia Nervosa

3 Ursachen und Erklärungsansätze
3.1 Biologische Faktoren
3.2 Soziokulturelle und gesellschaftliche Erklärungsansätze
3.3 Familiäre Ursachen

4 Pro Ana und Pro Mia

5 Fazit

Einleitung

"Fit statt fett" - So lautet die Devise der Bundesregierung im Kampf gegen das Übergewicht der Deutschen. Besonders an Schulen sehen Politiker großen Handlungsbedarf, denn statistisch betrachtet ist jedes dritte bis vierte Kind im Schulalter übergewichtig oder adipös.[1] Diese und ähnliche Meldungen hat man in letzter Zeit immer öfter vernommen. Schlagzeilen wie "Deutschlands Nachwuchs - Immer dicker und träger", "Generation XXL", "Übergewicht macht unsere Kinder krank" sowie eine steigende Tendenz von ernährungsratgeberischen Sendungen sind prägend für unsere moderne Gesellschaft. Doch was ist mit den jungen Menschen, die Jahr für Jahr dem gängigen Schlankheitsideal nacheifern und sich und ihren Körper in einen zum Teil lebensbedrohlichen Zustand hungern? Was ist mit den Menschen, die nach außen hin ideal wirken, aber nach jeder Mahlzeit verschwinden, um das Essen zu erbrechen? Diesen Menschen wird bei weitem nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt.

Fakt ist: Zu Beginn des 21. Jahrhunderts, in einem Zeitalter, das geprägt ist von hoch entwickelten Technologien und stetigen wissenschaftlichen Fortschritten, aber auch von Katastrophen und Hungersnöten, gibt es Menschen, deren Leben sich tagein tagaus nur um ein Thema dreht: Ihr Gewicht und ihre Körperstatur. Das Thema Ernährung rückt immer mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit und gewinnt stetig an Bedeutung. Tagtäglich wird man mit neuen Informationen über aktuelle Diäten und Gesundheitsempfehlungen konfrontiert. In einer Zeit, in der Gesundheitsbewusstsein mehr denn je gefragt ist und Diäten so allmächtig und präsent sind, dass sie als völlig normal empfunden werden, begegnet man teilweise der Auffassung, die ausgiebige Auseinandersetzung junger Mädchen mit Nahrung und Kalorien sei nichts weiter als eine Modeerscheinung unter Jugendlichen und folglich nicht weiter besorgniserregend. Wenn man jedoch in Betracht zieht, dass sich heutzutage bereits 50% der 11- bis 13-jährigen Mädchen als zu dick empfinden und 40% der 11- bis 19-jährigen Mädchen schon Diäterfahrungen haben[2], so wird deutlich, dass es sich um ein ernstzunehmendes Problem handelt, welches in einen breiteren Zusammenhang eingeordnet werden muss.

An diesem Punkt soll diese Arbeit ansetzen, die sich zum Ziel gemacht hat, das Thema Essstörungen bei jungen Heranwachsenden unter mehreren Blickpunkten zu beleuchten.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich zwei in den westlichen Industrienationen weit verbreitete Essstörungen näher betrachten: Die Magersucht – im klinischen Fachausdruck Anorexia nervosa genannt – und die Ess-Brecht-Sucht – die Bulimia nervosa, um der Frage nachzugehen, warum immer mehr junge Mädchen in einer Zeit des Nahrungsmittelüberflusses zu Hungern, Erbrechen, exzessivem Sport und anderen fragwürdigen Methoden der Gewichtskontrolle neigen.

Zu Beginn der Arbeit werde ich zunächst einen Überblick über Lebensphase Jugend sowie ihren Entwicklungsaufgaben und deren Bewältigung geben, da vorrangig in dieser Lebensspanne problematisches Essverhalten auftritt. Im Anschluss daran soll die Frage geklärt werden, was Essstörungen eigentlich sind und am Beispiel von Anorexia nervosa und Bulimia nervosa die Kernmerkmale und die Eigendynamik dieser Phänomene aufgezeigt werden. Im dritten Kapitel gehe ich anschließend auf die Ursachen von Essstörungen ein. Damit möchte ich demonstrieren, dass diese Verhaltensstörung auf einem komplexen Zusammenwirken verschiedener Faktoren basiert und nicht bloß ein simpler Einfall von jungen Mädchen ist, um Aufmerksamkeit zu erregen. Dabei konzentriere ich mich vor allem auf die tragende Rolle der Gesellschaft in Hinblick auf Schönheitsideale, Medienwirkung und gesundheitliche Vorgaben.

Im Anschluss daran möchte ich auf eine Bewegung eingehen, die vor etwa fünf Jahren in den USA entstanden ist und nun auch in Deutschland Fuß fasst. Auf Hunderten so genannten Pro Ana- und Pro Mia-Websites propagieren junge Frauen ihre Essstörung als Lifestyle. Diese Seiten verharmlosen Magersucht und Bulimie als eine erstrebenswerte Lebensart. Für einen Großteil der Anhängerinnen dienen Pro Ana und Pro Mia als eine Art Selbsthilfegruppe - die allerdings nicht das Ziel verfolgt, die Krankheit zu bekämpfen.

Die Nutzerinnen wissen oft, dass sie krank sind, doch sie wollen die Essstörung zumindest vorübergehend nicht behandeln lassen. Sie suchen in erster Linie den Austausch mit anderen Betroffenen.

Der Schlussteil beinhaltet eine Zusammenfassung der gesamten Hausarbeit und soll als eine Art Fazit die wichtigsten Aspekte wiederholend reflektieren.

Abschließend möchte ich noch bemerken, dass das Phänomen Essstörung in unserer Gesellschaft zunehmend beide Geschlechter betrifft. Da der Anteil der Betroffenen noch immer überwiegend weiblichen Geschlechts ist, werde ich in der vorliegenden Arbeit die weibliche Form verwenden.

1 Entwicklungsaufgaben und deren Bewältigung

1.1 Zum Begriff Jugend

„Jugend – das ist zunächst kein klar definierter wissenschaftlicher Begriff, sondern ein Wort aus der Alltagssprache.“[3]

Die deutschen Soziologen Bernhard Schäfers und Albert Scherr definieren Jugend als „eine gesellschaftlich institutionalisierte, intern differenzierte Lebensphase, deren Verlauf, Ausdehnung und Ausprägungen wesentlich durch soziale Bedingungen und Einflüsse [...] bestimmt sind."[4] Sie beginnt mit der Pubertät und endet mit der Gründung einer Familie oder einer ähnlichen Festlegung des weiteren Lebenslaufes.[5]

Jene Personen, die aufgrund ihres Alters unter den Begriff Jugend fallen, lassen sich nach Schäfers weiter differenzieren in Jugendliche, Heranwachsende und junge Erwachsene, die wiederum durch Altersgrenzen definiert sind.

Als Anfangspunkt der Jugendphase wird im Allgemeinen die biologische Geschlechtsreife, die im Alter von 12 – 14 Jahren einsetzt, gesehen. Ein eindeutiger Endpunkt dieser Phase kann jedoch nicht genau festgelegt werden.[6]

Es ist vielmehr eine Aufeinanderfolge verschiedener Ereignisse, wie „das Ende der Pubertät, rechtliche Mündigkeit, Abschluss der schulischen und beruflichen Erstausbildung, Ablösung und ökonomische Unabhängigkeit von der Herkunftsfamilie, Gründung eines eigenen Haushaltes“[7], die das Ende dieser Phase markiert.

Nach Klaus Hurrelmann hat die Lebensphase Jugend in den letzten drei Generationen ihren Charakter deutlich verändert. Sie ist heute nicht mehr nur eine Übergangsphase zwischen dem abhängigen Kindheits- und dem unabhängigen Erwachsenenstatus, sondern ein Lebensabschnitt mit eigenen Rechten und Pflichten. Sie hat außerdem in den letzten 50 Jahren ihren Zeitumfang noch einmal stark ausgedehnt.

In den hoch entwickelten Ländern umfasst die Lebensphase Jugend inzwischen eine Spanne von im Durchschnitt etwa 15 Lebensjahren. Die Pubertät setzt immer früher ein, und der Übergang ins Erwachsenenleben – mit der Erlangung der ökonomischen Selbstständigkeit und der Gründung einer eigenen Familie – erfolgt immer später. Die Lebensphase Jugend bietet dadurch große Freiräume für die Gestaltung der Lebensführung, verlangt auf der anderen Seite aber außerordentlich hohe Kompetenzen, um diese Freiräume produktiv nutzen zu können. Die Mehrheit der Angehörigen der jungen Generation ist in der Lage, mit diesen gestiegenen Anforderungen an die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben erfolgreich umzugehen, aber eine Minderheit von etwa einem Fünftel eines jeden Jahrgangs zeigt mehr oder weniger deutliche Überforderungssymptome.[8]

1.2 Entwicklungsaufgaben

Der Jugendliche muss sich auf seinem Weg zum Erwachsensein unterschiedlichsten körperlichen, sozialen, psychischen und ökologischen Anforderungen stellen und diese Herausforderungen erfolgreich bewältigen, um letztendlich Selbstständigkeit und Selbstbestimmung zu entwickeln. Erst durch das Erlangen von Autonomie in allen Lebensbereichen wird der Jugendliche in die Lage versetzt, den Übergang vom Jugendalter in die Erwachsenenzeit zu vollziehen.

Um die Prozesse und Aufgaben zu bezeichnen, die der Heranwachsende während der Jugendphase bearbeitet, hat sich in der Entwicklungspsychologie der Begriff „Entwicklungsaufgaben“ durchgesetzt. Als Entwicklungsaufgaben werden die psychisch und sozial vorgegebenen Erwartungen und Anforderungen verstanden, die an Personen in einem bestimmten Lebensabschnitt gestellt werden. Diese Aufgaben definieren für jede Person in bestimmten sozialen Lebenslagen die vorgegebenen Anpassungs- und Entwicklungsprobleme, denen sie sich zu stellen hat. Diesbezüglich sind Entwicklungsaufgaben psycho-soziale Bezugssysteme, in denen die eigene Persönlichkeitsentwicklung vorgenommen werden muss.[9]

Der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann benennt vier wesentliche Entwicklungsbereiche der Jugendphase.[10]

Zuerst ist in diesem Zusammenhang die Entwicklung einer intellektuellen und sozialen Kompetenz zu nennen. Im Vordergrund steht hier der selbstverantwortliche Erwerb schulischer und beruflicher Qualifikationen. Dieser hat den Eintritt in das Berufsleben und somit eine stabile ökonomische Basis als primäres Ziel.

Die nächste Aufgabe beschreibt Hurrelmann als die Entwicklung des inneren Bildes von der Geschlechtszugehörigkeit. Für den Heranwachsenden stellt sich die Aufgabe, seinen Körper zu akzeptieren. Ziel ist der Aufbau einer heterosexuellen oder homosexuellen Partnerbeziehung als langfristige Basis für die Familiengründung und Erziehung eigener Kinder.

Außerdem gehört die Entwicklung selbstständiger Handlungsmuster für die Nutzung des Konsumwaren- und Medienmarktes zu den Entwicklungsaufgaben dazu. Ziel ist hier die Entwicklung eines eigenen Lebensstils sowie die Ausbildung eines gesteuerten und bedürfnisorientierten Umgangs mit den vielfältigen Angeboten.

Letztendlich beschreibt Hurrelmann die Entwicklung eines Werte- und Normsystems sowie eines ethischen und politischen Bewusstseins in Übereinstimmung mit dem eigenen Denken und Handeln, so dass gesellschaftliches Mitwirken im kulturellen und politischen Raum möglich wird, als letzte der insgesamt vier Entwicklungsaufgaben im Jugendalter.[11]

1.3 Bewältigung der Entwicklungsaufgaben

Die Bewältigung der umfangreichen Entwicklungsaufgaben in der Jugendphase stellt eine große Herausforderung für junge Menschen dar. Jugendliche sind mit körperlichen Veränderungen konfrontiert, müssen ihre Geschlechtsrolle aufbauen und eine eigene Identität entwickeln. Beziehungen zu Eltern, Geschwistern und Gleichaltrigen müssen neu geordnet werden.

Der junge Mensch steht im Konflikt zwischen einer Anforderung an die Individualität als autonomes, persönlich einmaliges Wesen und der notwendigen sozialen Integration durch Übernahme gesellschaftlicher Normen, Werte und Rollen.[12]

[...]


[1] http://www.stern.de/ernaehrung/uebergewicht-abnehmen/uebergewicht-bei-kindern-generation-pommes-615768.html

[2] HBSC-Team Deutschland (2011): Studie Health Behaviour in: School-aged Children – Faktenblatt „Körperbild und Diätverhalten von Kindern und Jugendlichen”. Bielefeld: WHO Collaborating Centre for Child and Adolescent Health Promotion

[3] Schäfers, B. ,Scherr, A. (2005): Jugendsoziologie. Wiesbaden: VS, 8. Auflage, S. 17

[4] Ebd. , S. 23

[5] Vgl. ebd. S. 21

[6] Vgl. ebd. S. 23

[7] Ebd. S. 23

[8] Vgl. Hurrelmann, K. (2007): Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. Weinheim und München: Juventa, S. 19 ff.

[9] Vgl. Oerter, R. & Montada, L. (Hrsg.) (2002): Entwicklungspsychologie. Weinheim/Basel/Berlin: Beltz, S. 43

[10] Vgl. ebd. S. 26 f.

[11] Vgl. ebd. S. 27 f.

[12] Vgl. Fend, H. (2003): Entwicklungspsychologie des Jugendalters. Opladen: Leske + Budrich, 3. Auflage, S. 213 f.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Wenn Essen zum Problem wird. Essstörungen in der Jugend
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,2
Autor
Jahr
2014
Seiten
28
Katalognummer
V279146
ISBN (eBook)
9783656719489
ISBN (Buch)
9783656719472
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wenn, essen, problem, essstörungen, jugend
Arbeit zitieren
Helene Ja (Autor), 2014, Wenn Essen zum Problem wird. Essstörungen in der Jugend, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279146

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