Einleitung
„Die Franzosen lieben die Vielfalt, die Engländer den Service und die Deutschen den Preis“. 1 Mit diesen Worten beschreibt Wolfgang Twardawa, Marketingleiter der Gesellschaft für Konsumforschung ( GfK) die grundlegenden Unterschiede im Kaufverhalten der drei Nationen. Trotz dieses den Deutschen nachgesagten Mangels für Dienstleistungsnachfrage befinden sich jedoch alle Industrienationen in eine Dienstleistungsgesellschaft ( DLG ). Bereits 1998 sprach der damalige Bundesminister Jürgen Rüttgers von einer Beschleunigung des weltweiten Strukturwandels weg von industrieller Produktion hin zur Dienstleistungsarbeit, auf dessen Weg Deutschland jedoch weit hinterherhinke.2 Dies zeige sich neben der grundsätzlichen gesellschaftlichen Einstellung zum Service auch in der negativen Dienstleistungsaußenhandelsbilanz Deutschlands. Die USA, Frankreich und England hingegen exportieren mehr Dienstleistungen als sie importieren, wie etwa der Siegeszug McDonalds um die Welt exemplarisch zeige. Rüttgers sieht weiterhin den Dienstleistungssektor als den zentralen Bereich zur Lösung des deutschen Beschäftigungsproblems. Bei derzeit 4,7 Mio. Arbeitslosen kann die Bedeutung dieses Sektors somit nicht überschätzt werden. „Mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen um 83100 auf 4,7 Millionen im Februar steht die Bundesrepublik vor einem der größten Arbeitsmarkt-Desaster ihrer Geschichte.“3 „Quo vadis Bundesrepublik ?“ fragten denn auch Hartmut Häußermann und Walter Siebel4. Einigkeit bestehe in der Wissenschaft lediglich darüber, daß der Abbau des Dienstleistungsdefizits in der Bundesrepublik für nötig und möglich gehalten wird. Insbesondere die ökonomischen und sozialwissenschaftlichen Forschungen stellen seit 1940 ( Clark) Erklärungsversuche und Theorien zur Entwicklung der Dienstleistungsgesellschaft auf. Die vorliegende Seminararbeit will daher zunächst die wesentlichen Definitionen und Entwicklungstendenzen der Dienstleistungsgesellschaft vorstellen. Zunächst sollen hierbei die Ursprünge der DLG sowie die wesentlichen Begriffsbestimmungen skizziert werden. Nach den Vorstellungen der klassischen Ansätze (Clark, Fourastié ), und der Weiterentwicklungen der Optimisten ( Bell ) und Pessimisten ( Baumol / Gershuny ) werden die jeweiligen Ausprägungen in den Industrienationen USA, Schweden und Deutschland erörtert...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Dienstleistungsgesellschaften ( DLG )
2.1 Ursprung der DLG: Die Dienstbotengesellschaft
2.2 Begriffsbestimmung von Dienstleistung und Dienstleistungsgesellschaft
2.2.1 Sektorale Gliederung
2.2.2 Funktionale Gliederung
2.3 Die Abgrenzung der drei Sektoren bei Clark, Fischer und Fourastié
3. Klassische Ansätze
3.1 Daniel Bell : Die Dimensionen der nachindustriellen Gesellschaft
3.2 Die Pessimisten Baumol und Gershuny
4. Ausprägungen der DLG in den Industrienationen USA, Schweden, Deutschland
4.1 Das Volksheim Schweden
4.2 Das US-amerikanische Modell der integrierten Marktwirtschaft
5. Die Entwicklungsdynamik des DLS
5.1 Funktionale Definition des DLS
5.2 Die interne Gliederung des DLS
5.3 Dynamische Faktoren der Entwicklung des DLS
6. Zusammenfassung / Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen und Entwicklungstendenzen von Dienstleistungsgesellschaften. Dabei wird analysiert, wie sich unterschiedliche nationale Modelle auf die Beschäftigungsstruktur auswirken und warum eine funktionale Betrachtung des Dienstleistungssektors für ein tieferes Verständnis des modernen Strukturwandels essenziell ist.
- Historische Herleitung des Dienstleistungsbegriffs
- Vergleich der Modelle Schweden, USA und Deutschland
- Kritische Auseinandersetzung mit klassischen Wachstumstheorien
- Funktionale Neuordnung und interne Gliederung des Dienstleistungssektors
Auszug aus dem Buch
5.1 Eine funktionale Definition des DLS
In der Diskussion sind wir bislang von der globalen Entwicklungshypothese ausgegangen, daß Industriegesellschaften ab einem gewissen Industrialisierungsgrad einen Trendbruch aufweisen, und fortan im tertiären Sektor expandieren. Die bisher als Dienstleistungen definierten Berufs- und Organisationsfunktionen weisen ja empirisch belegbar im Vergleich zum primären und sekundären Sektoren hohe Wachstumsraten auf. Anknüpfend an diese Entwicklung sind daraufhin ja eben die weitreichenden Diagnosen und Prognosen über die Natur und Entwicklung des gesamten Gesellschaftssystems entwickelt worden. Dennoch ist bislang noch keine allgemeingültige und vor allem positive Definition dessen entstanden, was unter dem Phänomen der Dienstleistungsgesellschaft denn verstanden werden soll. Vielmehr wurde entweder von Residualdefinitionen ausgegangen, also dem was Dienstleistungen nicht sind. Oder aber es wurden enumerative Definitionen gewählt, die jedoch immer nur einen Teil der Dienstleistungsarbeit wiedergeben und ebenfalls die Unterschiede etwa zwischen einem Chirurg und einem Werkspförtner nicht hinreichend berücksichtigen. Berger und Offe geben als erste eine positive Definition des Phänomens der Dienstleistung: Der Dienstleistungssektor umfaßt die Gesamtheit jener Funktionen im gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß, die auf die Reproduktion von Formalstrukturen, Verkehrsformen und kulturellen Rahmenbedingungen gerichtet sind, unter denen die materielle Reproduktion der Gesellschaft stattfindet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert den Strukturwandel zur Dienstleistungsgesellschaft und hinterfragt das deutsche Beschäftigungsdefizit im Vergleich zu den USA und Schweden.
2. Dienstleistungsgesellschaften ( DLG ): Dieses Kapitel skizziert die historische Entwicklung vom Dienstbotenwesen zur modernen Dienstleistungsgesellschaft und führt grundlegende Sektorenmodelle ein.
3. Klassische Ansätze: Hier werden theoretische Konzepte von Optimisten wie Daniel Bell sowie Pessimisten wie Baumol und Gershuny gegenübergestellt.
4. Ausprägungen der DLG in den Industrienationen USA, Schweden, Deutschland: Die verschiedenen nationalen Wege in die Dienstleistungsgesellschaft werden analysiert und hinsichtlich ihrer Übertragbarkeit bewertet.
5. Die Entwicklungsdynamik des DLS: Basierend auf Berger und Offe wird eine funktionale Definition erarbeitet, die den Dienstleistungssektor neu strukturiert und als Reaktion auf strukturelle Risiken interpretiert.
6. Zusammenfassung / Fazit: Das Fazit verwirft lineare Wachstumshypothesen zugunsten einer komplexeren Sichtweise mit Trends und Trendumkehrungen unter Berücksichtigung nationaler Spezifika.
Schlüsselwörter
Dienstleistungsgesellschaft, Strukturwandel, Tertiärisierung, Dienstleistungssektor, Beschäftigungspolitik, Berger und Offe, Sektorentheorie, Arbeitsmarkt, Wirtschaftssoziologie, Funktionale Gliederung, Rationalisierung, Sozialstaat, Marktwirtschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit analysiert die Entwicklungsdynamik des Dienstleistungssektors und untersucht, wie verschiedene Industrienationen den Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft gestalten.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Herleitung des Begriffs, der Gegenüberstellung klassischer soziologischer Theorien sowie dem Vergleich nationaler Modelle in den USA, Schweden und Deutschland.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch eine funktionale Definition des Sektors ein tieferes Verständnis für die Entwicklungswege und die ökonomischen Kontexte des Dienstleistungssektors zu gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, die klassische Modelle mit neueren Ansätzen (insbesondere von Berger und Offe) kritisch vergleicht.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung (Clark, Fourastié, Bell, Baumol), die empirische Betrachtung verschiedener Wirtschaftsmodelle und die funktionale Analyse der Dynamiken innerhalb des Sektors.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die funktionale vs. sektorale Gliederung, die Kostenkrankheit von Dienstleistungen sowie die Differenzierung zwischen kommerziellen und öffentlich organisierten Diensten.
Wie unterscheiden Berger und Offe den Dienstleistungssektor von anderen Ansätzen?
Sie definieren den Sektor nicht mehr bloß über Residualwerte, sondern funktional durch die Instandhaltung der Formalstrukturen, unter denen die materielle Produktion stattfindet.
Warum hält der Autor die Übertragung des schwedischen Modells auf Deutschland für schwierig?
Der Autor argumentiert, dass Deutschland bevölkerungsstärker und sozial heterogener ist, was eine direkte Kopie des schwedischen Wohlfahrtsstaatsmodells politisch und strukturell kaum durchsetzbar macht.
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- Dennis Möhlmann (Author), 2003, Die Entwicklungsdynamik des Dienstleistungssektors, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27916