Eugene Narmours Implication-Realization Model, dessen Notwendigkeit als alternatives Konzept zu den etablierten Modellen – wie etwa der Schenker'schen Reduktionsanalyse – in seinem 1977 erschienenen Buch "Beyond Schenkerism" erstmals konstatiert wird, findet indes in seinem zweiten Buch "The Analysis and Cognition of Basic Melodic Structures", erschienen 1992, entsprechend Raum für eine detaillierte Erörterung. Die Darlegung der in diesem Werk beschriebenen Strukturalismen und ihrer Anwendung soll nun Zielsetzung dieser Ausarbeitung sein. Narmour begibt sich mit seinem Konzept jedoch nicht vollends auf unbearbeitetes Terrain, sondern greift die Axiome und Theoreme einiger anderer, sich der musikalischen Analyse verschriebener Musiktheoretiker auf, darunter Heinrich Schenker und allen voran Leonard B. Meyer, dessen Meisterschüler Eugene Narmour gewesen ist. Diese sollen in ihrer Funktion als Rückbezüge und Kritikansätze daher zur Herleitung und Erörterung des vorliegenden Konzepts hier ebenfalls ihre Erwähnung finden. Einerseits ermöglicht dies ein tiefergehenderes Verständnis der von Eugene Narmour vertretenen Axiome und Theoreme selbst als auch ein besseres Verständnis seiner Kritik an eben jenen vorangegangenen Analyseverfahren, für das Narmour sein Konzept als Alternative begreift.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Gegenstand
1.2 Geschichte der Musikanalyse
2 Heinrich Schenker: Ursatz und Reduktionsanalyse
3 Leonard B. Meyer: Emotion and Meaning in Music
3.1 Grundlagen der Meyerschen Analyse
3.2 Exkurs in die Gestaltpsychologie
3.3 Nicht-Implikationen und kontextuelle Diskrepanzen
4 Eugene Narmour und das Implication-Realization Model
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die theoretischen Ursprünge und die musiktheoretischen Bezüge des von Eugene Narmour entwickelten Implication-Realization Models. Dabei wird insbesondere analysiert, wie Narmour auf den Konzepten von Heinrich Schenker und insbesondere Leonard B. Meyer aufbaut, um ein alternatives Modell zur musikalischen Analyse zu etablieren, das kognitive Aspekte der Wahrnehmung stärker berücksichtigt.
- Die kritische Auseinandersetzung mit Schenkers Reduktionsanalyse und Schichtenlehre.
- Die Rolle von Emotion und Bedeutung in der Musikanalyse nach Leonard B. Meyer.
- Die Anwendung der Gestaltpsychologie auf musikalische Strukturen und Erwartungshaltungen.
- Die Differenzierung von Bottom-Up- und Top-Down-Verarbeitungsprozessen bei Narmour.
- Die empirische Fundierung und Weiterentwicklung des Modells, unter anderem durch E. Glenn Schellenberg.
Auszug aus dem Buch
Eugene Narmour und das Implication-Realization Model
Das von Eugene Narmour entwickelte Implication-Realization Model basiert zu großen Teilen auf Leonard B. Meyers Ausführungen. Sowohl Meyer als auch Narmour widmen sich schwerpunktmäßig dem musikalischen Vordergrund, der schrittweisen Ton-um-Ton-Entwicklung und beschreiben zudem die möglichen Varianten der geeigneten bzw. erwartungsgemäßen Fortsetzung der melodischen Verläufe (vgl. SCHELLENBERG 1995, S. 76). Nichtsdestotrotz offenbaren sich bei genauerer Betrachtung auch Unterschiede zwischen beiden Konzepten, die sich vor allem in einer differenzierteren Auseinandersetzung Narmours bei der Unterscheidung angeborener und erlernter Interpretations- und Verarbeitungsmuster äußern. Wenngleich sich diese dichotome Betrachtung in Ansätzen bereits in Meyers Theorie wiederfindet, so führt Narmour diese jedoch wesentlich stärker ins Detail.
Je nachdem, ob die kognitive Verarbeitung der eintreffenden auditiven Reize im Gehirn auf elementarer Ebene erfolgt, unbewusst, automatisch und permanent, ohne dabei auf verinnerlichte Erfahrungen, Überzeugungen oder Erwartungen zurückzugreifen, oder aber auf höherer und komplexer organisierter Ebene unter Berücksichtigung eben dieser individuellen Prägungen, spricht Narmour entweder von Bottom-Up- oder Top-Down-Processing (vgl. KNEPLER 1995, S. 53). Inwieweit sodann musikalische Strukturen im Zuge des Bottom-Up- oder Top-Down-Processings verarbeitet werden, ist nicht zuletzt abhängig von der syntaktischen Komplexität der auditiven Reize. Diese lassen sich insofern unterscheiden in elementare, unbewusst und hereditär verarbeitete Style Shapes einerseits sowie komplexere, bewusst zugängliche, erlernte Style Structures andererseits.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt Eugene Narmours Konzept vor, ordnet es historisch in die Musikanalyse ein und definiert die kritische Auseinandersetzung mit Schenker und Meyer als Zielsetzung.
1.1 Gegenstand: Dieser Abschnitt erläutert die Genese von Narmours Theorie aus seinen Werken und die konzeptionelle Abhängigkeit von seinen Vorgängern.
1.2 Geschichte der Musikanalyse: Ein kurzer Abriss über die Entwicklung der Musikanalyse seit dem Mittelalter und die Bedeutung von Schenkers Reduktionsanalyse.
2 Heinrich Schenker: Ursatz und Reduktionsanalyse: Das Kapitel beschreibt die Schichtenlehre Schenkers und die Bedeutung des Ursatzes als zentrales Element seiner Theorie.
3 Leonard B. Meyer: Emotion and Meaning in Music: Dieses Kapitel führt Meyers kritischen Gegenentwurf zu Schenker ein, der Musik als Wahrnehmungsprozess versteht.
3.1 Grundlagen der Meyerschen Analyse: Fokus auf den Paradigmenwechsel gegenüber Schenker durch die Einbeziehung der Zuhörerperspektive und musikalischer Ambiguität.
3.2 Exkurs in die Gestaltpsychologie: Erläuterung, wie Gestaltgesetze wie Gruppierung und Geschlossenheit das musikalische Hören und Erwarten steuern.
3.3 Nicht-Implikationen und kontextuelle Diskrepanzen: Analyse von Strukturen, die keine direkten Implikationen auslösen, aber für den musikalischen Gesamtaufbau wichtig sind.
4 Eugene Narmour und das Implication-Realization Model: Darstellung von Narmours Modell, das Meyers Ansätze durch die Unterscheidung von Bottom-Up- und Top-Down-Verarbeitung sowie formale Hypothesen präzisiert.
Schlüsselwörter
Implication-Realization Model, Eugene Narmour, Leonard B. Meyer, Heinrich Schenker, Musikanalyse, Gestaltpsychologie, Musikpsychologie, Melodische Archetypen, Bottom-Up-Processing, Top-Down-Processing, Erwartungshaltung, Musiktheorie, Strukturalismus, Reduktionsanalyse, Kognitive Verarbeitung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen und die Entwicklung des von Eugene Narmour entwickelten Implication-Realization Models für die Musikanalyse.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind die Auseinandersetzung mit der klassischen Reduktionsanalyse nach Schenker, die psychologischen Theorien von Leonard B. Meyer und die kognitive Fundierung musikalischer Strukturen durch Narmour.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die detaillierte Darlegung der in Narmours Werken beschriebenen Strukturalismen und die Herleitung seines Modells durch die Kritik an vorangegangenen Analyseverfahren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Literaturanalyse und den Vergleich musiktheoretischer Konzepte unter Berücksichtigung musikpsychologischer Ansätze.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Schichtenlehre Schenkers, die Bedeutung von Emotion und Gestaltwahrnehmung bei Meyer sowie die formale Systematik der melodischen Archetypen bei Narmour.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Implication-Realization Model, Musikpsychologie, Gestaltgesetze, kognitive Verarbeitung, Melodieanalyse und musikalische Erwartungshaltung.
Was genau sind "Style Shapes" und "Style Structures" bei Narmour?
"Style Shapes" bezeichnen elementare, hereditär und unbewusst verarbeitete musikalische Einheiten, während "Style Structures" komplexere, erlernte und bewusst zugängliche Strukturen darstellen.
Warum spielt die Gestaltpsychologie eine so wichtige Rolle für Narmours Modell?
Sie dient als Basis für das Verständnis darüber, wie Menschen Musik als Muster wahrnehmen und warum bestimmte musikalische Verläufe als "logisch" oder "erwartungsgemäß" empfunden werden.
Inwiefern unterscheidet sich Narmour von Meyer?
Obwohl Narmour auf Meyers Theorien aufbaut, führt er eine wesentlich detailliertere Unterscheidung zwischen Bottom-Up- und Top-Down-Verarbeitungsprozessen im Gehirn ein.
Welchen Einfluss hatte E. Glenn Schellenberg auf das Modell?
Schellenberg untersuchte das Modell empirisch und schlug Vereinfachungen vor, um die statistische Instabilität und Redundanz der ursprünglichen Variablen zu reduzieren.
- Arbeit zitieren
- Dipl.-Ing. (FH) Johannes Borda Aquino (Autor:in), 2014, Ursprung und musiktheoretische Bezüge von Eugene Narmours Implication-Realization Model, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279169