Varianten des Kapitalismus


Zusammenfassung, 2013
36 Seiten

Leseprobe

Varianten des Kapitalismus

1. Was sind Varianten des Kapitalismus?

- Zwei Grundtypen von Marktwirtschaften: Liberale Marktwirtschaften (im Wesentlichen englischsprachige Länder) und koordinierte Marktwirtschaften (kontinentaleuropäische und skandinavische Länder)
- Zuerst nur Unterscheidung zwischen Kommunismus und Kapitalismus
- Michel Albert (1992): Unterschiede zwischen „rheinischen“ (Arbeitgeber und Arbeitnehmer arbeiten zusammen, Gewerkschaften handeln Löhne aus, Renten- und Krankenversicherung) und „angloamerikanischen“ (Gegner, Arbeitnehmer handeln Lohn individuell aus, freiwillige Kranken- oder Rentenversicherung) Kapitalismusmodell

1.1 Warum Koordination?

- Gefangenendilemma: Beide Seiten haben keine Möglichkeit, sich auf Kooperation zu verständigen
- Keiner der Gefangenen kann sich über das Handeln des anderen sicher sein, dass der andere auch kooperiert, wenn er selbst dies tut
- Beziehung der beiden muss unkoordiniert bleiben
- Unternehmen befinden sich oft in Gefangenendilemma - wollen strategisch Interessen verfolgen und müssten dazu mit Arbeitnehmern und anderen Unternehmen kooperieren, müssten aber darauf vertrauen können, dass Gegenseite auch zur Kooperation bereit ist
- Nachteil von Institutionen, die Koordination ermöglichen: Rauben Flexibilität
- Ob Koordination oder Nicht-Koordination die geeignete Strategie ist, hängt laut Hall und Soskice davon ab, ob Unternehmen auf „inkrementelle“ oder „radikale“ Innovationen spezialisiert sind

Der Vorteil koordinierter Marktwirtschaften: Kooperation

- Unternehmen, die ein Produkt Schritt für Schritt (inkrementell) immer weiter verbessern, sind auf Koordination und Kooperation angewiesen
- In koordinierten Marktwirtschaften gibt es Institutionen, die Bildung von Vertrauen zwischen Akteuren ermöglichen (Kündigungsschutz, Mitspracherechte erhöhen Loyalität gegenüber Unternehmen)
- Loyaler Arbeitnehmer hat Interesse daran, an einer ständigen Verbesserung von Produkten und Produktionsprozessen mitzuwirken

Der Vorteil liberaler Marktwirtschaften: Flexibilität

- Entwicklung von Innovationen braucht schnell Mitarbeiter, die frische Ideen ins Unternehmen bringen, und die schnell wieder gekündigt werden können
- Braucht Financiers, die Geld schnell zur Verfügung stellen und bereit sind, ein höheres Risiko zu tragen - Marktbasiertes, liberales Umfeld
- Langwierige Absprachen berauben Flexibilität, die sie benötigen, um neue Erfindungen zu machen und ihre Produkte schnell auf den Markt zu bringen
- Länder sollten entweder alle Institutionen so auszubauen, dass sie Koordinierung ermöglichen oder dass sie Flexibilität ermöglichen - Beides führt zu Wettbewerbsvorteil, entweder in inkrementellen oder in radikalen Innovationen
- Da Unternehmen international mobil sind, werden sie in Länder gehen, deren Institutionen die Art von Innovationen unterstützen, die sie benötigen
- Ganze Länder sollten sich somit darauf konzentrieren, entweder Unternehmen mit inkrementellen oder radikalen Innovationen ein gutes Umfeld zu bieten
- Jedes Land baut seine koordinierte oder liberale Variante des Kapitalismus so aus, dass es bestimmten Unternehmen ein perfektes Umfeld bietet
- Jedes der Länder befürwortete internationale Regeln, die die institutionellen Vorteile seiner Spielart des Kapitalismus unterstützen, wobei die Bruchlinie zwischen koordinierten und liberalen Marktwirtschaften verlief

Bedeutung für die Politikwissenschaft

Mit ihrem “Varities of capitalism”-Ansatz (VoC), der entwickelte Marktwirtschaften in zwei Grundtypen einteilt, führten Hall und Soskice eine Unterscheidung ein, die die Politikwis-senschaft revolutionierte

- VoC-Ansatz ermöglichte es, die Unterschiede kapitalistischer Länder in einer einfachen Typologie zusammenzufassen

- Hall und Soskice widersprachen der vorherrschenden Meinung, dass sich unter-schiedliche Marktwirtschaften an ein „one best model“, nämlich das liberale Modell, annähern (Konvergenzthese) Vielmehr meinten sie, die Länder werden immer unter-schiedlicher, da jeder der beiden Typen sich auf seinen komparativen Kostenvorteil spezialisiert (Divergenzthese)

- Ihre Typologie ermöglichte auch Empfehlungen für Politiker, denn ihrer Meinung nach sollten Länder, die zwischen koordinierten und liberalen Marktwirtschaften stehen, ein klares Profil herausbilden, um die Vorteile eines der beiden Systeme zu nutzen Die Idee, dass wirtschaftliche Gründe gegen die Einführung von liberalen Koordinie-rungsmechanismen in koordinierten Ländern sprechen, wurde erst dadurch populär

- VoC-Typologie wurde zu einem der meistbearbeiteten Themengebiete der letzten Jahre

1.2 Liberale und koordinierte Institutionen: Unterschiede

Unternehmensführung

Liberal

- Besitzer eines Unternehmens (Aktionäre) haben nur Ziel der Gewinnmaximierung
- Manager des Unternehmens haben vielleicht andere Ziele - Erhöhung ihres Gehalts
- Principal-Agent-Problem - Wie kriegt der Eigentümer (der „Principal“), den Manager (den „Agenten“) dazu zu tun, was er will?
- In liberalen Marktwirtschaften müssen Interessen der Manager und der Aktionäre gleichgesetzt werden, denn Aktionäre sind zu zersplittert, um die Manager selbst zu kontrollieren - Lösung: Manager werden selbst am Unternehmen beteiligt
- “Outsiderorientiert“: Wird von außen über den Aktienkurs kontrolliert
- Weder Aktionäre (weil jeder einzelne zu wenige Aktien hat) können Unternehmen direkt kontrollieren, noch Belegschaft (weil es keine Institutionen gibt, die sie an der Unternehmensführung beteiligt)
- Wenn Unternehmen dauerhaft Gewinnerwartungen der Anleger enttäuscht, verkaufen diese ihre Aktien und Preis für Aktien sinkt - Manager verlieren Job, Unternehmen wird aufgekauft
- Unternehmen müssen ihre Belegschaft nutzen, um möglichst schnell möglichst viel Gewinn zu machen - Stellen Arbeitnehmer ein, wenn „make“ günstiger ist als „buy“
- Flexibler Arbeitsmarkt sorgt dafür, dass Arbeitnehmer schnell einen neuen Job finden können, wenn sie unzufrieden sind
- Nur wenn Unternehmen alles, was sie benötigen, jederzeit kaufen und wieder abstoßen können, haben sie Flexibilität, die sie für radikale Innovationen benötigen

Koordiniert

- Aktien sind nicht in Streubesitz, sondern einzelne Aktionäre halten große Aktienblöcke
- Nicht nötig, Interessen hunderter Kleinaktionäre mit denen der Manager abzustimmen
- Aktionäre können aufgrund ihrer geringen Anzahl direkt im Aufsichtsrat sitzen, der die Manager kontrolliert - Eigentümer (und Arbeitnehmer) können sich aktiv am Management beteiligen, sie sind „Insider“, sie haben uneingeschränkten Zugang zu den Informationen über den Erfolg ihres Unternehmens („Insiderorientiert“)
- „Stakeholderorientierung“: Nicht nur die Shareholder (Anteilseigner oder Aktionäre) haben Kontrolle über das Unternehmen, sondern auch „Stakeholder“ (weitere Gruppen, die mit dem Unternehmen zu tun haben wie Gewerkschaften und Arbeitnehmer)
- Auch Mitarbeiter haben Anrecht auf Mitbestimmung
- In liberalen Ländern üben Aktionäre Außenseiterkontrolle aus, in koordinierten Ländern üben Stakeholder Insiderkontrolle aus (sind im Aufsichtsrat vertreten)
- Nachteil: Vorstände werden dadurch in Handlungsspielraum beschränkt
- Aber kann auch sinnvoll sein, Arbeitnehmer in Unternehmensführung einzubeziehen - Bindung an das Unternehmen erlaubt über Mitsprachemöglichkeiten die Koordination, die für koordinierte Marktwirtschaften typisch ist (beste Strategie im Gefangenendilemma)
- Arbeitnehmer haben in koordinierten Marktwirtschaften Mitspracherechte, müssen weniger um Arbeitsplatz fürchten - Helfen, Produktion effizienter zu gestalten ohne Angst, damit ihre eigenen Arbeitsplätze wegzurationalisieren
- Liberale Unternehmen sind dagegen nicht darauf angewiesen, langfristig mit Belegschaft zusammenzuarbeiten - Wenn etwas fertiggestellt ist, müssen sie Belegschaft möglichst schnell loswerden und Spezialisten für das nächste Projekt finden
- Koordinierte und liberale Länder unterscheiden sich darin, ob Unternehmen ihren Belegschaften über Betriebsrat Einspruchsmöglichkeiten bieten oder nicht
- Drei Abstufungen, wie stark diese Einspruchsmöglichkeiten sein können
- Betriebsräte haben keine Einspruchsrechte
- Betriebsräte haben Anhörungsrechte, können in sozialen Fragen mitentscheiden
- Betriebsräte haben Einspruchsrechte, die das Management beachten muss und können damit sogar in ökonomischen Fragen mitentscheiden
- In Deutschland, Österreich und Niederlanden kann Betriebsrat wirtschaftliche Unternehmensentscheidungen mitbeeinflussen
- Liberale Länder nutzen Marktarrangements, die Flexibilität ermöglichen
- Koordinierte Länder fördern Absprachen, die langfristige Kooperation ermöglichen

Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern

- Mehrwert von Unternehmen: Höhere Preis von Produkten im Vergleich zu Rohmaterialien - muss zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern aufgeteilt werden
- Differenz zwischen Kosten, die Unternehmen entstehen und Kosten, die der Auftraggeber bereit ist zu zahlen
- Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen immer wieder Mechanismus finden um Mehrwert in Arbeitgeberanteil (Unternehmergewinne) und Arbeitnehmeranteil (Löhne) aufzuteilen
Liberal
- Lohn wird individuell nach Marktlage ausgehandelt
- „Individualistische Eigentumskonzeption“: Jeder Arbeitnehmer „besitzt“ Arbeitskraft und kann sie zu dem Preis anbieten, die der Markt oder Unternehmen bereit ist zu zahlen
- Liberale Beziehung zwischen Kapital und Arbeit: Marktfreiheit wird nicht durch gleiche Löhne eingeschränkt
- Unternehmen können Bedarf an nötigen Arbeitskräften schnell decken und sich flexibel auf wandelnde Anforderungen einstellen
- Nachteil: Arbeitnehmer mit begehrten Qualifikationen verlangen hohen Preis
- Liberale Länder koordinieren Löhne kaum durch Tarifverträge - Löhne werden auf kleinstmöglicher Ebene des Betriebs ausgehandelt oder sogar individuell, also auf dem ersten oder zweiten Niveau
- Genereller Trend geht eher in Richtung Liberalisierung statt in Richtung zunehmender Koordination (auch in koordinierten Ländern) - Widerspricht Vorhersagen der VoC-Typologie

Koordiniert

- Lohnsteigerungen werden für ganze Branche oder landesweit ausgehandelt
- Koordinierte Marktwirtschaften haben Regeln, die individuelle Freiheiten zugunsten von Kooperation einschränken - Strengere Kündigungsregeln, sektorale (Branchentarifvertrag), regionale (Flächentarifvertrag) und national verbindliche Lohnabschlüsse zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern schränken Freiheit von Unternehmen und Individuen ein, Arbeitskraft zu „Marktpreisen“ nachzufragen und anzubieten
- Stufen, auf denen Löhne ausgehandelt werden:
- Jeder Arbeitnehmer oder jeder Betrieb handelt Löhne für sich selbst aus (Arbeitsbeziehungen sind maximal liberal, keine Koordinierung, Markt dominiert)
- Arbeitgeber und Arbeitnehmer verhandeln auf sektoraler Ebene, legen aber nicht viel fest, so dass Verhandlungen im Unternehmen wichtig bleiben
- Sektorale Ebene ist dominant
- Neben der sektoralen ist auch nationale Ebene wichtig
- Lohnverhandlungen finden vor allem auf nationaler Ebene statt (zwischen Spitzenverbänden von Gewerkschaften und Arbeitgebern)

Anteil von Beschäftigten mit Tarifvertrag

- Umso mehr Beschäftigte von Tarifverträgen abgedeckt sind, je höher ist Ebene, auf der diese ausgehandelt werden
- In liberalen Länder sind Arbeitnehmer kaum durch Tarifverträge abgedeckt
- In koordinierten Ländern werden viele Arbeitnehmer durch Tarifverträge gebunden
- Bindung von Tarifverträgen in Deutschland ist stark zurückgegangen - Fast so geringe Tarifvertragsabdeckung wie Australien

Aushandlungsniveau von Tarifverträgen

- In liberalen Ländern USA, Neuseeland, Kanada und Großbritannien werden diese auf besonders niedriger Ebene verhandelt

- Zusammenhang zwischen Ebene, auf der Tarifverträge ausgehandelt werden und Anteil an Arbeitnehmern, die durch Tarifverträge abgedeckt werden
- Koordinierte und liberale Länder handeln Löhne auf verschiedenen Ebenen aus - Je höher die Ebene, umso mehr Arbeitnehmer sind von Tarifverträgen abgedeckt und umso weniger sind Löhne damit von individuellen Marktpreisen abhängig
- Zusammenhang des gewerkschaftlichen Organisationsgrads mit Liberalismus und Koordination ist nicht besonders deutlich - Skandinavischen Länder haben höchsten Anteil gewerkschaftlich organisierter Arbeitskräfte
- Aber Irland, Großbritannien, Kanada und Neuseeland haben höheren Anteil organisierter Arbeitnehmer als Deutschland (typisch koordiniert)
- Immer wenn viele Arbeitnehmer in Gewerkschaften sind, ist Abdeckung mit Tarifverträgen hoch
- Gibt aber auch Länder, in denen nur wenige Arbeitnehmer in Gewerkschaften sind (Frankreich, Spanien, Niederlande), die aber trotzdem hohe Abdeckung mit Tarifverträgen aufweisen
- Wenn Arbeitnehmer erst einmal Löhne ausgehandelt haben, dehnen koordinierte Länder dieses Abkommen auch auf nicht-organisierte Arbeitnehmer aus - Geltungsbereich von Tarifverträgen wird weitaus größer als Organisationsgrad der Beschäftigten (unfair)
- Aber: Für Unternehmen können kollektive Regelungen sinnvoll sein, weil es sie Zeit und Mühe kostet, Löhne mit jedem Arbeitnehmer individuell auszuhandeln
- Auch verringern kollektive Tarifverträge Risiko, dass gute Arbeitnehmer für höhere Löhne zu anderen Unternehmen abwandern

- Zentralisierte Lohnverhandlungen entsprechen Idee des Korporatismus - Gibt zentrale oder nationale Repräsentanten der Arbeitgeber und Arbeitnehmer und nicht viele einzelne Interessenvertreter (nationaler Korporatismus nimmt der Politik Regelungsaufgaben ab, nationale Repräsentanten der Arbeitgeber und Arbeitnehmer werden bevorzugt behandelt und ihre Übereinkünfte werden in Gesetzen umgesetzt)

- Dezentralisierte Lohnverhandlungen entsprechen Idee des Pluralismus - Jede Interessengruppe kann bei Politik für ihre Interessen werben (aus Wettbewerb gleich berechtigter Stimmen ergibt sich dann Politik)

- In liberalen Marktwirtschaften besteht Möglichkeit korporatistischer Regelungen nicht, da es keine Spitzenverbände der Arbeitgeber und Arbeitnehmer gibt, die etwas beschließen und dies gegenüber ihren Mitgliedern auch durchsetzen könnten
- Deutschland ist kein korporatistisches Musterland - Gibt Branchengewerkschaften, die mächtiger sind als nationalstaatlich zentralisierte Repräsentanten
- Wenn kleine Gewerkschaften hohe Löhne fordern und bekommen, ohne dass die Menge an produzierten Gütern steigt, ergibt sich ein makroökonomisches Missverhältnis von Gütern zu Löhnen - Cost-Push Falle (zB in liberalen Ländern in 1970er Jahren)
- Koordinierte Länder hatten es einfacher, da deren relativ zentralisierte Gewerkschaften ihre Lohnforderungen koordinieren konnten
- Liberalen Marktwirtschaften fehlen zentralisierte und „nach unten“ durchsetzungsfähige Verbände, um Lohnzurückhaltung durchzusetzen, und starke Beziehungen zwischen Verbänden und Staat - Vertrauen muss vorhanden sein
- Zusammenhang zwischen tatsächlichen empirischen Indikatoren und der theoretischen Einteilung in liberale und koordinierte Länder ist selten perfekt - Ländergruppen sind sich aber im Schnitt ähnlich

Ausbildungssysteme

- Ausbildung = Investition in Humankapital
- Menschen, die sich ihre Ausbildung je nach Präferenz individuell aussuchen, stehen Unternehmen gegenüber, die bestimmte Qualifikationen nachfragen - System funktioniert aufgrund der Gesetze von Angebot und Nachfrage in liberalen Marktökonomien
- Kooperation wäre wünschenswert, aber bleibt trotzdem oft aus
- Für Unternehmen ist es sinnvoll, in Qualifikation seiner Mitarbeiter zu investieren, wenn es weiß, dass der besser qualifizierte Arbeitnehmer das Unternehmen nicht verlässt
- Arbeitnehmer muss wissen, dass er Qualifikation bekommt, die auch tatsächlich anerkannt ist und ihm zu einer besser bezahlten oder interessanteren Beschäftigung verhilft
- Damit Unternehmen ausbilden, muss Markt für Arbeitnehmer eingeschränkt sein - Ansonsten sind zwar alle an hohem Ausbildungsniveau interessiert, trotzdem kommt es nicht zu Stande

Liberal

- Ausbildung findet nicht in Unternehmen statt
- Arbeitnehmer erwerben Qualifikationen an allgemeinbildenden Einrichtungen wie Schulen und Universitäten
- Ausbildung ist nicht auf Bedürfnisse von Unternehmen zugeschnitten - Arbeitnehmer lernen eher allgemeine statt spezifische Fähigkeiten, die sie in verschiedenen Unternehmen nutzen können - Universitäten gut ausgebaut (Rankings immer gut)
- Die Kosten für Ausbildung trägt teilweise der Staat – indem er die Schulen und Universitäten finanziert, großen Teil der Kosten tragen aber die Studierenden
- Studenten können Kosten oft durch höhere Einkommen wieder bezahlen oder bekommen ein Stipendium
- Vorteil: Unternehmen bekommen große Menge an Niedrigqualifizierten, die Arbeit günstig erledigen können
- Unternehmen können sich über den Markt zu besorgen, was sie benötigen
- Haben keinen Anreiz auszubilden, weil sie nicht sicher sein können, dass Arbeitnehmer dann bei Ihnen bleiben

Koordiniert

- Um hohes Ausbildungsniveau zu erreichen, zertifizieren Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften Ausbildungsgänge
- Arbeitgeberverbände passen Ausbildungen Wünschen der Unternehmen an, fordern Unternehmen auf, auch selbst auszubilden
- Wenn Unternehmen seine Arbeitnehmer für spezifische Aufgaben ausbildet, wird es von seinen Arbeitnehmern abhängig, da es noch stärker als zuvor auf ihre speziellen Fähigkeiten angewiesen ist
- Duales Ausbildungssystem mit Ausbildung im Betrieb und in der Schule
- Auch Arbeitnehmer tragen Teil der Kosten (akzeptieren während der Ausbildung relativ geringe Löhne)
- System ist sehr kompliziert und kann nur aufrechterhalten werden, wenn Arbeitgeber und Arbeitnehmer in anderen Feldern gelernt haben, zusammenzuarbeiten - Koordiniertes Ausbildungssystem ist nur möglich, wenn auch andere Aspekte des Wirtschaftssystems koordiniert sind

Unternehmensfinanzierung

Liberal (Kontrolle von außen)

- Unternehmen haben Interesse, auf öffentlichkeitswirksame Maßnahmen zu setzen, um die Nachfrage nach ihren Aktien zu steigern und allein dadurch schon den Aktienkurs hochzutreiben
- Unternehmen können Bilanzen fälschen, um Investoren mit scheinbar hohen Gewinnen anzulocken - schon oft passiert, denn im outsiderorientierten Unternehmensführungssystem der USA war keiner der Aktionäre am Management beteiligt, niemand hatte somit Einblick in die Vorgänge

Koordiniert (Kontrolle von innen)

- Auch hier kann es zu Betrug kommen (ist seltener, Banken sitzen im Aufsichtsrat und haben somit „Insiderinformationen“ und können Risiko besser einschätzen
- Kreditgeber werden zu „Insidern“ über die Situation des Kreditnehmers, da sehr viel weniger Geld über den anonymen Kapitalmarkt gehandelt wird
- Hausbank als Zwischenglied zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer
- Sonderrolle Schweiz: Börsenwert schweizerischer Unternehmen war 2009 mehr als doppelt so hoch wie die schweizerische Wirtschaftsleistung - Hohe Marktkapitalisierung, trotzdem koordiniert
- In liberalen Ländern ist Aktienmarkt besonders wichtig für Unternehmensfinanzierung
- Ausnahmen: Irland und Neuseeland haben weniger stark ausgebaute Aktienmärkte
- Deutschland oder Österreich haben sehr niedrige Finanzmarktkapitalisierung
- Finanzsystem in koordinierten Ländern funktioniert anders als in liberalen - Menschen investieren Geld weniger direkt in börsennotierte Unternehmen, sondern aufs Sparbuch bei ihrer Bank, die reicht das Geld als Kredite an Unternehmen weiter, mit denen sie schon langjährige Geschäftsbeziehungen hat
- Nachteil: Teil der Unternehmensgewinne bleibt bei Bank
- Vorteil: Banken können gezielter und damit langfristiger investieren
- Im Mittelstand sind Beziehungen zwischen Unternehmen und Hausbanken oft persönlich
- Banken sind somit Insider im Unternehmen - Ihr Kapital ist darum „geduldiger“ als Finanzmarktinvestitionen und unterstützt damit die auf langfristige Kooperation angelegten Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Beziehungen sowie Strategien und Innovationen, die sich erst langfristig auszahlen

Flexibles versus langfristiges Kapital

- Stabilisierende Rolle der Banken ist für langfristig agierende Unternehmen sinnvoll - Ermöglicht Arbeitnehmer auch in Krisenzeiten zu halten und unterstützt langfristige Kooperation zwischen Kapital und Arbeit und stetige Verbesserung der Produkte
- Nachteil: Problematisch für neue, unbekannte Unternehmen, die schnell Finanzmittel brauchen und auch mit schnellen und hohen Renditen rechnen können
- Form der Innovation, die ein Unternehmen durchführt, hängt auch damit zusammen, ob es mit liberalen oder koordinierten Arrangements besser bedient ist
- Liberal: Wer Flexibilität benötigt, in kurzer Zeit hohe Gewinne versprechen kann und noch keine Reputation aufbauen konnte
- Koordiniert: Wer langfristiges Kapital braucht, auf Stabilität setzt

Firmenbeziehungen

- Oft ist es im beiderseitigen Interesse zweier Unternehmen, zu kooperieren
- Kann aber auch ökonomisch sinnvoll sein, das andere zu betrügen, wenn es durch die Kooperation an geheime Daten des anderen Unternehmens kommt
- Jedes Unternehmen muss sich also sicher sein, dass das andere sich nicht eigennützig verhält, es muss sich mit dem anderen Unternehmen koordinieren können

Liberal: Kooperation durch Aufkauf

- Kooperation kann kaum stattfinden - Unternehmen werden durch Aufkauf ihrer Aktien übernommen
- Unternehmen können schnell benötigtes Know-how bekommen, ohne in komplizierte Kooperationsbeziehungen eintreten zu müssen
- Unternehmen können nicht kooperieren, müssen es aber auch nicht, da sie ihr Problem auf andere Weise lösen können: durch einen flexiblen Arbeitsmarkt und der Möglichkeit, andere Unternehmen aufzukaufen

Koordiniert: Kooperation durch Verbände

- Verbände oder der Staat überwachen Unternehmenskooperationen
- Unternehmensverbände fungieren als Schiedsrichter - Ehrlichkeit lohnt sich
- Unternehmen begegnen sich immer wieder - Können sich schlechter betrügen, kennen sich, vertrauen sich und wissen, dass sie auch in Zukunft zusammenarbeiten müssen
- Unternehmen müssen kooperieren; können Know-How anderer Firmen nicht so leicht über den Markt für Unternehmensführung oder den Arbeitsmarkt erwerben
- Können aber auch kooperieren, da Unternehmensnetzwerke bestehen

Wohlfahrtsstaaten

- Um Arbeitnehmern Anreiz zu bieten, in spezialisierte und damit risikoreichere Ausbildung zu investieren, versuchen koordinierte Marktwirtschaften über Zahlung von Arbeitslosengeld das Schicksal der Arbeitslosigkeit zu mildern
- Nutzen auch Frühverrentung, um Beschäftigungsabbau möglich zu machen, ohne Loyalität der Arbeitnehmer zu verspielen
- In koordinierten Marktwirtschaften gibt es höheren Kündigungsschutz als in liberalen
- In liberalen Ländern sollen sich Arbeitnehmer auf Arbeitsmarkt sofort neue Stelle suchen
- In koordinierten Ländern sind Arbeitnehmer nicht darauf angewiesen, jederzeit eine beliebige Beschäftigung anzunehmen

2. Koordinierte und liberale Marktwirtschaften als Folge institutioneller Komplementaritäten

- Liberale und koordinierte Marktwirtschaften unterscheiden sich danach, ob ihre Unternehmen sich über Markt abstimmen oder andere, mitunter leistungsfähigere Lösungen finden
- These von Hall und Soskice: Nicht-marktliche, koordinierte Institutionen erhöhen in einem Bereich die Effizienz von nicht-marktlichen Institutionen in anderen Bereichen
- Marktliche, liberale Institutionen in einem Feld erhöhen die Effizienz liberaler Institutionen in einem anderen Feld

Koordinierte Marktwirtschaften

- Aus einzelnen Elementen wird zusammenhängendes System, das mehr als die Summe seiner Einzelteile darstellt
- Unternehmen, die sich jederzeit am Markt orientieren müssen, können Belegschaft schlechter langfristige Verträge anbieten als Unternehmen, die ihre Belegschaft auch in einer Phase wirtschaftlicher Schwäche halten können
- Stärken eines koordinierten Produktionssystems: Maximierung der Vorteile kooperativen Verhaltens
- Koordination ermöglicht hohe Qualität der erzeugten Produkte - Vorteile bei Herstellung von Produkten mittlerer Technologie und Überlegenheit in Branchen mit inkrementellen Innovationen
- Erzeugt hohes Maß an sozialem Frieden
- Nachteil: Geringe Flexibilität der Unternehmen

Liberale Marktwirtschaften

- Unternehmen können flexibel auf Marktveränderungen reagieren, sind nicht durch kollektive Lohnabsprachen, Mitspracherechte der Arbeitnehmer oder langfristige Kredite gebunden
- Unternehmen mit neuer Idee kommen schnell an die nötigen Arbeitskräfte und Kapital
- Können danach schnell Kapital und Arbeitskräfte wieder abstoßen
- Flexibler Arbeitsmarkt sorgt dafür, dass Unternehmen schnell Arbeitnehmer bekommen, wenn sie bestimmte Qualifikationen benötigen
- Flexibilität der Arbeitsmärkte wird dadurch unterstützt, dass es kaum Tarifverträge gibt - Unternehmen können über Löhne Arbeitnehmer abwerben
- Marktlichen und nicht-marktlichen Aspekte einer Marktwirtschaft stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern unterstützen sich gegenseitig
- „Index of Economic Freedom“: Bildet ab, wie sehr ein Land es erlaubt, nach Marktprinzipien zu arbeiten, zu produzieren, zu investieren und zu konsumieren und inwieweit Arbeitskräfte, Güter und Kapital sich nach Marktprinzipien bewegen können - Eindeutige Gruppierung in liberale und koordinierte Marktwirtschaften

Beneficial Constraints statt freiwilliger Selbstregulierung

- „beneficial constraints“ (Wolfgang Streeck): Unternehmen bilden ihr Potential nicht voll aus, wenn man ihnen freie Hand lässt - Weigern sich, über unmittelbaren Bedarf hinaus zu investieren, weil sie lieber konsumieren wollen
- Brauchen manchmal eine harte Hand und müssen zu ihrem Glück gezwungen werden
- Beispiel: Deutsche Mitbestimmung ist zunächst gegen Widerstand der Arbeitgeber durchgesetzt worden und dabei gerade nicht mit dem Argument ihrer ökonomischen Effizienz verteidigt worden, sondern mit dem demokratischen Argument, dass Arbeiter in ihrem Betrieb mitbestimmen sollten
- Trotzdem konnten viele deutsche Unternehmen erst erfolgreich werden, weil sie aufgrund der Gesetzeslage der Mitbestimmung langsam lernten, mit ihrer Belegschaft zu kooperieren - Lernprozess hätte nicht eingesetzt, wenn Unternehmen nicht zur Einführung der Mitbestimmung gezwungen worden wären
- Als Massenproduktionsmärkte gesättigt waren, konnte Deutschland mit seiner über Bedarf ausgebildeten Arbeitnehmerschaft auf einmal in Nischen Erfolge verbuchen, in denen es darauf ankam, besonders gute und genau angepasste Produkte herzustellen - War Vorteil, über Jahrzehnte hinweg stärker auszubilden, als Unternehmen es in ihrem eigenen kurzfristigen Interesse selber getan hätten
- Dass deutsche Unternehmen gar nicht versuchten, die profitabelsten Produkte herzustellen, sondern auch gesellschaftlich so eingebettet waren, dass sie die technisch besten Produkte herstellen wollten, führte langfristig dazu, dass sie profitabler produzierten als britische
- Vermeintlichen deutschen Einschränkungen wurden mit der Zeit zu „beneficial constraints“ für Unternehmen - Hätte man ihnen freie Hand gelassen, einfach nur möglichst schnell möglichst hohe Gewinne zu machen, hätten sie diese Spitzenposition und damit langfristig auch hohe Gewinne nicht erreicht
- Beneficial constraints stammen aus Traditionen/Geschichte - kein geplanter Einsatz
- Gibt nie Garantie, dass ein Constraint (Einschränkung) langfristig wirtschaftlich sinnvoll sein wird - Helfen aber immer, gesellschaftspolitisch sinnvolle Ziele zu erreichen
- Unternehmen wehren sich zunächst gegen einschränkende Institutionen, unterstützen sie aber, sobald sie festgestellt haben, dass diese sinnvoll sind
- „Beneficial constraints“ gibt es vor allem in koordinierten Marktwirtschaften

[...]

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Varianten des Kapitalismus
Hochschule
FernUniversität Hagen
Veranstaltung
Modul 2.1: Staat und Wirtschaft in der Globalisierung
Autor
Jahr
2013
Seiten
36
Katalognummer
V279191
ISBN (eBook)
9783656727293
ISBN (Buch)
9783656727279
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
varianten, kapitalismus
Arbeit zitieren
Michaela Sankowsky (Autor), 2013, Varianten des Kapitalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279191

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