Curiositas und Melancholie in der "Historia des D. Johann Fausten" und deren Hypertext "The English Faustbook"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
37 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gérard Genettes Transtextualitätstheorie
2.1 Semantische Transformationen
2.2 Formale Transformationen
2.2.1 Aussparungen und Kürzungen
2.2.2 Erweiterungen und Ersetzungen

3. Curiositas
3.1 Entwicklung des Begriffs und Verwendung in der Historia
3.2 Mephostophiles als Freund und Gegenspieler
3.3 Fehlgerichtetes Forschen
3.4 Die Qualität des Wissens und der Erkenntniswege
3.5 Göttliche Gnade als Rettungsanker

4. Melancholie
4.1 Vier-Säfte-Lehre und Melancholiediskurs des 16. Jahrhunderts
4.2 Fausts melancholische Komplexion
4.2.1 Die angeborene melancholische Konstitution
4.2.2 Das Krankheitsbild
4.3 Mephostophiles als Arzt je nach Bedarf

5. Zusammenfassung und Ausblick

6. Literaturverzeichnis
6.1. Primärliteratur
6.2. Forschungsliteratur

1. Einleitung

Alle namhaften deutschen Transformationen des Fauststoffs gehen auf die Historia des D. Johann Fausten[1] zurück, die 1587 in Frankfurt von Johann Spieß herausgegeben wurde, denn es hätte „ein grosse nachfrage nach gedachtes Fausti Historia bey den Gastungen vnnd Gesellschafften“[2] gegeben. Im Zentrum dieser Arbeit soll eine Transformation analysiert werden, deren unmittelbare Textvorlage die Historia war und die in der bisherigen Forschung nur dezente Aufmerksamkeit genossen hat. Sie ist wiederum die Grundlage aller nachfolgenden Transformationen der englischen Fausttradition: The English Faustbook von 1588.[3]

Im Folgenden soll untersucht werden, inwieweit sich das EFB tatsächlich, wie es der Editor Henry Jones beschreibt, „despite additions and omissions, [...] essentially faithful to the German author’s intentions”[4] verhält. Ihm zufolge sei der Autor des EFB der durchaus begabtere gewesen, denn er habe dem deutschen Autor drei Qualitäten vorausgehabt: „a flair for pungent expression, a vivid visual imagination and a taste for ironic humour; in combination they served to exalt the humble Faust book to a work of considerable art.”[5] Zwar war der Autor der Historia durchaus als „ungeschickter Kompilator“ gebrandmarkt und der literarische Wert des Faustbuchs wurde geleugnet,[6] nichtsdestotrotz möchte diese Arbeit das Licht auf einige Details richten, die zur literarischen Bedeutung des Faustbuches über Jahrhunderte hinweg beigetragen haben.

Wie bereits die Forschung gezeigt hat, wird in den vielen Faustversionen nicht der Stoff tradiert, sondern Text transformiert.[7] Dabei steht die Identität Fausts im Mittelpunkt, von der einzelne Aspekte durch die Transformationen erschaffen, verändert oder betont werden, wobei jeder Autor seine eigenen Schwerpunkte setzte, wie es Marina Münkler passend beschrieb: „Wer etwas verändert, dem ist etwas aufgefallen – etwas, das er für langweilig, überflüssig, verbesserungsbedürftig, irritierend, beunruhigend oder inakzeptabel hielt.“[8] Als wesentliche Identitätsmarkierungen des Faust sieht sie „ curiositas, Melancholie und Gewissen […] Zauberei und Karriere.“[9] Da eine Analyse dieser fünf Semantiken den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, werden vordergründig die beiden Semantiken curiositas und Melancholie analysiert werden und welchen Einfluss die Umgestaltungen des Autors des EFB auf sie nehmen. Aufgrund der eng miteinander verknüpften Thematiken, wie sich noch in der weiteren Analyse zeigen wird, werden Überschneidungen und Betrachtungen gleicher Episoden unter unterschiedlichen Gesichtspunkten nicht vermeidbar sein.

2. Gérard Genettes Transtextualitätstheorie

Um die Grundlage für die Erörterung der Verwandtschaft der beiden Texte zu legen, werden nun im Folgenden die Kernthesen von Gérard Genettes Transtextualitätstheorie summarisch vorgestellt.[10]

Transtextualität ist alles, was einen Text in eine „manifeste oder geheime Beziehung zu anderen Texten bringt“[11] und Genette definierte folgende fünf Typen, die allerdings nicht als voneinander getrennte Klassen betrachtet werden können: Intertextualiät, Paratextualität, Metatextualität, Architextualität und Hypertextualität. Intertextualität ist die „Kopräsenz zweier oder mehrere Texte“[12], wobei es das Zitat, das Plagiat (nicht deklariertes Zitat) und die Anspielung gibt. Paratexte sind zusätzliche „Signale, die den Text mit einer (variablen) Umgebung ausstatten“,[13] wie beispielsweise Titel, Untertitel, Vorwort, Nachwort, Marginalen, Fußnoten, Illustrationen und ähnliches. Den Metatext könnte man als das Handwerk der Literaturforscher bezeichnen, denn er ist ein kommentarähnlicher Text, der sich mit einem anderen Text auseinandersetzt ohne ihn zu zitieren. Der Architext gibt in einer „unausgesprochenen Beziehung […] die taxonomische Zugehörigkeit des Textes“ in Form eines Titels wieder, wie beispielsweise Gedichte, Essays, Roman, Erzählung und ähnliches. Die verschiedenen Formen der Transtextualität sind gleichzeitig Aspekte jeder Textualität und von Textklassen. Das Vorwort hat beispielsweise eine paratextuelle Funktion, ist aber eine Gattung oder jeder Text kann zum Zitat werden und das Zitat selbst ist eine definierte literarische Praxis.[14]

Die Hypertextualität ist jede Beziehung zwischen einem Text B, dem Hypertext, und einem Text A, dem Hypotext. Genette spricht von einem Text zweiten Grades, was bedeutet, dass ein Text von einem anderen, früheren Text abgeleitet ist. Diese Ableitungen können deskriptiv und intellektuell sein oder der Hypertext spricht zwar nicht vom Hypotext, könnte aber ohne ihn nicht existieren.[15] Als Hypertext wird jeder Text bezeichnet, der von einem früheren Text durch einfache oder direkte Transformation (nachfolgend als Transformation bezeichnet) oder komplexe oder indirekte Transformation (Nachahmung) abgeleitete wurde.[16] Erstere verlegen beispielsweise die gleiche Geschichte in eine andere Zeit und an einen anderen Ort. Bei der komplexen Transformation hingegen geht es um eine Stilnachahmung. So kann zum Beispiel eine andere Geschichte im Stil der ihr zum Vorbild dienenden Geschichte erzählt werden.[17] Nach Genette kann die Hypertextualität unterschiedlich stark auftreten, wodurch die Analyse des Textes vom „grundlegenden Urteil oder einer Interpretationsentscheidung des Lesers“[18] abhängt.

Im Nachfolgenden sollen nun zunächst die Transformationen untersucht werden, die auf dem Weg zum Hypertext EFB geleistet wurden, denn es „gibt keine formalen oder inhaltlichen Transformationen oder Transpositionen, welche die Identität der Figur unberührt lassen würden“,[19] denn die „Repräsentation der Identität einer literarischen Figur ist abhängig von der Narrativik des Textes, der diese Repräsentation leistet. Welche Identität der Erzähler ihm zuschreibt, wie andere Figuren innerhalb der Erzählung sie wahrnehmen, wie ihr Selbstverständnis beschrieben wird und wie sie sich in der Erzählung selbst beschreibt“[20] spielen dabei eine tragende Rolle.

2.1 Semantische Transformationen

Genette unterscheidet anfangs zwischen komischen Transformationen (Parodie, Travestie, Persiflage, Pastiche)[21] und ernsten Transformationen (formal und semantisch), welche nun in Bezug auf die beiden Faustfassungen im Fokus der Analyse stehen. Zu den semantischen Transformationen[22] zählen die Änderung des Erzählmodus und der Erzählperspektive oder eine Veränderung der Motivation von Handlungen der Erzählfiguren.[23] Eine entscheidende semantische Transformation liegt beim Akt der Teufelsbeschwörung vor. In der Historia beschwört Faust den Teufel, der ihm anschließend den Geist Mephostophiles schickt und es entsteht folgende Textungenauigkeit: In der Überschrift des 4. Kapitels wird erstmals erwähnt, dass der Geist Mephostophiles heißt, jedoch wird im gesamten 4. Kapitel ausschließlich die Bezeichnung „Geist“ verwendet und erst im 5. Kapitel fragt Faust den Geist „wie er genennet werde“.[24] Im EFB beschwört Faust Mephostophiles direkt und bekommt ihn nicht zugewiesen („Then began Doctor Faustus to call on Mephostophiles“[25] ). Da der Name von Anfang an bekannt ist, formuliert der Autor die nun überflüssige Frage nach dem Namen in einen Spott um: „Faustus demanded the spirit, what was his name? The spirit answered „My name is as thou sayest, Mephostophiles.“[26]

Eine weitere nennenswerte semantische Transformation im EFB ist die großzügige Umgestaltung von Textpassagen des Erzählers in direkte Figurenrede.[27] Ein adäquates Beispiel dafür ist das Kapitel 31 der Historia, welches sich mit den Sternen befasst, die auf die Erde fallen. Um einem monotonen Auftritt des Erzählers zu entkommen, äußert sich Faust im EFB selbst zu diesem Naturphänomen.[28] Auffallend ist auch der freundschaftliche Umgang der beiden Vertragspartner, der durch liebevolle Anreden („sweet Faustus“[29] ) und die fehlende Verspottung Fausts durch Mephostophiles gekennzeichnet ist. Durch die beiden aufgezählten Maßnahmen gestaltet der Autor des EFB die Beziehung der beiden Figuren erheblich um,[30] was für die beiden zentralen Begriffe curiositas und Melancholie große Auswirkungen hat, wie im Kapitel Mephostophiles als Freund und Gegner gezeigt werden wird.

2.2 Formale Transformationen

Zu den formalen Transformationen zählt Genette unter anderem die Versifikation, die Prosifikation und eben auch die Übersetzung, die für ihn die „augenfälligste und sicherlich verbreitetste Transpositionsform“[31] darstellt. Er ist der Meinung, dass „keine Übersetzung vollständig treu sein kann und jedes Übersetzen an den Sinn des übersetzten Textes rührt“.[32] Somit sind die formalen Transformationen stets mit inhaltlichen, semantischen und häufig auch ideologischen Transformationen verbunden,[33] denn es gibt keine Transformation „die nicht auf die eine oder andere Weise die Bedeutung ihres Hypotextes modifiziert“, wobei Genette betont, dass diese semantischen Modifikationen unfreiwillig passierten und die Übersetzung deshalb eine rein formale Transposition sei.[34] Genette unterstellt dem Übersetzer die Absicht, „es so gut wie möglich zu machen, was oft heißt, es anders zu machen“.[35] Wenn wir nun die Absichten des Übersetzers im Hinterkopf behalten, was auch der Editor Jones bekräftigt (“taken as a whole his translation is a work of earnest commitment”,[36] so soll der Fokus nun trotzdem auf die veränderten Stellen gerichtet werden, denn schließlich räumt Jones auch ein „PF’s translation is by no means exact […] he felt free, even impelled, to improve on the original and tailor it to his own design in a manner which would be unthinkable today”.[37] Da dieses Vorgehen gängige Praxis unter den mittelalterlichen Übersetzern war, da es unter anderem noch kein Urheberrecht im heutigen Sinne gab, ist es interessant, die Modifikationen anzuschauen und zu sehen, welche neue Sichtweise dadurch auf den Faust entstanden ist, besonders im Hinblick auf curiositas und Melancholie.[38] Zuvor folgt nun ein Überblick über die quantitativen Transformationen Aussparungen und Kürzungen, sowie Erweiterungen und Ersetzungen nach Genette mit Textbeispielen.[39]

2.2.1 Aussparungen und Kürzungen

Das „am stärksten antastende Reduktionsverfahren […] (ist die) Weglassung oder Aussparung.[40] Die erste und auch schwerwiegendste Auslassung vom Stoff der Historia ist der Verzicht auf die beiden Vorreden, welche auch durch kein Äquivalent ersetzt wurden. In seiner Vorrede begründet der Herausgeber Spieß die Veröffentlichung der Historia damit, dass es eine große Nachfrage nach der Geschichte des Faust gegeben habe und er sich auch selbst wundere, warum niemand vor ihm die Geschichte aufgeschrieben hat. Er hat es nun getan und die Historia soll nun „als ein schrecklich Exempel deß Teuffelischen Betrugs / Leibs vnd Seelen Mords / allen Christen zur Warnung“[41] sein. Die nun folgende Vorred an den Christlichen Leser definiert ohne Umschweife das Motto und den Kurs: der Leser soll auf keinen Fall menschliche Größe sehen oder gar Mitleid empfinden.[42]

Die Vorred beginnt nicht mit dem Charakter Fausts, sondern mit dem Charakter der Sünde, wobei „die Zauberey vnd Schwartzkunstlerey die gröste vnnd schwereste Sünde“[43] ist. Die schlimmste Sünde ist somit der Bund mit dem Teufel, denn der Teufel kann keine Wahrheit vermitteln.[44] Die Historia gilt als didaktische lutherische Mahnliteratur, die vor den Verlockungen des Teufels warnt und Faust als einen Typus darstellt, der Beispiel der Grausamkeit des Teufels am Menschen ist,[45] damit „aber alle Christen / ja alle vernunfftige Menschen den Teuffel vnd sein Furnemmen desto besser kennen / vnnd sich darfur huten lernen“.[46] Diese Publikumsadressierung fehlt im EFB und stattdessen erscheint ein Neugierde schürender Satz auf dem Titelblatt: „many strange things that he himself hath seen and done in the earth and in the air.“[47] Durch die Auslassung dieses Paratextes muss der Leser keine mahnende Schwelle mehr überschreiten und es ist fraglich, ob der zeitgenössische Leser das EFB an dieser Stelle als Mahnung identifizieren kann.

Der Verzicht auf die Marginalien erschwert die Identifikation ebenfalls. Diese haben in der deutschen Fassung vor allem eine zusammenfassende und kommentierende Funktion und sind essentiell, um den Leser auf bestimmte Textstellen hinzuweisen. Sie steuern als Paratexte in hohem Maße die Rezeption. Im EFB fehlen diese Marginalen und somit auch diese zusätzliche kommentierende Erzählerebene komplett. Beispiele für diese Marginalien aus der Historia sind der Hinweis zur falschen Entstehungsgeschichte der Welt („Teuffel du leugst / Gottes Wort lert anders hievon“[48] ), sowie die Erinnerung an die Verblendungskünste des Teufels („Denn es war nur eine lauter Phantasey oder traum“[49] ) und der Hinweis zur „Judas Rew.“[50]

Als eine dritte Auslassung sind wichtige, richtungsweisende Kommentare zu nennen. Als Beispiel soll hier der Bekehrungsversuch durch den Nachbar angeführt werden. Ein „Christlicher frommer Gottesforchtiger Artzt / vnd Liebhaber der H. Schrifft“[51] hatte im vorangegangenen Kapitel versucht, den Teufelsbündner auf den rechten Weg zu bringen und nun wird die Heimsuchung des „guten alten Mann“[52] durch Mephostophiles beschrieben. Der Nachbar ist jedoch so fest in seinem Glauben, „daß er jhm nit hat beykommen mögen.“[53] In der Historia vertreibt der alte Mann den Geist, indem er ihn verspottet („Mit solchem Gespött hatte er den Geist vertrieben“[54] ). Im EFB hingegen verschwindet der Geist von selbst („With these and suchlike words the spirit departed“[55] ). Auf dieses Detail hat der Autor des EFB bei seiner Übersetzung keinen Wert gelegt, denn die Worte „mockery“ oder „to mock“ erscheinen nicht. In der Historia spricht der Erzähler weiter, dass Faust nun den Geist ebenfalls verspotten sollte: So hette er (Faust) seiner noch darzu gespottet / welches die Geister oder Teuffel nit leyden können“[56]. Dieser Erzählerkommentar wird im EFB so umformuliert, dass nun ein Grund dafür genannt wird, warum Mephostophiles Faust nichts von der Verspottung durch den alten Mann sagt: „But he (the devil) would not tell how the old man had mocked him, for the devils can never abide to hear of their fall.“[57] Es ist zwar durchaus kontraproduktiv für die Höllischen Mächte, wenn Faust und der Leser an dieser Stelle erfahren würden, wie sie denn den Geist loswürden, doch die Historia zerstört ja bewusst an dieser Stelle die Erzählstruktur, damit der Leser aufhorcht und sich selbst angesprochen fühlt.

Der Erzähler gibt in der Historia wichtige Hinweise darüber, wie Faust den Geist loswerden (durch Verspottung) und wie er zur Gnade Gottes zurückfinden könnte (durch Buße).[58] Diese wichtigen Hinweise an den Leser formuliert der Autor des EFB um oder lässt sie komplett aus. Die Historia intendiert die Identifikation mit dem Erzähler,[59] die im EFB durch den Wegfall wichtiger Kommentare nicht mehr gegeben ist. Dies ist Im letzten Kapitel des EFB wird der Leser persönlich angesprochen („and you have heard that“[60] ) und soll nun selbst seine Lehren aus der Geschichte ziehen. Die für die Erkenntnis hilfreichen Marginalglossen und Erzählerkommentare wurden jedoch im Texte eliminiert oder umformuliert, sodass sie als Warnung und direkte Aufforderung an den Leser nicht mehr zu erkennen sind. Auch dem Editor Jones ist das Fehlen dieser bedeutungswichtigen Textpassagen nicht verborgen geblieben und er versucht den Autor des EFB zu verteidigen, indem er ja ein Manuskript habe verwenden können, doch muss auch er zugeben, dass dies nicht eindeutig belegbar sei.[61] Aufgrund der Ankündigung auf dem Titelblatt („in convenient places imperfect matter amended“[62] ) kann davon ausgegangen werden, dass die Auslassungen wissentlich und absichtlich erfolgten. Für die Übersetzung der Historia wurde allerdings so drastisch der Rotstift angesetzt, dass bereits an dieser Stelle der Analyse gesagt werden kann, dass die ursprüngliche Wirkungsabsicht der Historia nicht mehr gegeben ist.

Weitere Auslassungen und Kürzungen sind der Verzicht auf Kapitel 36, durch große Ähnlichkeit zum Kapitel 40, und Kapitel 7, einem Textausschnitt aus Sebastian Brandts Narrenschiff. Des Weiteren wurden die Kapitel 19 bis 21, die von der Astrologie und den Jahreszeiten handeln, vom Autor des EFB zusammengeführt.[63]

2.2.2 Erweiterungen und Ersetzungen

Für Genette ist das genaue Gegenteil der Reduktion die Erweiterung, „die Ausgestaltung durch massive Hinzufügung.“[64] An dieser Stelle muss gesagt werden, dass der Text der Historia nicht durchgehend kohärent ist und der Autor des EFB hat sich bemüht, diese Lücken sinnvoll zu schließen. So sind die Übergänge zwischen den einzelnen Kapiteln logischer miteinander verknüpft und Sprünge in der Erzählung konnten so reduziert werden. Als eines der Beispiele soll hier der Vorausblick im 2. Kapitel genannt werden. Während sich Faust das Spektakel des Teufels ansieht wird gesagt, dass er vor den Studenten sagen wird, dass ihm das höchste Haupt auf Erden Untertan sei und dass die Studenten antworten würden, dass sie kein höheres Haupt als den Kaiser, Papst oder König kennen würden. Die Historia geht danach sofort mit dem gegenwärtigen Geschehen weiter, indem erzählt wird, dass der Teufel als Mönch erscheint. Im EFB ist dieser Sprung zurück in die Gegenwart unmissverständlich gekennzeichnet: „Well, let us come again to his conjuration where we left him at his fiery globe.“[65] Ebenso wird dieses Kapitel im EFB durch einen angefügten Satz besser abgeschlossen: „and so they departed each on his way.“[66] Eine weitere Textungenauigkeit entsteht in der Historia im selben Kapitel als Faust zum Geist sagt, „daß er morgen vmb 12. Vhr zu Nacht jhm erscheinen solt.“[67] Am Anfang des 3. Kapitels wird allerdings beschrieben, dass Faust, nachdem er morgens nach Hause gekommen war, den Geist in seine Kammer ruft. Dieser Fehler wird im EFB behoben: „at his hour appointed he came and appeared in his chamber.”[68]

Nachdem sich Faust im 5. Kapitel des EFB fest entschlossen hat, den Pakt einzugehen, verschwindet der Geist und Faust verfasst das Paktschreiben allein, was sinnvoll ist, da der Teufel später erneut erscheint, um das Schreiben entgegenzunehmen.[69] In der Historia bleibt dies unerwähnt und es steht die Frage im Raum, ob und wann Mephostophiles verschwindet und ob er dabei ist, wenn Faust das Schreiben verfasst. Eine weitere Unstimmigkeit ergibt sich als Mephostophiles Faust überzeugt hat, sich erneut dem Teufel zu verschreiben. In der Historia ist dieses „schreiben denn / nach seinem Todt / hinder jm gefunden worden.“[70] Da es wahrscheinlich ist, dass das Schreiben in seinem Haus gefunden wurde, da es dort von ihm verfasst wurde, wiederspricht dies der Tatsache, dass bereits das erste Paktschreiben in seinem Haus gefunden worden war. Auch hier bietet der Autor des EFB wieder eine elegante Lösung an, denn das „writing was afterward sent to a dear friend of the said Doctor Faust being his kinsman.“[71]

Jones stellt fest, dass der Autor des EFB die Hölle und Fausts Reisen anschaulicher mit einer „masterful rhetoric“[72] beschreibt. Der Autor würde verbessern, was auch immer er anfasst. Es muss zweifelsfrei zugegeben werden, dass die fesselnden Formulierungen des EFB ein viel genaueres Bild von der Hölle und den Städten liefern als dies in der Historia getan wird. So habe Fausts unersättliche Neugierde für alle Dinge im Himmel und auf Erden und seine Begeisterung an den Reisen zur Beliebtheit des Stoffes beigetragen.[73] Jan-Dirk Müller warnt hingegen, denn „allzu fesselnde Reiseschilderungen konnten den Leser verleiten, auch einmal die Bibel vnder die Banck zu legen und sich auf den Weg zu machen.“[74]

Im EFB scheint der Teufelspakt, wenn man sich die Reisen und das Wissen über die Hölle ansieht, durchaus lukrativ zu sein, so könnte man eine erste These wagen. In der Historia hingegen sieht Faust am Ende in seiner Klage nichts Positives, was er vom Pakt bekommen hat und er bereut nun, dass er sich falsch verhalten hat und die Seligkeit nicht bekommt.[75] Im EFB schätzt Faust hingegen doch die eine oder andere Gegenleistung: „my senses, for you have had your part and pleasure as well as I.“[76] Da es zur Untermauerung der These, dass der Teufelspakt im EFB lukrativ dargestellt wird, jedoch mehr als dieser zunächst rein formalen Analyse der Transformationen bedarf, werden nun die beiden Semantiken curiositas und Melancholie in Betracht gezogen.

[...]


[1] Füssel, Stephan / Kreutzer, Hans Joachim (Hg.): Historia von D. Johann Fausten. Text des Druckes von 1587. Kritische Ausgabe. Mit den Zusatztexten der Wolfenbütteler Handschrift und der zeitgenössischen Drucke. Ergänzte und bibliographisch aktualisierte Ausgabe, Stuttgart (zuerst Stuttgart 1988). Nachfolgend zitiert als Historia.

[2] Ebd., S. 5.

[3] Jones, John Henry (ed.): The English Faust Book. A critical edition based on the text of 1592, Cambridge 1994. Der Originaltitel lautete History of the Damnable Life and Deserved Death of Doctor Faustus. Und gilt als Hauptvorlage für Marlowes berühmtes Drama Tragicall History of Doctor Faustus. Nachfolgend zitiert als EFB.

[4] Jones, John Henry: Introduction. In: Jones, John Henry (ed.): The English Faust Book. A critical edition based on the text of 1592, Cambridge 1994, S. 9. Historia und EFB haben beide anonyme Autoren, wobei sich der Autor des EFB als „P.F. Gent“ auf dem Titelblatt bezeichnet, S. 11.

[5] Ebd., S. 12.

[6] Vgl. Könneker, Barbara: Faust-Konzeption und Teufelspakt im Volksbuch von 1587. In: Burger, Heinz Otto / von See, Klaus (Hg.): Festschrift Gottfried Weber. Zu seinem 70. Geburtstag überreicht von Frankfurter Kollegen und Schülern, Bad Homburg v. d. H., Berlin, Zürich 1967 (Frankfurter Beiträge zur Germanistik 1). Man vermisse am Faust der Historia die tragische Größe und der Autor habe aus kleinlich religiösen Gründen den Wissensdrang Fausts negativ gestellt, S. 160f.

[7] Vgl. Münkler, Marina: Narrative Ambiguität. Die Faustbücher des 16. und 18. Jahrhunderts. Göttingen 2011(Historische Semantik Band 15), S. 14.

[8] Ebd., S. 14f.

[9] Ebd., S. 15.

[10] Genettes Theorie basiert auf dem Konzept der Intertextualität. Diesen Begriff prägte hauptsächlich die Literaturtheoretikerin Julia Kristeva, indem sie sich mit Michail Bachtins Konzept der Dialogizität auseinandersetzte. Vgl. Genette, Gérard: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. (Palimpsestes. La littérature au second degré 1982). Frankurt am Main 1993, S. 10. Vgl. auch Münkler, Narrative Ambiguität (Anm. 7), S. 16.

[11] Ebd., S. 9.

[12] Ebd., S. 10.

[13] Ebd., S. 11.

[14] Vgl. ebd., S. 10-19.

[15] Vgl. ebd., S. 14f.

[16] Vgl. ebd., S. 18.

[17] Vgl. ebd., S. 15f.

[18] Ebd., S. 20.

[19] Münkler, Narrative Ambiguität (Anm. 7), S. 23. Dies bezieht sich vordergründig auf die bereits erwähnten Semantiken curiositas und Melancholie. Für eine genaue Abgrenzung zwischen Identität, Individualität und Subjektivität vgl. Münkler S. 23ff.

[20] Ebd., S. 36.

[21] Vgl. Genette (Anm. 10), S. 39-47.

[22] Vgl. ebd., S. 391-402.

[23] Vgl. Münkler, Narrative Ambiguität (Anm. 7), S. 23.

[24] Historia (Anm. 1), S. 21.

[25] EFB (Anm. 2), S. 93.

[26] Ebd., S. 97. Zur Frage nach dem Namen des Geistes vgl. auch Münkler, Narrative Ambiguität (Anm. 7), S. 166.

[27] Vgl. Jones (Anm. 4), S. 13f. Vgl. Auch Genette (Anm. 10), S. 392.

[28] EFB (Anm. 2), S. 146.

[29] Ebd., S. 102.

[30] Vgl. Münkler, Narrative Ambiguität (Anm. 7), S. 166f.

[31] Genette (Anm. 10), S. 289. Genette verwendet die Begriffe ernste Transformation und Transposition synonym, vgl. Genette, S. 287. Zu formale Transformationen vgl. auch Genette, S. 287-312.

[32] Ebd.

[33] Vgl. Münkler, Narrative Ambiguität (Anm. 7), S. 20.

[34] Vgl. Genette (Anm. 10), S. 403.

[35] Ebd., S. 292.

[36] Jones (Anm. 4), S. 12.

[37] Ebd., S. 12. Vgl. auch Rohde, Richard: Das Englische Faustbuch und Marlowes Tragödie. Halle a. S. 1910 (Studien zur Englischen Philologie, Heft 43), S. 2.

[38] Zur Thematik Übersetzung in Bezug auf das EFB vgl. auch Münkler, Narrative Ambiguität (Anm. 7), S. 164.

[39] Vgl. Genette (Anm. 10), S. 313-342.

[40] Ebd., S. 315.

[41] Historia (Anm. 1), S. 5.

[42] Vgl. Könneker (Anm. 6), S. 165.

[43] Historia (Anm. 1), S. 8.

[44] Vgl. Münkler, Narrative Ambiguität (Anm. 7), S. 251.

[45] Vgl. Münkler, Marina: Höllenangst und Gewissensqual. Gründe und Abgründe der Selbstsorge in der „Historia von D. Johann Fausten“. In: Zeitschrift für Germanistik NF XIV (2004), Heft 2, S. 250.

[46] Historia (Anm. 1), S. 12.

[47] EFB (Anm. 2), S. 91. Zu diesem Neugierde schürenden Satz vgl. auch Münkler, Narrative Ambiguität (Anm. 7), S. 238 und Münkler, Marina: „allezeit den Spekulierer genennet“. Curiositas als identitäres Merkmal in den Faustbüchern des 16. und 17. Jahrhunderts. In: Lörke, Tim / Mahl, Bernd (Hg.): Faust-Jahrbuch 2, Tübingen 2006, S.68f.

[48] Historia (Anm. 1), S. 48.

[49] Ebd., S. 53.

[50] Ebd., S. 121.

[51] Historia (Anm. 1), S. 101.

[52] Ebd., S. 104.

[53] Ebd.

[54] Ebd., S. 105.

[55] EFB (Anm. 2), S. 168.

[56] Historia (Anm. 1), S. 105. Es ist Luthers Vorschlag, den Teufel zu verspotten und wenn der Mensch stark im Glauben ist, so kann der Teufel nicht gewinnen. Historia (Anm. 1), S. 267.

[57] EFB (Anm. 2), S. 168.

[58] Die nähere Erörterung zu diesen beiden Wegen befindet sich im Kapitel Göttliche Gnade als Rettungsanker.

[59] Vgl. de Huszar Allen, Marguerite: The Aesthetics of the 1587 Spies Historia von D. Johann Fausten. In: van der Laan, J.M. / Weeks, Andrew (ed.): The Faustian Century. German Literature and Culture in the Age of Luther and Faustus, Suffolk 2013, S. 167.

[60] EFB (Anm. 2), S. 180.

[61] Vgl. Jones (Anm. 4), S. 12. Bereits zuvor gesteht Jones: „the book is undeniable ambivalent in combining exemplary moral exhortation with heroic fashioning”, S. 3.

[62] EFB (Anm. 2), S. 91.

[63] Zu den Änderungen dieser Kapitel vgl. Münkler, Narrative Ambiguität (Anm. 7), S. 165. Beim Verzicht auf Kapitel 7 könnte sich der Autor am „Privileg der Unübersetzbarkeit der Poesie“ bedient haben, vgl. Genette (Anm. 10), S. 289.

[64] Genette (Anm. 10), S. 353.

[65] EFB (Anm. 2), S. 94.

[66] Ebd.

[67] Historia (Anm. 1), S. 17.

[68] EFB (Anm. 2), S. 95.

[69] Vgl. ebd., S. 98.

[70] Historia (Anm. 1), S. 103.

[71] EFB (Anm. 2), S. 167.

[72] Jones (Anm. 4), S. 13. Zu dieser Rhetorik könnte man auch die Fokussierung der Leiden auf Faust sehen, vgl. Münkler, Narrative Ambiguität (Anm. 7), S. 249.

[73] Ebd., S. 25f. Jones meint, dass die Begeisterung für Reisen vom Autor selbst stammt, da es zu einer Ausbildung eines jungen Gentleman gehörte, zu reisen. So wurden viele junge Engländer durch Europa geschickt, die so in Verbindung mit Geschichten und Bräuchen kamen.

[74] Müller, Jan-Dirk: Ausverkauf menschlichen Wissens. Zu den Faustbüchern des 16. Jahrhunderts. In: Haug, Walter / Wachinger, Burkhart (Hg.): Literatur, Artes und Philosophie. Beiträge zum 5. Reisensburger Gespräch, 8. bis 10. Juni 1990, Tübingen1992 (Fortuna vitrea 7), S. 179.

[75] Historia (Anm. 1), S. 113f.

[76] EFB (Anm. 2), S. 174.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Curiositas und Melancholie in der "Historia des D. Johann Fausten" und deren Hypertext "The English Faustbook"
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar "Die Historia von D. Johann Fausten"
Note
2,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
37
Katalognummer
V279234
ISBN (eBook)
9783656731603
ISBN (Buch)
9783656731641
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Faust, Goethe, Historia, Mephisto, Mephosto, Mephostophiles, Faustbook, Marlow, Münkler, Marina, Wagner, Genette, Transtextualität, Paratextualität, Hypertext, Melancholie, curiositas, Mittelalter, vier-säfte-lehre
Arbeit zitieren
B.A. Anne-Marie Schmidt (Autor), 2013, Curiositas und Melancholie in der "Historia des D. Johann Fausten" und deren Hypertext "The English Faustbook", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279234

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