Einleitung
Toronto, im März 1996. Am Flughafen sind zweisprachige Hinweisschilder zu sehen - auf englisch und französisch. Die anglophone Vormachtstellung scheint eingeschränkt, Zweisprachigkeit durchgesetzt. Der Immigration Officer läßt sich allerdings nicht auf ein Gespräch in Französisch ein. Im Hostel das erste Zusammentreffen mit einem Kanadier aus Québec. Doch der Kommunikationsversuch mit ihm scheitert kläglich. Er versteht mein Französisch nicht, ich kann mit seinem nichts anfangen - sollten die Vorurteile über das kanadische Französisch - vor der Reise hatte ich davon gelesen - also stimmen? Im Reiseführer wurde es als Schock beschrieben, was Frankokanadier ereilt, wenn sie, nach einer langen Reise, zum ersten Mal in Paris sind und versuchen mit den Franzosen zu sprechen - endlich im Ursprungsland ihrer Muttersprache und doch müssen sie erleben, daß sie genauso wenig verstanden werden wie zum Beispiel in Ontario. Gespannt warte ich auf die Fahrt nach Montréal. Dort hört man Ungewohntes. Le char statt la voiture und zum Dank, nicht zur Begrüßung, ein bienvenue - offensichtlich anglophon beeinflußt durch „you are welcome“ – und es lassen sich erste Regeln der „Andersartigkeit“ erkennen. Die Provinz Québec steht nicht unter dem Bann(er) des Ahornblattes wie die übrigen kanadischen Provinzen, sondern unter dem der Lilie - dem alten Symbol der Macht der französischen Könige. Von den anderen Provinzen unterscheidet sie nicht nur die Sprache, sondern auch das Erinnern an vergangene Zeiten. So steht auf den Kennzeichen der in Québec zugelassenen Autos: „Je me souviens.“ Eine Erinnerung an Früher offensichtlich. Ist nun, wie die Lilie aus der französischen Fahne, die aktuelle Entwicklung aus dem Französischen im frankophonen Teil Kanadas verschwunden? Die geschichtliche Entwicklung und die Besonderheiten des Französischen in Québec sollen Thema der hier vorgelegten Arbeit sein.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. DIE PROVINZ QUÉBEC. LAND UND LEUTE
2.1 SPRACHVERTEILUNG
3. GESCHICHTLICHER ABRIß
3.1 GRUNDLEGUNG DER FRANZÖSISCHEN SPRACHE IN KANADA
3.2. SPRACHPFLEGE UND -POLITIK IM 20. JAHRHUNDERT
4. BESONDERHEITEN DES FRANÇAIS CANADIEN
A) AUSSPRACHE
B) MORPHOLOGIE
C) SYNTAX
D)WORTSCHATZ
E) ÜBERNAHMEN AUS DEN INDIANER UND ESKIMOSPRACHEN
F) ANGLIZISMEN
6. TENDENZEN
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung der französischen Sprache in Kanada, insbesondere in der Provinz Québec, und analysiert die spezifischen linguistischen Besonderheiten des sogenannten Français canadien. Das primäre Ziel ist es, den Einfluss politischer Rahmenbedingungen auf die Sprachentwicklung aufzuzeigen und zu klären, inwiefern sich die heutige frankophone Varietät Kanadas vom Standardfranzösisch unterscheidet und wie sich die Sprachpflege im 20. Jahrhundert gestaltete.
- Historische Genese der französischen Sprachgemeinschaft in Kanada
- Einfluss der Sprachpolitik und institutioneller Regelungen (z. B. Loi 101)
- Linguistische Analyse: Aussprache, Morphologie, Syntax und Lexik
- Lehnwörter aus Indianer- und Eskimosprachen sowie Anglizismen
- Aktuelle Tendenzen und das Spannungsfeld zur frankophonen Norm
Auszug aus dem Buch
3.1 Grundlegung der französischen Sprache in Kanada
Das erste Zeugnis über Sprachqualität liegt uns in einem lateinischen Brief vom 28. Oktober 1651 vor. Simon Denys schreibt nach Frankreich: „Sunt urbani mores; non inconcinnus gallicae linguae viget usus“ (Wolf, 30)10.
In diesem Sinne äußern sich weitere Autoren, Claude Charles Le Roy, dit Bacqueville de La Potherie (1663-1736), der als Contrôleur de la Marine et des fortifications bis 1701 in der Nouvelle-France war und von den Kanadierinnen berichtet: „On parle ici parfaitement bien, sans mauvais accent. Quoi qu'il y ait un mélange de presque toutes les Provinces de France, on ne sauroit distinguer le parler d'aucune dans les Canadiennes. Elles ont de l'esprit, de la délicatesse, de la voix, & beaucoup de disposition à danser“ (Wolf, 9).
Der Missionar Pierre-François Xavier de Charlevoix (1682-1761) kann aus guten Gründen nicht in gleichem Maße für die Frauen schwärmen und schreibt 1720: „Nulle part ailleurs on ne parle plus purement notre Langue. On ne remarque même ici aucun Accent“ (Wolf, 10).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Thematik ein, indem sie die zweisprachige Realität Kanadas mit ersten persönlichen Eindrücken und dem Ziel der sprachwissenschaftlichen Untersuchung verknüpft.
2. DIE PROVINZ QUÉBEC. LAND UND LEUTE: Dieses Kapitel liefert geografische und demografische Rahmendaten über Québec sowie einen Überblick über die aktuelle sprachliche Verteilung innerhalb der Provinz.
2.1 SPRACHVERTEILUNG: Hier wird detailliert auf die Muttersprachen der Bevölkerung, die Rolle der Minderheiten und die Präsenz indigener Sprachgruppen eingegangen.
3. GESCHICHTLICHER ABRIß: Der Abschnitt skizziert die koloniale Geschichte von der Ankunft Jacques Cartiers bis zur politischen Entwicklung im 20. Jahrhundert.
3.1 GRUNDLEGUNG DER FRANZÖSISCHEN SPRACHE IN KANADA: Dieses Kapitel analysiert die frühen sprachlichen Zeugnisse und die Herkunft der Siedler, die das französische Sprachgefüge in der neuen Welt prägten.
3.2. SPRACHPFLEGE UND -POLITIK IM 20. JAHRHUNDERT: Der Fokus liegt hier auf Organisationen wie der SPFC und den rechtlichen Meilensteinen, die den Status des Französischen in Kanada maßgeblich veränderten.
4. BESONDERHEITEN DES FRANÇAIS CANADIEN: Ein umfassender linguistischer Teil, der die Besonderheiten des kanadischen Französisch in verschiedenen Bereichen untersucht.
A) AUSSPRACHE: Detaillierte Darstellung der phonetischen Merkmale und Archaismen des kanadischen Französisch im Vergleich zum europäischen Standard.
B) MORPHOLOGIE: Erläuterung morphologischer Eigenheiten und regionaler Sprachformen, die sich in Kanada erhalten haben.
C) SYNTAX: Untersuchung syntaktischer Abweichungen vom Standard, etwa bei Pronomen oder in der Satzstruktur.
D)WORTSCHATZ: Analyse lexikalischer Besonderheiten, einschließlich der spezifischen Verwendung von Flüchen und Archaismen im kanadischen Kontext.
E) ÜBERNAHMEN AUS DEN INDIANER UND ESKIMOSPRACHEN: Betrachtung der sprachlichen Adaption von Begriffen aus indigenen Sprachen für Fauna und Flora.
F) ANGLIZISMEN: Aufarbeitung des Einflusses des Englischen und der Gegenbewegung der Sprachreinigung durch Neologismen.
6. TENDENZEN: Abschließende Betrachtung zukünftiger Entwicklungen und des Umgangs mit regionalen Sprachnormen innerhalb der internationalen Frankophonie.
Schlüsselwörter
Französische Sprache, Kanada, Québec, Sprachpolitik, Français canadien, Sprachgeschichte, Sprachpflege, Anglizismen, Indigene Sprachen, Dialektologie, Bilingualismus, Sprachkontakt, Linguistik, Frankophonie, Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und den linguistischen Merkmalen des Französischen in Kanada, eingebettet in den historischen und politischen Kontext der Provinz Québec.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte der Kolonisierung, die Rolle der Sprachpolitik, die linguistischen Besonderheiten des lokalen Französisch sowie den Einfluss anderer Sprachen wie Englisch und indigener Sprachen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Entwicklung der kanadischen Varietät des Französischen zu verstehen, deren Eigenheiten wissenschaftlich zu klassifizieren und den Zusammenhang zwischen politischer Autonomie und sprachlichem Selbstverständnis darzulegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine deskriptive und historische Sprachwissenschaft, die auf vorhandenen Studien und dokumentarischen Quellen zur Sprachgeschichte und Sprachpflege basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse, eine Darstellung der politischen Sprachregelungen und eine systematische Untersuchung der sprachlichen Besonderheiten in Phonetik, Morphologie, Syntax und Lexik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Québec, Français canadien, Sprachgeschichte, Bilingualismus, Sprachpolitik und die Abgrenzung zum Standardfranzösisch.
Wie haben sich indigenen Sprachen auf das kanadische Französisch ausgewirkt?
Durch den Kontakt mit den Ureinwohnern wurden vor allem Bezeichnungen für die lokale Fauna und Flora sowie Toponomastika (Ortsnamen) in das kanadische Französisch integriert.
Warum spielt die politische Situation für die Sprache eine so große Rolle?
Sprache wird in Québec nicht nur als Kommunikationsmittel, sondern als politisches Identitätsmerkmal verstanden, weshalb gesetzliche Maßnahmen wie die „Loi 101“ maßgeblichen Einfluss auf den Gebrauch und die Entwicklung der Sprache haben.
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- Ralf Strauss (Author), 2001, Zur Entwicklung der französischen Sprache in Kanada, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27925