Kooperative Lernmethoden nach Norm Green


Examensarbeit, 2007
33 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Begründung der Themenwahl
1.1. Das neue Verständnis von Unterricht nach Norm Green
1.2. Lernforschung
1.3. Experimentcharakter

2. Interaktionistischer Konstruktivismus als Grundlagentheorie
2.1. Zentrale Erkenntnisse der konstruktivistischen Lerntheorie
2.2. Interaktionistischer Ansatz

3. Entwicklung des Unterrichtskonzeptes
3.1. Theoretische Ebene der Konzeptentwicklung
3.1.1. Sichere Lernumgebung
3.1.2. Fünf Basiselemente
3.1.3. Unterrichtliche Aktivitäten
3.2. Praktische Ebene der Konzeptentwicklung
3.2.1. Raumordnung - Die Änderung des Sitzplanes im Klassenzimmer
3.2.2. Zufallsgruppen - Das Bilden der Zufallsgruppen
3.2.3. Grundregeln - Das Näherbringen der methodischen Grundregeln
3.2.4. Aufgabenverteilung - Die Übertragung der persönlichen Verantwortung
3.2.5. Klare Zeiteinteilung - Die Einteilung von echter Lernzeit
3.2.6. Teamarbeit - Förderung von Teamfähigkeit
3.2.7. Demokratie - Demokratische Unterrichtsstruktur im Plenum
3.2.8. Feedbackkultur - Das Einüben von Feedback-Geben und Feedback-Nehmen
3.2.9. Ausrüstung der Lehrperson - Glocke, Handzeichen, Uhr, Medienkoffer

4. Konkrete Methoden - Ausgewählte Methoden
4.1. Begründung der Methodenauswahl
4.2. Kurze Vorstellung der Methoden
4.2.1. Find Someone Who Knows
4.2.2. Think-Pair-(Square)-Share
4.2.3. Appointment-Card
4.2.4. Graffiti
4.2.5. Fishbowl
4.2.6. Reziprokes Lesen
4.2.7. Buddy-Book

5. Durchführung der Unterrichtssequenzen
5.1. 6d-Klasse-Deutsch
5.1.1. Find Someone Who Knows mit Abgleich im Plenum
5.1.2. Think-Pair-(Square)-Share
5.1.3. Appointment-Card
5.2. 7d-Klasse-Kunst
5.2.1. Find Someone Who Knows
5.3. 9-E-Kurs-Deutsch
5.3.1. Graffiti
5.3.2. Fishbowl
5.3.3. Reziprokes Lesen
5.3.4. Buddy-Book

6. Auswertung der Methoden
6.1. Auswertung durch die Schülerinnen und Schüler
6.1.1. Mündliches Feedback der Schülerinnen und Schüler
6.1.2. Schriftliches Feedback der Schülerinnen und Schüler
6.2. Auswertung durch die Lehrperson

7. Lehrerfunktionen beim Kooperativen Lernen
7.1. Unterrichten
7.2. Erziehen
7.3. Leistungen messen und Beurteilen
7.4. Organisieren und Verwalten
7.5. Innovieren

8. Probleme und Chancen des Kooperativen Lernens
8.1. Probleme
8.2. Chancen

9. Fazit und Ausblick

Anhang

Forschungsliteraturverzeichnis und Internetadressen

Datenschutz

Eidesstattliche Erklärung

Einverständniserklärung

Einleitung

Seit Beginn der zweiten Phase meiner Lehrerausbildung beschäftige ich mich mit dem Thema „Kooperatives Lernen“. Beim Kooperativen Lernen unterstützen sich die Schülerinnen und Schüler in Partner- oder Gruppenarbeit gegenseitig und kommen gemeinsam zu Ergebnissen. Durch die vielfältige Art und Weise der Methoden wird in den klar strukturierten Teams ein hohes Aktivierungsniveau erzielt. Verbunden mit einer inhaltlichen Klarheit der Sache führt dies zu anhaltenden Lernerfolgen im kognitiven und sozial-affektiven Bereich.

Kooperatives Lernen ist auch ein Sozialtraining, das positive Abhängigkeiten unter den Gruppenmitgliedern schafft, wobei die Lernenden Kompetenzen des Problemlösens entwickeln. Dieser Kompetenzzuwachs wiederum führt zu einem guten Selbstbild der Schülerinnen und Schüler insgesamt. Kooperative Lernmethoden geben Hoffnung, die deutsche Erziehungskrise nach PISA zu heilen und das Schulsystem zu erneuern. Zum Thema des Kooperativen Lernens heißt es auf den Seiten des nordrhein-westfälischen Bildungsservers „Learn-Line“ wie folgt:

„Im Kontext der PISA-Studie wird nach Möglichkeiten der Verbesserung von Unterricht gesucht. In diesem Zusammenhang ist es hilfreich, Erfahrungen aus anderen Ländern in Betracht zu ziehen und in Bezug auf die Möglichkeiten in deutschen Schulen zu bewerten. In Kanada konnte Norm Green mit seinem Konzept des "Kooperativen Lernens" erhebliche Erfolge erzielen. Er entwickelte auf der Basis der Erkenntnisse der amerikanischen Wissenschaftler David und Roger Johnson ein Konzept für den Unterricht, das zu erheblichen Verbesserungen der Schülerleistungen führte und Lehrerinnen und Lehrern effektive und befriedigende Lehrmethoden an die Hand gab.“[1]

Viele Schülerinnen und Schüler der Industrieländer, die an der PISA-Studie teilgenommen haben, haben nicht die Kompetenzen, die man für die Zukunft braucht. Deshalb werden die Forderungen nach Änderungen im Schulsystem immer lauter. Es wird vor allem gefordert, dass Lehrerinnen und Lehrer zukünftig keine Arbeiter erziehen sollen, sondern Denker, die arbeiten können, denn die Berufe, die die Schülerinnen und Schüler in Zukunft haben werden, sind teilweise noch nicht erfunden.

Es ist wichtig, eine große Offenheit und Toleranz gegenüber Veränderungen in der Gesellschaft zu zeigen und Neuerungen mit in den Unterricht einfließen zu lassen. Denn Schule soll ja ein Spiegel der modernen Gesellschaft von morgen sein und auf das berufliche Leben in der Gesellschaft vorbereiten.

In dieser Hausarbeit wird der interaktionistische Konstruktivismus als Grundlagentheorie für Kooperatives Lernen herangezogen. Die Nutzung der Kooperativen Lernmethoden wird durch ein Konzept vorgestellt. Die Dokumentation verdeutlicht, wie Kooperatives Lernen im Unterricht gelingen kann. Verschiedene Lehrerfunktionen dienen als Reflexionsbasis für das Projekt. Am Schluss der Arbeit werden Probleme und Chancen des Kooperativen Lernens kurz abgewogen. Es kommt zu einer abschließenden Bewertung des Kooperativen Lernens.

1. Begründung der Themenwahl

Die Themenwahl resultierte aus den Fragen, ob Kooperative Lernmethoden wirklich zu einer Verbesserung des Unterrichts führen können, ob sie das halten, was sie versprechen, welche Wege es gibt, das Experiment „Kooperatives Lernen“ im Unterricht durchzuführen und welche Probleme und Chancen Kooperative Lernmethoden bieten.

1.1. Das neue Verständnis von Unterricht nach Norm Green

Das neue Verständnis von Unterricht nach Norm Green hat mit der Veränderung unserer Gesellschaft zu tun, in der Teamarbeit immer wichtiger wird. Sozialfähigkeiten, Social Skills sind gefragt. Norm Green versucht mit seiner Pädagogik des Kooperativen Lernens ein Training anzubieten, um diesen Anforderungen der Gesellschaft gerecht zu werden.

Kooperative Lernmethoden bedeuten Veränderung von Unterricht und Veränderung der herkömmlichen Lehrerrolle.

„Das alte Lehrerverständnis gründet sich u. a. auf John Lockes Annahme, ein unerfahrener Schüler sei wie ein weißes Blatt Papier und warte darauf, dass ein Lehrer es beschreibt. (…) [Das neue Lehrerverständnis ist jedoch anders.] In den letzten 15 Jahren gab es eine Fülle von Forschungsergebnissen darüber, wie das menschliche Gehirn arbeitet und welche Faktoren das Individuum zum Lernen motivieren.“[2] Die Person des Lehrers wird dabei zum lernenden Subjekt und somit zum Vorbild für die Schülerinnen und Schüler.

1.2. Lernforschung

Gruppenarbeit hat es schon immer gegeben. Gruppenarbeit und Kooperatives Lernen meinen jedoch etwas Unterschiedliches. Die Gruppenarbeit im Klassenzimmer wurde in den 80er Jahren von David und Roger Johnson wissenschaftlich untersucht. Dabei wurde den sozialen Kompetenzen ebenso viel Anerkennung gegeben wie den akademischen.

David und Roger Johnson haben erforscht, dass interpersonelle Kompetenzen langfristig wichtiger sind als kurzfristige Lernerfolge.[3]

Ausgehend von diesen Forschungen, entwickelten Lehrerinnen und Lehrer in Nordamerika für die Schulpraxis kooperative Arbeitsformen und setzten diese in ihrem Unterricht ein. Das Ergebnis war eine Philosophie des Kooperativen Lernens mit einer methodischen Handreichung.

Die Lernforschung zeigte auf, dass es unterschiedliche Lerntypen gibt, die jeweils auf ihre individuelle Art und Weise lernen. Lernen ist nur dann wirklich effektiv, wenn im Gehirn eine Verknüpfung von vorhandenen Informationen mit neuen Informationen stattfindet. Lernen soll also das Vorwissen der Schülerinnen und Schüler mit einbeziehen. Die Lebenswirklichkeit der Lernenden soll ernst genommen werden, da sie Anknüpfungspunkte bietet. Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Schülerinnen und Schüler genügend Zeit für diese „Verknüpfungsarbeit“ seitens der Lehrperson bekommen.

Dieses Ergebnis der Lernforschung spiegelt sich in der klassischen Gruppenarbeitsweise „Think-Pair-(Square)-Share“ des Kooperativen Lernens wider: Erst alleine Denken, dann mit dem Partner und der Gruppe sich darüber austauschen und schließlich die Ergebnisse den anderen im Plenum präsentieren.

1.3. Experimentcharakter

Kooperatives Lernen hat Experimentcharakter. Norm Green fordert zum Experimentieren auf. Die Methoden des Kooperativen Lernens bieten verschiedene Elemente, die im Unterricht ausprobiert werden können. Es gibt dabei keinen konkret vorgeschriebenen Ablauf für die Umsetzung dieser Methoden, sondern Kooperative Lernmethoden sind wie ein Baukastensystem flexibel einsetzbar, was sie interessant macht und was zum Experimentieren anregt.

2. Interaktionistischer Konstruktivismus als Grundlagentheorie

Alle Methoden von Norm Green sind interaktionistisch, da sie dynamisch und kommunikativ im Klassenraum und in den jeweiligen Gruppen stattfinden. Die aktiv Lernenden brauchen keine Wissensautorität, die ihnen das Wissen „eintrichtert“.

2.1. Zentrale Erkenntnisse der konstruktivistischen Lerntheorie

„Zentrale Erkenntnisse der konstruktivistischen Lerntheorie werden in den aktuellen Studien der Gehirnforschung bzw. der Neurobiologie bestätigt. In beiden Fällen wird davon ausgegangen, dass Unterrichtsinhalte nicht vom Lehrer auf die Schülerinnen und Schüler übertragen werden. Vielmehr muss jeder einzelne Schüler die ihm angebotenen Inhalte aktiv verarbeiten und in seine mentalen Strukturen, also in seine individuellen Wissensnetze integrieren. Wissen wird also individuell aufgebaut und Lernen ist immer eine jeweils ganz persönliche Konstruktionsleistung“[4]

Die Variable der Interaktion verstärkt diesen Konstruktionsprozess. Wenn Schülerinnen und Schüler im Austausch diese persönliche Konstruktionsleistung erbringen, so kann Lernen effektiver und nachhaltiger werden. Grundlegende Voraussetzungen für diese Lernprozesse sind jedoch die sozialen Fähigkeiten, auch „Social Skills“ genannt, die einen Hauptteil der Kooperativen Lernmethoden ausmachen, die im Klassenraum erprobt und eingeübt werden sollen.

2.2. Interaktionistischer Ansatz

Stefan Neubert von der Universität zu Köln schreibt dazu: „ Unser interaktionistisch-konstruktivisischer Ansatz beruht auf der Überzeugung, dass Beobachter, indem sie sich aus ihrer jeweils subjektiven Sicht Wirklichkeiten konstruieren, dabei immer schon in direkt äußerlicher oder in verinnerlichter Form in interaktiven Beziehungen zu anderen Beobachtern stehen und dass diese Interaktivität eine grundlegende Bedingung eines jeden konstruktiven Prozesses ist.“ 5 (Mit „Beobachtern“ können hier auch Lernende bezeichnet werden, also die Schülerinnen und Schüler)

Und weiter: „Wir halten es mit anderen Worten für wenig sinnvoll, die Prozesse einer Konstruktion von Vorstellungen und Bedeutungen losgelöst oder unabhängig von den Prozessen der Kommunikation zu betrachten, in denen Beobachter sich über solche Vorstellungen und Bedeutungen austauschen und sich dabei wechselseitig in ihren Positionen bestätigen und / oder begrenzen. Dabei nun unterscheiden wir (…) eine Inhalts- und eine Beziehungsseite, die wir in jeder zwischenmenschlichen Kommunikation beobachten können und die sich hierin wechselseitig beeinflussen."[5]

Dies nun ist genau das, was beim Kooperativen Lernen geschieht. Eine Hauptbedeutung des Kooperativen Lernens liegt auf dem kommunikativen Austausch.

Kersten Reich versucht, den interaktionistischen Konstruktivismus noch deutlicher herauszustellen, indem er die Bedeutung von kulturellen und lebensweltlichen Interaktionen noch stärker berücksichtig. Und dies aus gutem Grund: Leben wir doch heute in einer multikulturellen Gesellschaft.

„Der Interaktionistische Konstruktivismus ist ein neuer konstruktivistischer Ansatz, der stärker als der subjektivistische Radikale Konstruktivismus und der eher sprachtheoretische Methodische Konstruktivismus die Bedeutung der kulturellen und lebensweltlichen Interaktionen bei der Re/De/Konstruktion von Wirklichkeiten beachtet und analysiert. Der Interaktionistische Konstruktivismus setzt sich umfassend mit anderen Ansätzen in der Geistes- und Kulturgeschichte auseinander und versucht so, den Konstruktivismus als Ausdruck einer Kulturentwicklung und kultureller Praktiken zu verstehen und zu verdeutlichen.“[6]

3. Entwicklung des Unterrichtskonzeptes

Die Unterrichtskonzeptentwicklung ist von mir in die theoretische Ebene und die praktische Ebene unterteilt. In der theoretischen Konzeptentwicklung basiert das Kooperative Lernen auf drei Säulen. Daraus resultieren dann in der praktischen Konzeptentwicklung konkrete Umsetzungshinweise.

3.1. Theoretische Ebene der Konzeptentwicklung

Bei der Entwicklung des Konzeptes unterteile ich verschiedene Elemente des Kooperativen Lernens in drei Bereiche. Diese Bereiche sind die „Sichere Lernumgebung“, die „Fünf Basiselemente“ und die „Unterrichtlichen Aktivitäten“, die ich hier in meiner Zeichnung als tragende Säulen des Kooperativen Lernens bildhaft darstelle. Im Folgenden werden diese drei Säulen erläutert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zeichnung 3.1-a

3.1.1. Sichere Lernumgebung

Die „Sichere Lernumgebung“ bezieht sich vor allem auf ein Klima, das von Sicherheit und Vertrauen geprägt ist. Die Schülerinnen und Schüler müssen darauf vertrauen können, dass sie im Unterricht keinen physischen oder psychischen Schaden erleiden. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe ist für Jugendliche sehr wichtig. Hier können sich Selbstwahrnehmung und Selbstwertgefühl entfalten. Weiterhin sorgt die Transparenz der Lernziele im Unterricht für Klarheit, Sicherheit und Ruhe. Die Lernziele müssen eine Nützlichkeit des Lernens für die Schülerinnen und Schüler erkennbar machen.

3.1.2. Fünf Basiselemente

Die „Fünf Basiselemente“ stehen in Verbindung mit der Lernprozessgestaltung. Sie dienen als Mittel, um der Gruppen die notwendige Richtung für eine effektive Entwicklung zu geben.

Norm Green schreibt dazu: “Kleingruppen effektives Lernen zu ermöglichen, bedeutet, den Gruppenmitgliedern zu helfen, die Wichtigkeit von Zusammenarbeit und hilfreicher Interaktion zu verstehen. Dies kann erreicht werden, indem man fünf grundsätzliche Elemente in das Kleingruppenerlebnis einbaut. Letztlich werden diese Elemente Werkzeuge zum Lösen von Problemen, die mit Gruppenarbeit in Zusammenhang stehen.“[7]

Im Folgenden werden die fünf Basiselemente ausgeführt:

A) Positive Abhängigkeit (Gemeinsames Ziel / Gemeinschaftsgefühl) –

Positive Abhängigkeit ist dann gegeben, wenn alle Mitglieder einer Gruppe sich miteinander darin verbunden fühlen, ein gemeinsames Ziel erreichen zu wollen.

B) Individuelle Verantwortungsübernahme –

Individuelle Verantwortungsübernahme ist dann richtig umgesetzt, wenn jedes Mitglied einer Gruppe sich verantwortlich zeigt, die Lernleistung der Gruppe unter Beweis zu stellen.

C) Direkte Interaktion von Angesicht zu Angesicht (Face to Face) –

Direkte Interaktion ist dann erreicht, wenn sich alle Gruppenmitglieder in unmittelbarer Nähe zueinander befinden und so miteinander kommunizieren, so dass dauerhafter Fortschritt gefördert wird.

D) Sozial- und Teamkompetenz (Social Skills / Soziale Fähigkeiten) –

Sozial- und Teamkompetenz sind dann erzielt, wenn Fähigkeiten im Bereich des menschlichen Umgangs es ermöglichen, dass Gruppenarbeit effektiv funktioniert.

E) Gruppenstrategien (Gruppenprozessbewertung / Evaluation / Feedback) - Gruppenstrategien bedeuten, dass gemeinsame Anstrengungen im Produkt, im Prozess und in der Zielebene von den Schülerinnen und Schülern beurteilt werden.

3.1.3. Unterrichtliche Aktivitäten

Mit den „Unterrichtlichen Aktivitäten“ sind die Rahmenbedingungen gemeint, mit der die Lehrperson Kooperatives Lernen ermöglichen kann. Es sind Mittel und Elemente, die zum Beispiel zur Teambildung und zur Steuerung der Teamarbeit beitragen. Es sind vor allen Dingen äußere Mittel, die nicht in Verbindung mit dem Lernprozess stehen, der ja individuell bis interaktionistisch abläuft. Diese Rahmenbedingungen werden beim Kooperativen Lernen sehr stark durch den Einsatz verschiedener Medien oder auch durch die mündlichen und schriftlichen Instruktionen der Lehrperson geprägt.

3.2. Praktische Ebene der Konzeptentwicklung

Die drei „griechischen“ Säulen sind bei mir auf der praktischen Ebene zu folgenden Konzeptpunkten reduziert, die ich bei der Umsetzung des Kooperativen Lernens besonders bedenke und die ich nun hier im Einzelnen vorstelle.

- Raumordnung - Die Änderung des Sitzplanes im Klassenzimmer
- Zufallsgruppen - Das Bilden der Zufallsgruppen
- Grundregeln - Das Näherbringen der methodischen Grundregeln
- Aufgabenverteilung - Die Übertragung der persönlichen Verantwortung
- Klare Zeiteinteilung - Die Einteilung echter Lernzeit
- Teamarbeit - Förderung von Teamfähigkeit
- Demokratie - Demokratische Unterrichtsstruktur im Plenum
- Feedbackkultur - Das Einüben von Feedback-Geben und Feedback-Nehmen
- Ausrüstung der Lehrperson - Glocke, Handzeichen, Uhr, Medienkoffer

3.2.1. Raumordnung - Die Änderung des Sitzplanes im Klassenzimmer

Die Gruppentische sind zusammengestellt. Dabei ist darauf geachtet, dass jede Schülerin und jeder Schüler neben der Gruppenarbeitsphase auch ohne viel Mühe einen guten Blick auf die Tafel und die Präsentationen während der Plenumsarbeit hat. Ordnungsphasen sind also in den Unterricht integriert. Die Schülerinnen und Schüler halten ihre schulischen Sachen und Taschen beisammen, weil sie auch die Tische wechseln. Nach den kooperativen Unterrichtseinheiten wird die normale Sitzordnung für den herkömmlichen Unterrichtsalltag wieder hergestellt.

3.2.2. Zufallsgruppen - Das Bilden der Zufallsgruppen

Die Schülerinnen und Schüler arbeiten nicht nur mit ihren Freunden zusammen. Es ist ihnen verständlich gemacht, dass Teamkompetenz eine wichtige Variable in der heutigen Gesellschaft ist. Die Gruppe gewöhnt sich also daran, sich mit allen Lernenden auszutauschen, was nicht immer ganz einfach ist, da es immer Sympathien und Antipathien in der Klasse gibt.

Die Zufallsgruppen sind durch verschiedene Verfahren gebildet:

- Abzählen oder Durchzählen
- Durchgeschnittene Postbildkarten, die als Puzzleteile wieder zusammengeführt sind
- Spielkarten, wobei zum Beispiel alle Damen (Karo, Herz, Pik, Kreuz)

eine Gruppe bilden

3.2.3. Grundregeln - Das Näherbringen der methodischen Grundregeln

Die Grundregeln und die Bedingungen für Kooperatives Lernen sind verdeutlicht. Es ist darauf zu achten, dass die Schülerinnen und Schüler durch die Besonderheit der Situation des Kooperativen Lernens diese nicht als Ausnahmesituation sehen. Die Lehrperson geht also auf die Gesprächsregeln nochmals ein:

- Einander ausreden lassen
- Einander zuhören
Darauf aufbauend, vermittelt man dann die sozialen Basics des Kooperativen Lernens:
- Ideen einbringen, die zur Beantwortung der Fragen beitragen
- Nach Ideen fragen
- Freundlich und sachlich bleiben
- Gesprächsergebnisse klären und zusammenfassen
- Seine Mitschülerinnen und Mitschüler ermutigen

Natürlich gibt es noch eine Vielzahl anderer Kompetenzen, die die sozialen Interaktionen unterstützen.

3.2.4. Aufgabenverteilung - Die Übertragung der persönlichen Verantwortung

Die Schülerinnen und Schüler gewöhnen sich daran, dass sie auch trotz der Gruppenbildung am Anfang der Arbeitsphase eine Einzelarbeit zu erledigen haben. Des Weiteren tragen sie in der Gruppenarbeitsphase eine klare individuelle Verantwortung, an die sie gebunden sind und an der sie sich weiterentwickeln können.

Wenn nicht schon die Gruppe durch das Zufallsverfahren nummeriert ist, so geschieht dies durch die Methode „Numbered Head“. „Numbered Head“ ist eine Methode, bei der sich die Gruppenmitglieder im Uhrzeigersinn durchnummerieren. Für die Lehrperson ist es immer gut zu wissen, welches Gruppenmitglied welche individuelle Aufgabe hat. Deshalb trägt das Gruppenmitglied, das sich am nächsten zur Tafel befindet, die Nummer „eins“.

3.2.5. Klare Zeiteinteilung - Die Einteilung von echter Lernzeit

Die Zeiteinteilung ist von entscheidender Bedeutung. Die Lerngruppe weiß immer ganz genau, wie viel Zeit sie noch für die Teamarbeit hat. Das Ende der Teamarbeitszeit steht deshalb an der Tafel. Wenn die Teamarbeit in Einzel-, Partner- und Gruppenarbeitszeit unterteilt ist, so markiert die Lehrperson die Phasen durch ein akustisches Signal (zum Beispiel mit einem Gong). Auch bei der Graffitimethode, wo es verschiedene Phasen gibt, ist dies sehr sinnvoll. Darauf gehe ich später noch ein. Die Zeitangaben finden auf jeden Fall Beachtung und werden nicht überschritten, denn der Lernprozess beim Kooperativen Arbeiten ist genauso wichtig wie das Produkt, auch wenn die Ergebnisse noch nicht vorliegen.

3.2.6. Teamarbeit - Förderung von Teamfähigkeit

Die Schülerinnen und Schüler werden im Prozess „von der Gruppe zum Team“ von der Lehrperson unterstützt. Diese Unterstützung geschieht auf eine einfühlsame Art und Weise. Die Jugendlichen lernen, dass es effektiver ist, im Team zusammenzuarbeiten als in der Gruppe gegeneinander.

Eine kontraproduktive Arbeitsweise ist auch das Sich-Herausnehmen und Sich-Ausklinken aus der Gruppe, da es für die anderen eine Belastungssituation bedeutet. Die Lehrperson handelt bei der Intervenierung der Gruppenarbeit einfühlsam und begibt sich auf die gleiche Augenhöhe wie die Schülerinnen und Schüler, so dass ein horizontaler Blickkontakt möglich ist.

3.2.7. Demokratie - Demokratische Unterrichtsstruktur im Plenum

In der Schlussphase, bei der Präsentation der Teamarbeiten, wird noch mal deutlich gemacht, dass es zwischen den Teams untereinander auch einen kleinen Wettkampf gibt, der zur engagierten Teamarbeit auffordert. Wettkampf zwischen Teams ist nicht gleichzusetzen mit konkurrierendem Lernen, da das Individuum im Team eingebunden und nicht isoliert ist. Norm Green stellt dazu in seinen Forschungsergebnissen klar: „Konkurrenz erhöht Angst und veranlasst Menschen, sich weniger fähig zu fühlen, Leistung zu erbringen. Kooperatives Lernen erzeugt die gegenteilige Reaktion bei Schülern.“[8]

In der Präsentationsphase kommen die Schülerinnen und Schüler des jeweiligen Teams dann nach vorne an die Tafel. Die Lehrperson verteilt das Rederecht und sorgt für genügend Ruhe bei der Präsentation. Die Schülerinnen und Schüler präsentieren dann ihre Ergebnisse und fordern zum Feedback auf. Beim Feedback der Präsentationen gibt es verschiedene Ebenen, die angesprochen werden:

- Inhaltliche Ebene (Ist das Gesagte verständlich, vollständig und korrekt?)
- Präsentationsebene (Ist der Inhalt klar? Wird er laut und deutlich präsentiert?)
- Visuelle Ebene / Plakatgestaltung (Ist das Plakat gut lesbar?)

3.2.8. Feedbackkultur - Das Einüben von Feedback-Geben und Feedback-Nehmen

Die Schülerinnen und Schüler lernen auch, die Methode an sich und ihre Teamarbeit zu reflektieren. Sie lösen sich also wieder vom Unterrichtsgegenstand und reflektieren ihre Lernanstrengungen und sozialen Verhaltensweisen. Dies kommt der Evaluation von Unterricht schon sehr nahe. Die Schülerinnen und Schüler balancieren das Feedback-Geben und Feedback-Nehmen aus. Dies fördert wiederum die Verantwortungsbereitschaft für den eigenen Lernprozess.

3.2.9. Ausrüstung der Lehrperson - Glocke, Handzeichen, Uhr, Medienkoffer

Eine gute Ausrüstung ist zur Schaffung der unterrichtlichen Aktivitäten unersetzlich: Overheadprojektor, Folien, Folienstifte, Papierstreifen, Spielkarten, Postkarten, Pappe für Plakate und Mindmaps, Eddings, Klebeband, Glocke, akustische Signale, Uhr, Computer, Beamer und natürlich Tafel und Kreide. Die Ausrüstung erleichtert die pädagogische Handlungsvermittlung.

[...]


[1] DRUYEN, CARMEN: URL (11.09.2007): http://www.learn-line.nrw.de/angebote/greenline/

[2] GREEN, NORM und GREEN, KATHY: Kooperatives Lernen im Klassenraum und im Kollegium. Seelze 2005 (S. 98)

[3] ebd. 2005 (S. 88)

[4] BRÜNING, LUDGER und SAUM, TOBIAS: Erfolgreich Unterrichten durch Kooperatives Lernen. Essen 2006/2 (S. 21)

[5] NEUBERT, STEFAN: Erkenntnis, Verhalten und Kommunikation. Münster 1998 (S. 11)

[6] REICH, KERSTEN: URL (11.09.2007): http://www.uni-koeln.de/ew-fak/konstrukt/texte/einfuehrung/einf_1.html

[7] GREEN, NORM und GREEN, KATHY: Kooperatives Lernen im Klassenraum und im Kollegium. Seelze 2005 (S. 76)

[8] NORM GREEN: URL (11.09.2007): http://www.greens-web.learnline.de (S. 7)

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Kooperative Lernmethoden nach Norm Green
Hochschule
Studienseminar für Lehrämter an Schulen Jülich
Autor
Jahr
2007
Seiten
33
Katalognummer
V279378
ISBN (eBook)
9783656756989
ISBN (Buch)
9783656756996
Dateigröße
28219 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kooperative, lernmethoden, norm, green, hausarbeit
Arbeit zitieren
Jochen Schumacher (Autor), 2007, Kooperative Lernmethoden nach Norm Green, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279378

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Kooperative Lernmethoden nach Norm Green


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden