Der Gallierexkurs Caesars (Bellum Gallicum, VI 11-20). Eine Quellenbearbeitung


Hausarbeit, 2003

12 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Zur Funktion der Exkurse im Bellum Gallicum

2. Der Gallierexkurs
2.1. Inhalt
2.2. Textkritik

3. Verwertbarkeit als historische Quelle

4. Rezeption, Nachleben

1.Zur Funktion der Exkurse im Bellum Gallicum

Caesars Comentariien nehmen unter den Geschichtswerken eine besondere Stellung ein, weil sie vom Feldherr selbst geschrieben wurden. Deshalb sollte man sich bei jeder Bearbeitung dessen Intentionen ins Gedächtnis rufen. Der Prokonsul schrieb sie als eine Art Bericht, um dem Senat und dem römischen Volk seine Leistungen in Gallien vorzustellen und zur Rechtfertigung und Erklärung seiner Handlungen. Der objektiv anmutende Stil darf also nicht darüber hinwegtäuschen, dass Caesar viele Dinge zu seinen Gunsten dargestellt hat Über die Exkurse, die im Werk sehr zahlreich vorkommen, und ihre Funktion ist viel geschrieben worden, nach wie vor gibt es hierzu kontroverse Meinungen. Unter ihnen nimmt der Gallier- und Germanenexkurs im sechsten Buch – nicht nur wegen seiner Länge – eine besondere Stellung ein.

Ethnographische Exkurse sind in der antiken Geschichtsschreibung sehr beliebt und kommen häufig vor. Sie dienen in erster Linie zur Information der Leser über fremde und bis dato unbekannte Völker und deren Lebensweise. Caesars Exkurse weichen davon ab, sie erfüllen im Werk verschiedenste Funktionen. Einige dienen vorwiegend dazu, dem Leser neue Kenntnisse zu vermitteln; ein Beispiel hierfür ist der Britannienexkurs. Mit seinen beiden Landungen auf der Insel hatte der Prokonsul ein Land betreten, über das in Rom bis dahin fast gar nichts bekannt war. Insofern ist es nur natürlich, dass er seine Erlebnisse darüber festhält. Bernhard Kremer schreibt dazu:

„Was die Vorstöße nach Britannien und über den Rhein anbelangt, so konnte er [Caesar] für sich in Anspruch nehmen, völliges Neuland betreten zu haben, von dem im übrigen nicht einmal Kaufleute und Händler sichere Nachrichten zu liefern in der Lage waren. Entsprechend konnte Caesar gerade für diejenigen Unternehmen, ..., auf das gesteigerte Interesse des Publikums in Rom rechnen.“[1]

Andere Exkurse dienen zum besseren Verständnis der Lage oder zur Erklärung bestimmter Entwicklungen. Hier könnte man z.B. III 7-8 anführen, wo Caesar seine Gründe für den Krieg mit den gallischen Seestaaten anführt.[2] An anderer Stelle werden Abschweifungen eingefügt, um von einem für Caesar ungünstigen Verlauf der Handlung abzulenken. Abschließend ist noch zu bemerken, dass ein Exkurs durchaus mehrere Funktionen erfüllen kann, über die sich auch die Interpreten nicht immer einig sind. Alles weitere werde ich in den folgenden Abschnitten behandeln.

2. Der Gallierexkurs (VI 11-20)

2.1. Inhaltsangabe

Der Gallierexkurs ist formal und inhaltlich eng mit dem anschließenden Germanenexkurs (VI 21-24) verknüpft, dies zeigt sich schon durch Caesars einleitende Bemerkung in Kapitel 11: „Quoniam ad hunc locum perventum est, non alienum esse viedetur de Galliae Germaniaeque moribus et, quo differant hae nationes inter sese, proponere.“[3] Deshalb fasse ich hier die Kapitel VI 11-24 zusammen.

Die Kapitel 11 und 12 handeln vom gallischen Klientel- und Parteiwesen. Der Prokonsul bemerkt, dass ganz Gallien von zwei Parteien beherrscht wird. In Kapitel 12 fasst er die Situation vor Beginn des Krieges zusammen (Kämpfe zwischen den Parteien der Häduer und Sequaner um die Vormacht) und berichtet von seinem ersten Eingreifen. Danach wendet er sich der Gesellschaftsordnung (13) zu. Caesar sagt, im ganzen Land gäbe es nur zwei Klassen, die über Macht und Einfluss verfügten. Dies wären die Druiden und Ritter (equites). Zur übrigen Bevölkerung vermerkt er, dass „... nam plebes paene servorum habetur loco...“[4] Sehr ausführlich widmet er sich dann den Druiden (Kap. 13 und 14), schreibt über deren Ausbildung, Organisation, Stellung und Aufgaben. Diese werden als äußerst einflussreich und bedeutend dargestellt. Dagegen werden die equites in Kapitel 15 geradezu vernachlässigt. Von ihnen heißt es nur, dass sie die Führung in den Kriegen überhätten.

16,17 und 18 behandeln das Thema Religion und Aberglaube, wobei in 17 eine Auswahl der gallischen Götter in der interpretatio Romana beschrieben wird. Auch berichtet Caesar über die Menschenopfer. In diesem Zusammenhang werden wieder die Druiden erwähnt. Das folgende Kapitel (19) beschreibt Gewohnheiten und Recht rund um die Ehe. Auch hier berichtet der Prokonsul von keltischer Grausamkeit. 20 geht auf Stammesverfassungen und eine Art Zensur bei manchen ein. Danach beginnt der Germanenexkurs. Gleich zu Anfang wird festgehalten, dass die Germanen sich stark von den Galliern unterscheiden. Caesar sagt, sie hätten nur einfache Göttervorstellungen (Sonne, Mond, Feuer) und ihr Leben sei hauptsächlich auf Jagd und Krieg ausgerichtet. Kapitel 22 geht kurz auf den Ackerbau ein, dem die Germanen allerdings wenig Wert beimessen. Ständiger Landbesitz sei ihnen unbekannt. Dadurch wollen sie verhindern, dass ihre Kriegslust und Tapferkeit schwinden. Auch 23 handelt in erster Linie von Kriegsgewohnheiten und Beutezügen. Führer würden sich die Germanen nur für Beutezüge auswählen. Im letzten Kapitel des Exkurses kommt es zu einem Vergleich zwischen beiden Völkern. Früher wären die Gallier tapferer als die Germanen gewesen, bemerkt der Prokonsul. In letzter Zeit haben sich ihre Interessensschwerpunkte aber verlagert, was u.a. auf den Einfluss der römischen Kultur zurückzuführen sei.

Die Kapitel 25-28 handeln vom Hercynischen Wald, wobei nach wie vor unklar ist, ob diese interpoliert worden sind oder nicht. Danach wird wieder der Verlauf des Feldzuges geschildert.

2.2. Textkritik

Wie schon erwähnt nimmt dieser unter den Exkursen im Bellum Gallicum eine besondere Stellung ein. Zum einen ist schon seine Länge von 10 Kapiteln auffällig[5], zum anderen seine Stellung im Text. Mitten in der Schilderung des zweiten Rheinüberganges bricht Caesar ab und beginnt mit der Gegenüberstellung von Galliern und Germanen. Dies begründet er damit, dass es ihm nun geeignet scheint, die beiden Völker zu vergleichen. Über die Position des Exkurses im Text hat es in der Wissenschaft kontroverse Meinungen gegeben. Franz Beckmann vertritt unter Berufung auf Norden und A. von Mess die Ansicht, dass die Stelle sehr passend gewählt wäre. Mit dem zweiten Rheinübergang kommt Caesar zum letzten Mal während des Gallischen Krieges in Kontakt mit den Germanen. Er meint hier biete sich die Gelegenheit alle bisher gemachten Beobachtungen über die beiden Völker zusammenzufassen und zu ergänzen.[6]

Immer wieder ist allerdings auch der Vorwurf aufgetaucht, Caesar habe sich diese Stelle ausgesucht, um vom Misserfolg seiner zweiten Germanienexpedition abzulenken.[7] Dieser Gedanke ist wohl nicht ganz von der Hand zu weisen, denn der Prokonsul brach das Unternehmen ab, ohne etwas erreicht zu haben. Ich denke, beide Argumente haben eine gewisse Berechtigung. Eine nähere Betrachtung von Inhalt und Aufbau bringt vielleicht mehr Klarheit in mögliche Intentionen des Autors. Hierbei möchte ich noch einmal auf den Einleitungssatz zurückkommen, wo es heißt: „...de Galliae Germaniaeque moribus et, quo differant hae nationes inter sese, proponere.“[8] (Dieser scheint mir für eine Interpretation nämlich sehr wichtig.) Caesar möchte also über die Sitten der beiden Völker und die Unterschiede schreiben. Mit anderen Worten, der Exkurs ist als Vergleich angelegt. Deshalb habe ich früher gesagt, dass man den Gallierexkurs nicht ohne Bezug auf die Germanen sehen sollte. Betrachtet man nun den Inhalt etwas genauer fällt etwas auf. Für einen Vergleich behandelt der Autor bei den beiden Völkern jeweils sehr unterschiedliche Themen.[9] So beschäftigt er sich bei den Galliern hauptsächlich mit politischen (staatlichen) und religiösen Dingen, während bei den Germanen Lebensweise, Mentalität, Aussehen und ähnliches im Vordergrund stehen. Sie werden als wild, barbarisch und kriegerisch dargestellt, haben keine differenzierte Gesellschaft und sind nicht einmal wirklich sesshaft. Dagegen werden die Gallier als geradezu kultiviert dargestellt, bzw. kulturelle Aspekte werden bei ihnen besonders hervorgehoben. Sie haben Gesetze und Stammesverfassungen, eine ausgeprägte Religion. Ihre Priester, die Druiden, nehmen im Exkurs eine zentrale Rolle ein. Auch fällt auf, dass der Gallierexkurs sehr viel länger ist. Besonders ausführlich werden in ihm Religion, Parteiwesen und die Druiden dargestellt. Die inhaltliche Gewichtung ist bei den Exkursen unterschiedlich ist. Nun stellt sich die Frage warum. Bei den Galliern wird kaum über Themen wie Lebensweise, Ackerbau, Kleidung, Aussehen etc. geschrieben. Eine Erklärung wäre, dass man in Rom schon sehr viel über die Kelten wusste. Immerhin konnten die Römer auf mehr als 3 Jahrhunderte Auseinandersetzung mit diesem Volk zurückblicken. Der Kontakt begann wohl mit dem Galliersturm (sagenhaft 387 v.Chr.) und setzte sich bis in Caesars Tage fort. Zudem konnte man auf die Werke griechischer Autoren wie Poseidonios, Strabon und Diodor von Sizilien zurückgreifen, die über solch klassische Themen schrieben. Es wäre also sinnlos gewesen, solche Informationen zu verbreiten. Moderne Interpreten meinen noch einen anderen Grund für diese Gewichtung zu erkennen. Ihnen zufolge schrieb Caesar diesen Exkurs mit bestimmten Hintergedanken. Durch den Vergleich und das starke hervorheben der Unterschiede wollte er zeigen, dass es sinnvoll sei am Rhein mit der Eroberung aufzuhören. Die Gewichtung auf Religion, Staat und Druiden gäbe es deshalb, um zu zeigen, dass die Gallier schon eine gewisse Kultur hätten und für Integration durchaus zugänglich wären. Die Germanen als wilde Barbaren seien nicht geeignet ins Imperium Romanum aufgenommen zu werden.[10] Diese Argumentation erscheint mir durchaus stichhaltig, besonders wenn man die erwähnten Auffälligkeiten in Betracht zieht.

3.) Der Gallierexkurs als historische Quelle

Will man nun den Gallierexkurs als Quelle für die Kelten heranziehen, sollte man die unter Punkt Eins und Zwei behandelten Dinge berücksichtigen. Es geht hierbei also um die Frage, inwieweit Caesar (bewusst oder unbewusst) die Darstellung für seine Zwecke verzerrt hat. Nun könnte man einwenden der Exkurs sei an sich sowieso wertlos. Denn wenn alle Vermutungen (über versteckte Intentionen) zuträfen, handle es sich ohnehin nur mehr um ein Propagandawerk ohne Wirklichkeitsnähe. Dem kann man – meiner Meinung nach – einiges entgegensetzen. Sicherlich hat der Autor – dort wo es ihm sinnvoll erschien – versucht seine Leser zu manipulieren, aber dies musste auf subtile Weise geschehen. Er konnte nicht einfach die Unwahrheit sagen oder Daten und Fakten völlig verdreht darstellen. Die Manipulation erreicht er durch Überbetonung gewisser Aspekte, Verzerrungen und inhaltlicher Schwerpunkte. Wenn man diese berücksichtigt, können doch einige Informationen aus dem Exkurs gezogen werden. Außerdem ist die Quellenlage zu den Kelten im Allgemeinen so schlecht, dass man über alles Verfügbare froh sein muss.

Die ersten beiden Kapitel (VI, 11 und 12) widmet Caesar den innerstaatlichen Zuständen in Gallien (Partei- und Klientelwesen). Dieses wird auch an anderen Stellen im Bellum Gallicum erwähnt. Solche Informationen waren im Hinblick auf die zukünftige Verwaltung des eroberten Gebietes nicht uninteressant. Bernhard Kremer meint dazu:

„In den Jahren seines militärischen Engagements im freien Gallien hatte er die Gelegenheit, das Funktionieren der maßgeblichen Gewalten wie kein anderer vor ihm gleichsam von innen kennenzulernen. Vor allem seine diplomatischen Aktivitäten sowie seine umfänglichen Beziehungen zu führenden Persönlichkeiten Galliens, ... , setzten ihn in die Lage, sich hervorragende Kenntnisse über die zum Teil recht komplizierten inner- und zwischenstaatlichen Machtverhältnisse zu schaffen, ... . Solche Informationen aber waren gerade für die politisch verantwortlichen Kreise Roms von allergrößtem Interesse. Spätestens nach der Niederwerfung des großen Aufstandes im Jahre 52 v.Chr. musste bei ihnen die Frage nach der Herrschaftsorganisation im unterworfenen Gallien immer stärker in den Vordergrund rücken.“[11]

[...]


[1] Bernhard Maier, Das Bild der Kelten bis in augusteische Zeit. Studien eines antiken Feindbildes bei griechischen und römischen Autoren (=Historia: Einzelschriften.88.), (Stuttgart 1994) 203f.

[2] Vgl. Franz Beckmann, Geographie und Ethnographie in Caesars Bellum Gallicum (Dortmund 1930) 142.

[3] C. Iulius Caesar, Der Gallische Krieg (ed. Otto Schönberger, Sammlung Tusculum) VI 11.

[4] Caesar, Bellum Gallicum VI 13.

[5] Die Schilderung der Sueben beispielsweise umfasst 3 Kapitel (IV 1-3).

[6] Vgl. F. Beckmann, Geographie und Ethnographie, 146f.

[7] Vgl. Thorsten Lorenz, Caesar. De bello Gallico VI 11-20. Der Gallierexkurs (www.bellogallico.de) 4.

[8] Caesar, Bellum Gallicum VI 11.

[9] Vgl. Bernhard Kremer, Das Keltenbild bis Augustus, 205-11.

[10] Vgl. Bernhard Kremer, Keltenbild bis Augustus, 210-19.

[11] Bernhard Kremer, Das Keltenbild bis Augustus, 213.

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Details

Titel
Der Gallierexkurs Caesars (Bellum Gallicum, VI 11-20). Eine Quellenbearbeitung
Autor
Jahr
2003
Seiten
12
Katalognummer
V279383
ISBN (eBook)
9783656731252
ISBN (Buch)
9783656731245
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Keltenexkurs
Arbeit zitieren
Dr. Helmut Jeremias (Autor), 2003, Der Gallierexkurs Caesars (Bellum Gallicum, VI 11-20). Eine Quellenbearbeitung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279383

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