Der Schriftsteller Uwe Timm (geboren: 1940 in Hamburg) zählt zu einem der erfolgreichsten zeitgenössischen Autoren Deutschlands, dessen Werke großes Interesse über die Landesgrenzen hinaus wecken. In seinen Werken setzt er sich meist mit alltäglichen Erfahrungen auseinander, aber auch mit der deutschen Geschichte und Gegenwart, mit Problemen des Kolonialismus und der Dritten Welt. Uwe Timms Familie bildet dabei einen ständigen thematischen Bezugspunkt. Einige seiner Werke wurden auch verfilmt wie beispielsweise sein berühmtes Kinderbuch „Rennschwein Rudi Rüssel“ (1989). Ebenso wurde Timms Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ (1993) im Jahre 2008 filmisch umgesetzt. Dass Uwe Timm dieses Werk bereits auf dem Cover explizit als Novelle bezeichnet, ist für heutige Autoren eher ungewöhnlich, da sie viel lieber den Freiraum zwischen den herkömmlichen literarischen Gattungen nutzen, anstatt sich auf eine Gattung festzulegen. Dem studierten Germanisten gelingt es allerdings in „Die Entdeckung der Currywurst“ die Lücken in der Begriffsdefinition der Novelle auszunutzen und sich trotz der Bezeichnung seines Werkes als Novelle auch in Bereichen zu bewegen, die eigentlich anderen Gattungen zugeschrieben werden. Der spielerische und zum Teil parodistische Umgang mit dem Novellenbegriff war für Uwe Timm dabei besonders reizvoll und durchzieht die gesamte Handlung des Buches.
In der vorliegenden Arbeit soll dieser besondere Umgang Uwe Timms mit dem Novellenbegriff in „Die Entdeckung der Currywurst“ analysiert werden. Darauf aufbauend soll im zweiten Teil dieser Arbeit der Frage nachgegangen werden, wie Schülern Gattungswissen vermittelt werden muss, damit es zum Textverstehen beiträgt. Hierfür werden zunächst die Abläufe betrachtet, die beim Lesen eines Textes Verstehen erzeugen, und daran anknüpfend Voraussetzungen beleuchtet, die das Textverstehen fördern.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Literaturwissenschaftlicher Teil
2.1 Novellenbegriff und Eigenschaften
2.2 Novellenelemente in „Die Entdeckung der Currywurst“
3. Didaktischer Teil
3.1 Grundlegende Abläufe beim Lesen literarischer Texte
3.2 Voraussetzungen für adäquates Verstehen literarischer Texte
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den spielerischen und teils parodistischen Umgang des Autors Uwe Timm mit dem traditionellen Novellenbegriff in seinem Werk „Die Entdeckung der Currywurst“. Dabei wird analysiert, wie Timm Gattungsmerkmale unterwandert und auf welche Weise Schülern im Deutschunterricht die notwendige Gattungskompetenz vermittelt werden kann, um literarische Texte erfolgreich und tiefgreifend zu verstehen.
- Analyse des Novellenbegriffs im Kontext der Literaturgeschichte
- Untersuchung narrativer Elemente und Dingsymbolik in Uwe Timms Werk
- Vergleich von Novelle und Roman anhand der Erzählstruktur
- Psychologische und kognitive Grundlagen des Leseverstehens
- Didaktische Strategien zur Vermittlung von Gattungswissen
Auszug aus dem Buch
2.1 Novellenbegriff und Eigenschaften
Der Begriff Novelle stammt vom italienischen „novella“ ab, was „(kleine) Neuigkeit“ bedeutet. Es handelt sich hierbei um eine Erzählung von „mittlerer Länge“, deren Handlung straff, konzentriert und in sich geschlossen ist, wodurch der Handlungs- und Geschehensverlauf keiner Nebenhandlungen bedarf. Diese Handlungsmerkmale spiegeln sich auch im Erzählstil der Novelle wider. Sie charakterisiert dadurch unter anderem ein hohes Erzähltempo, den Einschub von Vorgeschichten, die Auslassung von irrelevanten Handlungsdetails und die Konzentration auf das äußere Geschehen auf. Zahlreiche Novellen orientieren sich an der Novellensammlung „Il Decamerone“ (ca. 1350) von Giovanni Boccaccio. In diesem Werk berichtet der Autor von zehn Personen, die sich vor der Pest in ein Landhaus nahe Florenz flüchten und zehn Tage lang insgesamt 100 Geschichten (bzw. Novellen) erzählen, um Ablenkung vor der drückenden Angst zu finden. In Anlehnung an „Il Decamerone“ besitzen zahlreiche Novellen eine Binnen- und eine Rahmenhandlung, sie berichten von der geselligkeitsstiftenden Funktion des Erzählens und verfügen über ein sprachliches Leitmotiv (Dingsymbol), welches das Geschehen wie ein roter Faden durchzieht. Im Zentrum der Novellenhandlung steht ein überraschendes Ereignis bzw. eine Neuigkeit (nach Goethe eine „unerhörte Begebenheit“), in deren Folge die Handlung eine Wendung erfährt. „Da solches Umschlagen oft als Schicksalseinbruch erscheint, durch den das gewohnte Leben plötzlich aus dem Tritt gerät, ist die N[ovelle] in den meisten Fällen eine Krisenerzählung.“
Da die Novellentradition vom ausgehenden Mittelalter bis in die heutige Zeit reicht, haben sich neben der oben skizzierten Definition unterschiedliche Novellenbegriffe mit verschiedenen Akzentuierungen herausgebildet. Somit stehen sich verschiedene Theorien gegenüber und sorgen dafür, dass die Diskussion um das Wesen der Novelle immer noch nicht abgeschlossen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Werk von Uwe Timm ein und skizziert die Fragestellung bezüglich der Gattungsauslegung von „Die Entdeckung der Currywurst“ sowie der didaktischen Relevanz von Gattungswissen.
2. Literaturwissenschaftlicher Teil: Dieses Kapitel erläutert den klassischen Novellenbegriff und analysiert, wie Timm in seinem Werk gezielt Novellenelemente, Dingsymbole und Zahlensymbolik verwendet, um die Gattungsgrenzen zu dehnen.
3. Didaktischer Teil: Der didaktische Abschnitt erörtert kognitive Prozesse beim Lesen und legt dar, welche Voraussetzungen wie Vorwissen und Kontextwissen für ein adäquates Verstehen literarischer Texte bei Schülern essenziell sind.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass für ein erfolgreiches literarisches Lernen flexibles und vernetztes Gattungswissen durch vergleichendes Lesen gefördert werden sollte.
5. Literaturverzeichnis: Dies ist das Quellenverzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Fachliteratur.
Schlüsselwörter
Uwe Timm, Die Entdeckung der Currywurst, Novelle, Gattungsbegriff, Literaturdidaktik, Leseverstehen, Kohärenzbildung, Dingsymbolik, Gattungswissen, kognitive Repräsentationen, Schulerfahrungen, Erzählstruktur, Literaturunterricht, Novellentradition, Textanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der literaturwissenschaftlichen Analyse von Uwe Timms Werk „Die Entdeckung der Currywurst“ im Hinblick auf den Novellenbegriff und leitet daraus didaktische Ansätze für den Deutschunterricht ab.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die Gattungspoetik der Novelle, die narrativen Techniken von Uwe Timm sowie die Kognitionspsychologie und Fachdidaktik des Leseverstehens.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den spielerischen Umgang des Autors mit dem Gattungsbegriff zu untersuchen und Wege aufzuzeigen, wie Schülern Gattungswissen vermittelt werden kann, um ihr Textverständnis zu verbessern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, bei der literaturtheoretische Definitionen der Novelle auf den Text von Uwe Timm angewendet und mit fachdidaktischen Erkenntnissen zum literarischen Lernen verknüpft werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst der Novellenbegriff und dessen Anwendung in Timms Werk analysiert, gefolgt von einer didaktischen Reflexion über kognitive Abläufe beim Lesen und notwendige Voraussetzungen für das Textverstehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Novelle, Gattungsbegriff, Textverstehen, Literaturdidaktik, Dingsymbolik und intertextuelle Bezüge charakterisiert.
Warum wird Uwe Timms Werk als „parodistisch“ im Umgang mit dem Novellenbegriff bezeichnet?
Weil Timm bewusst klassische Novellenmerkmale wie die „unerhörte Begebenheit“ oder die Rahmenhandlung aufgreift, diese jedoch ironisiert, aufbricht oder mit Romanstrukturen vermischt, was der Tradition des Genres widerspricht.
Welche Rolle spielt die Dingsymbolik in „Die Entdeckung der Currywurst“?
Dingsymbole wie die Currywurst selbst, das Reiterabzeichen oder die Feldplane dienen als erzähltechnische Brücken zwischen Rahmen- und Binnenerzählung, als Impulsgeber für die Handlung und als Mittel zur Reflexion der erzählerischen Situation.
Warum ist das Vorwissen für das Textverstehen laut der Arbeit so entscheidend?
Ohne Vorwissen (sprachlich, inhaltlich, Weltwissen) können Schüler keine Kohärenz zwischen Textelementen bilden. Es fungiert als Basis, um Unbestimmtheiten im Text zu ergänzen und tiefergehendes, vernetztes Verständnis zu ermöglichen.
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- Falk Hesse (Autor), 2013, Der Novellenbegriff in Uwe Timms "Die Entdeckung der Currywurst", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279468