Louis-Ferdinand Célines "Reise ans Ende der Nacht" im historischen Kontext


Bachelorarbeit, 2014

24 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gattungstheoretische Einordnung der Reise ans Ende der Nacht

3. Mündlichkeit in Reise ans Ende der Nacht

4. Historizität bei Céline
4.1. Céline und Bardamu im 1. Weltkrieg
4.2. Céline und Bardamu in Kolonialafrika

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Louis – Ferdinand Céline schrieb mit seinem 1932 erschienenen Debütroman Voyage au bout de la nuit, zu Deutsch Reise ans Ende der Nacht, ein umfassendes, launisches Panoptikum der Zeit während und nach des 1. Weltkriegs. Seit seinem Erscheinen stößt das Werk, das von Kritikern immer wieder neben Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit als das bedeutendste französischsprachige Prosawerk des 20. Jahrhundert gezählt wird (“Céline? … Le seul romancier français depuis Proust.“ – Jean-Pierre Richard)[1] auf Ablehnung und Bewunderung.

In diesem Roman kommt Célines zeitlebende Ablehnung des Kriegs, sein radikaler Antimilitarismus und Pessimismus mit brachialer Sprachgewalt zum Ausdruck, die in folgenden Romanen wie Tod auf Kredit (dessen Protagonist ebenfalls Ferdinand Bardamu heißt) und Guignol‘s Band ihren Fortgang findet. Sein eigenes Leben und seine intensiven Erfahrungen gaben ihm die Inspiration für seine Werke. Problematisch sind seine heftigen rassistischen und antisemitischen Äußerungen, die in hetzerischen Schriften und Pamphleten (besonders in Die Judenverschwörung in Frankreich und Mea Culpa) zum Ausdruck kommen und die in ihrer Radikalität fast sarkastisch wirken, aber tatsächlich ernst gemeint sind.

Céline wusste, dass er mit Reise ans Ende der Nacht ein Meisterwerk geschaffen hatte; er erwartete vergebens, mit dem bedeutendsten französischen Literaturpreis, dem Prix Goncourt, ausgezeichnet zu werden. „Abgesehen von der Enttäuschung Célines, der offenbar fest mit dem ‚Goncourt‘ gerechnet hatte und den der weniger renommierte Prix Renaudot nicht trösten konnte, wirkte sich dieser Skandal nur positiv für den Verkauf und die kritische Rezeption des Buches aus.“[2]

Diese Arbeit untersucht, nachdem es den kurzen Versuch einer gattungstheoretischen Einordnung unternimmt und die Literarisierung der Mündlichkeit in Reise ans Ende der Nacht ergründet, den historischen Kontext des Romans. Anschließend zeigt sie anhand der Episoden 1. Weltkrieg und Kolonialafrika die Gemeinsamkeiten, die zwischen der Fiktionalität des Antihelden und Ich – Erzählers Ferdinand Bardamu und des Schriftstellers Louis – Ferdinand Céline bestehen, auf.

2. Gattungstheoretische Einordnung der Reise ans Ende der Nacht

Die gattungstheoretische Einordung des Werkes erweist sich als schwierig. Es enthält Elemente des

- autobiographischen Romans (durch die unverkennbaren Parallelen zwischen dem Protagonisten Bardamu und dem Schriftsteller und Arzt Céline)
- historischen Romans (durch die Hinweise auf historische Begebenheiten)
- Entwicklungsromans (wenngleich Bardamu letztendlich keine positive Entwicklung durchmacht)
- Schelmenromans bzw. des Pikaromans (durch die Beobachtungen des Protagonisten und dessen Sozialkritik)

Zweifelsohne besitzt der Roman autobiographische Züge; es wäre aber übertrieben, die Reise als einen autobiographischen Roman zu bezeichnen. Das „[…] Verständnis der Romane als autobiographisch führt zu sachlichen Fehlinformationen wie der Trepanation: Céline wurde 1914 am rechten Arm verletzt, nicht am Kopf [wie Bardamu; Anm.] […].“[3] Céline tritt eindeutig hinter seinen Romanfiguren zurück und nicht alles, was seine Protagonisten denken und was sie erlebt haben, kann man kommentarlos auf den Autor übertragen. Verfolgt man jedoch Célines Leben, zeigt sich, dass er immer wieder eigene Erlebnisse in seinen Romanen aufarbeitete. Es kann daher behauptet werden, dass die Reise, wenn sie schon nicht autobiographisch, so doch stark von Célines eigenem Leben beeinflusst und zumindest autobiographisch „angehaucht“ ist.

Historische Romane zeichnen sich durch eine Darstellung mit einem möglichst hohen Grad an Authentizität und Faktizität aus. In der Reise sind die historischen Anspielungen eher versteckt und vage, eine genauere Untersuchung kann diese aber meist „entlarven“ (z. B. dass aus der afrikanischen Kolonie Bikobimbo, wo Céline einige Wochen gewirkt hat, Bikomimbo wird, einem Handelsstützpunkt in der Reise). Zudem erwähnt der Erzähler Bardamu kaum historische Persönlichkeiten (und wenn dann nur nebenbei, meist um sie zu kritisieren), die die Handlung des Romans beeinflussen. Aus diesem Gründen kann man die Reise nur bedingt als einen historischen Roman bezeichnen; zwar spielt Bardamu auf historische Ereignisse an, doch diese sind meist schemenhaft und aufgrund der fehlenden Zeitangaben zeitlich kaum einzugrenzen. Die Re i se beschäftigt sich mehr mit der Entwicklung seines Protagonisten als mit der narrativen Aufarbeitung der Geschichte.

Die Entwicklung Bardamus verläuft ganz und gar unerfreulich. Von Anfang an ist er Pessimist, dem viel daran liegt, den Leser von seinem Pessimismus zu überzeugen. Er hat vieles erduldet, doch jetzt muss er Klartext reden: „Angefangen hat das so. Ich hatte ja nie was gesagt. Nie. Erst Arthur Granate hat mich zum Reden gebracht.“[4] Die Desillusionierung des (Anti)helden über die Gesellschaft ist schon zu Beginn vorhanden und untermauert sich durch Bardamus weitere Erfahrungen. Man hat nicht den Eindruck, dass er am Ende des Romans gereift wäre. Unter Berücksichtigung dieser Aspekte ist es kein Entwicklungsroman, da deren Protagonisten sich am Ende meist einsichtig zeigen und ihren Lebensgang „umkehren“. Bardamu tut sie keineswegs, sondern sieht sich im Gegenteil in seinem Pessimismus bestätigt.

Das Reisemotiv, das sich durch den Roman zieht, ist unter anderem ein Merkmal von Pikaro- oder Schelmenromanen. „Célines Held macht in der Tradition des Schelmenromans eine turbulente Entwicklung durch, […].“[5] Bardamu beobachtet, indem er reist, seine Umwelt sehr genau und kritisiert diese im Resultat. Die Sozialkritik äußert sich bei Bardamu schonungslos, die er zum Teil in unpersönlichen Randbemerkungen artikuliert, um so den Anschein einer Objektivität zu erwecken. Im Verlauf seiner Reise erfährt er die Rohheit und Verderbtheit der Welt alá Simplicissimus. Dies zwingt ihn zu einer stetigen Mobilität, da er das Leiden auf Dauer an einem Ort nicht ertragen kann. Der Schelm, der bei Simplicissimus eine positive Konnotation besitzt, ist übertragen auf Bardamu im negativen Sinn zu verstehen. Er wird durch die Beschwerlichkeiten des Lebens und seiner unangenehmen Erfahrungen nicht dazu bekehrt, ein anständiges und geregeltes Leben zu führen, sondern führt sein „Schelmendasein“ in immer extremerer Form fort.

Die Arbeit kommt zum Schluss, dass es sich bei der Reise ans Ende der Nacht um einen (modernen) Schelmenroman unter negativen Vorzeichen handelt. Die fingierte Autobiographie, die ein Merkmal von Schelmenromanen ist, wird an vielen Stellen von Célines eigenem Leben und Erfahrungen beeinflusst. Man kann die Reise als Schelmenroman mit ausgeprägt autobiographischen Akzent bezeichnen.

3. Mündlichkeit in Reise ans Ende der Nacht

Die neuartige Literarisierung von Mündlichkeit macht unter anderem den großen Reiz von Reise ans Ende der Nacht aus, während „die Form des Romans eher traditionell ist.“[6] Das Werk „[…] überraschte mit seiner unkonventionellen Sprache und Inhalten, die (nicht nur) seinerzeit als ‚heiße Eisen‘ galten.“[7] Céline hat sich sehr bewusst mit Sprache auseinandergesetzt, um die Wirklichkeit mit literarischen Stilmitteln so adäquat wie zu verschriftlichen. „Céline hat oft über Sprache geschrieben und noch öfter darüber gesprochen.“[8] Ein Schlagwort von Célines sprachtheoretischen Äußerungen ist die „Transponierung der gesprochenen Sprache“; laut Blank ein Begriff, der in allen seinen theoretischen Schriften auftaucht.[9] Damit verstand er eine Verschriftlichung oder Literarisierung des Gesprochenen, die sich möglichst nahe an der Realität anlehnen soll. Zum Beispiel muss darauf Rücksicht genommen werden, dass verschiedene soziale Schichten, dass Menschen aus verschiedenen Epochen, unterschiedlich sprechen. Darüber hinaus wird die Sprache bei Céline ideologisiert und bewusst reflektiert, weshalb Blank Reise ans Ende der Nacht als „metasprachlichen Roman“[10] bezeichnet. Blank geht sogar weiter, es als „linguistischen Roman“ zu bezeichnen, da „[…] sich allenthalben andere metasprachliche Textstellen finden, in denen bestimmte Sprechweisen, Akzente etc. beschrieben werden.“[11] In folgender Szene reflektiert Bardamu bewusst sein Sprechen: In einem Krankenhaus, wo er sich von seinen Verletzungen erholt, merkt er an, dass er und die anderen Insassen, nachdem sie durch den Krieg lange keinen Kontakt zu Frauen hatten, ihre Sprache geändert haben, um den Damen als „Teufelskerle“ besser zu gefallen. „Wir hatten uns in der Tat eine derbe Sprache zugelegt, derart gepfeffert, dass die Damen bisweilen erröteten, […].“[12]

Céline bediente sich in Reise ans Ende der Nacht ausgiebig des code parlé, die er mit der gehobenen traditionellen französischen Schrift- und Literatursprache verband.[13] Das Resultat ist ein eigenwilliger, roher Stil, der nichtsdestotrotz ausgefeilt und poetisch wirkt. Es war eine Forderung Célines, dass die französische Schriftsprache eine Synthese mit der alltäglichen mündlichen Sprache eingehen soll und tatsächlich macht diese Verbindung seinen unverkennbaren Stil aus: „Linguistische und stilkritische Untersuchungen heben hervor, dass als Grundlage von Célines Sprachstil Elemente der gesprochenen und der geschriebenen Sprache miteinander vermischt werden.“[14] Er verstand sich selbst aufgrund eben dieser Synthese, wenn schon nicht als Erfinder, so zumindest als Wiederentdecker eines ursprünglichen Stils, welches die Sprachebenen des Gesprochenen und Geschriebenen miteinander verbindet.[15] In seiner Schrift Gespräche mit Professor Y, in der er ein fiktives Interview mit einem Professor führt, legt Céline auch seine literarischen Ansichten und Methoden dar. Darin behandelt er „[…] ausführlich die Frage, wie er zur Übertragung gesprochener Sprache in die Literatur kam […].“ Er klärt den Professor über seine Sprachtheorie auf: „‘[…] er [i.e. Céline, Anm.] hat die gesprochene Sprache durchs Geschriebene wiedergefunden!‘ - ‚Wer?‘ - ‚Ich natürlich, Herr des Himmels! ich, das ist doch klar! Schwachkopf! Kein anderer!...‘.“[16] Dadurch gelingt ihm ein „emotionaler Stil“[17], der laut ihm folgende Wirkung auf den Leser ausübt: „‘Der Leser, der mich liest! ihm ist, er könnte es schwören, als ob jemand in seinem Kopf liest!... im eigenen Kopf!...‘.“[18] Der nicht „emotionale Stil“ ist für ihn „[…] wertlos, rein akademisch und ohne Bezug zum Leben.“[19] Einige von Célines stiltheoretischen Ansichten sind rassistisch motiviert. In Die Judenverschwörung von Frankreich teilt er jeder „Rasse“ einen eigenen Stil zu, „[…] gewissermaßen in Form eines biologischen Substrats.“[20] Die Juden betrachtete er als gefühlloses, für die „wahre“ Kunst unempfängliches Volk, die eines von ihm propagierten „emotionalen Stils“ nicht fähig seien. Céline betrachtete die Sprache daher als Träger der Emotionen. Diese „[…] zeichnet sich dadurch aus, daß es durch keine rationalen Barrieren eingegrenzt, daß es unbewußt und unreflektiert über die Lippen kommt.“[21] So gesehen wird die Sprache in der Kolonialepisode der Reise sinnentleert, wenn Bardamu tief im Dschungel unter Eingeborenen sich nicht verständigen kann. Auch in Amerika hat es den Anschein, als ob das Rattern und Lärmen der Maschinen die Konversationen der Menschen, die sich nun nur durch Gestik und tierische Laute unterhalten können, das Sprechen überflüssig macht.

In Afrika zeigt sich der Verlust der Sprache bei Bardamu besonders deutlich. „Bardamu’s stay in Africa represents the only time in the novel when he is without language […].”[22], und in einem von Fords Fließbandproduktionsstätten macht Bardamu folgende Erfahrung: „Ich versuchte, dem Vorarbeiter was ins Ohr zu brüllen, zur Antwort grunzte er wie ein Schwein, nur mit Bewegungen führt er mir die sehr einfachen Handgriffe vor, die ich vollführen sollte, […]. […] Niemand sprach mich an. […] Nichts war mehr von Belang als das fortwährende Getöse der tausend und abertausend Geräte, von denen die Menschen herumkommandiert wurden.“[23] Für Bardamu verliert eine Sprache, deren Macht er sich bewusst ist, ohne Emotionen ihren Sinn: „Unter den Wörtern verstecken sich welche, die sind wie Kieselsteinchen. Man kennt sie nicht heraus, und auf einmal kommen sie und bringen das ganze Leben ins Wanken, das ganze, mit allen Schwächen und Stärken […] Also, man kann den Wörtern nie genug misstrauen, so sieht für mich die Lehre aus.“[24]

[...]


[1] Thomas, Merlin: Louis Ferdinand Célines. Faber and Faber. London. 1979. S. 19

[2] Blank, Andres: Literarisierung von Mündlichkeit. Louis-Ferdinand Céline und Raymond Queneau. Gunter Narr Verlag. Tübingen. 1991. S. 104

[3] Bitter, Rudolf von: „Ein wildes Produkt“ – Louis-Ferdinand Céline und sein Roman „Reise ans Ende der Nacht“ im deutschsprachigen Raum. Romanistischer Verlag. Bonn. 2007. S. 163.

[4] Céline, Louis-Ferdinand: Reise ans Ende der Nacht. Aus dem Französischen von Hinrich Schnidt-Henkel. Rowohlt. Reinbek bei Hamburg. 3. Auflage 2003. S. 11

[5] Bayerle, Georg: Erkundung der Finsternis. Wucherungen im poetologischen Diskurs in der Literatur der Moderne: Döblin, Conrad, Céline. In: arcadia. Band 38. Heft 1. 2003. S.145

[6] Blank: Literarisierung von Mündlichkeit. S. 104

[7] Ebd. S. 104

[8] Ebd. S. 104

[9] Vgl. Ebd . S. 81

[10] Vgl. Ebd. S. 107 ff.

[11] Ebd. S. 116

[12] Céline: Reise ans Ende der Nacht. S. 121

[13] Vgl. Holtus, Günther: Bemerkungen zur Sprache und zum Wortschatz von Louis-Ferdinand Célines. In: Zeitschrift für Romanische Philologie. Vol. 97. 1981. S. 48

[14] Holtus: Bemerkungen zur Sprache und zum Wortschatz von Louis-Ferdinand Célines. S. 47

[15] Vgl. Holtus. Stil S. 33

[16] Céline, Louis-Ferdinand: Gespräche mit Professor Y. Luchterhand. Frankfurt am Main. 1989. S. 93

[17] Vgl. Ebd. S. 93

[18] Ebd. S. 94

[19] Blank: Literarisierung von Mündlichkeit. S. 87

[20] Ebd . S. 86

[21] Ebd. S. 114

[22] Silk, Sally M .: Caught in the Dialogic: The Célinian Narrator Silenced. In: MLN. Vol. 107. No. 4. 1992. S. 797

[23] Céline: Reise ans Ende der Nacht. S. 299

[24] Ebd. S. 636

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Louis-Ferdinand Célines "Reise ans Ende der Nacht" im historischen Kontext
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Europäische und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
SE Literatur und Geschichte
Note
2
Autor
Jahr
2014
Seiten
24
Katalognummer
V279532
ISBN (eBook)
9783656732709
ISBN (Buch)
9783656732686
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Céline, Reise ans Ende der Nacht, Erster Weltkrieg, Historischer Roman, Romanistik, Komparatistik, Literatur, Geschichte, Autobiographisch
Arbeit zitieren
Siawasch Aeenechi (Autor), 2014, Louis-Ferdinand Célines "Reise ans Ende der Nacht" im historischen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279532

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