Totentänze im Lauf der Zeit

Die spezifische Medialität von "Der Tod und das Mädchen" anhand von Matthias Claudius' Gedicht und Franz Schuberts Kunstlied


Hausarbeit, 2014
23 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung von Totentänzen
2.1 Totentänze in der Literatur
2.2 Totentänze in der Kunst
2.3. Totentänze in der Musik

3. Die besondere Beziehung von Tod und Mädchen
3.1 Matthias Claudius: Der Tod und das Mädchen (1775)
3.2 Franz Schubert: Der Tod und das Mädchen (1817/24)
3.3 Bacio di Tosca: Der Tod und das Mädchen (2007)

4. Fazit

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Die Vorstellung im Dunkeln über einen Friedhof zu gehen, löst bis heute bei den meisten Menschen einen Schauer aus. Man denkt an Geister, Dämonen oder gar Vampire, die aus ihren Gräbern steigen und die Menschheit in Angst und Schrecken versetzen. Doch warum ist das so? Ohne Zweifel hat die im frühen 20. Jahrhundert aufkommende Kunstform des Films dazu beigetragen, in denen wir gespenstische Wesen kennenlernen. Verfilmte Romane wie „Frankenstein“ oder Bram Stokers „Dracula“ zählen zu den ersten Horrorfilmen überhaupt. Tatsächlich geht diese Vorstellung von Spukgestalten weit zurück bis ins Mittelalter. Aufgrund der damals aufkommenden Pestwellen beschäftigte man sich intensiver mit dem Thema „Tod“ und es entstanden Totentänze in Form von Handschriften oder Fresken. Wandmalereien, die alte Kirchenmauern schmücken, erinnern an diese makabere Kunst, die sich mit dem Sterben beschäftigt. „Makabere Kunst bedeutet nicht, dass jemand Scherze über das Ende des Lebens macht, sondern weist lediglich auf die Beziehung zum Totenkult hin.“[1] In der Epoche der Archaik soll es Untersuchungen zufolge sogar einen Totendämon namens „Macabré“ gegeben haben. Außerdem hat sich das Wort möglicherweise aus mehreren Sprachen entwickelt, in denen „makaber“ Grab, Friedhof oder Trauerfeier bedeutet.[2]

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Totentänze“. In einem ersten Schritt soll die Entstehung von Totentänzen dargestellt werden. Was ist ein Totentanz überhaupt und welcher Ursprung verbirgt sich dahinter? In welcher Gestalt tritt der Tod auf? Wie wird er dargestellt? Anschließend soll auf die Totentanz-Motive in Literatur, Kunst und Musik eingegangen werden. In welcher Form werden hier Totentänze gezeigt? Diverse Werke, die sich dem Thema „Tod und Mädchen“ nähern, werden dabei als Beispiele herangezogen. Bereits früh wurden die bildlich dargestellten Totentänze in der Kunst mit Texten versehen und somit Geschichten oder Ereignisse zu den Abbildern erzählt. Die Kombination von Literatur und Musik trat jedoch erst später ein. Wie aufschlussreich Totentänze in der Musik sind, soll ebenfalls gezeigt werden.

Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Beziehung von Tod und Mädchen. In den zahlreichen entstandenen Totentänzen wurde der Verbindung von Frauen und Mädchen mit dem Tod eine besondere Bedeutung beigemessen. Der Begegnung dieser zweier Charaktere lag oft eine erotische und sexuelle Komponente zugrunde. Das Mädchen oder Frau wird als Lustpartnerin des entfleischten Todes dargestellt.[3] Bereits in der Bibel wurde vom Tod und der Frau gesprochen. So kam demnach der Tod durch Evas Sündenfall in die Welt, da sie die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis aß.

Der deutsche Dichter Matthias Claudius beschäftigte sich ebenfalls mit der Kombination Tod und Frau und verfasste 1775 ein Gedicht mit dem Titel „Der Tod und das Mädchen“. Zunächst steht eine kurze Interpretation im Fokus. Wie ist das Gedicht aufgebaut und in welcher Form? Es geht dabei auch um Betrachtungsweisen zweier Interpreten, die die Dichtung auf unterschiedliche Weise deuten. Danach soll gezeigt werden, wie der Gedichtstext in Franz Schuberts Kunstlied mit demselben Titel vertont wurde. Welche Gestaltungsmittel werden eingesetzt? Wie stellt Schubert den Tod dar? Die Gestaltungsweise der beiden Totentänze bildet dabei den Rahmen der Arbeit. Dass Totentänze selbst im 21. Jahrhundert noch auf Interesse stoßen, zeigt das deutsche Musikprojekt „Bacio di Tosca“. Die Texte ihrer Lieder stammen beispielsweise von Herrmann Hesse, Joseph von Eichendorff und Matthias Claudius. Wie die Gruppe Claudius´ Gedicht vertont, soll zuletzt noch aufgegriffen werden.

2. Entstehung von Totentänzen

Tanz und Tod – zwei Begriffe, deren Bedeutung unterschiedlicher nicht sein kann. Freude, Spaß und Lebenslust beschreiben den Ausdruck Tanz wohl am Ehesten. Auf der anderen Seite steht der Tod, der Angst und Trauer symbolisiert. Und doch stehen beide Begriffe in einem engen Zusammenhang.

Die seit der Mitte des 14. Jahrhunderts aufkommenden Pestwellen veranlassten zahlreiche Künstler zur Entstehung von sogenannten Totentänzen. Die Krankheit forderte viele Opfer und die Menschen sahen sich mit ihrer eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Diese Sterblichkeit wurde nun in Form von Wandmalereien auf Friedhofs- und Kirchenmauern dargestellt. Dabei wird der Tod oft als tanzendes Wesen gezeigt. Doch was hat es mit dem tanzenden Tod auf sich? Welcher Ursprung verbirgt sich dahinter? Laut Volkskundler und Etymologen, hat der Begriff Totentanz mehrere Bedeutungen, wie tanzende Tote oder Tänze für, sowie gegen die Verstorbenen. Damit können auch Zeremonien gemeint sein, um den Tod fernzuhalten.[4] Bereits die frühen Christen setzten den Tanz als Ausdruckmittel ein und tanzten auf Totenfeiern. Auf diese Art versuchte man sich neues Leben zu ertanzen und dem Sterben zu entgehen. Die Kirchenoberhäupter lehnten diese Sitte jedoch strikt ab und sprachen sogar von Sünde.[5] Des Weiteren gibt es Belege dafür, dass „Gotteshäuser und Friedhöfe im Mittelalter nicht nur Orte des Gebets waren, sondern auch für ausgelassene, manchmal sogar ausgesprochen makabere Feste genutzt wurden.“[6]

Hein H.W. Hogerzeil definiert im Handbuch des 9. internationalen Totentanz-Kongresses vom September 1998 den Begriff Totentanz wie folgt:

„Der Totentanz gibt eine Auffassung über den Toten (das Totsein), über den Tod und über das Verhältnis von Mensch und Tod in Bild und/oder Text wieder, wobei Mensch und Tod als Paar auftreten. Text und/oder Bild von Tod oder Mensch, die kein Paar bilden, fallen aus dieser Definition heraus. Es ist wichtig zu erkennen, daß die Darstellung des Todes und des Verhältnisses von Mensch und Tod im Lauf der Zeit einem Veränderungsprozess unterliegt.“[7]

Wann und wo genau die Geschichte des Totentanzes beginnt und welchem Land die Ursprünge zu verdanken sind, ist bis heute unklar. Forscher streiten darüber, ob Deutschland oder Frankreich als Heimat der Totentänze genannt werden darf. Hellmut Rosenfeld glaubt in Deutschland die Herkünfte des Totentanzes gefunden zu haben, indem er von Spuren deutschen Geistes in einem lateinischen Totentanztext spricht, der um 1350 am Rhein oder Main entstanden sein soll.[8] Weiter argumentiert er, dass sich der französische Name „Danse de macabré“ in der Welt durchgesetzt hätte, wäre der erste Totentanz ein Französischer gewesen.[9] Als eines der ältesten französischen Beispiele gilt der Totentanz auf dem Friedhof des Franziskanerklosters Aux S.S. Innocents in Paris aus dem Jahre 1424. Auf dem Wandgemälde sind Vertreter verschiedener Stände zu sehen, begleitet von einem Toten bzw. vom Tod selbst, die im Tanz bewegend dargestellt werden. Die Stände verweisen darauf, dass jedermann dem Tod geweiht ist. Die Malerei wurde zusätzlich durch einen Text begleitet.[10] Doch auch hier gibt es Unklarheiten darüber, ob dieser wirklich als erster französischer Totentanz betrachtet werden kann. Laut Rosenfeld gilt der um 1376 verfasste Text von Jean Le Fèvre, in dem erstmals das Wort „macabre“ auftritt, als Vorlage des Danse Macabre von Saint Innocents. Von der Pest verschont, verfasste Le Fèvre als Dank jene Zeilen, die vom Verfasser, wie Rosenfeld behauptet, mit „Dance de macabré“ betitelt wurden.[11] Denselben Titel erhielt der Totentanz von 1424, was vermuten lässt, dass Le Fèvre wohl tatsächlich als Grundlage diente. Man erkennt deutlich wie weit das Phänomen Totentanz in die Tiefe geht, sodass nicht eindeutig belegt werden kann, welches Werk nun als das Erste gilt. Woraus hat sich der Totentanz aber nun entwickelt? Wie zuvor bereits erwähnt, erscheint die Kombination von Tod und Tanz schon sehr früh in vielen Kulturen. So bildeten sich bereits im alten Ägypten und im alten China Formen von Grabtänzen heraus und in Indien tanzte man bei der Verbrennung von Toten um den Scheiterhaufen.[12] Aber auch literarische Quellen tragen zur Vorstufe des mittelalterlichen Totentanzes bei.

Hogerzeil stellt im Handbuch des 9. internationalen Totentanz-Kongresses fünf Typen des Totentanzes vor. Zum ersten Typus zählt das im Jahr 1194 entstandene Gedicht „Les Vers de la mort“ des Mönchen Hélinand. Es wird hier über den Tod gesprochen und nicht zum Tod als Person, wie es beim mittelalterlichen Totentanz die Form ist. Des Weiteren wird auf die Pflicht hingewiesen, sich auf den Tod vorzubereiten.[13] Das Bewusstsein mit der eigenen Sterblichkeit spielt auch im Mittelalter eine tragende Rolle.

Als nächstes nennt Hogerzeil die „Vado Mori Gedichte“ aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts bis 1450. Diese zweizeiligen lateinischen Distichen beginnen und enden mit den Worten „vado mori“, (dt. „ich werde sterben“). Es handelt sich meist um Monologe über den Tod. Auch hier ist der Tod unpersönlich und steht nicht im Dialog mit dem Mensch.[14]

Der dritte Typ ist die „Legende von den drei Lebenden und den drei Toten“ von 1285 bis 1501. Die Botschaft dieser Legende wird mit einem Spruch wiedergegeben, der bereits um 500 in Indien auftritt und von dem Römern als Grabinschrift genutzt wurde.[15]

„Quod sumus, vos eritis. Quod fuimus, vos estis.“ „Was wir jetzt sind, werdet ihr sein. Was wir waren, seid ihr jetzt.“[16]

Der Spruch gelangte nach Frankreich, wo er zu einem Gedicht umgearbeitet wurde. Die älteste Fassung stammt aus dem Jahr 1285. Die Legende handelt von drei Königen oder Männer und drei Toten, die oft als Mumien oder Skelette dargestellt werden. Auf der Jagd begegnen die drei Männer im Wald den Toten, die die Lebende mit den Worten aus dem „Vers de la mort“ warnen gottesfürchtig zu leben. Erstmals kommt hier ein Dialog zwischen Lebenden und Toten zustande, der im späteren Totentanz entscheidend ist.[17]

Religiöse Totentänze in Reigenform von 1425 bis 1501 stellen den vierten Typ dar. Dazu zählt der um 1424 entstandene Totentanz von Saint Innocents auf dem 30 Paare abgebildet waren, bestehend aus je einer Todesfigur und einem Ständevertreter. Hinzu kommt der Text, der unterhalb der Paare abgebildet war. Diesem Dance macabré folgten ähnliche Totentänze mit kleinen Abweichungen.[18]

Der letzte Totentanz-Typ ist Holbeins Totentanz. Anders als die mittelalterlichen Totentänze wird hier nicht auf eine religiös-erzieherische Absicht gezielt. Die vier –oder achtzeiligen Strophen, die bei den religiösen Totentänzen in Reigenform üblich waren, schafft Holbein ab. „Holbein benutzt den Tod, um auf satirische Weise die Merkwürdigkeiten […] der Situation deutlich zu machen.“[19]

Durch diese fünf Typen des Totentanzes lässt sich deutlich erkennen, wie sich der Tod von einem passiven Wesen in einen personifizierten Tod verwandelt, der mit den Lebenden in einen Dialog tritt.

Die meisten der im Mittelalter dargestellten Totentänze in Bildform, zeigen den Tod als skelettartiges Wesen. Charakteristisch für den Tod ist das, was er in der Hand hält, wenn er dies überhaupt tut. So sind Pfeil und Bogen kennzeichnend für den Tod als Jäger, ein Spaten kennzeichnet den Totengräber und ein Instrument den Spielmann Tod.[20] Das Objekt, welches der Tod trägt, kann sich aber auch auf den Lebenden beziehen und welchem Stand er angehört. So steht die Tiara für den Papst, der Hut für den Kardinal, die Krone für den König, der Helm für den Ritter, der Kranz für die Jungfrau, der Krückstock für den Bettler, ein Instrument für den Spielmann usw.

[...]


[1] Wunderlich, Uli: Der Tanz in den Tod. Totentänze vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Freiburg i. Brsg.: Eulenverlag 2001, S. 6.

[2] Vgl.: Ebd., S. 6.

[3] Vgl.: Stöckli, Rainer: Zeitlos tanzt der Tod. Das Fortleben, Fortschreiten, Fortzeichnen der Totentanztradition im 20. Jahrhundert, Konstanz: Universitätsverlag 1996 (=Kulturgeschichtliche Skizzen; 3), S. 47.

[4] Vgl.: Wunderlich, S. 9.

[5] Vgl.: Ebd., S. 10.

[6] Ebd., S. 10.

[7] Hogerzeil, Hein H.W.: Auftreten und Darstellung des Totentanzes von 1150 bis 1600. In: Totentanzforschungen. 9. Internationaler Totentanz-Kongress 17.-20. September 1998. Hg. v. Uli Wunderlich/Europäische Totentanz-Vereinigung Danses Macabres d´Europe. Düsseldorf 1998, S. 51.

[8] Vgl.: Rosenfeld, Hellmut: Der mittelalterliche Totentanz. Entstehung, Entwicklung, Bedeutung, 3. Auflage, Köln: Böhlau Verlag 1974 (=Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte, Heft 3), S. 118.

[9] Vgl.: Ebd., S. 118.

[10] Vgl.: Link, Franz: Tanz und Tod in Kunst und Literatur. Beispiele. In: Tanz und Tod in Kunst und Literatur. Hg. v. Franz Link. Berlin: Duncker und Humblot 1993 (=Schriften zur Literaturwissenschaft, Bd.8), S. 11.

[11] Vgl.: Rosenfeld, S. 119ff.

[12] Vgl.: Link, S. 15.

[13] Vgl.: Hogerzeil, S.53.

[14] Vgl.: Ebd., S. 54.

[15] Vgl.: Ebd., S. 54.

[16] Vgl.: Ebd., S. 54.

[17] Vgl.: Ebd., S. 54f.

[18] Vgl.: Ebd., S. 55f.

[19] Hogerzeil, S. 56.

[20] Vgl.: Hammerstein, Reinhold: Tanz und Musik des Todes. Die mittelalterlichen Totentänze und ihre Nachleben, Bern/München: A. Francke AG Verlag 1980, S. 113.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Totentänze im Lauf der Zeit
Untertitel
Die spezifische Medialität von "Der Tod und das Mädchen" anhand von Matthias Claudius' Gedicht und Franz Schuberts Kunstlied
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
23
Katalognummer
V279587
ISBN (eBook)
9783656728757
ISBN (Buch)
9783656741312
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Totentänze;, Franz Schubert;, Matthias Claudius;, Bacio di Tosca;, Mittelalter;
Arbeit zitieren
Carolin Schmidt (Autor), 2014, Totentänze im Lauf der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279587

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