Die Vorstellung, im Dunkeln über einen Friedhof zu gehen, löst bis heute bei den meisten Menschen einen Schauer aus. Man denkt an Geister, Dämonen oder gar Vampire, die aus ihren Gräbern steigen und die Menschheit in Angst und Schrecken versetzen. Doch warum ist das so? Ohne Zweifel hat die im frühen 20. Jahrhundert aufkommende Kunstform des Films dazu beigetragen, in denen wir gespenstische Wesen kennenlernen. Verfilmte Romane wie „Frankenstein“ oder Bram Stokers „Dracula“ zählen zu den ersten Horrorfilmen überhaupt. Tatsächlich geht diese Vorstellung von Spukgestalten weit zurück bis ins Mittelalter. Aufgrund der damals aufkommenden Pestwellen beschäftigte man sich intensiver mit dem Thema „Tod“ und es entstanden Totentänze in Form von Handschriften oder Fresken. Wandmalereien, die alte Kirchenmauern schmücken, erinnern an diese makabere Kunst, die sich mit dem Sterben beschäftigt. „Makabere Kunst bedeutet nicht, dass jemand Scherze über das Ende des Lebens macht, sondern weist lediglich auf die Beziehung zum Totenkult hin.“ In der Epoche der Archaik soll es Untersuchungen zufolge sogar einen Totendämon namens „Macabré“ gegeben haben. Außerdem hat sich das Wort möglicherweise aus mehreren Sprachen entwickelt, in denen „makaber“ Grab, Friedhof oder Trauerfeier bedeutet.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Totentänze“. In einem ersten Schritt soll die Entstehung von Totentänzen dargestellt werden. Was ist ein Totentanz überhaupt und welcher Ursprung verbirgt sich dahinter? In welcher Gestalt tritt der Tod auf? Wie wird er dargestellt? Anschließend soll auf die Totentanz-Motive in Literatur, Kunst und Musik eingegangen werden. In welcher Form werden hier Totentänze gezeigt? Diverse Werke, die sich dem Thema „Tod und Mädchen“ nähern, werden dabei als Beispiele herangezogen. Bereits früh wurden die bildlich dargestellten Totentänze in der Kunst mit Texten versehen und somit Geschichten oder Ereignisse zu den Abbildern erzählt. Die Kombination von Literatur und Musik trat jedoch erst später ein. Wie aufschlussreich Totentänze in der Musik sind, soll ebenfalls gezeigt werden.
Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Beziehung von Tod und Mädchen. In den zahlreichen entstandenen Totentänzen wurde der Verbindung von Frauen und Mädchen mit dem Tod eine besondere Bedeutung beigemessen. Der Begegnung dieser zweier Charaktere lag oft eine erotische und sexuelle Komponente zugrunde. (...)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entstehung von Totentänzen
2.1 Totentänze in der Literatur
2.2 Totentänze in der Kunst
2.3. Totentänze in der Musik
3. Die besondere Beziehung von Tod und Mädchen
3.1 Matthias Claudius: Der Tod und das Mädchen (1775)
3.2 Franz Schubert: Der Tod und das Mädchen (1817/24)
3.3 Bacio di Tosca: Der Tod und das Mädchen (2007)
4. Fazit
5. Literatur- und Quellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das kulturelle und mediale Phänomen des „Totentanzes“, mit einem besonderen Fokus auf der spezifischen Beziehung zwischen Tod und Mädchen. Ziel ist es, die Entwicklung dieses Motivs von seinen mittelalterlichen Ursprüngen über die literarische und künstlerische Verarbeitung bis hin zu musikalischen Interpretationen nachzuvollziehen und dabei die Rolle von Erotik und Hingabe in diesem Kontext zu analysieren.
- Ursprung und Wandel des Totentanz-Begriffs
- Darstellung des Todes in Literatur, bildender Kunst und Musik
- Analyse des Motivs „Tod und Mädchen“ als erotische Extremsituation
- Vergleichende Interpretation der Werke von Matthias Claudius, Franz Schubert und Bacio di Tosca
Auszug aus dem Buch
3.1 Matthias Claudius: Der Tod und das Mädchen (1775)
Im 18. Jahrhundert, in dem der Tod besonders zum Ausdruck kam, entstand Matthias Claudius´ Gedicht „Der Tod und das Mädchen“.
„Das Mädchen
Vorüber! Ach vorüber!
Geh, wilder Knochenmann!
Ich bin noch jung, geh Lieber!
Und rühre mich nicht an.
Der Tod
Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!
Bin Freund und komme nicht zu strafen.
Sei guten Muts! Ich bin nicht wild,
Sollst sanft in meinen Armen schlafen!“
Die Form, der sich Claudius bedient, ist die des mittelalterlichen Totentanzes. Die Texte, die zusammen mit den Wandmalereien dargestellt wurden, sind ebenfalls in zweimal vier Versen aufgebaut. Der Tod spricht zunächst zu seinem auserwählten Ständevertreter, dieser antwortet ihm. Claudius dreht die Reihenfolge um. Das Mädchen spricht zuerst und der Tod reagiert daraufhin. Folglich muss das Mädchen den Tod bereits erblickt haben, so konnte sie sich auf ihre Worte vorbereiten. Die Angst des Mädchens wird durch eben diese deutlich. Sie will den Tod wegschicken, betont, dass sie noch zu jung zum Sterben sei. Der Tod erwidert, dass sie keine Angst vor ihm zu haben braucht und stellt sich als Freund vor.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Entwicklung der Totentanz-Motivik ein und legt den Schwerpunkt auf die erotisch konnotierte Beziehung zwischen Tod und Mädchen.
2. Entstehung von Totentänzen: Das Kapitel beleuchtet die Wurzeln des Totentanzes, von den Pestwellen des Mittelalters bis hin zur Ausdifferenzierung in verschiedene künstlerische Gattungen und Typologien.
3. Die besondere Beziehung von Tod und Mädchen: Hier wird der Fokus auf das Spannungsfeld zwischen der Unausweichlichkeit des Todes und der erotischen Symbolik der jungen, fruchtbaren Frau gelegt, inklusive detaillierter Werkanalysen.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, wie das Motiv „Tod und Mädchen“ über Jahrhunderte hinweg neue mediale Ausdrucksformen fand und dabei stets die fundamentale Polarität von Leben und Sterben thematisierte.
5. Literatur- und Quellenverzeichnis: Dieses Kapitel dokumentiert sämtliche verwendeten wissenschaftlichen Quellen, Literaturangaben sowie digitale Verweise auf musikalische Interpretationen.
Schlüsselwörter
Totentanz, Matthias Claudius, Franz Schubert, Bacio di Tosca, Todesmotivik, Erotik, Mittelalter, Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Sterblichkeit, Literaturanalyse, Personifizierung des Todes, Medialität, Sexualität, Tradition.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und Bedeutung von Totentanz-Darstellungen mit einem Fokus auf die spezifische, oft erotisch aufgeladene Begegnung von Tod und Mädchen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Themenfeldern gehören die mittelalterliche Totentanz-Tradition, der literarische und kunsthistorische Wandel des Motivs sowie die musikwissenschaftliche Analyse von Vertonungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist die Analyse der „Medialität“ des Motivs „Der Tod und das Mädchen“ anhand ausgewählter Werke, um zu zeigen, wie sich die Darstellung des Todes im Zeitverlauf verändert hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und kulturwissenschaftliche Untersuchung, die auf einer Analyse von Texten, bildender Kunst und musikalischen Kompositionen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Herleitung des Totentanzes sowie in die tiefgehende Analyse der Werke von Claudius, Schubert und der Gruppe Bacio di Tosca.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Totentanz, Tod, Mädchen, Erotik, Medialität, Tradition und die genannten Künstler wie Claudius und Schubert.
Wie unterscheidet sich die Auffassung des Todes bei Schubert von der bei Claudius?
Während bei Claudius der Tod als freundlich-väterlicher Partner auftritt, intensiviert Schubert dies durch musikalische Mittel wie harmonische Veränderungen und Rhythmik, was die Hingabe des Mädchens deutlicher hörbar macht.
Welche Rolle spielen die modernen Vertonungen durch „Bacio di Tosca“?
Bacio di Tosca nutzt moderne Technik und ergänzende Gedichtfragmente, um die Handlung des Totentanzes expliziter zu gestalten und eine stärkere Eindeutigkeit bezüglich der Hingabe des Mädchens an den Tod zu erzeugen.
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- Carolin Schmidt (Author), 2014, Totentänze im Lauf der Zeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279587