Positivismus in der Soziologie des 19. Jahrhunderts


Hausarbeit, 1996
24 Seiten

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Auguste Comte (1798 - 1857): Naturgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung

3. Herbert Spencer (1820 - 1903): Die Gesellschaft ist ein Organismus

4. Vilfredo Pareto (1848 - 1923): Von Residuen und Derivationen

5. Emile Durkheim (1858 - 1927): Das Sonderwesen Gesellschaft

6. Fazit

1. Einleitung

Das wohl hervorstechenste Merkmal der Soziologie des 19. Jahrhunderts ist ihre Faszination durch die Natur-wissenschaften und die Orientierung an diesen. Das erklärte Ziel einiger Sozialwissenschaftler des 19. Jahr-hunderts, wie z.B. Comte, Pareto oder Durkheim, war es, die Sozialwissenschaften endlich auf das Niveau der Naturwissenschaften zu heben, um für das menschliche Zusammenleben Gesetzmäßigkeiten hoher Präzision und Gewißheit zu finden. Den Schlüssel zum Erfolg in diesem Bemühen sahen sie allesamt in der Übernahme der naturwissenschaftlichen, "positiven" Methode durch die Sozialwissenschaftler. Sie gingen alle von der Ein-heit der Methode in Natur- und Sozialwissenschaften aus und wollten die sozialen Tatbestände wie "Dinge" behandeln und nur "beobachtbare Fakten" gelten lassen. Alfred Schütz kritisiert diese Vorgehensweise als "Naturalismus". Gegenseitiges Verstehen, Interaktion, Interkommunikation und Sprache würden dabei einfach als ungeklärte Grundlage ihrer Theorien vorausgesetzt, anstatt sie als ihren eigentlichen Gegenstand zu be-handeln. Nun darf man dem Positivismus nicht nur als reinen Empirismus kritisieren, denn keiner der frühen Soziologen war naiver Empirist in dem Sinne, daß er glaubte, es genüge, die Fakten "sprechen" zu lassen, um zu positiver Erkenntnis zu gelangen. So war z.B. Comte der Meinung, daß "keine echte Beobachtung" möglich sei, "ohne daß sie durch irgendeine Theorie anfangs gelenkt und am Ende interpretiert wird" (Comte in Hauck 1991, 444). Auch Pareto war der Meinung, daß es nötig sei, im voraus gewisse Normen und Prinzipien auf-zustellen, die jedoch nicht als Dogmen aufzufassen seien, sondern eher als an den Fakten zu korrigierende Hypothesen (vgl. Hauck 1991, 445).

Doch in welcher Art und Weise manifestieren sich solche Überlegungen in den jeweiligen Theorien dieser positivistischen Soziologen? Dieser Frage will ich in dieser Arbeit nachgehen, wobei ich die Theorien von vier Soziologen aus dem 19. Jahrhundert vorstellen und kritisieren will. Ich kann mich bei der Vorstellung dieser Theorien aber nur auf einzelne Aspekte beziehen, da eine umfassende Vorstellung dieser Theorien den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen würde.

So geht es im folgenden um Auguste Comtes Überlegungen zur "sozialen Dynamik", im besonderen um das "Dreistadiengesetz", sowie im "soziale Statik". Weiterhin werden der Organismusbegriff von Herbert Spencer und Vilfredo Paretos Überlegungen zu logischen und nicht-logischen Handlungen, sowie seine Theorie von der "Zirkulation der Eliten" vorgestellt. Im letzten Teil der Arbeit werde ich mich mit Emile Durkheims Theorien auseinandersetzen, wobei es dabei nur um seine allgemeinsten gesellschafts- und wissenschaftstheoretischen Grundannahmen gehen kann, insbesondere aber um sein Konstrukt der "sozialen Tatsachen". Abschließen möchte ich noch eine zusammenfassende Einschätzung abgeben.

2. Auguste Comte (1798-1857): Naturgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung

Auguste Comte, der nach seiner Schulausbildung in von Theologie und Philosophie gereinigten Naturwissen-schaften zunächst als Sekretär bei Saint-Simon arbeitete und dort umfangreiche Studien in allen Wissen-schaften betrieb, war der erste, der das Wort "Soziologie" für eine neue Wissenschaft verwandt hat und somit wohl als "erster" Soziologe bezeichnet werden kann.

Im ging es vor allem darum, den gesetzmäßigen Charakter der gesellschaftlichen Entwicklung zu erkennen. Dabei wollte er sich Beobachtungsmethoden bedienen, die an den exakten Naturwissenschaften orientiert waren und jegliche Spekulationen verbannen.

Schlüsselbegriffe und grundlegende Unterscheidungen der Soziologie in Comtes Überlegungen sind Ordnung und "soziale Statik", Fortschritt und "soziale Dynamik". Die "soziale Statik" widmet sich dabei den gesetz-mäßigen Bedingungen der sozialen Ordnung, während die "soziale Dynamik" mit der historischen Methode (Comte hielt es für erforderlich, zunächst den vergangenen Zustand der Gesellschaft zu untersuchen und dann daraus den folgenden, zeitgenössischen Zustand abzuleiten) die Abfolge von Phasen des Fortschritts beschreibt. "Anders ausgedrückt, erforsche die letztere die Gesetze der Aufeinanderfolge, die erstere aber die Gesetze des Nebeneinanderbestehens von Erscheinungen" (Kon 1968, 12). Beide, "soziale Dynamik" wie "soziale Statik" haben sich dabei auf "beobachtbare Fakten" zu beschränken und die unveränderlichen Naturgesetze des gesell-schaftlichen Zusammenlebens zu erforschen

Soziale Dynamik

In seinem "Dreistadiengesetz", dem "Grundgesetz" der "sozialen Dynamik", behauptet Comte, daß das gesell-schaftliche wie individuelle menschliche Wissen notwendig drei aufeinanderfolgende Stadien durchläuft. Grundlage seiner Einteilung der Menschheitsgeschichte in Stadien - dem theologisch-fiktiven, dem meta-physisch-abstrakten und dem wissenschaftlich-positiven - ist die Unterscheidung zwischen drei verschiedenen Weltanschauungen, womit er gleichzeitig die absolute Verschiedenheit dieser grundlegenden gesellschaftlichen Organisationsprinzipien behauptet:

Im ersten Stadium, dem theologisch-fiktiven, herrscht ein Denken vor, das nach den letzten Ursachen der Dinge fragt und alle natürlichen Erscheinungen als Wirken personaler, übernatürlicher Kräfte und Mächte inter-pretiert.

Das zweite Stadium, das metaphysisch abstrakte, sieht Comte als eine Art Zwischenphase, in der die Einzel-wissenschaften zunehmend positiv werden. Der Unterschied zur theologisch-fiktiven Phase besteht darin, daß die bewegenden Ursachen des Weltgeschehens nicht mehr Göttern zugeschrieben werden, sondern abstrakten Wesenheiten oder Prinzipien wie die Natur, die Bewegung, die Freiheit oder den sich entfaltenden Weltgeist.

Das dritte und letzte Stadium ist das wissenschaftlich-positive, welches den Endpunkt in der Geschichte der Wissenschafts- und Wissensentwicklung setzen soll. Alle Wissenschaften seien positiv geworden und als "Krönung" entsteht die Soziologie. Die Frage nach den letzten Ursachen der Dinge wird als sinnlos angesehen und aufgegeben, stattdessen beschränkt man sich nun darauf, "zwischen den Erscheinungen aufgrund von intersubjektiv nachvollziehbaren Beobachtungen die Regelmäßigkeiten bzw. die Konstanz und die zwischen ihnen waltenden Gesetze nachzuweisen" (Korte 1993, 33). "Die Wissenschaft gibt nach Comte keine Antwort auf die Frage, was existiert, sondern wie die Erscheinungen ablaufen" (Kon 1968, 10).

Für Comte steht fest, daß "die Ideen die Welt regieren und umstürzen" (Comte in Kon 1968, 13), weshalb sich auch alle Institutionen grundlegend unterscheiden müssen, je nachdem ob die eine oder die andere von diesen Weltanschauungen in einer Gesellschaft herrscht. Als "Substrat" dieser Betrachtung formuliert Comte die Eroberung und die Produktion als wesentliche Eckpfeiler einer jeden Gesellschaftsentwicklung.

Die Gesellschaften im theologischen Stadium leben nach Comte nicht in erster Linie von regelmäßiger Arbeit, sondern von der Kriegsführung und Versklavung fremder Völker, da ihnen die für jegliche Produktionstätigkeit entscheidende Frage nach den gesetzmäßigen Zusammenhängen zwischen den Dingen fremd sei. Nach Comte gibt es für dieses Denken "keine andere Ressource als das Gebet" (Comte in Hauck 1991, 450). So bestehen sie in erster Linie aus Kriegern, Sklaven und den Theologen, der "spekulativen Klasse", wobei alle drei für die gesellschaftliche Entwicklung notwendig sind.

Comte war der Meinung, daß die Sklaverei "die notwendige Vorbereitung auf die schließliche Fülle des industriellen Lebens [war], das so dem größten Teil der Menschheit aufgezwungen wurde trotz unserer angeborenen Abneigung gegenüber der Arbeit" (ebd., 451). Nur beim Militär "konnte die primitive Gesellschaft Ordnung lernen" (ebd., 450). Weiterhin hätte es ohne die "spekulative Klasse" der Theologen keine Trennung von Theorie und Praxis geben können, ohne das sich weder ein "System gemeinsamer Überzeugungen, ohne das es keine Gesellschaft gibt" (ebd.), noch theoretisches Denken hätte entwickeln können.

Comte meint, "daß kein militärisches System entstehen und Bestand haben könnte, wenn es nicht von vornherein auf theologische Weihungen zurückgreifen könnte, ohne die innerliche Unterwerfung, die es benötigt, weder vollständig noch dauerhaft sein kann" (ebd.). So sind Militär und Theologen durch "ein festes Band miteinander verbunden" (ebd.) und stehen beide der industriellen Entwicklung feindlich gegenüber

Das metaphysisch-abstrakte Stadium ist nach Comte, wie schon erwähnt, eine Art Übergangsphase. Viel mehr hat er über diese Phase nicht verlautbaren lassen. Es scheint jedoch, daß ihm der Geist des metaphysischen Zeitalters der der Aufklärungsphilosophie ist, die ihrerseits als geistiger Urheber der französischen Revolution erscheint. Aufklärung und Revolution waren zwar notwendig um das theologische Denken zu überwinden, müssen aber ihrerseits überwunden werden, damit sich das wissenschaftliche Denken durchsetzten kann und die gesellschaftliche Ordnung erhalten bleibt.

Das wissenschaftliche-positive Stadium ist das dritte und endgültig letzte Stadium und setzt somit den End-punkt in der Geschichte der Wissenschafts- und Wissensentwicklung. Die positive, die wissenschaftliche Methode durchdringt alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Charakteristisch an diesem Stadium ist, daß die Menschen nicht mehr nach absolutem Wissen über letzte Gründe streben, sondern nach "relativem Wissen über invariante Beziehungen, welches sich nützen läßt, um den Gang der Dinge zu beeinflussen" (Hauck 1991, 451). Industrie und Wissenschaft stehen in einem engen Bündnis miteinander und in unüberwindbarem Gegen-satz zum Militär und zur Kirche - aus den gleichen Gründen die diese untereinander zu Bündnispartnern machten.

Im theologischen sowie im wissenschaftlichen Stadium gibt es also eine spekulative Klasse (erst Theologen, später Wissenschaftler) und eine aktive Klasse (erst Militärs, dann Industrielle). An die Stelle der Sklaven treten im wissenschaftlichen Stadium die Proletarier, denen Comte verspricht, daß sie für die "Mühen, die mit ihrer Position untrennbar verbunden sind" - einer "Position, für die sie von Natur aus am besten geeignet sind", mit einem "größeren Anteil am öffentlichen Leben" entschädigt werden sollen (Comte in Hauck 1991, 451 f.).

Auffallend ist, daß Comte in seinen Überlegungen zur "sozialen Dynamik" auf die Analyse historischen Materials wie historischer Monographien fast vollständig verzichtet hat, obwohl er der Geschichte eine enorme Bedeutung bemißt. Das Dreistadiengesetz ist also nicht aus der Untersuchung der jeweiligen Epoche abgeleitet, sondern eher als "der Geschichte im nachhinein übergestülpte Strukturprinzipien" (Korte 1992, 37) zu verstehen ist. Es scheint ohne Zweifel, daß sein Entwurf naturalistisch und ahistorisch ist, da er als Gegensätze zwischen aufeinander folgenden Epochen konstruiert, was vor allem die Klassengegensätze seiner eigenen Gesellschaft waren. Es wird deutlich, daß er unzweifelhaft Partei für das französische Bürgertum und gegen das Proletariat ergreift: Laut seinem Dreistadiengesetz gehören dem Bürgertum und der Wissenschaft die Zukunft, wogegen das gegen die aufsteigende und sich auf wissenschaftliche Rationalität berufende Bourgeoisie des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts gerichtete Bündnis von Thron und Altar bzw. von Feudaladel und Klerus, als das die Frühgeschichte der gesamten Menschheit bestimmende gesellschaftliche Verhältnis dargestellt wird. Die Aufklärungsphilosophie wird dabei als rückständig erklärt, da für ihn der Geist der Revolution verschwinden muß (wie der der Theologie), sonst könnte das Proletariat die Versprechungen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit zu ernst nehmen und gegen die Bourgeoisie als sich etablierende herrschende Klasse einklagen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Positivismus in der Soziologie des 19. Jahrhunderts
Hochschule
Universität Bielefeld  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Rationalismus und Empirismus in der Soziologie
Autor
Jahr
1996
Seiten
24
Katalognummer
V2796
ISBN (eBook)
9783638116855
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Positivismus, Soziologie, Jahrhunderts, Rationalismus, Empirismus
Arbeit zitieren
Thorsten Reineke (Autor), 1996, Positivismus in der Soziologie des 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2796

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