Das Lächeln und die Unmenschlichkeit in der philosophischen Anthropologie Helmuth Plessners


Hausarbeit, 2010
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Sommersemester 2010

1 Einleitung

2 Der Begriff der exzentrischen Positionalität

3 Die anthropologischen Grundgesetze
3.1 Das Gesetz der natürlichen Künstlichkeit
3.2 Das Gesetz der vermittelten Unmittelbarkeit, Immanenz und Expressivität
3.3 Das Gesetz des utopischen Standorts

4 Das Lächeln
4.1 Das Wesen des Lächelns
4.2 Die Sonderstellung des Lächelns
4.3 Lächeln als Mimik des Geistes
4.4 Rückführung des Lächelns auf die anthropologischen Grundgesetze

5 Unmenschlichkeit
5.1 Unmenschlichkeit im geschichtlichen Kontext
5.2 Die Sonderstellung des Menschen
5.3 Maßlosigkeit des Menschen
5.4 Rückführung der Unmenschlichkeit auf die anthropologischen Grundgesetze

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Beschäftigt man sich mit philosophischer Anthropologie, so ist ein Studium Helmuth Plessners (1892 - 1985) nahezu unumgänglich. Er gilt als einer der Begründer dieser Disziplin, bei der die Frage nach dem Menschen in den Vordergrund der Philosophie rückt. Die vorliegende Hausarbeit stellt Plessners Aufsätze über das Lächeln (1950) und die Unmenschlichkeit (1966) in den Fokus. Im jeweiligen Schlussteil dieser Kapitel werde ich darüber hinaus Verbindungen zu den anthropologischen Grundgesetzen herstellen und das Lächeln sowie die Unmenschlichkeit darauf zurückführen.

Doch dazu bedarf es zunächst einer Einführung in den von Plessner geprägten Begriff der exzentrischen Positionalität des Menschen und der daraus resultierenden Unterscheidung des Menschlichen zum Nichtmenschlichen. Anschließend werde ich die anthropologischen Grundgesetze der natürlichen Künstlichkeit, der vermittelten Unmittelbarkeit und des utopischen Standorts einzeln darstellen und analysieren. Nachdem diese Begriffe klar geworden sind, widme ich mich in meinem ersten Hauptthema zunächst dem Lächeln. Durch die Fähigkeit zu Lächeln ist der Mensch dazu in der Lage, unterschiedlichste Stimmungen darzustellen und dennoch die Distanz zu sich und zum Ausdruck zu wahren. Bei der Beschreibung des Lächelns wird darüber hinaus dessen Abhebung zu Reaktionen des Lachens und Weinens veranschaulicht. Danach werde ich die Gesichtspunkte des Lächelns auf die anthropologischen Grundgesetze zurückführen.

In meinem zweiten Hauptthema werde ich den Begriff der Unmenschlichkeit darstellen und versuchen, ihm vom Wesen des Allzumenschlichen abzugrenzen. Durch unser Menschsein scheint es nämlich zunächst unmöglich, humanes Handeln als „unmenschlich“ zu bezeichnen. Daher muss nach einer kurzen historischen Einführung zunächst das spezifisch Menschliche analysiert werden, um später Bedingungen für unmenschliches Handeln aufzeigen zu können. Die Arbeit endet schließlich mit einer erneuten Rückführung der Unmenschlichkeit auf die anthropologischen Grundgesetze.

2 Der Begriff der exzentrischen Positionalität

Ein lebendiger, organischer Körper zeichnet sich dadurch aus, dass er Positionalität besitzt. Dieser Begriff bezeichnet die „Grundkategorie des Lebenden“ und die Annahme, dass das Phänomen des Lebendigen „auf dem besonderen Verhältnis eines Körpers zu seiner Grenze beruht“.1 Alles Lebendige lebt in „dynamischer Bezogenheit“ auf und zu seinem Umfeld und ist somit „nicht nur in seine Umgebung, sondern auch gegen sie gestellt“.2 Jedes Lebewesen lebt in einer Doppelstruktur des „In-Seins“ und des „Über-Sich-Hinaus-Seins“. Der lebendige Körper, sowohl die Pflanze, als auch das Tier oder der Mensch, ist also durch einen Bezug nach Innen gekennzeichnet, braucht jedoch das Außen, und somit auch das Anorganische, zum Leben.

Plessner bezeichnet die Organisationsform der Pflanze als offen und stellt sie der geschlossenen, zentrischen Form des Tieres gegenüber, da der tierische Organismus aus seiner Mitte heraus und in seine Mitte hinein lebt, jedoch „nicht als Mitte“.3 Weiterhin hebt sich der Mensch von den Tieren durch das Bewusstsein ab, die oben beschriebene Doppelstruktur zu besitzen. Dem Menschen ist die Rückbezüglichkeit zu seinem eigenen Zentrum gegeben, womit er sich von sich selbst distanzieren kann. Da der Mensch lebt, ohne seine Zentrierung aufzugeben, bezeichnet Plessner dessen Positionalitätsform als exzentrisch.

Der Mensch wird positional dreifach beschrieben. „Das Lebendige ist Körper, im Körper (als Innenleben der Seele) und außer dem Körper als Blickpunkt, von dem aus es beides ist.“4 Körper, Leib und Kultur bilden somit eine Einheit.5 Ein derart charakterisiertes Individuum bezeichnet Plessner als Person. Als das „Subjekt seines Erlebens, seiner Wahrnehmungen und seiner Aktionen“6 kann dieses Individuum wissen und wollen. Was eine Person also vom Tier unterscheidet ist die Möglichkeit, ihr Leben und Erleben zu bestreiten und sich über dieses Vermögen im Klaren zu sein, kurz, ihre selbstreflexive Fähigkeit. Nach Pietrowicz sei es darüber hinaus wichtig festzuhalten, dass Plessner „die exzentrische Position des Menschen streng apriorisch aus der geschlossenen Organisationsform des Tieres“ entwickelte, womit „die dem Menschen vorbehaltene Möglichkeit gegeben“ ist, „daß das Zentrum der Positionalität zu sich Distanz hat“ und wodurch „der Mensch aus den im Lebendigen überhaupt angelegten und mit dem Begriff der Positionalität bestimmten Möglichkeiten begriffen werden“7 kann.

Gemäß seiner dreifachen Positionalität, nach welcher der Mensch als Körper, im Körper und außerhalb des Körpers charakterisiert wird, befindet er sich in einer Welt bestehend aus Außenwelt, Innenwelt und Mitwelt.

Die Außenwelt ist nicht nur eine Welt von Dingen, sondern eine Welt von wirklichen Sachen und Objekten. Der Mensch nimmt sich in der räumlichen und materiellen Außenwelt in der selben Weise sowohl als Leib, als auch als Körper wahr, wobei diese beiden Systeme nicht zusammenfallen. Als Leib stellt er den absoluten Mittelpunkt der Außenwelt dar, um den sich alles entsprechend eines absoluten Oben, Unten, Vorne, Hinten, Rechts, Links, Früher und Später anordnet. Gleichzeitig ist der Mensch als Körper nur ein Ding unter Dingen und befindet sich an einer beliebigen, austauschbaren Stelle des einen Raum-Zeit-Kontinuums, durch welches er sich bewegt.8

Ein ähnlicher Doppelaspekt herrscht in der Innenwelt vor. Im Gegensatz zum Außen beschreibt das Innen die Welt „im“ Leib, das, was das Lebewesen selbst ist. Plessner trennt die geistige von der psychischen Wirklichkeit, wobei bei letzterer der Doppelaspekt der Existenz als Seele und Erlebnis bestimmt wird. Das Lebewesen macht sowohl im naiven als auch im reflektierten Dahinleben Erfahrungen, es erlebt und vollzieht somit psychische Realität. „Dieser Vollzug aber ist zugleich an das Selbstsein, die psychische Realität, gebunden.“9 Die Art und Weise des Erlebens ist somit von seinen vorgegebenen Anlagen, der Seele, mitbestimmt und wird wiederum durch neue Erfahrungen geprägt. „Alle seelischen Dispositionen und Leistungen sind zugleich erlebnisbedingend und erlebnisbedingt.“10

Ebenfalls aufgrund seiner exzentrischen Daseinsweise ist dem Menschen die Mitwelt gegeben. Sie „ist die vom Menschen als Sphäre anderer Menschen erfaßte Form der eigenen Position.“11 Die Mitwelt umgibt oder erfüllt die Person nicht wie die Natur oder die Innenwelt, sondern sie trägt sie und ist somit gleichzeitig Teil der Person des einzelnen Menschen, als auch Teil aller anderen. Die Mitwelt macht den Menschen zur Person und sorgt dafür, dass wir andere Menschen als gleichwertige Personen wahrnehmen können. Plessner bezeichnet den Bereich zwischen dem mir und mir, mir und dir, mir und ihm als die Sphäre des Geistes. Dieser geistige Charakter der Person beruht in der Wir-Form des eigenen Ichs und ist somit in der Mitwelt realisiert.12

3 Die anthropologischen Grundgesetze

3.1 Das Gesetz der natürlichen Künstlichkeit

Die Unsicherheit des Menschen besteht darin, dass der Mensch dazu aufgefordert ist, sein Leben zu führen; es ist ihm nicht instinktiv vorgegeben. Dadurch, dass der Mensch, im Gegensatz zu dem Tier, im Zentrum seiner Positionalität nicht einfach aufgeht, sondern in diesem Mittelpunkt steht und sich darüber bewusst ist, besitzt der Mensch positionale Exzentrizität. Aufgrund dieses Wissens über das eigene Ich sind dem Menschen die natürliche Geschlossenheit und das natürliche Gleichgewicht verloren gegangen. Diese Unzulänglichkeit muss der Mensch kompensieren, indem er sich selbst einen Ausgleich zu seiner Gleichgewichtslosigkeit schafft, da er diesen weder in der Natur noch in sich selbst findet.13 In der Organisationsform des Menschen besteht somit die Notwendigkeit, Kunst und Kultur zu schaffen. Durch seine Bedürftigkeit wird der Mensch von Natur aus künstlich.14

3.2 Das Gesetz der vermittelten Unmittelbarkeit, Immanenz und Expressivität

Ebenso wie das Gesetz der natürlichen Künstlichkeit ergibt sich auch das anthropologische Grundgesetz der vermittelten Unmittelbarkeit notwendigerweise aus der exzentrischen Positionalität des Menschen. Dieses Gesetz dient der Bestimmung des Verhältnisses des Menschen zu seiner Welt. Dieser kann wissend in indirekt-direkter Beziehung zur Welt stehen.15

Dies bedarf einer kurzen Erläuterung: Es gibt eine direkte Beziehung von A nach B, womit die Wahrnehmung gemeint ist, mit der man sich den Dingen zuwendet. Eine indirekte Beziehung beschreibt das Verhältnis von A über X nach B, der das Glied X als Vermittler zwischengeschaltet ist. Unter vermittelter Unmittelbarkeit oder indirekter Direktheit versteht Plessner „diejenige Form der Verknüpfung ... , in welcher das vermittelnde Zwischenglied notwendig ist, um die Unmittelbarkeit der Verbindung herzustellen bzw. zu gewährleisten“.16 Dieses Zwischenglied bildet der Verstand. Der Mensch steht im Zentrum und ist zur gleichen Zeit Vermittler zwischen sich und seiner Umwelt, er lebt seine Beziehungen direkt, obwohl sie im Grunde indirekt sind.

Daneben ist der Mensch ein Wesen des Ausdrucks. Er verfügt zum einen über ein Mitteilungsbedürfnis in Form von Kommunikation, zum anderen über ein Gestaltungsbedürfnis in Form von Gesten oder Gebärden. Darüber hinaus drückt sich der Mensch auch in seinen Erfindungen aus. Nach Plessner kann nur das geschaffen werden, was es eigentlich schon gibt oder was in unseren Vorstellungen bereits existiert. Somit orientieren sich Erfindungen immer an Problemen, die gelöst werden müssen. Indem wir die Möglichkeit in die Wirklichkeit umsetzen, verleihen wir der Vorstellung eine Form, was eine Ausdrucksleistung darstellt.17 Dem Menschen wohnt also die Notwendigkeit des Ausdrucks inne, woraus sich ergibt, dass es die Welt für den Menschen nur gibt, wenn dieser sie aufnimmt, ihr Gestalt gibt und sie ausdrückt, indem er sie sich bewusst macht.

3.3 Das Gesetz des utopischen Standorts

Der Mensch strebt immer danach, das Erreichte zu überschreiten. Er bringt es nicht fertig, etwas letztlich Bindendes und Widerspruchsloses zu schaffen. Das Gesetz des utopischen Standorts beschreibt die Konsequenz aus dem Gesetz der natürlichen Künstlichkeit. Durch den Mangel an der natürlichen Ordnung wird der Mensch dazu gezwungen, sich eine künstliche Ordnung zu schaffen. Er wird zwar schon immer in eine solche Ordnung hineingeboren, dennoch können die kulturellen Lebensräume großen Veränderungen unterliegen. Der Mensch muss die überkommende Ordnung immer wieder durch eine neue ersetzen, was Plessner als das Gesetz des utopischen Standorts bezeichnet. Der Mensch verharrt nicht in der Gegenwart, er ist ständig auf eine ungewisse Zukunft ausgerichtet und wird daher von Plessner als konstitutiv wurzellos beschrieben.

[...]


1 Pietrowicz, 1992, S. 367

2 Plessner, 1982, S. 9

3 Plessner, 1982, S. 9

4 Plessner, 1982, S. 11

5 vgl. Haucke, 2000, S. 157

6 Plessner, 1982, S. 11

7 Pietrowicz, 1992, S. 425

8 vgl. Plessner, 1982, S. 12

9 Plessner, 1982, S. 12

10 Plessner, 1982, S. 12

11 Plessner, 1982, S. 14

12 vgl. Plessner, 1982, S. 14f.

13 vgl. Pietrowicz, 1992, S. 445f.

14 vgl. Plessner, 1982, S. 15ff.

15 vgl. Graber, 1974, S. 188

16 Plessner, 1982, S. 34

17 vgl. Plessner, 1982, S. 31f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das Lächeln und die Unmenschlichkeit in der philosophischen Anthropologie Helmuth Plessners
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Die anthropologische Konzeption Helmuth Plessners
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V279737
ISBN (eBook)
9783656734949
ISBN (Buch)
9783656734932
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Anthropologie, Helmuth Plessner, philosophische Anthropologie, Lächeln, Unmenschlichkeit, exzentrische Positionalität
Arbeit zitieren
Patrick Dietz (Autor), 2010, Das Lächeln und die Unmenschlichkeit in der philosophischen Anthropologie Helmuth Plessners, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279737

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