Diese Hauptseminararbeit setzt sich zum Ziel, die wichtigsten Grundzüge der morphologischen Entwicklung des altrussischen Kasussystems der Substantive und Adjektivie zwischen dem 11. und dem 15. Jahrhundert zu erörtern. Die Morphologie des Kasussystems war zu dieser Zeit größeren Änderungen unterworfen, deren Ursprünge, soweit möglich, zu erläutern sein werden.
Zur Annäherung an das Thema bleibt festzustellen, dass hier das Sprachstadium des sogenannten Altrussischen untersucht wird, welches sich ca. ab dem 10./ 11. Jahrhundert aus dem Gemeinostslawischen entwickelte. [...]
Methodisch wird diese Hausarbeit nach einer kurzen Skizzierung der Quellenlage die wichtigsten Entwicklungen des morphologischen Systems der Substantive in diesem halben Jahrtausend skizzieren und die Entwicklungen durch Quellen veranschaulichen. Hieran schließt sich eine genauere Betrachtung der Entwicklung ausgewählter Kasus an, um aufzuzeigen, wie diese Hauptentwicklungen konkret auf das morphologische System einwirkten. Nach der näheren Beleuchtung der Entwicklung der Substantive, auf die in dieser Hausarbeit der Schwerpunkt gelegt wird, soll auf Entwicklungen in der adjektivischen Flexion eingegangen werden, was zum einen wegen der syntaktischen Nähe zum Substantiv, vielmehr jedoch wegen des gemeinsamen Ursprungs der Nominalflexion als sinnvoll erachtet wird.
Ausgegangen soll hierbei von dem Prinzip werden, dass bei der Erklärung der Entwicklung morphologischer Systeme an erster Stelle der lautliche Erklärungsversuch stehen muss, da das morphologische System sich in der Regel nach Entwicklungen auf phonetischer Ebene richtet. Hieran schließt sich ein Fazit an.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Quellenlage
3 Die Hauptentwicklungen des morphologischen Systems der Substantive zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert
3.1 Die Unifizierung der Deklinationstypen während der altrussischen Periode
3.1.1 Der Einfluss der harten auf die weiche Variante im Singular der ā-/ jā- und ŏ- jŏ-Stämme
3.1.2 Zur Vermischung der ŏ- und ŭ-Stämme
3.1.3 Zum Zerfall des konsonantischen Deklinationstyps
3.1.4 Zum Zerfall der ū-Stammklasse
3.1.5 Zur Unifizierung der Deklinationstypen im Plural
3.2 Der Schwund des Duals
3.3 Zum Schwund des Vokativs
3.4 Zur Entstehung der Beseeltheitskategorie im Singular
3.5 Zur Betrachtung einzelner Kasusentwicklungen der Substantive
3.5.1 Zum Instrumental Singular Maskulinum
3.5.2 Zum Lokativ Singular Maskulinum
3.5.2.1 Zum Lokativ Singular Maskulinum auf -e/ -ѣ
3.5.2.2 Zum Lokativ Singular Maskulinum auf -у
4 Die Hauptentwicklungen des morphologischen Systems der Adjektive zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert
4.1 Zur Entstehung der adjektivischen Deklination
4.2 Zum funktionalen Unterschied zwischen Lang- und Kurzform
4.3 Zur Weiterentwicklung der adjektivischen Deklination im Altrussischen
4.4.1 Zum Komparativ
4.4.2 Zur Weiterentwicklung des Komparativs während des Altrussischen
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die morphologische Entwicklung des altrussischen Kasussystems bei Substantiven und Adjektiven zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert, um die Ursprünge der tiefgreifenden Veränderungen in diesem Zeitraum zu erörtern und die Entwicklung von einer indogermanischen Stammklassendeklination hin zu einer Drei-Genus-Deklination aufzuzeigen.
- Entwicklung des altrussischen nominalen und pronominalen Deklinationssystems.
- Unifizierungsprozesse und die Entstehung der Beseeltheitskategorie.
- Morphologische Wandlung der Adjektive (Lang- und Kurzformen).
- Phonetische Einflüsse auf morphologische Systeme.
Auszug aus dem Buch
3.4 Zur Entstehung der Beseeltheitskategorie im Singular
Im Altrussischen existierte zwischen dem Nominativ und Akkusativ Singular nur noch in der ā-Flexion ein morphologischer Unterschied, ansonsten hat der Nominativ die Formen des Akkusativs angenommen. Die Neutra waren morphologisch schon seit dem Indoeuropäischen in beiden Kasus gleich, was die Kommunikation aber nicht beeinträchtigte, da diese syntaktisch eben nur in Objektpositionen auftreten konnten.
Doch gerade für die maskulinen ŏ-, jŏ- und ŭ-Stämme konnte die Unifizierung der beiden Kasus nicht folgenlos bleiben, da so die syntaktischen Beziehungen zwischen Agens und Patiens nicht mehr zweifelsfrei zu ermitteln waren. „Da der Endungsausgleich zwischen den ŏ- und ŭ- Stämmen nur Differenzierung der Genera bewirkte, versuchte man in den besonders relevanten Fällen belebter, aktionsfähiger Personen eine syntaktische Differenzierung innerhalb des Paradigmas.“ Als Objektkasus wurde bei Belebtheit (одущевленность) des Patiens der Genitiv anstelle des indifferenten Akkusativ gebraucht.
Meyer weist den ersten Gebrauch des Gentiv-Akkusativs erst mit den Novgoroder Ukrunden (ca. 1265) nach, doch finden sich schon im Ostromevanmgelium (1056/57) und in den Codices Marianus und Zographensis (11. Jahrhundert), wenn auch nicht durchgängig (!), die neuen Akkusativformen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Thema der morphologischen Entwicklung des altrussischen Kasussystems und Abgrenzung des Untersuchungsgegenstands.
2 Quellenlage: Diskussion der schriftlichen Überlieferung des Altrussischen und kritische Einordnung der verfügbaren Schriftdenkmäler.
3 Die Hauptentwicklungen des morphologischen Systems der Substantive zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert: Analyse der Unifizierung von Deklinationstypen, dem Schwund von Dual und Vokativ sowie der Entstehung der Beseeltheitskategorie.
4 Die Hauptentwicklungen des morphologischen Systems der Adjektive zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert: Untersuchung der Entstehung der adjektivischen Deklination, der Differenzierung von Lang- und Kurzform sowie der Komparativbildung.
5 Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der morphologischen Veränderungen und deren Bedeutung für das Verständnis der Sprachgeschichte.
Schlüsselwörter
Altrussisch, Morphologie, Kasussystem, Substantiv, Adjektiv, Deklination, Beseeltheitskategorie, Sprachwandel, Sprachökonomie, historische Grammatik, Sprachgeschichte, Metanalyse, Nominativ, Akkusativ, Genitiv.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die morphologische Entwicklung des Kasussystems im Altrussischen zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung der Deklinationstypen bei Substantiven und Adjektiven, dem Wegfall alter Kategorien wie Dual und Vokativ sowie der Ausbildung der Beseeltheitskategorie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die morphologischen Neuerungen und deren Ursprünge zu erläutern und zu zeigen, wie sich das System von indogermanischen Stammklassen hin zu einer modernen Drei-Genus-Deklination entwickelte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit folgt primär dem Prinzip der lautlichen Erklärungsversuche, da sich das morphologische System in der Regel nach phonetischen Entwicklungen richtet, gestützt durch die Analyse historischer Quellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Substantivsystems mit Fokus auf Unifizierung und Kategorienbildung sowie die Analyse der adjektivischen Flexion, inklusive Lang- und Kurzformen sowie Komparativbildung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Altrussisch, Morphologie, Deklination, Beseeltheitskategorie und Sprachgeschichte.
Warum wurde die Genitivendung zur Kennzeichnung der Beseeltheit gewählt?
Es wird vermutet, dass die Genitivendung als Behelfskasus diente, um bei kommunikativen Zweideutigkeiten zwischen Agens und Patiens unterscheiden zu können, da ein Akkusativobjekt häufig einem Genitivattribut entspricht.
Welche Rolle spielten phonetische Prozesse für die morphologischen Neuerungen?
Phonetische Prozesse wie die Metanalyse führten zu einer Verschmelzung von Stammvokal und Endung, was eine Verkürzung der Formen und eine tiefgreifende morphologische Umstrukturierung bewirkte.
- Arbeit zitieren
- Martin Mühlenberg (Autor:in), 2011, Die Entwicklung des russischen Kasussystems vom 11. bis zum 15. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279755