Der Umgang der Republik Österreich mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit ist immer wieder Thema kontroverser Diskussionen. Basierend auf der Moskauer-Deklaration, in der Österreich von den Alliierten zum ersten Opfer des nationalsozialistischen Deutschland erklärt wurde, entstand in der Zweiten Republik ein Geschichtsbild, welches die gesamte Verantwortung für den Nationalsozialismus auf Deutschland projizierte. Dieses Bild beeinflusste über Jahrzehnte hinweg die Selbstdarstellung Österreichs im Ausland. Verschiedene Affären um ehemalige Nationalsozialisten in hohen Ämtern im Nachkriegsösterreich, besonders aber die Kontroverse um die Vergangenheit des Kandidaten zur Bundespräsidentenwahl 1986, Kurt Waldheim, führten dazu, dass Österreichs Mitwirken im Nationalsozialismus zu einem vieldiskutierten Thema in der internationalen Presse wurde. Die öffentliche Kontroverse um Österreichs Vergangenheit wurde zur Zäsur der österreichischen Zeitgeschichtsforschung, die lange Zeit die Opfer-These mitgetragen hatte. Mit der Erklärung des damaligen Bundeskanzlers Franz Vranitzky vor dem Nationalrat, am 8. Juli 1991, wurde die „moralische Mitverantwortung“ Österreichs auch offiziell ausgesprochen. Die Verdrängung von Österreichs nationalsozialistischer Vergangenheit, die „Geschichte der Stunde-Null-Generation“, konnte auch im öffentlichen Bewusstsein nicht länger aufrecht erhalten werden.
Die Aufarbeitung der Vergangenheit ist aufgrund dieser Vorgeschichte differenziert zu jener Deutschlands zu betrachten, jenem Staat, der die Verantwortung für den Nationalsozialismus übernahm. Die Diskussion um die Deserteure der Wehrmacht war in den vergangenen Jahren in beiden Staaten medial präsent. In Österreich beherrscht die aktuelle Kontroverse um ein Deserteurs-Denkmal die politische wie mediale Auseinandersetzung. Die Arbeit beschäftigt sich mit der Aufarbeitung und dem öffentlichen Diskurs in Österreich. Sie untersucht den Zusammenhang zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem Geschichtsbild, das in Österreichs Gesellschaft lange Zeit vorherrschte und auch heute noch zu finden ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Desertion in der Wehrmacht
3. Der Umgang mit den Deserteuren nach 1945
3.1 Opferrolle und Widerstand
3.2 Erinnerung an Helden
3.3 Wende in der Zeitgeschichtsforschung
3.4 Rehabilitation der Deserteure
3.4.1 Entschließungsantrag der Grünen
3.4.2 Initiativantrag und Personenkomitee
3.4.3 Die Befreiungsamnestie von 1946
3.4.4 Das Anerkennungsgesetz 2005
3.4.5 Das Aufhebungs- und Rehabilitationsgesetz 2009
3.4.6 Deserteursdenkmal
4. Fazit
5. Literatur- und Quellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Aufarbeitung und den öffentlichen Diskurs in Österreich bezüglich der Deserteure der Wehrmacht sowie deren Zusammenhang mit dem nationalsozialistischen Erbe und dem österreichischen Geschichtsbild.
- Entwicklung des österreichischen Geschichtsbildes nach 1945 und der Opfermythos.
- Die Rolle der Militärjustiz im Nationalsozialismus und die Kriminalisierung von Desertion.
- Politische Debatten und parlamentarische Initiativen zur Rehabilitierung der Deserteure.
- Der gesellschaftliche Prozess der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und dem Gedenken.
Auszug aus dem Buch
3.2 Erinnerung an Helden
Die Identität Österreichs wurde von unterschiedlichen Narrativen geprägt. In einer Zeit, in der Österreich sich besonders auf den Widerstand im Nationalsozialismus berief, herrschte im kollektiven Einverständnis noch jahrzehntelang die Einstellung, dass Deserteure „Verräter, Feiglinge und Kameradenschweine“ seien. Die Desertion wurde als Verrat an den Kameraden und am Heimatland angesehen. In einem Interview mit Richard Wadani, ehemaliger Wehrmachtsdeserteur, stellt sich die Lage in der Nachkriegsgesellschaft Österreichs folgendermaßen dar: „Die Stimmung in der Bevölkerung, aber auch in den Ämtern gegenüber einem Deserteur war deprimierend. Denn als ich am Arbeitsamt vorsprach, habe ich noch die englische Uniform getragen. Und sofort wurde ich angestänkert. ‚Wie kommen Sie dazu, in einer fremden Armee gedient zu haben?‘“
Anfang der 1950er Jahre nahm jene Deutung überhand, dass die ÖsterreicherInnen unter Hitler nur „ihre Pflicht“ getan hatten. Die Zahl der heimgekehrten Kriegsgefangenen und große Teile des Volkes konnten sich mit den politisch in den Vordergrund gestellten Widerstandskämpfern nicht identifizieren, dementsprechend war in diese Richtung auch keine mehrheitsfähige Politik machen. Die Reaktion der beiden Großparteien führte unter anderem zu einer Milderung der Nationalsozialistengesetze, die neue Untergruppen, wie jene der „Minderbelasteten“, hervorbrachte. Erinnerungskulturell kam es in den Parteien zu einem Paradigmenwechsel, der den Fokus auf die Kriegsopfer, zu denen die gefallenen Wehrmachtssoldaten zählten, lenkte. Gemeinsam mit den Initiativen des Österreichischen Kameradschaftsbundes (ÖKB) etablierte sich jene institutionalisierte Form des kommunikativen Generationengedächtnisses, welches eine positive Bewertung und Imagebildung über die Soldaten des Zweiten Weltkriegs unterstützte. Gefallene und ehemalige Wehrmachtsangehörige wurden zu Helden der Heimat stilisiert. Diese Heldenverehrung kam auch in zahlreichen Kriegerdenkmälern zum Ausdruck, die neben den Soldaten des Ersten Weltkrieges auch an die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges erinnern sollten. Die pathetische Heldenverehrung distanzierte sich vom Spezifikum des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges und somit vom Nationalsozialismus und dem Deutschtum selbst. Die Soldaten, die somit als Verteidiger der Heimat dargestellt wurden, die in der Fremde für ihre Familie, ihre Freunde und ihr Land gekämpft hatten, ließen keinen Platz für ein positive Erinnerungen an jene, die sich weigerten, an der Seite des nationalsozialistischen Regimes zu kämpfen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die langjährige Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit in Österreich und führt in die Thematik der Deserteure als Teil des öffentlichen Diskurses ein.
2. Desertion in der Wehrmacht: Dieses Kapitel erläutert die ideologischen Hintergründe und die rigide Militärjustiz der Wehrmacht, die Desertion konsequent kriminalisierte und verfolgte.
3. Der Umgang mit den Deserteuren nach 1945: Dieser Hauptteil analysiert den Wandel der österreichischen Erinnerungskultur von der Opferrolle hin zu einer differenzierten Auseinandersetzung.
3.1 Opferrolle und Widerstand: Das Kapitel behandelt die Instrumentalisierung des Opfermythos zur österreichischen Identitätsbildung nach dem Zweiten Weltkrieg.
3.2 Erinnerung an Helden: Hier wird die Stilisierung von Wehrmachtssoldaten zu Helden der Heimat und die gleichzeitige Diffamierung von Deserteuren in der Nachkriegsgesellschaft beschrieben.
3.3 Wende in der Zeitgeschichtsforschung: Dieses Kapitel thematisiert den Einfluss der Waldheim-Affäre auf das Umdenken in der österreichischen Geschichtsforschung.
3.4 Rehabilitation der Deserteure: Der Abschnitt dokumentiert die verschiedenen politischen Etappen und Gesetzesinitiativen zur Anerkennung des Unrechts gegenüber Deserteuren.
3.4.1 Entschließungsantrag der Grünen: Hier wird der erste parlamentarische Vorstoß zur wissenschaftlichen Aufarbeitung und Rehabilitierung dargestellt.
3.4.2 Initiativantrag und Personenkomitee: Dieses Kapitel beschreibt den Druck von zivilgesellschaftlicher Seite zur juristischen Rehabilitation.
3.4.3 Die Befreiungsamnestie von 1946: Die Wiederentdeckung dieses vergessenen Gesetzes und dessen Rolle in der Debatte bildet den Kern dieses Kapitels.
3.4.4 Das Anerkennungsgesetz 2005: Hier werden die politischen Verhandlungen um dieses Gesetz und die Rolle des Gedenkjahres 2005 analysiert.
3.4.5 Das Aufhebungs- und Rehabilitationsgesetz 2009: Dieses Kapitel behandelt die finalen gesetzlichen Schritte zur vollständigen rechtlichen Rehabilitierung der Deserteure.
3.4.6 Deserteursdenkmal: Der Abschnitt thematisiert die späte Auseinandersetzung um ein öffentliches Mahnmal und den Widerstand politischer Akteure dagegen.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Widersprüchlichkeit der österreichischen Erinnerungskultur zusammen und bekräftigt die Bedeutung der Anerkennung von Desertion als Widerstand.
5. Literatur- und Quellenverzeichnis: Dies enthält die Auflistung aller verwendeten Quellen und Sekundärliteratur der Arbeit.
Schlüsselwörter
Österreich, Nationalsozialismus, Wehrmacht, Desertion, Deserteure, Aufarbeitung, Erinnerungskultur, Opfermythos, Militärjustiz, Rehabilitierung, Widerstand, Gedenken, Nationalratsbeschluss, Deserteursdenkmal, Zeitgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht den Umgang der Republik Österreich mit den Deserteuren der Wehrmacht und deren langwierigen Prozess zur rechtlichen und gesellschaftlichen Rehabilitierung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die österreichische Nachkriegsidentität, der Wandel des nationalsozialistischen Geschichtsbildes, die Kritik an der Militärjustiz und die politische Auseinandersetzung um Erinnerungsorte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der offiziellen Opfertheorie Österreichs und der realen Behandlung von Deserteuren aufzuzeigen sowie den Diskurs über die Anerkennung von Desertion als Widerstand nachzuzeichnen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse von Fachliteratur, zeitgeschichtlichen Quellen, parlamentarischen Unterlagen sowie medialen Diskursen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert chronologisch die Etappen der Rehabilitierung von 1945 bis zum geplanten Denkmal 2012, unter Einbeziehung politischer Debatten und Gesetzesänderungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie österreichische Erinnerungskultur, Wehrmacht, Deserteure, Rehabilitierung, Opfermythos und den Prozess der Vergangenheitsbewältigung charakterisiert.
Welche Rolle spielte das "Personenkomitee Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz"?
Es fungierte als zivilgesellschaftlicher Akteur, der durch Initiativen und Öffentlichkeitsarbeit maßgeblich zur Stigmatisierung der Deserteure beitrug und die rechtliche Rehabilitation vorantrieb.
Warum gab es so viel Widerstand gegen ein Deserteursdenkmal?
Der Widerstand, insbesondere durch die FPÖ und Kameradschaftsverbände, speiste sich aus der Ansicht, dass Desertion ein krimineller Akt sei und durch eine pauschale Würdigung die Tradition der Wehrmacht delegitimiert würde.
- Quote paper
- Julia Koch (Author), 2012, Desertation in der Wehrmacht. Der öffentliche Diskurs in Österreich nach 1945, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279849