Interkulturelle Kompetenz. Die Brücke zwischen kultureller Vielfalt und sozialer Arbeit


Akademische Arbeit, 2006

50 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Bedeutung der kulturellen Diversität für die interkulturelle Soziale Arbeit
1.1. Kategorisierung interkultureller Sozialer Arbeit
1.1.1. Adressatengruppen interkultureller Sozialer Arbeit
1.1.2. Umgang mit Differenzen in der Sozialen Arbeit
1.1.3. Anschlussfähigkeit interkultureller Ansätze an vorhandene Handlungskonzepte Sozialer Arbeit
1.1.4. Anforderungen an Fachkräfte der Sozialen Arbeit
1.2. Kompetenzanforderungen
1.2.1. Der Kompetenzbegriff
1.2.1. Der Begriff der Schlüsselqualifikation

2. Interkulturelle Kompetenz als Schlüsselqualifikation
2.1. Ebenen interkultureller Kompetenz
2.2. Elemente interkultureller Kompetenz
2.3. Erwerb interkultureller Kompetenzen
2.4. Kritik am Konzept der interkulturellen Kompetenz
2.5. Besondere Relevanz interkultureller Kompetenz für die Fachkräfte der Jugendarbeit
2.5.1. Der sozio-kulturelle Lebenskontext junger Menschen
2.5.2. Interkulturelle Anforderungen an die Fachkräfte der Jugendarbeit
2.5.3. Bedeutung interkultureller Kompetenz für Fachkräfte der Jugendarbeit

3. Fazit

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

Einleitung

In modernen Gesellschaften wie der BRD ist eine zunehmende kulturelle Vielfalt zu verzeichnen. Als mögliche Ursachen dieser kulturellen Ausdifferenzierung können die Zuwanderung von Individuen aus verschiedensten Kulturkreisen, die Entstehung einer großen Bandbreite subkultureller Milieus als Folge gesellschaftlicher Differenzierungsprozesse sowie eine zunehmende Interaktionsdichte im Zuge regionaler sowie globaler Wandlungsprozesse (z. B. Globalisierung, deutsche Wiedervereinigung und europäische Integration) angeführt werden. Ausgehend von einem erweiterten Kulturverständnis, welches den dynamischen Charakter von Kultur betont und die Differenzierung in Teilkulturen, Subkulturen und Milieus beinhaltet, können Kulturen nicht mehr auf Nationalkulturen reduziert oder als statisch angesehen werden. Aus einer solchen differenzierteren Perspektive ergibt sich ein neues Verständnis kultureller Vielfalt und den damit einhergehenden interkulturellen Begegnungen (vgl. Handschuck/Klawe 2004; Freise 2005). Diese Entwicklungen führen dazu, dass interkulturelle Erfahrungen heute zum Lebensalltag der Menschen gehören und ihre individuelle und kollektive Identitätsbildung prägen.

Die kulturelle Vielfalt ist gerade für die Soziale Arbeit von besonderer Bedeutung. Daher werden in dieser Arbeit zunächst verschiedene Ansätze des Umgangs Sozialer Arbeit mit Diversität vorgestellt, und interkulturelle Anforderungen an die Fachkräfte aufgezeigt. Aus diesen Erkenntnissen, Betrachtungsweisen und Anforderungen heraus wird interkulturelle Kompetenz als Schlüsselqualifikation für Fachkräfte der Sozialen Arbeit begründet.

Was unter interkultureller Kompetenz genau zu verstehen ist, wird im darauf folgenden Kapitel aufzuzeigen versucht. Um die Überschaubarkeit und Nachvollziehbarkeit der vorliegenden Arbeit zu gewährleisten, soll der Arbeitsansatz zunächst in Ebenen unterteilt werden. Auf diese Weise werden die einzelnen Elemente interkultureller Kompetenz verständlicher und der Prozess des Erwerbs überhaupt erst begreifbar. Es wird verdeutlicht, dass der Erwerb interkultureller Kompetenz vom Einzelnen hohe Anforderungen abverlangt.

Abschließend wird speziell die Notwendigkeit interkulturell kompetenter Fachkräfte in der Jugendarbeit der mehrkulturellen Gesellschaft herausgestellt. Da gerade junge Menschen im Rahmen des Heranwachsens in besonderer und ausgeprägter Weise den sozio-kulturellen Wandlungsprozessen ausgesetzt sind, erfordert dies von den im sozialbereich Arbeitenden praxisfeldübergreifend interkulturelle Kompetenz, die sie dazu befähigt, der jeweiligen Zielgruppe entsprechend gerecht zu werden und flexibel sowie reflektiert im interkulturellen Kontext agieren zu können. Darüber hinaus trägt interkulturelle Kompetenz nicht nur dazu bei, Problemlagen differenziert zu betrachten, sondern auch die zunehmende kulturelle Mobilität junger Menschen, die aus den vielfältigen interkulturellen Erfahrungen im Alltag resultiert, als Ressource zu begreifen und entsprechend zu beachten und zu fördern.

1. Bedeutung der kulturellen Diversität für die interkulturelle Soziale Arbeit

Es stellt sich die Frage, welche Bedeutung die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse und die damit einhergehende kulturelle Diversität für die Soziale Arbeit haben. Dabei muss der mehrkulturelle Charakter der Gesellschaft berücksichtigt werden. Einen solchen Ansatz der Betrachtung der kulturellen Diversität bietet Burkhard Müller. Er versteht Soziale Arbeit als „die Kunst, mit Fremden zu leben und anderen dabei behilflich zu sein“ (Müller 1995: 134) und nicht als die Kunst, Menschen aus Schwierigkeiten zu helfen (vgl. Müller 1995: 134). Daraus kann gefolgert werden, dass die Soziale Arbeit das Fremdheitserleben, welches sich aus dem Zusammentreffen unterschiedlicher kultureller Orientierungen ergibt, im Rahmen ihrer alltäglichen Arbeit als gegeben akzeptiert. Darüber hinaus nimmt die Soziale Arbeit die Rolle eines Vermittlers und Unterstützers ein, um den Menschen das Leben in einer hochgradig kulturell ausdifferenzierten Gesellschaft zu erleichtern. Müller (1995: 138) verweist darauf, dass schon die 'Urklienten' der Sozialen Arbeit Fremde und Entwurzelte waren, d.h. Menschen, die aufgrund ihrer Mobilität ihr gewohntes kulturelles Orientierungssystem einbüßten und der Unterstützung von Seiten der Gesellschaft bedurften.

Laut Sylvia Staub-Bernasconi (1995) befasst sich die Soziale Arbeit schon seit ihren Anfängen mit einer kulturellen Übersetzungsarbeit zwischen Schichten und Klassen, Jugend- und Erwachsenkulturen, Geschlechterkulturen, Land- und Stadtkulturen usw. (vgl. Schröer 2006: 62). „Insofern war Soziale Arbeit schon immer interkulturelle Arbeit, lange bevor es diese Begrifflichkeit gegeben hat“ (Schröer 2006: 63).

Das heutige Verständnis von kultureller Vielfalt, Fremdheit und Differenz in der Sozialen Arbeit ist maßgeblich von der Rezeption sozialkonstruktivistischer Ansätze[1] beeinflusst (vgl. Schröer 2006: 62). Im Forschungsparadigma des Konstruktivismus werden soziale Phänomene generell als sozial konstruiert und damit beeinflussbar betrachtet. Gleiches gilt somit für „die Konstruktionsprozesse von Kultur, Herkunftskultur oder Fremdheit…“ (Schröer 2006: 62). „Im Gegensatz zu Unternehmensstrategien geht es in der sozialen Arbeit also um die kritische Betrachtung der sozialen und kulturellen Herstellung von Differenz“ (Schröer 2006: 63).

Kulturelle Diversität ist in unterschiedlichen Dimensionen (z. B. Geschlecht, Alter, Ethnie, religiöse und sexuelle Orientierung) erfahrbar (vgl. Schröer 2006: 63). Somit ist sie den vielfältigen Bereichen des sozialen Zusammenlebens und den damit einhergehenden interkulturellen Begegnungen in vielschichtiger Weise immanent.

Interkulturalität als analytischer Begriff setzt die Akzeptanz und das Verständnis einer kulturell heterogenen Gesellschaft voraus und betont diese 'Lebenswirklichkeit' (vgl. Gemende 1999: 11). Denn „jede Gruppe und jedes Milieu in unserer Gesellschaft hat eine eigene besondere kulturelle Lebensweise, die einer eigenen „Landkarte der Bedeutung“ folgt, die die Welt für ihre Mitglieder verstehbar macht. […] Dabei ist wichtig zu erkennen, dass sich solche Gruppenkulturen ständig verändern, sie sind nicht statisch, sondern dynamisch“ (Handschuck/Klawe 2004: 28). In der Sozialen Arbeit können diese kulturellen Ausdifferenzierungen der Lebenswelten nicht mehr als ein Sonderthema betrachtet werden. Vielmehr tangieren sie die unterschiedlichsten Bereiche des sozialen Zusammenlebens und müssen deshalb entsprechend berücksichtigt werden (vgl. Klawe 2004: 11; Gemende 1999: 11). Heute gehören interkulturelle Begegnungen nicht nur in der Sozialen Arbeit zum Berufsalltag, sondern auch in vielen anderen Arbeitsfeldern (z. B. in Büros, Gastronomie, Baustellen). Die Menschen sind folglich sowohl privat als auch beruflich mit alltäglichen interkulturellen Situationen und Diversitätserfahrungen konfrontiert. Neben der Akzeptanz der vielfältigen kulturellen Ausdifferenzierungen und der Unterschiede, ergibt sich für die Soziale Arbeit die zentrale Fragestellung bezüglich des Umgangs mit Differenz. Hierauf wird an späterer Stelle näher eingegangen.

Innerhalb der Sozialen Arbeit hat sich die „interkulturelle Arbeit“ als Teildisziplin, welche sich mit der Entwicklung der mehrkulturellen Gesellschaft auseinandersetzt, herausgebildet (vgl. Freise 2005: 10). Sie verfolgt die Aufgabe, Hilfestellungen für den Umgang mit Differenz bzw. den genannten Herausforderungen zu geben und will ein für alle Beteiligten akzeptables Zusammenleben von Individuen und Kollektiven mit verschiedenen kulturellen Hintergründen ermöglichen (Freise 2005: 10). Da interkulturelle Begegnungen wie aufgewiesen heute alle Individuen tangieren, kann dieser Ansatz und die daraus abgeleiteten Anforderungen nicht nur einer bestimmten Teildisziplin der Sozialen Arbeit und der Arbeit der jeweiligen Fachkräfte zu Grunde gelegt werden. Vielmehr muss er im gesamten Spektrum der Sozialen Arbeit handlungsfeldübergreifend entsprechend Beachtung und Anwendung finden (vgl. Leenen 2002: 87).

1.1. Kategorisierung interkultureller Sozialer Arbeit

Nach Josef Freise hebt der Terminus 'Interkulturalität' die kulturelle Dimension der Sozialen Arbeit in ihren verschiedenen Handlungsfeldern hervor. Die mit den gesellschaftlichen Wandlungsprozessen einhergehende kulturelle Pluralität kennzeichnet heute alle Handlungsfelder (wie Kinder- und Jugendhilfe, Altenhilfe, Familien- und Erziehungshilfe usw.) der Sozialen Arbeit (vgl. Freise 2005: 19). So hat die interkulturelle Soziale Arbeit „als Querschnittsfragestellung alle Bereiche der Sozialen Arbeit auf die Problemstellungen zu „durchforsten“, die sich aus dem Aufeinandertreffen von Menschen einheimischer und anderskultureller Herkunft ergeben“ (Freise 2005: 20). Außerdem bezieht sich die interkulturelle Soziale Arbeit auf spezifische Handlungsfelder, in denen durch Kulturbegegnungen besondere Problemlagen entstehen. Hierfür kann beispielsweise die städtische Jugendhilfe angeführt werden. Gerade in Großstädten finden vermehrt kulturell motivierte Gewaltübergriffe statt. Hervorzuheben ist, dass interkulturelle Arbeit nicht nur als problemorientiert, sondern auch als ressourcenorientiert begriffen wird, da sie kulturelle Austauschsprozesse fördert und so Abschottungstendenzen zwischen den differenzierten kulturellen Gruppen abzubauen hilft (Freise 2005: 19).

Neben der Auseinandersetzung mit dem Zusammenleben verschiedener Kulturen innerhalb einer Gesellschaft stellen auch internationale Austauschprozesse eine Teildisziplin der interkulturellen Sozialen Arbeit dar. So rückt neben dem innergesellschaftlichen immigrationsorientierten Aspekt auch der internationale emigrationsbezoge Aspekt ins Blickfeld (Nieke 2001: 812). Wie schon im Rahmen der globalisierten Mobilität aufgezeigt wurde, verbringen gerade junge Menschen eine gewisse Zeit ihres Lebens im Ausland, sei es aus eigenem Wunsch oder der Notwendigkeit heraus (z. B. Arbeitsplatz im Ausland, Au-pair, internationalen Austauschprogramme für Schüler sowie Studierende und Reisen). Aus den interkulturellen Begegnungen erwachsen für den Einzelnen Erfahrungen, die in der internationalen Jugendarbeit professionell begleitet werden. Die internationale Jugendarbeit strebt im Rahmen von internationalen Austauschprogrammen und Begegnungen interkulturelles Lernen der Teilnehmer an.

1.1.1. Adressatengruppen interkultureller Sozialer Arbeit

Da das Interkulturelle besonders auf die Beziehung zwischen kulturell unterschiedlichen Individuen und Gruppen verweist, und dieser Arbeit ein erweitertes Verständnis von Interkulturalität und kultureller Vielfalt zugrunde liegt, können als Zielgruppe in den Praxisfeldern der Sozialen Arbeit nicht nur Migranten, wie etwa im Ansatz von Hinz-Rommel (1994), angesehen werden. So betont Willy Klawe (2004: 13) „dass das Verstehen spezifischer kultureller Hintergründe und symbolischer Ausdrucksformen nicht auf die Adressatengruppe der Migrantinnen und Migranten beschränkt bleiben kann.“ Daraus folgernd ist die Adressatengruppe interkultureller Sozialer Arbeit auf alle 'Träger' kultureller Pluralität, und somit auch auf die 'Einheimischen', zu erweitern (vgl. Klawe 2004:13; vgl. Freise 2005: 20). Auf diese Notwendigkeit verweist auch der der 11. Jugendbericht. Dem Bericht zufolge ist die „kulturelle Pluralität für die Sozialisation und die kulturelle Praxis nicht nur der Zugewanderten, sondern ebenso der Deutschen bedeutsam“ (BMFSFJ 2002: 18). So geht die Aufgabe einer interkulturell orientierten Sozialen Arbeit heute über sozial- bzw. wohlfahrtsstaatliche Anstrengungen, die nur auf Migranten gerichtet sind wie beispielsweise in früheren Ansätzen der „Ausländerarbeit“ oder „Migrationspädagogik“, hinaus. Dennoch gelten Letztere als Ursprung der interkulturell orientierten Sozialen Arbeit.

Generell bietet die Soziale Arbeit „Hilfe und Unterstützung beim Zugang zu Handlungschancen, unter anderem durch Beratung (Rechts-, Berufs-, Gesundheitsberatung), durch Bildungs- und Lernhilfen (Sprachkurse, schulunterstützende Nachmittagsbetreuungen), durch Freizeit- und Kulturangebote, durch psychosoziale Betreuungsmaßnahmen und Vernetzungshilfen“ (Leenen 2002: 87). Ihre Zielgruppe sind dabei Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen (Leenen 2002: 87). Und so bleibt eine Fokussierung auf den 'fremden' Anderen im Gegensatz zu den früheren Ansätzen aus.

Im Rahmen dieser Arbeit wird interkulturelle Kompetenz als relevant für die Interaktion zwischen Individuen aus unterschiedlichen Gruppen oder Kollektiven, welchen eigene Kulturen zugerechnet werden, angesehen. Als darin eingeschlossen wird auch die Interaktion zwischen Menschen aus unterschiedlichen Nationalitäten bzw. Gesellschaften gezählt, die jedoch als Spezialfall betrachtet werden, denn erstere gehören zur alltäglichen Erfahrungen der Gesellschaftsmitglieder (vgl. Rathje 2006: 7). Die Betrachtung von Interkulturalität bezieht sich demnach auf die Interaktionen zwischen Individuen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, dabei müssen auch die Interaktionspartner selbst, also auch die Fachkraft als durch interkulturelle oder Fremdheit gezeichnet interpretiert werden (vgl. Rathje 2006: 8).

1.1.2. Umgang mit Differenzen in der Sozialen Arbeit

Durch die gesellschaftliche Ausdifferenzierung haben es die Akteure der Sozialen Arbeit in ihrer alltäglichen Arbeit mit Adressaten zu tun, die ihnen, genauso wie deren kulturellen Ausdrucksformen, als fremd erscheinen. Heute ergeben sich zusätzliche Herausforderungen für die Soziale Arbeit einerseits daraus, dass die Adressaten als autonom handelnde Subjekte angesehen werden. Dies stellt einen Paradigmenwechsel dar und ist auf das Konzept der Lebensweltorientierung[2] zurückzuführen (vgl. Handschuck/Klawe 2004: 34). Zum anderen fordern die Komplexität und Vielfalt, welche sich aus den Prozessen der Pluralisierung der Lebenswelten und der Individualisierung der Lebensentwürfe ergeben, eine reflexive Sichtweise von den Akteuren. Vor diesem Hintergrund sind Normalitätsvorstellungen und ein damit einhergehendes Verständnis von sozialer Arbeit als einer normativen Profession, als vollends obsolet anzusehen (Handschuck/Klawe 2004: 34).

Normalisierungsparadigmen gehen mit einer Differenzbeobachtung und Differenzminimierung einher. Durch Differenzbeobachtung werden nur Unterschiede wahrgenommen, die eine Aufteilung in hilfs- oder nichthilfsbedürftige, normale oder abweichende Lebensrealität begünstigen. Die Differenzminimierung zielt darauf ab Abweichungen von der Lebensnorm entgegenzuwirken. Ziel ist die Minimierung der Differenzen durch (einseitige) Angleichung.[3] Da aber die 'Norm' selbst zunehmend zur Disposition gestellt wird und eben keine einheitlichen Normen als Orientierungshilfe für Individuen mehr vorfindbar sind, ist diese Strategie mehr als fraglich (vgl. Kleve 2002: 459f; Handschuck/Klawe 2004: 34f). Deshalb fordern die Vertreter der reflexiven Interkulturalität eine „Differenzakzeptanz“ für den sozialarbeiterischen Umgang mit kultureller Differenz (Kleve 2002: 459; vgl. Handschuck/Klawe 2004: 35).

Die Differenzakzeptanz stellt eine Strategie dar, um Toleranz von Differenz in die Arbeit einzubeziehen und sie für den Erfolg der Arbeit „fruchtbar“ zu machen (Kleve 2002: 462).

Diesbezüglich sind vier Unterscheidungen von Akzeptanz nach Kleve aufzuzeigen (Kleve 2002: 462- 469):

1. Akzeptanz existenzieller Differenz zwischen Sozialarbeiter und Klientel: Dadurch wird erst eine Selbst- und Fremdwahrnehmung, welche effizienzsteigernd auf Soziale Arbeit wirken soll, möglich.
2. Akzeptanz von Normdifferenzen: Normalität wird durch diverse soziale Prozesse wie Individualisierung oder Globalisierung vervielfältigt.
3. Akzeptanz von Wahrnehmungs-, Deutungs- und Verstehensdifferenzen (z. B. bei der Verständigung)
4. Akzeptanz ethnischer Differenzen: Damit geht die Einstellung einher, dass eine ausdifferenzierte Gesellschaft „reicher, bunter und vielfältiger“ ist (vgl. Kleve 2002: 467).

Dabei müssen laut Kleve die Unterschiede zunächst einmal wahrgenommen und ausgehalten werden. Sie dürfen aber nicht verdrängt, überbrückt, ausgeblendet oder integrativ verringert werden (Kleve 2002: 468).

Des Weiteren können Differenzen auch im Bezug auf die Verteilungs- und Verständigungsdimension unterschieden werden (vgl. Leenen 2002: 87). Dabei wird die 'Verteilungsdimension' als vertikale Differenz erfasst und die 'Verständigungsdimension' als horizontale Differenz. Letztere geht über die klassische 'Verteilungsdifferenz' hinaus, die lediglich „die unterschiedliche Ausstattung mit Lebenschancen zum Ausgangspunkt politischer Interventionen macht“ (Leenen 2002: 87). Das heißt, dass „in neueren Ansätzen neben dem soziale Ausgleichsaspekt der Aspekt der Kulturbegegnung und der interkulturellen Verständigung an Bedeutung gewonnen hat“ (Leenen 2002: 87). Die 'Verständigungsdimension' verweist auf das Recht der Verschiedenheit und die Notwendigkeit zur Anerkennung der kulturell ausdifferenzierten Individuen. In diesem Zusammenhang muss „sich der Austausch über Besonderheiten und die Anerkennung von Identitäten insbesondere über Kommunikations- und Lernprozesse vollziehen“ (Leenen 2002: 88).

Beide Perspektiven sind dabei als unabhängig voneinander zu betrachten, treten aber überlagernd in Erscheinung. Die 'horizontale Differenz' beinhaltet nicht nur das „unmittelbare Verständigungshandeln“ zwischen Individuen mit unterschiedlicher kultureller Prägung, sondern hier fließen auch die differenzierten Lebensorientierungen und Lebensentscheidungen, die sich in Welt- und Menschenbildern als Sinn- und Wertekonflikte zeigen, mit ein (vgl. Leenen 2002: 89). „Horizontale Differenzen“ liegen auch zwischen den Fachkräften und ihren Adressaten vor. Dabei sind letztere als „Experten in eigener Sache“[4] (Leenen 2002: 89) anzuerkennen. Und so ist „ein Einbezug der Sichtweisen der Betroffenen unumgänglich [und] bei jeglicher Form des Beratens, Bildens und Betreuens muß ein Abgleich von Zielhorizonten und der in bestimmten Themen und Inhalten, Methoden und Medien mitschwingenden Bedeutungshintergründe erfolgen“ (Leenen 2002: 89).

Eingebunden in die Funktionssysteme der Gesellschaft strebt Soziale Arbeit grundsätzlich Gerechtigkeit und Chancengleichheit an (vgl. Schröer 2006: 61). Ihr Leitbild der sozialen Gerechtigkeit („Sozialstaatsgebot“ [Art. 20 Abs.1 Grundgesetz]) ergibt sich, ebenso wie ihr Menschenbild, aus dem Grundgesetz. Das Menschenbild der Sozialen Arbeit ist durch grundsätzliche Wertentscheidungen der Verfassung, wie dem Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, der Gleichbehandlungsberechtigung oder der Menschenwürde geprägt (Art. 1-20 Grundgesetz). Die Soziale Arbeit ist also aufgefordert sich für „soziale Gerechtigkeit“ einsetzen und hierbei kulturelle Ausdifferenzierungen anzuerkennen (vgl. Schröer 2006: 63). Um dies verwirklichen zu können, müssen zusätzlich auch Machtverhältnisse und gesellschaftliche Ausgrenzungtendenzen beachtet und zumindest thematisiert werden, da Soziale Arbeit unter Umständen selbst zum Ausgrenzungsfaktor für die Adressaten und damit als machtpolitisches Instrument missbraucht werden kann (vgl. Schröer 2006: 63; Scheer 2001: 354).

Differenz stellt ein zentrales Thema der Geistes- und Sozialwissenschaften dar, denn Gesellschaftlichkeit verträgt anscheinend „nur ein bestimmtes Maß an Differenz, an Differenzierung, an Differenzbildung, damit der „soziale Kitt“ erhalten bleibt“ (Kleve 2002: 458). Es sind zunehmend Ängste und Abwehrhaltungen im Bezug auf gesellschaftliche Ausdifferenzierungen zu vermerken, die zu sozialen Belastungsproben und Konflikten führen. Diese haben ihre Ursachen jedoch, wie schon angemerkt, oftmals in wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhängen, die von kulturellen Unterschieden lediglich eingefärbt werden (vgl. Freise 2005: 91).

Differenzen werden, politisch motiviert, sogar vom Problem zur Gefahr stilisiert, wenn die gesellschaftliche Einheit ins Wanken gerät und Individuen als nicht mehr integrierbar angesehen werden (vgl. Kleve 2002: 458). Als augenscheinliche Repräsentanten von Differenz sind sicherlich die Migranten anzusehen. Diese stellen aber höchstens die „Spitze des Eisbergs“ dar, denn Differenzerfahrungen sind in den Lebenswelten alltäglich, z. B. in der „Vielfalt von Weltbildern, Normen, Sichtweisen, Erfahrungen, Erwartungen, Lebensstilen etc.“ (Kleve 2002: 458). Nach Heiko Kleve kann Differenz in der Sozialen Arbeit nicht mehr als Aufforderung zu Assimilation und Integration begriffen werden, sondern „wir brauchen eine Differenzreflexion, die sich vom Negativbild der Differenz befreit, die Differenz als Motor, als Generator und nicht als Zerstörer von Gesellschaftlichkeit betrachtet“ (Kleve 2002: 458).

Da Mehrkulturalität, wie sie in dieser Arbeit vorgestellt wird, nicht auf der Ebene von Großkulturen arbeitet, sondern die Kulturlandschaft in kleinere Einheiten (Teilkulturen, Subkulturen usw.) differenziert betrachtet, richtet sich den Blick stärker auf Differenzen als auf Gemeinsamkeiten (vgl. Leenen 2002: 86). Diese Perspektive berücksichtigt die Vielfältigkeit der Individualitäten und lässt ihre Kulturen lediglich als kollektive Vorstellungen und Orientierungen erscheinen. Durch die individualisierte Entwicklung der einzelnen Gesellschaftssubjekte werden die Differenzen vermutlich weiter zunehmen. Gerade diese Unterschiedlichkeit aber kann als etwas Verbindendes oder Gemeinsames betrachtet werden. Stuart Hall (1999: 422) schreibt dazu folgendes: „Wir sollten nationale Kulturen nicht als etwas Einheitliches, sondern als einen diskursiven Entwurf denken, der Differenzen als Einheit oder Identität darstellt“. Für Peter Nick (2003: 168) bedeutet das Ausblenden oder die Unterdrückung von Differenz sogar eine Beschränkung oder Verhinderung von gelungener Identitätsarbeit.

Der Sozialen Arbeit wird von staatlicher Seite eine 'Kontrollfunktion' auferlegt, bei der weniger die Hilfe im Vordergrund steht, sondern vielmehr die Unterstützung bei Anpassungsleistungen. Die „Anderen“ sollen an die gesellschaftlichen Normen und Werte angepasst werden (vgl. Müller 1995: 139). Diese Entwicklung zeigt sich beispielsweise in der Maxime „Fördern und Fordern“ im Rahmen der Hartz IV Gesetzgebung (aktivierende Leistung [§ 11SGB XII]).

Nach Müller kann Soziale Arbeit deshalb nicht als unparteiisch betrachtet werden, sondern stellt sich als interessengebunden dar. Dies ergibt sich auch aus der Tatsache, dass die meisten in der Sozialen Arbeit tätigen Personen der dominanten Mehrheitsschicht angehören. So schlägt er vor, sie nicht als 'Politik der Verteilung' sondern als 'Politik der Differenz' zu betrachten. Dies führe zur Möglichkeit einer neuen Betrachtungsweise von Unterschiedlichkeit, wobei abweichende Merkmale nicht mehr generell als positiv oder negativ gewertet würden (vgl. Müller 1995: 145). So können lebensweltliche Differenzen unparteiisch anerkannt und eine „Übersetzungsarbeit“ zwischen kulturellen Orientierungssystemen gefördert werden, dies gilt für „Jung und Alt, Frau und Mann, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund oder mit und ohne Handikaps in gleicher oder doch vergleichbarer Weise“ (Schröer 2006: 64).

Dieses Verständnis würde auch dazu beitragen, die sozialen, ökonomischen und kulturellen Differenzen kritisch und reflektiert zu betrachten. Die Thematisierung der interkulturellen Dimension könnte, entgegen allen begründeten Befürchtungen, nicht mehr zu einer vorschnellen Kulturalisierung und Ethnisierung gesellschaftlicher Probleme dienen (vgl. Schröer 2006: 63). Jedoch besteht in einer solchen Perspektive immer die Gefahr, dass die Thematisierung kultureller Differenz zu kulturalistischer Produktion von Stereotypen beiträgt und so Vorurteile verstärkt oder Diskriminierung begünstigt (vgl. Thimmel/Friesenhahn 2005: 179). Daher darf diese Gefahr nie ausgeblendet werden und muss entsprechend Beachtung finden. Ebenso darf die Analyse der Machtverhältnisse nicht ausgeblendet werden, denn ein hierarchischer Machtaspekt ist im Kontext der kulturellen Vielfalt unbestreitbar wirksam. „Interkulturelle Beziehungen sind fast durchweg durch Machtasymmetrie, Status-, Rechtsungleichheit, Wohlstandsgefälle gekennzeichnet“ (Auernheimer 2002: 185). So versucht das interkulturelle Paradigma „eine angemessene Balance zu finden zwischen der Überbetonung und der Ignorierung kultureller Aspekte“ (Gaitanides 2003: 46). Durch eine kritisch reflektierte Betrachtung von kulturellen Ausdiffernzierungsprozessen, auf der Grundlage des erweiterten Verständnisses von Interkulturalität und unter Einbezug sozialer, ökonomischer und politischer Kontexte, kann die kulturalistische Perspektive, die wie dargestellt nach wie vor die Soziale Arbeit prägt, bewusster thematisiert und vermieden werden.

1.1.3. Anschlussfähigkeit interkultureller Ansätze an vorhandene Handlungskonzepte Sozialer Arbeit

Der interkulturelle Ansatz Sozialer Arbeit gilt als anschlussfähig an vorhandene Handlungskonzepte (vgl. Handschuck/Klawe 2004: 37). Dafür lassen sich exemplarisch die Ansätze der 'Lebensweltorientierung' und 'Subjektorientierung' anführen. Beide Ansätze weisen Parallelen zur interkulturell orientierten Sozialen Arbeit auf.

Das Konzept der 'Lebensweltorientierung' wird auch synonym als 'Alltagsorientierung' bezeichnet. Hans Thiersch, der als Begründer dieses Ansatzes gilt, versteht unter lebensweltorientierter Sozialer Arbeit das Sich-Einlassen auf die eigensinnige lebensweltliche Erfahrungen ihrer Adressaten und die Akzeptanz ihrer Normen und Lebensvorstellungen (vgl. Kleve 2002: 463). Sie kann als „Versuch und Instrument der Gegenwehr zu den normalisierenden, disziplinierenden, stigmatisierenden und pathologisierenden Erwartungen, die die gesellschaftliche Funktion der Sozialen Arbeit seit je zu dominieren versucht“ verstanden werden (Kleve 2002: 463). So wird der Respekt gegenüber dem Adressaten als Grundorientierung angesehen und steht im Gegensatz zu älteren Traditionen der Sozialen Arbeit. Die traditionelle Soziale Arbeit praktiziert(e) die einseitige Anpassung an Normsysteme mit Hilfe von Instrumenten wie Sozialdisziplinierung oder Stigmatisierung. Für die Anerkennung der lebensweltlichen Erfahrungen müssen die Individuen in ihren unterschiedlichen Lebensräumen wahrgenommen werden.

[...]


[1] Aus den konstruktivistischen Theorien hat sich beispielsweise auch die Disziplin 'Gender Mainstreaming' herauskristallisiert, bei der es um die soziale und kulturelle Herstellung von Geschlecht geht (vgl. Schröer 2006: 62).

[2] Der 'Lebensweltorientierte Ansatz' wird nachfolgend noch erläutert, da die interkulturellen Konzepte an diesen anschlussfähig erscheinen.

[3] Zur Differenzminimierung durch Angleichung bezüglich der verschiedenen Systeme siehe Kleve (2002: 460ff).

[4] Die Mitwirkung von Adressaten stellt besonders in den „Empowerment“ Ansätzen eine Zielsetzung dar (vgl. Leenen 2002: 89).

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Details

Titel
Interkulturelle Kompetenz. Die Brücke zwischen kultureller Vielfalt und sozialer Arbeit
Hochschule
Fachhochschule Koblenz - Standort RheinAhrCampus Remagen
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
50
Katalognummer
V279879
ISBN (eBook)
9783656728405
ISBN (Buch)
9783668137264
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
interkulturelle, kompetenz, brücke, vielfalt, arbeit
Arbeit zitieren
Dipl. Sozialpädagogin Nicole Marx (Autor), 2006, Interkulturelle Kompetenz. Die Brücke zwischen kultureller Vielfalt und sozialer Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279879

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