Die Grünen. Eine Partei des alternativen Milieus?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der gesellschaftliche Hintergrund: alternative Milieus & neue soziale Bewegungen
2.2 Das Alternative Milieu als Konstrukt
2.2 Die neuen sozialen Bewegungen
2.2.1 Die Ökologiebewegung

3. Der parteigeschichtliche Hintergrund: Die Gründung der Partei „Die Grünen“
3.1 Die Gründungsphase der „Grünen“
3.2 Das Problem der Strukturbildung
3.2.1 Das Organisationsideal
3.2.1 Die ideologische Strukturbildung

4. Resümee

5. Literatur

1. Einleitung

„Am Anfang war Protest.“1

Joachim Raschke überträgt in diesem Zitat die Schöpfungsgeschichte der Genesis auf die Entstehungsgeschichte der Partei „Die Grünen“. Als Ausgangspunkt sieht Raschke den Protest. Den Protest von Bewegungen, die in den späten 1960er bis in die frühen 1980er Jahre in der Bundesrepublik Deutschland unter dem Namen der neuen sozialen Bewegungen bekannt wurden. Geprägt durch die Abgrenzung von den herrschenden Werten in der Gesellschaft, von den Werten der Elterngeneration, die häufig als „kalt“ und „heuchlerisch“ bezeichnet wurde, versuchten die neuen sozialen Bewegungen neue alternative Werte aktiv in der Gesellschaft zu etablieren.2 Sie markieren den Übergang vom klassischen zum postklassischen Industriezeitalter, der durch zwei entscheidende Veränderungen geprägt ist: die Pluralisierung und Individualisierung der Gesellschaft oder der „Suche nach neuen kollektiven und individuellen Identitäten“.3 Traditionelle Werte verfallen und neue Werte etablieren sich in einer Bundesrepublik, die zunehmend durch die Globalisierung, die Mediatisierung und den Konsum geprägt ist. Eingebettet in ein Kollektiv, dass in den späten 70er Jahren von Zeitgenossen als „zweite Kultur“ bezeichnet wurde, sollte der gesellschaftliche Status quo, die „Fabrikgesellschaft“ oder „Technokratie“, aufgebrochen werden.4 Welche enorme Wirkung aus den Wohngemeinschaften, Kneipen, Jugendzentren, Landkommunen, Plenarsälen und alternativen Medien der alternativen Szene hervorging, zeigt die Angst der damaligen Politik, etablierte Werte könnten zunehmend abgelehnt werden .5 Im Raum eben benannter traditioneller Politik haben sich 1980 „Die Grünen“ gegründet. Eine Partei, die eigentlich keine sein möchte. Eine Partei, die Petra Kelly 1982 als „Anti-Parteien-Partei“ bezeichnete und die, laut Anje Vollmer „den sozialen Bewegungen gehört“.6 An welchen Stellen spiegelt sich der gesellschaftliche Wandel in der Parteiengründung "Die Grünen" wider? An welcher Stelle zeigen sich Schnittmengen mit der Entwicklung neuer, alternativer Milieustrukturen und Wertemuster? Die soziologisch- historischen Arbeiten von Rucht, Reichhardt und Siegfried sowie Vester versuchen die Konstruktion des alternativen Milieus und der neuen sozialen Bewegungen zu definieren. Sie bilden die Grundlage des gesellschaftlichen Hintergrunds dieser Arbeit. Die politisch historischen Arbeiten von Raschke und Kleinert hingegen stellen die Geschichte der Partei in den Mittelpunkt. Sie bilden die Basis für den parteigeschichtlichen Teil dieser Arbeit. Es soll zunächst geklärt werden, wie sich das alternative Milieu definiert und in welchem Zusammenhang es mit den neuen sozialen Bewegungen steht. Anschließend soll die Brücke zu der Parteiengründung "Die Grünen" geschlagen werden.

2. Der gesellschaftliche Hintergrund: alternative Milieus & neue soziale Bewegungen

2.2 Das Alternative Milieu als Konstrukt

„Nach Meinung vieler Beobachter und Aktivisten hatte sich in den späten siebziger Jahren in Westdeutschland […] eine ‚alternative‘ oder ‚zweite Kultur‘ entwickelt. Diese definierte sich in der Abgrenzung zum gesellschaftlichen Status quo, umschrieben als ‚Fabrikgesellschaft‘ [und] ‚Technokratie‘ […].“7 Rucht spricht in diesem Zitat drei entscheidende Faktoren an: den zeitlichen, den räumlichen und den ideologischen Kontext. Er beschreibt die Entwicklung eines alternativen Milieus in der bundesrepublikanischen Gesellschaft, das in den späten 70er Jahren aufgrund einer enormen Ausstrahlung als zweite, alternative Kultur wahrgenommen wurde. Es handelt sich um eine neue Kultur, die unvereinbar mit den Werten und Normen der existierenden Kultur besteht und sich von dieser aktiv abgrenzt. Trotz dieser scheinbar eindeutigen Definition „der Abgrenzung zum gesellschaftlichen Status quo“ ist eine präzise Abgrenzung des alternativen Milieus schwierig. Die Gründe hierfür sind zugleich entscheidende Merkmale der alternativen Kultur und immanente Bestandteile des gesellschaftlichen Wandels: Pluralisierung, Individualisierung und das Streben nach Selbstverwirklichung. Wenn Reichhardt und Siegfried das alternative Milieu im Übergang vom klassischen zum postklassischen Industriezeitalter verortet, zeigt sich das insbesondere an diesen Aspekten. Als Teil der „neuen Subjektivität“, wie Reichardt und Siegfried dieses Phänomen des gesellschaftlichen Wandels umschreiben, liegt das integrative Moment gerade in der Pluralisierung.8 So paradox es auch klingt, man wollte gerade durch kollektive Gemeinschaftsbildung eine individuelle Selbstverwirklichung erzielen. In Wohngemeinschaften und Landkommunen, in Jugendzentren und Künstlergemeinschaften, in den alternativen Medien und insbesondere im zentralen Medium der Zusammenarbeit, dem „Projekt“, sollten alternative Lebensstile entwickelt und gelebt werden. Diesem alternativen Alltag steht ein Anspruch auf Selbstverwirklichung, „das Streben nach den Idealen gemeinschaftlicher Solidarität, Natürlichkeit, Ganzheitlichkeit und Nachhaltigkeit gegenüber.“9

Um dem komplexen Gefüge des alternativen Milieus näher zu kommen, scheint zunächst eine Definition des „sozialen Milieus“ sinnvoll. Rucht definiert ein soziales Milieu als:

„Konglomerat von Menschen, Gruppen, Orten, Infrastrukturen, die durch physische und symbolische Präsenz einen bestimmten sozialen Raum markieren, der sich durch eine stark binnenzentrierte Kommunikation & insbesondere durch direkte Interaktion reproduziert.“10

Das soziale Milieu entspricht einem Habitus bestimmter Personen einer Gesamtgesellschaft. Sichtbar wird dieser erstens durch die Präsenz und Interaktion bestimmter Gruppen sowie durch bestimmte Kleidung, Verhaltensweisen, Lebensstile, Sprache o.ä. Im Falle des alternativen Milieus handelt es sich bei diesem Habitus insbesondere um lokale Infrastrukturen wie Kneipen, Jugendzentren und Wohngemeinschaften. Hier, aber auch in Plenarsälen und Kongressen, fand die „direkte Interaktion“ statt, hier wurden Werte, Wünsche und Ziele des alternativen Milieus kommuniziert. Ebenso wichtig für die „binnenzentrierte Kommunikation“ war die indirekte Interaktion über die alternativen Medien. Hier definiert sich der „'moralische Habitus' gegen die Normen der klassischen Moderne“11 in Zeitungsartikeln, Liedtexten, Buchtiteln, usw. Welche Wirkung die Themen des Alternativen Milieus hatten, wird insbesondere durch die eben genannten alternativen Medien deutlich: So existierten 1980 360 unterschiedliche alternative Zeitungen mit einer Auflage von 1,612

Millionen. Vester definiert diese Personengruppe als „Koalition der jungen Avantgardmilieus aus mehreren Klassen“.13 Dies widerspricht der häufig genannten Annahme, die Mitglieder des, von Rucht definierten, alternativen Milieus, seien ein geschlossener, homogener Personenkreis.

Vester u.a. unterscheiden, als Resultat eines Forschungsprojekts von 1988 bis 1991, fünf alternative Bewegungsmilieus und subsumiert die ersten beiden einem engeren alternativen Milieubegriff: (1) das Submilieu der humanistisch-aktiven und (2) das Submilieu der Ganzheitlichen sowie ferner (3) das Submilieu der Erfolgsorientierten, (4) das Submilieu der Neuen Arbeiter und (5) das Submilieu der neuen traditionslosen Arbeiter. Sie sind Resultat einer gesellschaftlichen Umstrukturierung der traditionellen Milieustrukturen. Während sich das humanistisch-aktive Submilieu als Avantgarde des humanistischen Bildungsmilieus eher auf der Ebene alternativer Politik engagierte, stand beim Submilieu der Ganzheitlichen die Verwirklichung alternativer Lebensstile im Mittelpunkt. Die weiteren Submilieus, der neue Arbeitertypus, die Gruppe der Erfolgsorientierten und die Hedonisten, stellen sicherlich eine Schnittmenge mit dem engeren alternativen Milieu dar, sind aber insgesamt aber nicht der aktiven alternativen Szene zuzurechnen.14

Als „zweite Kultur“ oder alternatives Milieu werden die o.g. Submilieus Ende der 70er Jahre also nur bezeichnet, weil sie von der Gesellschaft und den Medien als Kollektiv bzw. Einheit wahrgenommen wurden. Was in Wirklichkeit einen kleinen Teil der neuen Lebensstilmilieus darstellt, wurde in den späten 70er und Anfang der 80er Jahre Jahren als Synonym für alle avantgardistischen Jugendmilieus genutzt.15 Der Begriff des Alternativen Milieus stellt demnach bloß ein Konstrukt dar, dass es in dieser Form nur als kleinen Kern gegeben hat und dass der Pluralität des gesellschaftlichen Wandels auch nur bedingt gerecht wird. Vielmehr haben sich aus den klassischen gesellschaftlichen Milieus, neue alternative Bewegungsmilieus bzw. Lebensstilmilieus abgegrenzt, die trotz ihrer Bewegungsaffinität nicht als Einheit verstanden werden können. Somit scheint es sinnvoller im Folgenden, von alternativen Milieus oder der alternativen Szene zu sprechen.

Die Schwierigkeit, das engere Alternative Milieu zu definieren und von anderen neuen sozialen Lebensstilmilieus abzugrenzen scheint schwierig und ist in der Wissenschaft nur bedingt vorgenommen worden. Eine Überschneidung und gegenseitige Beeinflussung der verschiedenen Submilieus ist durchaus möglich und wird durch den Begriff der „alternativen Bewegungsmilieus“ von Vetter auch unterstrichen. So existierten z.B. auf dem Land andere alternative Milieustrukturen als in der Stadt und an den Universitäten wurden die Werte des gesellschaftlichen Wandels auf andere Weise zum Ausdruck gebracht als unter Auszubildenden.

[...]


1 Raschke 1993, S. 41

2 Vgl. Rucht 2010, S. 62

3 Raschke 1993, S. 54

4 Vgl. Rucht 2010, S. 62.

5 Als Ausdruck dessen wurde im Mai 1981 die Bundeskommission „Jugendprotest im demokratischen Staat“ eingerichtet.

6 Vgl. P. Kelly, Wir sind die Anti-Parteien-Partei, SPIEGEL-Gespräch, in: DER SPIEGEL vom 14.6.1982 sowie vgl. Kleinert 1992, S. 303

7 Rucht 2010, S. 62

8 Vgl. ebd. S. 17

9 Reichhardt & Siegfried 2010, S. 9f.

10 Rucht 2010, S. 64

11 Reinhardt & Siegfried 2010, S. 11

12 Vgl. ebd., S. 12

13 Vester u.a. 2010, S. 218

14 Vester u.a. 2010, S. 38f.

15 Vester u.a. kommen zu dem Ergebnis, dass nur ca. 2,3 Prozent (1,4 Mio.) der westdeutschen Bevölkerung dem Alternativen Milieu angehören.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Grünen. Eine Partei des alternativen Milieus?
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V279880
ISBN (eBook)
9783656737353
ISBN (Buch)
9783656737339
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
grünen, eine, partei, milieus
Arbeit zitieren
Malte Dassau (Autor), 2010, Die Grünen. Eine Partei des alternativen Milieus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279880

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