"Romeo und Julia auf dem Dorfe". Der Einfluss der historischen Wirklichkeit auf das literarische Werk


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Elemente innerhalb der Novelle "Romeo und Julia auf dem Dorfe"
2.1 Der Begriff der Ehre
2.2 Ehe, Liebe und Familie
2.3 Die Bauern, die Dorfgesellschaft, die Menschen in Seldwyla und die Heimatlosen

3. „Romeo und Julia auf dem Dorfe“
3.1 Umfang der Verarbeitung von real-historischen Begebenheiten
3.2 Die Funktionen der Gestaltung und die Mittel der Fiktionalisierung im Kontext des

literarischen Werks

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gottfried Keller schuf mit seinem Werk „Die Leute von Seldwyla“1 eine der bedeutendsten Novellensammlung des Realismus. Sie verbindet die Handschrift des Schreibers mit den historischen und sozialen Gegebenheiten der Zeit. So ist die Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“, welche 1875 in ihrer endgültigen Fassung erschien, ein Spiegel der damaligen Gesellschaft und deren Normen, Werten und Charakteristika. Dennoch muss die Novelle auch als literarisches Werk betrachtet werden, in welchem Keller seine eigene Wirklichkeit konstruiert. Das Scheitern der jungen Liebe von Sali und Vrenchen und der abwärtsgeneigte Prozess, welcher sich über die komplette Novelle erstreckt, sollen in dieser Hausarbeit in den Blick genommen werden.

Wie konnte die junge Liebe dieser Menschen im Suizid enden? Warum versperrt, vor allem der Hass der Väter aufeinander, das glückliche Zusammensein der beiden? Wieso können sie sich nicht von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen lösen und ihren individuellen Weg zum Glück gehen? Wie schafft es die Gesellschaft junge Menschen so mit ihren Werten und Normen zu vereinnahmen, dass sie sich gegen ihr persönliches Glück in der Zukunft entscheiden?

Dieser Fragenkomplex soll nachfolgend in einem Dreischritt bearbeitet werden. Hierzu werden zuerst die Stellen der Novelle in den Fokus gerückt an welchen Elemente auftauchen, die Frenchen und Sali nicht überwinden können und an denen es festzumachen ist, dass die beiden ihre Liebe nicht offen im anfänglichen Umfeld ausleben können. Diese Elemente werden, um die Arbeit effektiver vorantreiben zu können, kategorisiert. Hierbei werden die Kategorien der Ehe, Liebe und Familie erarbeitet. Zudem wird der Begriff der Ehre eine zentrale Bedeutung tragen und der Bereich der Dorfgemeinschaft und der anderen Akteure wird ebenfalls mit einbezogen werden. Hiermit ist der erste Arbeitsschritt, welcher sich primär und sehr detailliert mit der Novelle Kellers befasst, beendet.

Aufgrund des Umfangs der Arbeit wird jeder Abschnitt mit einem Einschub der realen historischen Gegebenheiten beginnen. Somit sind die nachfolgenden Aspekte in den historisch-gesellschaftlichen Kontext eingebunden und werden helfen, diesen besser zu begreifen.2 Dieser wird die Basis bilden, sodass ein direkter Vergleich der Elemente möglich wird. Die historischen Hintergründe, im Besonderen die Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts, werden somit beleuchtet. Die Kategorien werden beibehalten und den historischen Elementen gegenübergestellt. Die Werte, Normen und Regeln der Gesellschaft sollen verglichen werden, sodass ein Bild entsteht, welches die Parallelen, aber auch die Unterschiede oder Ungenauigkeiten der Novelle gegenüber dem realen historischen Kontext aufzeigt.

Dieser Schritt führt die Arbeit vom literarischen Werk, welches Keller geschaffen hat, weg, aber somit können jene Elemente aufzeigt werden, welche Keller hinzugefügt oder abgewandelt hat. Diese Elemente innerhalb der Novelle sollen im letzten Arbeitsschritt Verwendung finden. Denn hier soll die Gestaltung und der Umgang Kellers mit der Realität dargestellt werden. Genauer soll die von Keller geschaffene literarische Wirklichkeit skizziert werden. Der Umgang Kellers mit den realen historischen Bedingungen und der Umfang, wie die Art der Verwendung für seine fiktionale Wirklichkeit innerhalb der Novelle, soll beleuchtet werden. In besonderem Maße wird in diesem Teil der Beginn der Novelle in den Blick genommen und nach dem Sinn und den Mitteln gesucht, durch welche Keller seine Wirklichkeit entstehen lässt und diese aufrecht erhält.

Der letzte Schritt wird die Frage nach den Beweggründen Kellers anschneiden, welche seinen Umgang wie auch die Art und Weise seines Arbeitens mit den zwei Realitäten erklären soll.

Durch die hohe Popularität von Gottfried Keller und im Besonderen des Werkes „Die Leute von Seldwyla“ ist eine breite Forschungsgrundlage gegeben. Die Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ zählt zudem zu einem der bekanntesten Stücke aus dieser Sammlung. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Arbeiten von Gottfried Keller hat eine lange Tradition und diese soll, mit den sozialgeschichtlichen Hintergründen verbunden, in dieser Arbeit weitergeführt werden. Um die zentralen Frage zu beantworten, wird der primäre Text eine große Rolle spielen. Zudem werden die Ausarbeitungen und Publikationen von Karl Fehr, Josef Mooser, Heinrich Ebel und Barbara Beuys eine wichtige Position in dieser Arbeit einnehmen.

2. Die Elemente innerhalb der Novelle "Romeo und Julia auf dem Dorfe"

2.1 Der Begriff der Ehre

Der Begriff der Ehre ist im 19. Jahrhundert anders zu verstehen als heute. Nach dem heutigen Verständnis kann Ehre durch Fleiß und Tüchtigkeit erworben werden. Zudem ist der Begriff sehr eng mit dem Ansehen und der Anerkennung einer Person oder Familie verknüpft. Dies gilt im 19. Jahrhundert nicht, denn es existiert ein Ständesystem. Hierbei ist der bäuerliche Anteil an der Gesellschaft noch sehr hoch und wird nur langsam durch das Fortschreiten der Industrialisierung verringert.3 Hierdurch erhält jeder eine soziale und politische Position, welche ihm Pflichten und Recht einräumt. Doch wenn er diese nicht erfüllt, kann er seine Ehre verlieren. Die Gemeinschaft fordert eine „material erfüllte Rechtlichkeit“4, welche durch Geburt gegeben ist und somit wird Ehre den einzelnen zugewiesen. Auf den Verlust der Ehre folgt in der Umkehr der Ausschluss aus der Gesellschaft.

In der Novelle ist diese Ehrvorstellung omnipräsent, sodass „der Drang nach Ehre [...] weitgehend [das] menschliche[s] Handeln“5 bestimmt. Ehre macht den Menschen zufrieden und macht seine Identität im eigentlichen Sinne aus.6 Diese Ehre besitzen Manz und Marti zu Beginn der Novelle. Sie gehören zu den „besten Bauern“7 des Dorfes und erledigen ihre Arbeit im Sinne der Gesellschaft. Sie verkörpern „den sicheren, gutbesorgten Bauersmann“8 und halten durch ihr Handel wie auch ihr Auftreten die Ehre für sich selbst und ebenso für die Familie aufrecht. Zudem achten die beiden äußerst genau auf ihr Äußeres. Hierbei ist die Kleidung ebenso gemeint wie die Tatsache, dass sie „wohlrasiert“9 sind. Auch die Selbstwahrnehmung der Bauern zeigt eine Zufriedenheit mit dem Leben und ihrer Lebenslage.10 Einen wichtigen Einschnitt bildet der Fakt, dass die beiden Bauern wissen, dass dem schwarzen Geiger der brachliegende Acker zusteht, doch dies bewusst nicht preisgeben und ihn nicht unterstützen. Dies steht dem Ehrverständnis entgegen und verletzt die Ehrlichkeit, kann aber dadurch begründet werden, dass die beiden Bauern dem schwarzen Geiger aufgrund seiner sozialen Stellung nicht als vollwertig ansehen und ihm nicht helfen wollen in der Dorfgemeinschaft Fuß zu fassen.11 Diese Verweigerung bildet den Grundstein zum Verfall der Ehre, denn nur so kann der Acker versteigert werden und wird zum Familienstreit zwischen den Bauern führen. Das nicht Irren wollen,12 zugunsten des eigenen Vorteils und zu Lasten des schwarzen Geigers zeigt ihr „inhumanes, von handfesten Interessen geleitetes“13 Gewissen. Die Menschen weichen vom „Gleichgewichtszustand“14 ab und der darauf folgende ökonomische Verfall und der Verlust der Ehre werden einen Teil dessen bilden, was letztendlich zum Suizid der beiden Liebenden führen wird. Die bäuerliche Welt, in der die Novelle spielt, trägt somit deutliche bürgerliche Züge: „Sie scheint eine wohlgegründete und geordnete Welt zu sein, die von Arbeit und Besitz, von Ehre und von Tugend weiss“15.

Der Ehrverlust hat aber durch die gesellschaftliche Situation nicht nur Auswirkungen auf die Väter, sondern durch die stark männlich geprägte Gesellschaft wird der Kontakt beider Familien gegenseitig untersagt. Die Kinder sehen sich über Jahre nicht und dennoch ruft ihre erste Begegnung nach langer Zeit große Gefühle hervor. Doch das Verbot der Väter bedeutet weiterhin für die Kinder und ihren Kontakt eine extreme Hürde. Da sie durch die Moralvorstellungen ihren Vätern zu Gehorsam verpflichtet sind, wird eine Liebesbeziehung in diesem Rahmen unmöglich. Denn „kein Glied ihres Hauses durfte mit Frau, Kind oder Gesinde des andern ein Wort sprechen“16. Die dominante Rolle der Bauern gegenüber ihren Kindern wird besonders durch den „gebieterischen“17 Ton und die körperliche Züchtigung durch „einige Ohrfeigen“18 deutlich. Denn der Streit und der Ehrverlust hat auch Einfluss auf ihre Persönlichkeit und die Kinder sind „erschrocken“19 über den Wandel und den Umgang ihrer Väter mit ihnen. Die Moralvorstellung der Verpflichtung gegenüber der Familie ist dennoch bei beiden Kindern vorhanden, welches besonders durch die Aussage Vrenchens deutlich wird, als sie sagt:“ Es ist aus, es ist ewig aus, wir können nicht zusammenkommen!“20. Dass eine Gewalttat gegen ihren Vater, ob berechtigt oder nicht, niemals von ihr toleriert werden kann und somit ein gemeinsames Leben unmöglich wird, zeigt diese Aussage sehr deutlich. Salis Vergehen kann nicht verziehen werden. Schon hier wird klar, dass das Mädchen nicht mehr an eine lange erfüllte Liebe glaubt.21

Der Ehrverlust der Väter hat nicht nur Einflüsse auf den direkten Kontakt der beiden, sondern auch auf die wirtschaftliche Lage der Familien. Den sozialen und wirtschaftlichen Abstieg der beiden Familien sehen die Kinder ebenso mit an wie die Ehefrauen der Bauern. Hier wird die dominante Stellung der Männer nochmals untermauert und der immense Einfluss der beiden auf ihre kompletten Familien deutlich. Denn der „Prozeß ruhte[n] nicht, ehe sich beide zu Grunde gerichtet hatten“22. Die Bauern in ihrer „Ehre gekränkt“23 hassten sich jeden Tag mehr und führten ihre Familien in den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ruin Die Möglichkeit der Kindern ihre Liebe weiterzuführen war somit zuerst durch die Väter verboten und des Weiteren durch den sozialen Abstieg schwieriger geworden, da sie nun am Rande der Gesellschaft existierten und nicht mehr in das Sozialgefüge des Dorfes integriert waren.

2.2 Ehe, Liebe und Familie

Die Vorstellungen der bürgerlichen Ehe und der Liebe beherrschen die Novelle von „Romeo und Julia auf dem Dorfe“. Beide Bereiche sind eng mit der Familie verknüpft und können nicht losgelöst von dieser betrachtet werden.

Die Liebe und romantische Ehe ist ein Produkt des 20. und 21. Jahrhunderts. Der Wandel hin zu diesem Ideal begann Ende des 18. Jahrhunderts und gilt als Wunschbild des Bürgertums. Dieser Modernisierungsprozess führt von der „traditionellen Familie, die durch weitläufige und komplexe Hausgemeinschaften gekennzeichnet ist, zur Kleinfamilie“24, welche in den folgenden Jahrhunderten stark an Bedeutung gewann. Doch gerade in anderen Schichten und in dörflichen Strukturen herrschten noch lange konservativere Vorstellungen vor. Denn die Ehe wurde eher als Zweckgemeinschaft gesehen, welche nicht nur den beiden Eheleuten, sondern auch den Familien Vorteile bringen sollte. Eine Art Produktionsgemeinschaft wird gegründet, welche die ökonomische Grundlage aller sichern oder optimaler Weise verbessern sollte. Keller zeigt die „umstrittene Bedeutung der Ehe“25 in jene Zeit, zum Beispiel auch im Grünen Heinrich. Doch auch in dieser Novelle wird die Problematik deutlich und die Familie als „Sozialisierungsinstitut“26 hinterfragt. Die Eheschließung wurde also aus Gründen der Vernunft und der Rationalität vollzogen und nicht aus Liebe. Zudem waren die soziale

[...]


1 Keller, Gottfried: Die Leute von Seldwyla. In: Deutscher Klassiker Verlag (Band 10), Frankfurt am Main 2006. 2

2 Vgl. Eisenbeiß, Ulrich: Didaktik des novellistischen Erzählens im Bürgerlichen Realismus, S. 172. 3

3 Vgl. Burkhart, Dagmar: Eine Geschichte der Ehre, S. 36.

4 Moormann, Karl: Subjektivismus und bürgerliche Gesellschaft, S. 24-26.

5 Girtler, Roland: „Ehre“ bei Vaganten, Ganoven, Häftlingen, Dirnen und Schmugglern, S. 213.

6 Vgl. Ebd. S. 214-216.

7 Keller, Gottfried: Die Leute von Seldwyla, S. XY.

8 Ebd. S. 69.

9 Ebd.

10 Vgl. Ebd. S. 69-74.

11 Vgl. Ebd. S.70-73.

12 Vgl. Ebd. S. 73.

13 Gsell, Hanspeter: Einsamkeit, Idyll und Utopie, S. 37.

14 Eisenbeiß, Ulrich: Didaktik des novellistischen Erzählens im Bürgerlichen Realismus, S. 172.

15 Gsell, Hanspeter: Einsamkeit, Idyll und Utopie, S. 37.

16 Keller, Gottfried: Die Leute von Seldwyla, S. 83.

17 Ebd. S. 80.

18 Ebd.

19 Ebd.

20 Ebd. S. 109.

21 Vgl. Ebd. S. 107-109.

22 Ebd. S. 81.

23 Ebd. S. 82.

24 Burguiere, Andre/Lebrun, Francois: Die Vielfalt der Familienmodelle in Europa, S. 24-25.

25 Kaiser, Gerhard/ Kittler, Friedrich A.: Dichtung als Sozialisationsspiel, S. 212.

26 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
"Romeo und Julia auf dem Dorfe". Der Einfluss der historischen Wirklichkeit auf das literarische Werk
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Weiterführendes Proseminar: Gottfried Keller: Die Leute von Seldwyla
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V280008
ISBN (eBook)
9783656732471
ISBN (Buch)
9783656732464
Dateigröße
1082 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
romeo, julia, dorfe, einfluss, wirklichkeit, werk
Arbeit zitieren
Thorsten Kade (Autor), 2013, "Romeo und Julia auf dem Dorfe". Der Einfluss der historischen Wirklichkeit auf das literarische Werk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280008

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