Conrad Ferdinand Meyer: „Das Amulett“. Betrachtung von Ironie als literarisches Prinzip und seine Anwendung auf die Konfessionsthematik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
16 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ironie als Stilmittel
2.1 Ironie im Amulett

3. Ironisierung der Religion

4. Literaturverzeichnis

5. Eigenständigkeitserklärung

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit wird der Frage nachgehen, wie die Religionsthematik von Conrad Ferdinand Meyer in seiner Novelle „Das Amulett“ ironisierend dargestellt wird. Zunächst soll die Ironie als literarisches Stilmittel und Prinzip untersucht werden um diese Erkenntnisse schließlich auf das Amulett anzuwenden und zu erörtern, wie speziell der Religionsaspekt ironisierend dargestellt wird. Die zugrunde liegende Novelle wurde von Meyer 1872/73 verfasst. Erste Aufzeichnungen zu dem Stoff machte er bereits in den 1860er Jahren und untermauerte diese später mit historischem Wissen. Seine Reise nach Paris 1857[1] bildete „den lebendig geschauten Hintergrund“[2] zu der vorliegenden Novelle.

Der reformierte Deutsch-Schweizer Hans Schadau von Bern schreibt rückblickend die Geschichte seiner Jugendfreundschaft mit dem Katholiken Wilhelm Boccard von Fryburg nieder. Schadau wurde nach dem Tod der Eltern von seinem Oheim nach calvinistischer Lehre erzogen. Um dort auf den Ausbruch eines bereits länger erwarteten Krieges zur Befreiung der von den Spaniern besetzten Niederlande zu warten zieht er später nach Paris, da er unter Admiral Colignydienen möchte. Auf dem Weg dorthin lernt er sowohl Boccard, als auch den Parlamentrat Chatillon mit seiner vermeintlichen Nichte Gasparde, die seine Ehefrau werden soll, kennen. Boccard erzählt in dem Gespräch, welches die verschiedenen Religionsansichten zum Thema hat, dass er stets ein Amulett bei sich trägt, da die Muttergottes von Einsiedeln ihn von der Kinderlähmung geheilt hat. Mit Boccard erlebt er auch 1572 die Schrecken der Pariser Hugenotten-Verfolgung und der Bartholomäusnacht. Dabei rettet Boccard Schadau zwei Mal selbstlos das Leben, einmal durch das Amulett, welches der Novelle ihren Titel gibt. Während der Ausschreitungen der Bartholomäusnacht hilft Boccard seinem Freund, aus Paris zu entkommen, er selbst wird hingegen auf offener Straße erschossen.

2. Ironie als Stilmittel

Schon Beda Allemann stellt in seinem Essay zur Ironie heraus, dass man, um die Ironie in der Literatur zu betrachten, eine Unterscheidung zur traditionellen antiken Rhetorik vornehmen muss: Ironie wird dort nicht als Standpunkt und Denkweise, sondern ausschließlich als spezifisch literarischem Phänomen angesehen. Der heutige Ironiebegriff sei dadurch geprägt, dass Ironie als eine bestimmte geistige Einstellung und Haltung eines bestimmten Menschentyps verstanden wird.[3] Somit ist sie weniger eine Stilhaltung und ein Strukturmoment als eine Geisteshaltung des Autors. Literarische Ironie wird ferner als eine Redeweise definiert, in der eine Differenz zwischen dem wörtlich Gesagten und dem eigentlich Gemeinten besteht, sie gewinnt, im Gegensatz zur Lüge, ihre spezifische Qualität daraus, dass die Differenz für den Eingeweihten (jeder, der das Ironische einer Ironie begreift) transparent wird.[4] Geschriebene Ironie muss, so auch Allemann, mit unauffälligeren „Signalen“ arbeiten als die gesprochene. In der Umgangssprache kann man sich viele gestische Signale zu Nutzen machen, die eine große Rolle spielen, zum Beispiel Augenzwinkern, Lippenschürzen o.ä. Literarische Ironie hingegen kann sich höchstens konventioneller Interpunktionssignale wie Gedankenstrich, Pünktchen oder Ausrufezeichen in Klammern (!) bedienen. Sie ist jedoch umso ironischer, je vollständiger sie auf Ironiesignale verzichtet. Darum kann es keine zureichende, rein formale, allgemein gültige Definition geben, da das Phänomen der Ironie an sich „äusserst komplex“[5] ist. Man muss also zwischen ironischen Stilmitteln, welche anhand bestimmter Sätze oder Formulierungen hervortreten, und ironischem Stil, welcher an „eine bestimmte Weltanschauung gebunden ist“[6] unterscheiden.

Beide Formen treten in Meyers Werken auf, wobei die Stilmittel den eigentlichen Schreibstil, welcher an Kontexte, Figuren und seine Weltanschauung gebunden sind, nur ergänzen und nicht das eigentlich „Ironische“ sind. Die reine Formanalyse reicht nicht aus, es muss das Werk mit Hinblick auf die Denkweise des Autors als solches betrachtet werden. Daher muss Ironie als Redeweise interpretiert werden, das Ironische ergibt sich aus dem Kontext, der Hintergrund wird beim Leser als „gegeben und begriffen“ vorausgesetzt.[7]

2.1 Ironie im Amulett

Die Novelle ist zur Zeit eines konfessionellen und politischen Wandels angesiedelt, Meyer wählt somit eine sehr „polare Themenstellung“.[8] Das spezifisch Ironische dieser Themen ist nun laut Tamara Evans, dass dieser aussichtslos scheinende Konflikt für ihn nicht unauflöslich ist. Er ist unermüdlich darauf bedacht, zwischen den Gegensätzen zu vermitteln und einen Ausgleich zu schaffen.[9] Der Begriff Novelle leitet sich vom lateinischen „novus“, neu, ab und geht auf den italienischen Begriff „novella“ zurück, was „kleine Neuigkeit“ bedeutet. Typisch für die Erzählform der Novelle ist, dass es sich um eine Prosaerzählung mittlerer Länge handelt, welche einer sehr streng festgelegten Form folgt. Im Amulett, welches die erste von Meyer verfasste Prosanovelle ist, folgt er diesem Typus der „romanischen Novelle“[10] nach dem Vorbild von Boccaccio und Cervantes sehr genau. Die Form ist, im Gegensatz zu später erscheinenden Werken, noch sehr stringent. Die Länge misst knapp 70 Seiten und die Erzählung ist in 10 Kapitel aufgeteilt, wovon das erste die Vorgeschichte ist, Kapitel zwei bis vier einer Einleitung entsprechen und der Rest dem Aufbau eines Dramas gleicht. Wie es für Novellen typisch ist, hat sie sowohl eine Rahmen-, als auch eine Binnenhandlung. Dem ersten Kapitel voran stehen die Zeilen eines vermeintlichen Übersetzers, wodurch der Eindruck verstärk wird, dass das Erzählte wahr ist:

Alte vergilbte Blätter liegen vor mir mit Aufzeichnungen aus dem Anfange des siebzehnten Jahrhunderts. Ich übersetze sie in die Sprache unserer Zeit.[11]

Darauf folgend erzählt Schadau als Ich-Erzähler rückblickend den betreffenden Abschnitt seines Lebens.

Weiterhin will Meyer zeigen, dass die Neigung seiner Protagonisten nicht automatisch mit ihrer Konfession einhergeht. So sind etwa der alte Boccard und Montaigne Katholiken, Chatillon und der Dorfpfarrer protestantischen Glaubens. Boccard und der Pfarrer sind jedoch beide „voreingenommen und intolerant“, Montaigne und Chatillon humanitär und tolerant.[12] Daran ist zu sehen, dass Menschen mit unterschiedliche Konfessionen trotzdem auf menschlicher Ebene gleich eingestellt sein können.

[...]


[1] Wiese: Deutsche Dichter, S. 533

[2] Lerber: Conrad Ferdinand Meyer, S. 66

[3] Vgl. Allemann: Ironie, S. 12

[4] Vgl. ebd. S.13ff.

[5] Vgl. Evans: Ironie, S. 8

[6] Vgl. ebd. S. 9

[7] Vgl. Allemann: Ironie, S. 19-20

[8] Vgl. Evans: Ironie, S. 15

[9] Vgl. Evans: Ironie, S. 16

[10] Koch: Idee und Wirklichkeit, S. 305

[11] Meyer: Das Amulett, S. 1

[12] Vgl. dazu Evans: Ironie, S. 24

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Conrad Ferdinand Meyer: „Das Amulett“. Betrachtung von Ironie als literarisches Prinzip und seine Anwendung auf die Konfessionsthematik
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V280118
ISBN (eBook)
9783656742913
ISBN (Buch)
9783656742869
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
conrad, ferdinand, meyer, amulett, betrachtung, ironie, prinzip, anwendung, konfessionsthematik
Arbeit zitieren
Helena Flenner (Autor), 2014, Conrad Ferdinand Meyer: „Das Amulett“. Betrachtung von Ironie als literarisches Prinzip und seine Anwendung auf die Konfessionsthematik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280118

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