Bildung als gesellschaftlicher Auftrag. Die pädagogische und subjektive Vermittlung


Hausarbeit, 2012

26 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Bildungsbegriff
2.1 Die historische Entwicklung des Bildungsbegriffes
2.2 Die Diachrone Perspektive der verschiedenen historischen Diskurse und Debatten über Bildung
2.3 Erziehung und Bildung
2.4 Der Bildungsbegriff nach Wilhelm von Humboldt

3. Bildung als pädagogischer Auftrag
3.1 Bildungstheorie: Selbstreflexion der Bildung
3.2 Bildung als reale Notwendigkeit und notwendige Realität
3.3 „Die Sorge um Bildung“
3.4 Der pädagogische Raum für das Sich-Bilden
3.5 Die Merkmale von Bildungstätigkeiten ermöglichender Räume

4. Das Subjekt der Bildung
4.1. Das Bildungsideal der „Moralität“
4.2. Selbstreflexivität und Selbstkritik
4.3. Subjektive Vermittlung

5. Bildung heute

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Kaum ein Begriff ist so omnipräsent, dabei aber zugleich so interpretationsoffen wie der Kernbegriff der pädagogischen Bildung.“[1]

Der Bildungsbegriff hat bekanntlich einen sehr wechselhaften Aufstieg. Auf Phasen der Hochschätzung, folgten in den letzten Jahren diverse Angriffe vonseiten einer neoliberalistischen, marktwirtschaftlichen Ökonomie. Aus diesen Gründen muss sich auch die Pädagogik neu behaupten, wenn Bildung nicht als eine Art „Ware“ behandelt werden soll. Die klassische Idee der Bildung im Sinne einer Selbstverwirklichung wird zunehmend herabgesetzt, da davon ausgegangen wird, dass diese eher unbrauchbar zu sein scheint. In diesem Verständnis scheint Bildung eher veraltet, wie auch unerwünscht. Vielmehr wird aus politischer und ökonomischer Sicht eine Bildung verlangt, die mehr auf eine marktkonforme Förderung der Kinder gerichtet sein soll. Daher geht die Tendenz in Richtung eines standardisierten Bildungssystems, welches es ermöglichen soll, Kompetenzen und Fertigkeiten zu vergleichen. Das individuelle Lernen spielt kaum noch eine Rolle. Um Lerninhalte zunehmend zu vertiefen, fehlt die Zeit. Die Lerninhalte werden in einem rasantem Tempo vermittelt und das Interesse daran, ob wirklich alle Schüler die Lerninhalte verstanden haben, scheint eher gering. Die Unterrichtszeit verläuft immer mehr rein theoretisch und fördert kaum das Interesse an der jeweiligen Thematik. Schüler scheinen vielmehr gelangweilt, als am Unterricht interessiert. Früher wurden Lerninhalte häufig auf praktischen Wegen vermittelt und so konnten sich die Schüler die Inhalte direkt verinnerlichen, indem sie sich an praktisch an der Lernaneignung beteiligten.

Diese Hausarbeit befasst sich daher mit dem Thema „Bildung als gesellschaftlicher Auftrag: Die pädagogische und subjektive Vermittlung“ und soll somit einen kleinen Überblick über einzelne Gebiete, die mit dieser Thematik in Verbindung gebracht werden, geben können. Der Entschluss für diese Themenwahl ist darin begründet, dass in Medien und auch im direkten Umfeld über die heutige Bildung anregend diskutiert wird. Des Weiteren ist Jeder selbst davon betroffen und schon in der eigenen Schulzeit wurden hinsichtlich dessen Erfahrungen gesammelt. Die Fragestellung dieser Arbeit richtet sich dementsprechend darauf, wie sich Bildung entwickelt hat, was Individuen dazu benötigen, um sich zu bilden und welche Einflüsse die Umgebung auf das Sich-Bilden hat. Die Ziele dieser Hausarbeit sollen darin liegen, einen Einblick in die historische Entwicklung des Bildungsbegriffes zu geben, wie auch einen Eindruck von der pädagogischen Vermittlung von Bildung gewähren und abschließend eine Wahrnehmung darüber vermitteln, wie Bildung heute angesehen wird.

Das methodische Vorgehen bezieht sich auf diverse Literatur zu der Thematik von Bildung heute und früher.

Im ersten Teil dieser Arbeit soll ein historischer Abriss über die Entwicklung des deutschen Bildungsbegriffs, sowie eine Skizzierung der wichtigsten historischen Diskurse und Debatten, einen Überblick über die unterschiedlichen Begriffe und Verständnisse von Bildung liefern. Im Anschluss wird eine theoretische Abgrenzung zu dem Erziehungsbegriff vorgenommen, um im Zuge dessen die Interdependenz, aber auch die pragmatische Ambivalenz dieses Begriffspaares herauszustellen. Des Weiteren soll eine kurze Darstellung des humboldtschen Bildungsgedankens verdeutlicht werden. Im folgenden Teil wird ein Überblick über die pädagogische Vermittlung gewährt. Hierbei wird auf den pädagogischen Raum des „Sich-Bildens“ eingegangen, wie auch auf diverse Merkmale von solchen Räumen. Folgend wird im anschließenden Abschnitt auf das Bildungsideal der Moralität eingegangen. Außerdem soll die Notwendigkeit der Selbstreflexivität und der Selbstkritik hinterfragt werden, um im anschließenden Punkt die subjektive Vermittlung näher beleuchten zu können. Abschließend wird auf das Thema „Bildung heute“ eingegangen, um so die vorliegenden Probleme näher zu betrachten.

Antwort auf die Frage, wie Individuen sich bilden, was sie dazu benötigen und welchen Einfluss die Umgebung darauf hat, findet ihren Niederschlag im anschließenden Fazit.

2. Der Bildungsbegriff

Bildung bezeichnet die Formung des Menschen im Hinblick auf sein „ Fehler! Textmarke nicht definiert. “, seine geistigen Fähigkeiten.[2]

2.1 Die historische Entwicklung des Bildungsbegriffes

Der Begriff „Bildung“ stammt vom mittelhochdeutschen bildunge beziehungsweise dem althochdeutschen Begriff bildunga ab, welcher ursprünglich „Schöpfung, Verfertigung“, aber auch „Bildnis, Gestalt“ bedeutete.[3] Aus der umgangssprachlichen Verwendung des Bildungsbegriffes im Sinne von „sich bilden, jemanden bilden oder gebildet werden“ wird deutlich, dass in diesem Zusammenhang bezüglich Bildung zwischen einem Moment der Selbst- oder Fremdbestimmung unterschieden werden muss. Zur Geschichte des Bildungsbegriffs gibt es inzwischen eine reichhaltige Fachliteratur, welche verdeutlicht, dass dieser Begriff zwar auf das Hochmittelalter zurückgeht, im Verlauf seiner Geschichte allerdings auch durch diverse Elemente aus der griechischen und römischen Antike zurückverfolgend bereichert wurde.[4] Auch wenn in der Antike der Bildungsbegriff im Sprachgebrauch noch nicht existierte, waren trotzdem gewisse Aspekte der zu Grunde liegenden Ideen vorhanden. So sind zum Beispiel schon einige theoretische Grundgedanken in dem Höhlengleichnisses von Platon enthalten, welche das spätere Bildungsverständnis mitgestalten sollten. In dem künftigen Mittelalter wurde dann erstmals von „Bildung“ gesprochen. Jedoch fand dies zu der Zeit meist nur in theologischen Hinsichten zu Beschreibung des Menschen aus dem „Bilde“ Gottes statt. In diesem Zusammenhang geschieht Bildung von „außen“, da der Mensch von und durch Gott gebildet wird. Das Individuum selbst hat hier keinen Einfluss auf seinen eigenen Bildungsprozess, sondern vollzieht sich einer Fremdbestimmung. Obwohl Bildung im heutigen Verständnis von einer selbstbestimmten Entwicklung wesentlich erst im 18. Jahrhundert geprägt wurde, ist Bildung in dem Sinne keine rein neuzeitliche „Erfindung“.[5] Bildung war demnach ursprünglich als Aneignung von Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Verbesserung gesellschaftlichen Lebens konstituiert, was der etymologischen Bedeutung des „sich ein Bild machen von“ entspricht. Auch wenn „Bildung“ in diesem Verständnis bereits mitgedacht war, gab es keinen theoretischen Bildungsbegriff und damit keine Bestimmung desselben. Geht man davon aus, dass man die ursprüngliche Ausbildung spezifischer Fähigkeiten zur Lebenssicherung als „Bildung“ bezeichnen konnte, war hier lediglich die reale Notwendigkeit gemeint, und nicht eine Reflexion darüber, wie Bildung idealisiert sein sollte. In vorindustriellen Gesellschaften blieben Bildung und Erziehung an die alltäglichen Produktions- und Reproduktionsabläufe gebunden.[6] Daraus folgend ergibt sich, dass keine gesellschaftliche Notwendigkeit zur Bildung und Erziehung bestand, da die Menschen lediglich ihren festen Platz in der Produktionsarbeit hatten und nur für diese ausgebildet wurden. Bildung blieb auf die Statuszuweisung des Einzelnen im Rahmen traditioneller Strukturen fixiert.[7]

Im 18. Jahrhundert kam es dann zu der Ausweitung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, sodass Bildung erstmals zum gesellschaftlichen Thema wurde. Im Zuge der Aufklärung wurde der Einzelne nicht mehr als Teil eines gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsprozesses betrachtet, sondern als Individuum mit Potenzialen zu einer selbstbestimmten Lebensführung. Durch diese neu gewonnene Freiheit waren die Menschen weitaus weniger festgelegt, in dem Sinne, dass sie nun selbst über ihren Lebensweg entscheiden konnten. Mit dem Beginn der individuellen Freisetzung aus den kollektiven Verhaltens- und Lebensmustern wurde Bildung im modernen Verständnis möglich, aber vor allem bestand von nun an auch eine reale Notwendigkeit zur Bildung. Das 18. Jahrhundert war somit nicht nur der Beginn des heutigen Bildungsbegriffes, sondern auch der Anfang seiner theoretischen Konstruktion.[8] Der Bildungsbegriff wurde als erkannte gesellschaftliche Notwendigkeit nun auch theoretisch reflektiert. Damit korrelierend wurde auch der Erziehungsbegriff zum Thema und zusammenhängend mit Bildung zu einem gesamtgesellschaftlichen Auftrag konstituiert. Nicht umsonst wird heute das 18. Jahrhundert als „pädagogisches Jahrhundert“ bezeichnet. Durch die Auflösung der Feudalherrschaft und damit die Herauslösung aus einer „gottgewollten Ordnung“ wurde die Möglichkeit für eine sich selbst reflektierende Pädagogik geschaffen, welche die Bedingungen und Möglichkeiten von Bildung miteinbezieht.[9] Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die begriffliche Bestimmung von Bildung historisch wie politisch transformiert.

2.2 Die Diachrone Perspektive der verschiedenen historischen Diskurse und Debatten über Bildung

Bei der diachronen Perspektive, also der verschiedenen historischen Diskurse und Debatten, können grundsätzlich fünf historische Tendenzen von Bildungsbegriffen differenziert werden. Zum einen die Phase der Aufklärung und des Idealismus, die der Arbeiterbewegung, die Studentenbewegung, die ökologische Bewegung und zum anderem der Neoliberalismus. Im Zuge der Aufklärung und des Liberalismus entstand eine Auffassung von Bildung, die fundamental von der Philosophie Kants, Hegels und Humboldts geprägt war. In diesem Sinne wurde Bildung als „Selbsterziehung des Menschengeschlechts“ und als „individuelle Persönlichkeitsentwicklung“ verstanden. Gemeint war hier vor allem auch Bildung im Sinne eines ästhetischen und emotionalen Vermögens, und nicht rein kognitives Wissen. Darauf folgend fand im 19. Jahrhundert die Arbeiterbewegung statt. Diese ist bekannt durch ihre Kernaussage: „Wissen ist Macht“. Wissen soll hier dazu verhelfen, dass das unterdrückte Proletariat sich zu freien Subjekten entwickelt. Gefordert wurde ein allgemeiner Zugang zu Bildung, welcher primär eine soziale und politische Egalität fördern und möglich machen sollte. Die Studentenbewegung forderte indes einen erweiterten Zugang zu den Universitäten, korrelierend mit Chancengleichheit und Emanzipation. Postuliert wurde die „freie Bildung“, unabhängig von Herkunft und Einkommen. Im anschließenden Zuge der ökologischen Bewegungen wurde ein zunehmend holistisches Denken propagiert, wobei die „Ökologie des Geistes“ und die Leitformel „Lernen lernen“ im Vordergrund standen. Bildung wurde nun als ganzheitliches und gesellschaftspolitisches Thema diskutiert. Letztendlich hatten die Bildungsdiskurse des Neoliberalismus das Ziel, die staatlichen Kosten zu senken, beziehungsweise einzuschränken und somit die Finanzierung der Bildung immer mehr auf den Lernenden selbst abzuwälzen. In diesem Fall wird Bildung als Ware betrachtet, die den Gesetzen der Marktwirtschaft unterworfen ist. Daraus wird deutlich, dass sich die Inhalte und die Bedeutung von Bildung an den ökonomischen Kriterien orientieren. Vor allem die Geisteswissenschaften entwickeln sich aufgrund dieses Perspektivenwechsels mehr und mehr zu einem „Luxusgut“, das wirtschaftlich betrachtet keinen großen Nutzwert besitzt.[10]

2.3 Erziehung und Bildung

Die Begriffe Bildung und Erziehung stehen in einem dialektischen Verhältnis. Trotz dessen, das sie begrifflich zusammenhängen, bezeichnen sie jeweils unterschiedliche Dimensionen menschlicher Subjektwerdung. Beide Begriffe haben gemeinsam, dass sie jeweils Prozesse meinen, die das menschliche Zusammenleben und die gesellschaftliche Reproduktion garantieren sollen. Während Erziehung primär eine Integration der Heranwachsenden in gesellschaftliche Zusammenhänge gewährleisten soll, enthält der Bildungsbegriff ein selbstbestimmtes Moment.[11]

Demzufolge hat Erziehung das Ziel Bildung zu ermöglichen. Dies strebt sie an, indem sie sozusagen die Grundlagen für ein potenzielles Lernen legt. Pädagogik als wissenschaftliche Disziplin stellt in diesem Zusammenhang die Reflexion der Bedingungen zur Ermöglichung von Bildung dar. Die Interdependenz zwischen Erziehung und Bildung kommt dadurch zu Stande, dass das Eine ohne das Andere nicht realisierbar ist. Einerseits stellt Erziehung die Voraussetzung von Bildung dar, andererseits muss Erziehung zumindest potenziell von einer Möglichkeit zur Bildung ausgehen. Die Selbstbestimmungsmomente bezüglich des Bildungsbegriffes müssen erst ermöglicht werden, indem dem Subjekt eine Bewusstwerdung über die individuelle Bildungsmöglichkeit und Notwendigkeit erfolgt. Daher wird deutlich, dass Erziehung den fremdbestimmten Anteil und Bildung den selbstbestimmten Anteil der Entwicklung eines Individuums darstellen. Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, dass Erziehung erst den Weg zur Selbstbestimmung vorbereitet. Des Weiteren zielt Erziehung auf die Formatierung der basalen Persönlichkeitskomponenten und Bildung auf die geistige Erschließung von Welt. Sie ist auf den Aufbau und die Veränderung von Bewusstsein orientiert.[12] Festzuhalten ist letztendlich, dass im Gegensatz zum Bildungsbegriff der Erziehungsbegriff in seiner Bedeutung transitiv ist, das heißt, er geht von jemandem aus und richtet sich auf jemanden. Erziehung enthält rein begrifflich kein spontanes Moment, und vollzieht eine Trennung zwischen Subjekt und Objekt. Folglich zielt die (pädagogische) Fremdbestimmung auf die Ermöglichung von Bildung ab. Die Begriffe gehören in der pädagogischen Praxis zusammen, da Erziehung ohne Bildung den eigentlichen erzieherischen Zweck verfehlt. Erziehung kann demzufolge unter dem Ausschluss von Bildung als bloße „Zucht“ bezeichnet werden. Weiter gedacht, bedeutet diese Relation, dass Erziehung als fremdbestimmter Anteil an der Entwicklung eines Menschen darauf abzielt, sich selbst „überflüssig“ zu machen und in ihrem Zweck und Sinn scheitert.[13]

2.4 Der Bildungsbegriff nach Wilhelm von Humboldt

Obwohl diverse Theorien über den Bildungsbegriff vorhanden sind, wird die Bildungstheorie von Wilhelm von Humboldt hervorgehoben. Seine strukturalistische Bildungstheorie ist für das Verständnis eines umfassenden Bildungsbegriffs sehr bedeutsam, da seine Abhandlungen und Theorien den bildungstheoretischen Diskurs von Beginn an wesentlich prägten. Humboldt definiert Bildung als einen Prozess, der sich durch und in der Vermittlung des Individuums mit der Welt vollzieht. Er spricht in diesem Fall von einer Dialektik, die sich von Innen und Außen, von Ich und Welt vollzieht.[14] Grundsätzlich geht Humboldt von einer sich im Bildungsprozess vollziehenden „Entfremdung“ und einer anschließenden Rückkehr aus dieser Entfremdung aus. Auf eine Bildungssituation angewandt würde dies bedeuten, dass das Subjekt „Neues“ als „Nicht-Identisches“ wahrnimmt, und diese Entfremdung rückgängig macht, indem es sich das Fremdartige durch eine individuelle Auseinandersetzung sozusagen zu Eigen macht. Bildung stellt in diesem Zusammenhang den Prozess der Aneignung dar, also gewissermaßen die Rückkehr aus der Entfremdung. Voraussetzung für diesen Prozess ist für ihn, dass das Subjekt diese Aneignung durch eine kritische Auseinandersetzung erreicht, somit durch eine Vermittlung von Subjektivität und Welt. Würde das „Neue“ lediglich als solches übernommen werden, bliebe die Entfremdung bestehen, da keine Vermittlung erfolgt ist. Der Aspekt der notwendigen Rückkehr aus der selbst geschaffenen Entfremdung kann auf moderne Bildungskonzeptionen übertragen werden. Aufgrund einer sehr stark ausgeprägten Leistungsorientierung und der ökonomischen Zweckgerichtetheit von Lehr- und Lerninhalten scheint dieser zweite Schritt der Rückkehr aus der Entfremdung für das sich bildende Subjekt erschwert.[15]

Das heutige Schul- und Hochschulsystem ermöglicht nicht genügend Raum zur Verwirklichung dieser Ansichten Humboldts bezüglich der Bildung. Die Lehrinhalte werden zwar vermittelt, aber es bleibt kaum genügend Zeit sich reflexiv mit der Materie auseinander zusetzen und diese sich erneut einzuprägen. Des Weiteren scheint das Bildungssystem Individuen zu generieren, welche die Fähigkeit zu dieser Reflexion und damit die „Rückkehr aus der Entfremdung“ sprichwörtlich „verlernt“ haben. Die von Humboldt immer wieder betonte Kreativität und Spontanität wird einerseits von den Individuen selbst verdrängt, andererseits von den Bildungseinrichtungen weitgehend konterkariert. Durch die Unterdrückung dieser natürlichen Impulse kann etwas Fremdes nicht zum Eigenen werden, ohne Kreativität und ohne Anerkennung der Spontanität von Bildungsprozessen kann folglich nicht von Bildung in diesem Sinne gesprochen werden. Humboldt konstruiert in diesem Kontext ein Ideal von Bildung, womit bereits das immanente Problem zur Verwirklichung dieses Anspruchs angedeutet ist. Dieses Problem liegt einerseits aufseiten der Bildungspolitik, andererseits auch aufseiten des Subjekts. Hier scheint demzufolge von beiden Parteien eine Vermittlung notwendig zu sein, um Bildung zumindest in Hinblick auf dieses Ideal zu konstituieren. Als große bildungspolitische und individuelle Aufgabe stellt sich also die von Humboldt formulierte „Dialektik von Individualität und Welt“, die material auf der Folie eines Handlungskreises funktioniert.[16]

3. Bildung als pädagogischer Auftrag

3.1 Bildungstheorie: Selbstreflexion der Bildung

Bildungstheorie darf weniger als Theorie für die Praxis, sondern als Theorie von oder

über die Praxis verstanden werden. Es ist grundsätzlich so, dass eine Theorie einen Gegenstand reflektiert, indem dieser auf einer abstrakten Ebene betrachtet wird. Bildungstheorien beschäftigen sich mit der Realität von Bildung und stellen nicht nur uneingeschränkt ein Ideal darüber auf, wie Bildung sein sollte. Auf diese Weise erlangen wissenschaftliche Betrachtungsweisen Erkenntnisse über die Möglichkeiten, Voraussetzungen und Bedingungen der realen Bildung.[17]

[...]


[1] Lederer, 2011, S. 11

[2] Vgl. Rittelmeyer , 2011, S. 45

[3] Vgl. Deutsches Wörterbuch, 2001, S.95

[4] Vgl. Rittelmeyer, 2011, S. 16

[5] Vgl. Bernhard, 2001, S.10 ff.

[6] Vgl. Ebd., S.22 f.

[7] Vgl. Lederer, 2011, S.13

[8] Vgl. Rittelmeyer, 2011, S.15

[9] Vgl. Koneffke, 1987, S. 131

[10] Vgl. Müller-Funk, 2006, S. 15 ff.

[11] Vgl. Bernard, 2001, S. 14 ff.

[12] Vgl. Ebd., S.14

[13] Vgl. Sesink, 2006, S. 18

[14] Vgl. Humboldt, 1793, S. 235

[15] Vgl. Wagner, 1995, S. 83 ff.

[16] Vgl. Ebd., S. 28.

[17] Vgl. Dörpinghaus/ Poenitsch/ Wigger, 2006, S. 9 ff.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Bildung als gesellschaftlicher Auftrag. Die pädagogische und subjektive Vermittlung
Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
26
Katalognummer
V280145
ISBN (eBook)
9783656734598
ISBN (Buch)
9783656741572
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bildung, auftrag, vermittlung
Arbeit zitieren
Britta Siegert (Autor), 2012, Bildung als gesellschaftlicher Auftrag. Die pädagogische und subjektive Vermittlung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280145

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