E.T.A. Hoffmann und der künstliche Mensch. Analyse der Automatenfiguren in „Der Sandmann“ und „Die Automate“


Bachelorarbeit, 2009
50 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der künstliche Mensch
2.1. Philosophische Sichtweisen zum künstlichen Menschen
2.2. Automatenfiguren im 18. Jahrhundert
2.3. Kritik an den Automatenfiguren

3. Künstliche Menschen in der Literatur

4. Die Automatenthematik bei E.T.A. Hoffmann

5. Automatenfiguren in “Die Automate”
5.1. Die Erzählung “Die Automate”
5.1.1. Inhalt
5.1.2. Erzählperspektive
5.1.3. Sprachgestus
5.2. Automatenfiguren und ihr Meister
5.2.1. Die Automatenfiguren des Professor X
5.2.2. Die Figur des “Türken”
5.3. Die Funktion der Automatenfiguren

6. Die Figur der Olimpia in “Der Sandmann”
6.1. Das Nachtstück “Der Sandmann”
6.1.1. Inhalt
6.1.2. Erzählperspektive
6.1.3. Sprachgestus
6.1.4. Gemeinsame Erzählelemente mit der Erzählung “Die Automate”
6.2. Die Protagonisten
6.2.1. Nathanael
6.2.2. Clara
6.2.3. Olimpia
6.2.4. Nathanael zwischen Olimpia und Clara
6.3. Die Bauer von Olimpia
6.4. Die Funktion Olimpias

7. Zusammenfassung und Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Themenkomplex „künstlicher Mensch” – und besonders die Automatenthematik – ist schon immer etwas gewesen, dass Philosophie, Künstler und Literaten inspirierte. Die besondere Faszination zeigt sich an der Variationsbreite, die es in Literatur[1], aber auch Bereichen wie Photographie oder Kunst dazu gibt.[2] Die Darstellung von etwa sprechenden Automaten ist eng mit historischen Kontexten und vor allem zeitgenössischen mechanischen Kenntnissen verbunden. So hält beispielsweise Rolf Lohse fest: „In der Antike dokumentierten bewegte Statuen und mechanische Brunnen den Stand der Mechanik, im Spätmittelalter kamen zahnradgetriebene Uhren auf, im 17. Jahrhundert verkörperten Automaten die mechanistische Welterklärung Descartes’.”[3] Im 18. Jahrhundert seien es die Automaten von Vaucanson, beispielsweise die ,Ente’ oder der ,Flötenspieler’ gewesen, die die Welt beeindruckten. Später, im 20. Jahrhundert, gab es bei einer Ausstellung in Berlin „mechanische Hündchen” zu sehen, die die Besucher staunen ließen.[4]

Der Faszination der Automatenthematik ist auch E.T.A. Hoffmann erlegen. Sie spielen in zahlreichen seiner Werke eine Hauptrolle. Sein wohl bekanntester Automat ist die Puppe Olimpia, die in dem Nachtstück „Der Sandmann” auftritt. Sie wird nur ein Automat sein, der im Zuge dieser Arbeit untersucht wird.

Der Titel meiner Arbeit lautet: „Automatenfiguren in ausgewählten Texten E.T.A. Hoffmanns”. Die Funktionen der Automatenfiguren in Hoffmanns Werk sollen dabei beispielhaft an der schon erwähnten Puppe Olimpia aus dem Nachtstück „Der Sandmann” (1815) und an der Figur des Türken aus „Die Automate” (1814) untersucht werden. Die behandelten Leitfragen sind: Welche Funktionen haben Olimpia und der Türke? Was machen die Automaten mit den Protagonisten - welche Wirkung haben sie? Wie bewertet Hoffmann die Automatenbauer?

Der Aufbau der Arbeit stellt sich folgendermaßen dar: Zunächst wird im zweiten Kapitel ein Überblick über die philosophischen Ideen zum künstlichen Menschen gegeben. Vervollständigt wird das Kapitel mit der Erwähnung einiger Automatenfiguren- und Bauer des 18. Jahrhunderts und zeitgenössischer Kritik an denselben. Anschließend wird es im dritten Kapitel darum gehen, inwiefern die Thematik des künstlichen Menschen Eingang in die Literatur gefunden hat, bevor im vierten Kapitel näher auf die Automatenthematik speziell bei E.T.A. Hoffmann eingegangen wird. Es folgt das fünfte Kapitel, indem sich zunächst, gemäß der Chronologie[5], dem Werk „Die Automate” zugewandt wird. Das Kapitel beinhaltet neben der Beleuchtung der Automatenfigur auch eine kurze Inhaltsangabe der Erzählung und eine Betrachtung der Erzählform. Anschließend wird sich im sechsten Kapitel mit der Figur der Olimpia aus „Der Sandmann” beschäftigt. Auch hier gibt es erst formale Anmerkungen zu Inhalt, Form und Perspektive des Stücks. Ein Rückbezug auf die Leitfragen und ein Vergleich der Automatenfiguren werden im Schlusskapitel vorgenommen. Während also das Thema in den ersten vier Kapiteln bis zu den behandelten Werken heruntergebrochen wird, findet sich der Hauptteil der Arbeit in den Kapiteln fünf und sechs.

An dieser Stelle sei noch kurz darauf hingewiesen, dass die beiden behandelten Werke Hoffmanns weitaus mehr Themen beinhalten, die analysiert werden könnten (beispielsweise die Themen des Wahnsinns oder des Unheimlichen), doch die Arbeit soll sich ausschließlich auf die Automatenthematik beschränken.

2. Der künstliche Mensch

2.1. Philosophische Sichtweisen zum künstlichen Menschen

Die Thematik rund um den künstlichen Menschen regte im 17. und 18. Jahrhundert nicht nur die Diskussionen in Kunst oder Literatur an. Angestoßen durch die dem Menschen immer ähnlicher werdenden Automatenkonstruktionen, beispielsweise von Vaucanson und von Kempelen (vgl. Kapitel 2.2.), diskutierte man auch in der Philosophie über das Leben und den künstlichen Menschen. Nach Ansicht der rationalistischen Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts sind „der Staat, [...] die Natur und somit auch der Mensch [...] mechanische Systeme, die ausschließlich den Gesetzen der Physik gehorchten.”[6] Hervorzuheben ist diesbezüglich René Descartes (1596-1650), dessen materialistische Vorstellungen aus dem 17. Jahrhundert die theoretische Grundlage des Maschinenzeitalters legten.[7] Descartes verglich in seinen Schriften, wie Lienhard Wawrzyn festhält, „das Leben mit den Rädern und Gewichten einer Uhr”[8]. Es fällt auf, dass bereits in Descartes’ „Über den Menschen, sowie Beschreibung des menschlichen Körpers”, das 1632 entstand, alle physischen Vorgänge eines Körpers „dem Funktionieren der Mechanik unterworfen”[9] sind. Beispielsweise vergleicht er die Arbeit der Muskeln mit der von Fontänen:

Und tatsächlich kann man die Nerven der Maschine, die ich beschreibe, sehr gut mit den Röhren bei diesen Fontänen vergleichen, ihre Muskeln und Sehnen mit den verschiedenen Vorrichtungen und Triebwerken, die dazu dienen, sie in Bewegung zu setzen, ihre spiritus animales mit dem Wasser, das sie bewegt, wobei das Herz ihre Quelle ist und die Kammern des Gehirns ihre Verteilung bewirken.[10]

Weiterhin schreibt Descartes, dass sich der Mensch von einem Automaten nur durch seine unsterbliche Seele unterscheide und Tiere im Gegensatz zum Menschen keine Seele besitzen und deshalb als Maschinen anzusehen seien.[11] In seinem Werk „Discours de la Méthode” von 1637 geht er so weit, dass er Tiere als Automaten bezeichnet. Seiner Meinung nach, sei es nicht ausgeschlossen, dass eines Tages Tiere vom Menschen erschaffen werden.[12]

Auch der Arzt und Philosoph Julien Offray de La Mettrie (1709-1751) beschäftigte sich mit der Thematik des künstlichen Menschen. Er führte die Gedanken Descartes weiter und war, wie Wenzel Mraček festhält, „der erste, der sich in seiner Schrift ,L’Homme Machine’ [...] nun explizit auf dieses Thema konzentriert.”[13] Er vergleicht 1748, wie es zuvor schon Descartes gemacht hat, den Menschen mit einem Uhrwerk, das sich selbst aufzieht[14] und tituliert ihn mehrfach als „Stoffwechselmaschine”, - ein „sich selbst erzeugender (autopoetischer) Kreislauf.”[15] Anders als Descartes allerdings findet La Mettrie nicht nur, dass Tiere Maschinen sind, sondern er bezeichnet auch die Menschen als solche. Er nennt sie zwar höher entwickelte Maschinen, aber immerhin Maschinen und er war sich sicher, dass es irgendwann gelingen wird einen Automaten zu entwickeln, der dem Menschen gleicht.[16]

Mraček hält fest, dass bei der Ansicht La Mettries auch die medizinischen Entdeckungen des 17. Jahrhunderts eine Rolle spielen:

Einerseits hatte die schon erwähnte Entdeckung des Blutkreislaufs, 1628 durch William Harvey, entscheidenden Einfluss auch auf La Mettrie, vor allem aber sind es die in Vivisektionen an Tieren gemachten Beobachtungen des Chirurgen und Physiologen Albrecht von Haller (1708-1777), die La Mettrie zu seiner gewagten Annahme der Äquivalenz von selbsttätiger Körpermaschine und Seele/Geist inspirieren.[17]

Noch im gleichen Jahr, 1748, brachte La Mettrie eine Folgeschrift mit dem Namen „L’homme plus que machine”[18] heraus. Darin schrieb er, dass sich im menschlichen Körper etwas befinde, dass mit mechanischen Prinzipien nicht zu erklären sei. Er weigerte sich jedoch dieses Etwas, dass jenseits des Körpers existieren musste, Seele zu nennen.[19]

Insgesamt zeigt sich, dass die Philosophen sich eingehend mit der Thematik des künstlichen Menschen befassten. Descartes war der erste, der dies tat und legte mit seinen Überlegungen die theoretische Grundlage des Maschinenzeitalters. Descartes nahm im 17. Jahrhundert einen Dualismus von Geist und Materie an. Anders sieht es im 18. Jahrhundert La Mettrie. Er bestimmt in seiner Schrift ,L’Homme machine’ die Seele als ein Ergebnis von Körperfunktionen (z.B. denken, empfinden, sprechen etc.)[20] und legt sie somit als etwas Biologisches fest.

2.2. Automatenfiguren im 18. Jahrhundert

Die mechanistische Welterklärung Descartes’ fand ihre Verkörperung im 18. Jahrhundert im Bau von zahlreichen Automaten. Der Bau dieser Automaten muss, wie Lienhard Wawrzyn schreibt, für die Intellektuellen, die ein mechanistisches Weltbild hatten, wie eine Bestätigung gewesen sein, „daß Mensch und Maschine verwandt seien.”[21] Die Erschaffung von Automaten, die dem Menschen zum verwechseln ähnelten, war für die zeitgenössischen Philosophen die Grundlage ihrer Argumentation. Gerade die Erfindungen des Automatenbauers Jacques de Vaucanson (1709-1782) galten als Beweise für die mechanistische Denkweise.[22] La Mettrie verehrte die Automaten Vaucansons besonders. Er sah sie als „artifizielle Pendants des natürlichen Menschen”[23] und pries Vaucanson in seinem Werk „L’Homme machine” sogar als einen neuen Prometheus, der es schaffen könne, einen künstlichen Menschen herzustellen.[24]

Vaucanson hat sich erstmals 1738 einen Namen als Automatenbauer gemacht, als er in Paris seinen selbst gebauten Flötenspieler ausstellte. Dieser konnte, durch ein Uhrwerk angetrieben, zwölf Melodien spielen. Neben dem Flötenspieler ist auch Vaucansons mechanische Ente berühmt geworden, da sie fressen und auch scheinbar verdauen konnte, denn sie schied nach dem Fressen auch wieder etwas aus.[25] Die Massen waren begeistert, hieß das Ausscheiden der Nahrung doch, dass durch eine mechanische Konstruktion ein Stoffwechselprozess herbeigeführt werden konnte.[26] Erst 40 Jahre nach der ersten Ausstellung der Ente wurde offenbart, dass es sich bei ihr um einen Trickautomaten handelte, denn die Ente konnte nicht verdauen, sondern schied vielmehr einen grünlichen Brei aus, dessen Ausscheidungs-Mechanismus durch das Picken der Körner ausgelöst wurde.[27] Ab 1739 wandte sich Vaucanson schließlich der Konstruktion von Automaten zu, die Arbeitsvorgänge rationalisieren sollten (vgl. Kapitel 2.3.), doch bis zu seinem Tod bastelte er weiter an „menschlichen” Automatenprojekten wie dem „mechanischen Sprecher” oder einer „Blutkreislauf-Maschine”, scheiterte jedoch an diesen Herausforderungen.[28]

Weitere erwähnenswerte Automatenbauer des 18. Jahrhunderts sind die Uhrmacher Pierre und Henri-Louis Jaquet-Droz und der Hofrat und Ingenieur Wolfgang von Kempelen.

Vater und Sohn Jaquet-Droz stellten ihre Automaten 1775 in Paris vor. Die berühmtesten ihrer Androiden sind der „Schreiber-Automat”[29], der Zeichner und die Orgelspielerin. Der Schreiber konnte seine Feder in ein Tintenfass tauchen und ihm eingegebene Wörter zu Papier bringen. Der Zeichner hatte ein System von Kurvenscheiben eingebaut, was ihn unter anderem dazu befähigte ein Bild Marie Antoinettes zu malen. Die Orgelspielerin hingegen konnte auf ihrem Instrument ein, vorher ebenfalls programmiertes, Lied spielen.[30]

Wolfgang von Kempelens berühmtester Automat ist ohne Zweifel sein Schachtürke aus dem Jahre 1769. Dieser anscheinend selbstständig denkende Automat beeindruckte seine Betrachter ungemein und sorgte für rege Diskussionen. Allein bis 1800 erschienen über 100 Schriften über den Schachtürken und sein mögliches Funktionieren.[31] In Wirklichkeit war der Automat eine Fälschung, in dessen Innern ein Zwerg verborgen war, der die Schachpartien anstelle des Automaten steuerte.[32]

2.3. Kritik an den Automatenfiguren

Zwar waren die Automatenfiguren des 18.Jahrhunderts etwas, was die Menschen zum Staunen brachte, doch wurden sie auch nicht ganz unkritisch gesehen.

Ein Grund für die Kritik war die Tatsache, dass der Automatenbauer Vaucanson ab 1739 seine Figuren verkaufte, seine Forschungen allerdings weiterführte, mit dem Ziel die menschliche Arbeit zu rationalisieren.[33] Er entwickelte 1741 einen mechanischen Webstuhl, der das Arbeitsleben in der Seidenmanufaktur, die Vaucanson leitete, grundlegend veränderte: „Die von ihm entwickelten Maschinen ahmen die Gesten der Arbeiter nach, sind auch der Form des menschlichen Körpers nachempfunden, vor allem aber rhythmisieren sie Arbeitsvorgänge [...] und erhöhen die Effizienz der Arbeit.”[34] Die Verbesserung der Arbeitsvorgänge zieht allerdings eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen nach sich, denn von nun an saßen die Arbeiter bis zu 16 Stunden am Tag an den Maschinen und mussten monotone Handgriffe verrichten.[35] Diese Verschlechterung für die Arbeiter gipfelte 1793 in einem Sturm auf die Seidenmanufakturen in Lyon. Neben den schlechten Arbeitbedingungen wuchs zudem in der Gesellschaft die Angst durch die Maschinen ersetzt zu werden.[36]

3. Künstliche Menschen in der Literatur

Zwar soll es schon vor dem 18. Jahrhundert künstliche Menschen in der Literatur gegeben haben,[37] doch einen verstärkten Eingang in dieselbe fand das Thema erst im späten 18. Jahrhundert, wie Helmut Swoboda schreibt, „im Gefolge der Philosophen und Mechaniker, vor allem La Mettries und Vaucansons.”[38], als auch der technische Fortschritt zum vermehrten Bau von Automaten führte.

Als das Thema in der Literatur aktuell wurde, waren die Androiden-Konstruktionen an einem Punkt, an dem sie dem Menschen immer ähnlicher wurden und sie nahezu perfekt wirkten. Besonders die romantischen Autoren bedienten sich der Thematik der Maschinenmenschen.[39] Interessanterweise war in der Romantik, also der Hochzeit der Androiden-Literatur, die Zeit in der die Erfindungen der Automaten für Gesprächsstoff sorgten, schon längst wieder vorbei.[40] Zur Verdeutlichung seien noch einmal die Daten der Automatenerfindungen erwähnt: Der Flötenspieler und die mechanische Ente von Vaucanson wurden 1737 und 1738 gebaut, während die berühmtesten Automaten von Pierre und Henri-Louis Jaquet-Droz 1775 in Paris vorgestellt wurden. Der ominöse Schachtürke von Wolfgang von Kempelen wurde 1769 der Öffentlichkeit vorgestellt. Er nimmt unter den genannten Automaten eine Sonderstellung ein, da über ihn nicht nur jahrzehntelang diskutiert wurde, sondern auch seine literarischen Folgen noch lange über die Zeit der Romantik hinaus andauerten. Zu nennen sind beispielsweise die Theaterstücke „Die Schachmaschine” (1798) von Heinrich Beck und „Le Joueur d’Echecs” (1801) von Benoit-Joseph Marsollier.[41]

Erwähnenswert ist auch der kritische Artikel „Maelzel’s Chess Player”, den Edgar Alan Poe 1836 veröffentlichte, nachdem er 1834 den Schachtürken Kempelens, der nach seinem Tod in den Besitz von Nepomuk Maelzel überging , gesehen hatte. Der Artikel enthält eine logische Herleitung Poes, warum der Schachtürke ein Trickautomat sein müsse.[42]

Wieder in Form eines Theaterstücks fand der Schachtürke 1866 in dem Werk „Modus Operandi or The Automaton Chess Player” von J. Walker Eingang in die Literatur.[43] 1881 erschien in Warschau die Novelle „Szach I mat!” von Ludwik Niemojowski. Sie wurde 1967 verfilmt, so dass man sieht, dass selbst im 20. Jahrhundert der Schachtürke durchaus noch ein Thema war. Dies zeigt auch der Roman „Le Joueur d’Echecs” von Henry Dupuy-Mazuel, der 1926 erschien und den Kempelen’schen Automaten ebenso behandelt wie die Novelle „Die Majestätsbeleidigung” von Reinhard Rebensburg (1949), der Roman „Kempelen, a varázsló” (Kempelen der Zauberer, 1957) von Szlatnei Resznö und der Roman „Kingkill” (1977) von Thomas Garvin.[44]

Nichtsdestotrotz war die Romantik die Hochzeit, wenn es um die Thematik des künstlichen Menschen in der Literatur geht. So findet man gleich in mehreren Werken des Autors Achim von Arnim das Motiv des künstlichen Menschen. In „Gräfin Dolores” (1810) treten mit dem Flötenspieler und einer mechanischen Ente gleich zwei Androiden auf, die an die Automaten des Vaucanson erinnern. In „Isabella von Ägypten” (1812) führt Arnim mehrere künstliche Menschen, darunter einen lebenden Toten und einen weiblichen Golem an, während er in „Maria Melück Blainville” (1812) eine Puppe lebendig werden lässt.[45] Weitere Werke aus der Romantik mit der Thematik des künstlichen Menschen sind Ludwig Tiecks „Willian Lovell” (1795/96), Clemens Brentanos und Joseph Görres’ „Wunderbare Geschichte von BOGS dem Uhrmacher” (1807), Brentanos Komödie „Ponce de Leon” (1801) und sein Märchen „Gockel, Hinkel und Gackeleia” (1811),[46] aber auch Mary Shelleys weltberühmter Roman „Frankenstein” (1817).[47]

Neben den genannten romantischen Autoren ist besonders Jean Paul erwähnenswert, in dessen Schriften die Thematik des künstlichen Menschen eine zentrale Position einnimmt[48] und das bereits vor dem Beginn der Romantik. Durch seine provokanten Titel wie „Der Maschinenmann” oder „Menschen sind Maschinen der Engel” (1785), versuchte er, wie Ulrich Hohoff festhält, „das Leserinteresse [...] auf [...] das problematische Verhältnis Mensch-Maschine”[49] zu lenken. Festzuhalten ist diesbezüglich, dass es sich bei Jean Pauls Schriften nicht um eine künstliche Gestaltung des Themenkomplexes handelt. Vielmehr „glossierte”[50] er die neu aufkommende Thematik der Automaten.

Auch nach dem Ende der Romantik war die Thematik des künstlichen Menschen in der Literatur beliebt, wie bereits am Beispiel der literarischen Verarbeitung des Schachtürken gezeigt wurde. Weitere postromantische Werke mit der Androiden-Thematik sind Villiers de l’Isle-Adams „Die Eva der Zukunft” (1886) und Karel Čapeks Bühnenwerk „W.U.R” (Werstands Universal Roboter, 1920).

In „Eva der Zukunft” geht es um die Konstruktion einer künstlichen Frau. Die Erzählung ist, wie man vielleicht annehmen könnte, kein Lobgesang auf die neue Technik, sondern „vielmehr eine bitterböse Satire gegen [...] die mechanische Nachahmung menschlicher Eigenschaften durch größenwahnsinnige Erfinder.”[51]

In „W,U.R” wird nun erstmals in der Literatur die Roboter-Thematik aufgenommen. Čapek soll sogar den Begriff des Roboters erfunden haben.[52] In der Erzählung geht es um einen Erfinder namens Werstand, der Roboter erschafft, die als Fabrikarbeiter eingesetzt werden sollen. Eines Tages werden jedoch Roboter erschaffen, die zu intelligent geworden sind. Sie beginnen zu revoltieren und rotten letztendlich die Menschen aus.[53]

Zuletzt sind noch zwei Werke des französischen Autors Pierre Henri Cami zu nennen, der auf unterschiedliche Art an die Thematik des künstlichen Menschen herangeht. Im Roman „Les mystères de la Fôret-Noires” (Rätsel im Schwarzwald, 1916) bekämpfen zwei französische Soldaten einen deutschen Wissenschaftler, der im Inbegriff ist, Androiden zu erschaffen, die im Krieg eingesetzt werden könnten. Am Ende des Romans werden diese vermeintlich gefährlichen Automaten von den Soldaten vernichtet.[54] Das Automatenmotiv wird in diesem Fall von Cami negativ angewendet. Eine ganz andere Anwendung des Motivs findet sich in seinem Werk „Les exploit du baron de Crac”[55] (1925). Dort erzählt der Protagonist Baron de Crac einigen Zuhörern von seinen vermeintlichen Abenteuern.[56] In dem Text „Automate par amour”[57] schafft es Baron de Crac durch die Vortäuschung, dass er ein Automat sei, bei seiner verheirateten Geliebten Marquise einzuziehen und so die Affäre mit ihr weiterzuführen:

Mit dem Ziel, sich bei [...] Marquise einzunisten, spiegelt der Baron de Crac vor, er sei sein eigener automatenhafter Doppelgänger, und betreibt unter diesem Deckmantel eine amouröse Affäre. Das von Vaucanson verfertigte Wunderwerk, das dem Baron aufs Haar gleicht, spielt allerdings in der weiteren Handlung keine Rolle mehr. [...] Auf Bitten der Marquise überlässt er ihr den Automaten leihweise, der allerdings sofort in einem geheimen Schrank versteckt wird. Auf diese Weise kann der Baron die Stelle des Automaten einnehmen und bei seiner Geliebten verweilen.[58]

Das Besondere an diesem Werk ist, dass hier ein Mensch einen Automaten nachahmt und nicht ein Automat einen Menschen. Eigentlich ist in diesem Werk sogar eine doppelte Nachahmung enthalten, denn „der Mensch [ahmt] die Maschine nach, die zur Nachahmung des Menschen entwickelt wurde.”[59] Neben diesem Aspekt ist festzuhalten, dass in dem Werk keine negative Betrachtung des Automatenmotivs stattfindet. Der Automat wird vielmehr benutzt, um für das persönliche Vergnügen des Protagonisten zu sorgen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass gerade die Romantik das Zeitalter für Literatur über den künstlichen Menschen und im Besonderen über Automaten war. Aber auch vor und nach der Romantik findet sich diese Thematik in der Literatur. Die genannten Werke sollten nur einen groben Überblick geben und zeigen, dass das Motiv des künstlichen Menschen in der Literatur weit verbreitet ist.

Was alle Werke, außer das letztgenannte von Cami, mit der Thematik des künstlichen Menschen gemeinsam haben, ist die negative Betrachtung des Motivs. Meist geht es, besonders in der Romantik, wie Rudolf Drux festhält, um „Seelenlosigkeit, zwanghaftes Verhalten und Fremdbestimmung”.[60] Nicht selten lehnen sich die Automaten oder Roboter gegen ihre Schöpfer auf und bringen sie um.

Ein Vertreter, der die Thematik des künstlichen Menschen häufig in seinen Werken benutzte und bisher bei der Erwähnung der Literatur absichtlich ausgespart wurde, ist E.T.A. Hoffmann. Das Automatenmotiv nimmt in seinem Werk eine zentrale Rolle ein. Deswegen wird im nächsten Kapitel ein besonderes Augenmerk auf ihn und seine Schriften gerichtet.

[...]


[1] Für einen Überblick über Literatur mit der Thematik des künstlichen Menschen vgl. Jagow 2005, S. 364 ff.

[2] Vgl. Lohse 2005, S.131.

[3] Lohse 2005, S.131.

[4] Lohse 2005, S.131.

[5] „Die Automate” stammt aus dem Jahr 1814, während „Der Sandmann” 1815 verfasst worden sein soll.

[6] Drux 1994, S.17.

[7] Vgl. Pabst 1989, S.54.

[8] Wawrzyn 1977, S.99.

[9] Mraček 2004, S.92.

[10] René Descartes: Über den Menschen, sowie Beschreibung des menschlichen Körpers. Heidelberg 1969, S.56f., zitiert nach Mraček, S.92.

[11] Vgl. Wawrzyn 1977, S.99, Vgl. Mraček 2004, S.91.

[12] Vgl. Swoboda 1967, S.83.

[13] Mraček 2004, S.95.

[14] Vgl. Wawrzyn 1977, S.99.

[15] Mraček 2004, S.96.

[16] Vgl. Swoboda 1967, S.88f.

[17] Vgl. Mraček 2004, S.96.

[18] Übersetzt: Der Mensch ist mehr als eine Maschine.

[19] Vgl. Mraček 2004, S.99.

[20] Vgl. Swoboda 1967, S.98.

[21] Wawrzyn 1977, S.98.

[22] Vgl. Sutter 1997, S.133.

[23] Drux 1994, S.17.

[24] Vgl. Sutter 1997, S.133.

[25] Vgl. Wawrzyn 1977, S.98.

[26] Vgl. Drux 1994, S.19.

[27] Vgl. Sutter 1997, S.137 und Drux 1994, S.19.

[28] Vgl. Sutter 1997, S.135ff.

[29] Mehr dazu vgl. Söring 1997, S.10.

[30] Vgl. Wawrzyn 1977, S.100.

[31] Vgl. Mraček 2004, S.106.

[32] Vgl. Wawrzyn 1977, S.100.

[33] Vgl. Mraček 2004, S.102.

[34] Mraček 2004, S.102.

[35] Vgl. Wawrzyn 1977, S.105.

[36] Vgl. Drux 1994, S.19ff.

[37] Man denke etwa an die „sprechenden Köpfe” im Mittelalter. Für eine ausführlichere Betrachtung vgl. Swoboda, S.33ff. An dieser Stelle sei auch darauf hingewiesen, dass es nicht als Aufgabe des Kapitels gesehen wird, den Inhalt der genannten Werke zu erläutern. Wenn dies geschieht, dann nur um mögliche Motive der Automatenthematik hervorzuheben. Das Kapitel soll vielmehr zeigen, dass das Motiv des künstlichen Menschen in der Literatur weit verbreitet ist.

[38] Swoboda 1967, S.212.

[39] Vgl. Hohoff 1988, S.335.

[40] Vgl. Drux 1988, S. 86f.

[41] Vgl. Mraček 2004, S.118.

[42] Vgl Mraček 2004, S.118, Swoboda 1967, S.222f.

[43] Vgl. Mraček 2004, S.118ff.

[44] Vgl. Mraček 2004, S.119.

[45] Vgl. Swoboda 1967, S.217f.

[46] Vgl. Hohoff 1988, S.335.

[47] Vgl. Swoboda 1967, S.220ff.

[48] Vgl. Swoboda 1967, S.212.

[49] Hohoff 1988, S.335.

[50] Vgl. Swoboda 1967, S.212.

[51] Swoboda 1967, S.225.

[52] Vgl. Swoboda 1967, S.226.

[53] Swoboda 1967, S.226f.

[54] Vgl. Lohse 2005, S.132.

[55] Übersetzt: Die Heldentaten des Baron de Crac.

[56] Vgl. Lohse 2005, S.133.

[57] Übersetzt Automat für die Liebe.

[58] Lohse 2005, S.135.

[59] Lohse 2005, S.136.

[60] Drux 1988, S.87.

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
E.T.A. Hoffmann und der künstliche Mensch. Analyse der Automatenfiguren in „Der Sandmann“ und „Die Automate“
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
50
Katalognummer
V280161
ISBN (eBook)
9783656762560
ISBN (Buch)
9783656762553
Dateigröße
661 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
E.T.A. Hoffmann, Automaten, Automatenfiguren, künstlicher Mensch, Der Sandmann, Olimpia, Die Automate, der sprechende Türke, Professor X, Coppola, Coppelius, Spalanzani, Clara, Nathanael, Vaucanson, Rene Descartes, de La Mettrie, Industrialisierung, Teezirkel, Jaquet-Droz, Musikautomaten, Orgelspieler, Flötenspieler, die Ente, Nachtstück, Maschinenmenschen, Wolfgang von Kempelen, Romantik, Aufklärung, Brüder Maelzel, Lothar, Ludwig, Ferdinand, Philistrismus
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Christine Konkel (Autor), 2009, E.T.A. Hoffmann und der künstliche Mensch. Analyse der Automatenfiguren in „Der Sandmann“ und „Die Automate“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280161

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