Mediation in Deutschland

Eine empirische Untersuchung der Mediationspraxis


Masterarbeit, 2012
101 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Forschungsstand zum Handeln von Mediatoren
2.1 Die Vielfalt des Mediatorenhandelns
2.2 Mediatorenhandeln und Mediatorencharakteristika

3 Theoretische Zugänge zum Handeln von Mediatoren
3.1 Darstellung ausgewählter Konzepte
3.2 Die Rekonstruktion der Idealtypen
3.2.1 Der evaluative Idealtyp
3.2.2 Der facilitative Idealtyp
3.2.3 Der transformative Idealtyp

4 Methodisches Vorgehen
4.1 Qualitative Datenerhebung mittels Leitfaden- Interviews
4.2 Auswertung der Interviews

5 Ergebnisanalyse
5.1 Überblick über das Handeln der Mediatoren
5.2 Die Bandbreite des ermittelten Mediatorenhandelns
5.2.1 Auffallend gemischtes Mediatorenhandeln
5.2.2 Auffallend einheitliches Mediatorenhandelns
5.2.3 Bedeutsame Abweichungen zu allen Idealtypen
5.3 Die individuellen Abweichungen zwischen den Mediatoren
5.3.1 Auswahl und Beschreibung der ausgewählten Fälle
5.3.2 Erklärung der ausgewählten Fälle

6 Ergebnisdiskussion
6.1 Reflexion des Forschungsprozesses
6.2 Interpretation der Ergebnisse
6.3 Weiterer Forschungsbedarf

7 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abstract

Diese empirische Studie untersucht das Handeln von Mediatoren in Deutschland, das bislang noch weitgehend unerforscht ist. Um Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Handeln von Mediatoren besser verstehen und differenziert analysieren zu können, werden vor der Datenerhebung drei Idealtypen der Mediation theoriebezogen rekonstruiert: der „facilitative“, der „transformative“ und der „evaluative“ Idealtyp. Darauf aufbauend wird ein Leitfaden entwickelt, der für die qualitative Datenerhebung mittels Leitfadeninterviews verwendet wird. Auf diese Weise werden insgesamt 12 Mediatoren nach ihrer Praxis befragt. Die systematische Auswertung der Interviews erfolgt theoriebezogen mit Hilfe der drei Idealtypen. Es werden dabei bedeutsame Unterschiede im Handeln der befragten Mediatoren festgestellt. In wenigen Kategorien findet sich ein auffallend einheitliches Handeln, in zahlreichen Kategorien dagegen ein auffallend gemischtes. Zudem zeigt sich, dass sich Mediatoren in ihrer individuellen Praxis auffällig untereinander unterscheiden. Auch wenn alle Mediatoren überwiegend nach dem facilitativen Handlungstyp vorgehen, weichen sie durch die individuelle Kombination der drei Handlungstypen deutlich voneinander ab. Wie die vertiefende Analyse zeigt, scheinen die individuellen Abweichungen zudem nicht rein zufällig zu sein, sondern in Abhängigkeit des speziellen beruflichen Hintergrunds oder eines besonderen Verständnisses von Mediation zu stehen. Dies spricht dafür, dass Mediatoren fallübergreifend und unabhängig von dem Konfliktbereich dazu neigen, ihren persönlichen Hintergrund in das Verfahren einfließen zu lassen und entsprechend mehr oder weniger stark rechtliche Aspekte aufgreifen, Emotionen einbeziehen, Bewertungen vorzunehmen oder eigene Ratschläge einbringen.

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Konzepte des Mediatorenhandelns

Tabelle 2: Konstruiertes Kategoriensystem zur Idealtypenbildung

Tabelle 3:. Qualitativer Stichprobenplan

Tabelle 4: Alle Übereinstimmungen mit den Idealtypen nach Mediator und Kategorie

Tabelle 5: Übereinstimmungen (absolut und relativ) nach Idealtyp und Kategorien….

Tabelle 6: Übereinstimmungen zu den 23 Kategorien der Idealtypen nach Mediator...

Tabelle 7: Besonders relevante Kategorien des Mediatorenhandelns

Tabelle 8: Idealtypische Merkmalsausprägungen der ausgewählten Fälle

Tabelle 9: Ausgewählte Fälle im Vergleich nach Oberkategorie..

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: „Mediation- Metamodel“

Abbildung 2: Quantitative Übereinstimmungen nach Interview in MAXQDA..

1 Einleitung

„Mediation ist ein vertrauliches und strukturiertes Verfahren, bei dem Parteien mit Hilfe eines oder mehrerer Mediatoren freiwillig und eigenverantwortlich eine einvernehmliche Beilegung ihres Konflikts anstreben“ (Bundestag 2011c: 4). So wird Mediation in dem neuen „Mediationsgesetz“ definiert, das der Bundestag Ende vergangenen Jahres einstimmig beschlossen hat und das noch im Februar diesen Jahres in Kraft treten soll (vgl. Bundestag 2011a). Fraktionsübergreifend betonen die Mitglieder des federführenden Rechtsausschusses die große Bedeutung des Gesetzes: Damit habe man einen „Meilenstein der außergerichtlichen Konfliktlösung“ gelegt und eine „neue Ära alternativer Konfliktlösung“ eingeläutet (Bundestag 2011a).

Inwieweit sich die hochgesteckten Erwartungen durch die Gesetzesinitiative erfüllen, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Eine weiter zunehmende gesellschaftliche Bedeutung von Mediation scheint aber wahrscheinlich, da sie sich in den letzten Jahren ohne gesetzliche Unterstützung in Deutschland etabliert hat. Mittlerweile ist aus „der aufsehenerregenden Alternative zum Gerichtsweg (…) eine unentbehrliche Option für die unterschiedlichsten Formen der Konfliktbewältigung [geworden], deren Sinn und Nutzen niemand mehr grundsätzlich bezweifelt“ (Haft & v. Schliefen 2009: Vorwort). Ein Blick in die aktuelle Fachliteratur zeigt, dass es kaum einen gesellschaftlichen Bereich gibt, in dem Mediation nicht zur Konfliktbehandlung eingesetzt wird: von Familie und Nachbarschaft über Wirtschaft und Arbeitswelt, Schulen und öffentlichen Einrichtungen bis hin zum Gesundheits- und Sozialwesen - die Palette der Einsatzmöglichkeiten von Mediation scheint schier grenzenlos (vgl. Niedostadek 2010; Haft & v. Schliefen 2009).

Angesichts dieser verbreiteten gesellschaftlichen Praxis wirkt es angebracht, dass nun ein gesetzlicher Rahmen dafür beschlossen wird. Auffällig ist in der Analyse des Gesetzestexts, dass sich der Gesetzgeber bei der Festlegung von Verfahrensstandards zurückgehalten hat. Dies wird damit begründet, „dass es sich bei der Mediation um ein Verfahren handelt, das erst zum Ende des letzten Jahrhunderts „neu entdeckt“ wurde und sich derzeit noch dynamisch entwickelt“ (Bundestag 2011b: 14). Die Zurückhaltung des Gesetzgebers erklärt sich aber auch damit, dass bei den Beratungen zum Gesetzesentwurf auf wissenschaftliche Expertise verzichtet werden musste. Anders als beispielweise bei dem 1998 verabschiedeten Psychotherapeutengesetz konnte man zum Zweck der Qualitätssicherung nicht „nur wissenschaftlich anerkannte Verfahren“ gesetzlich zulassen (BMJ 1998: §1). Trotz seiner Popularität ist Mediation aus wissenschaftlicher Sicht noch weitestgehend eine „Black Box“. Bisher liegen nur wenig gesicherte Erkenntnisse vor. Dies gilt nicht nur für Deutschland, wo die Mediationsforschung um die Jahrtausendwende noch im „Dornröschenschlaf“ steckte (Bastine 2002). Selbst in der weltweit führenden angloamerikanischen Mediationsforschung ist man weit davon entfernt, die komplexen Zusammenhänge erklären zu können (vgl. Wissler 2006). Dies bedeutet, dass die aktuelle Mediationspraxis rein auf theoretischen Konzepten basiert, die empirisch nicht überprüft sind. Das wäre für die Praxis, die jeweiligen Mediatoren[1] und die Medianden, an sich nicht problematisch, wenn einheitliche Konzepte vorlägen. Ein Blick allein auf die deutschsprachige Literatur zeigt jedoch eine starke Heterogenität hinsichtlich der vorgeschlagenen Methoden (vgl. Spektrum der Mediation 2011), der geeigneten Konzepte (vgl. Risse 2003: 28f) und der zu verfolgenden Leitbilder (vgl. Hösl 2011; Bush & Folger 2009; Schrör 2004). Daher erscheint die aktuelle Einschätzung Montadas mit Blick auf den deutschsprachigen Raum bedeutsam, „dass unter dem Begriff Mediation sehr unterschiedliche Formen und Konzeptionen praktiziert, als Modelle konzipiert und in Ausbildungen vermittelt werden“ (Montada 2011: 12).

Wenn es zutrifft, dass Mediatoren sich deutlich darin unterscheiden, wie sie in einer Mediation handeln, dann kann dies auf längere Sicht negative Auswirkungen auf die an Mediation interessierte Öffentlichkeit haben. Eine mangelnde Verlässlichkeit des Verfahrens könnte zu einer nachhaltigen Verunsicherung und einem Vertrauensverlust führen.

Diesbezüglich gibt es bisher nur entsprechende Spekulationen. Ob Mediatoren tatsächlich so unterschiedlich handeln, ist in Deutschland wissenschaftlich noch nicht untersucht worden. Diese bisher ungeklärte Problematik ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Entsprechend wird der Forschungsfrage nachgegangen, inwieweit Unterschiede im Handeln von Mediatoren empirisch festgestellt werden können. Damit zusammenhängend soll im Einzelnen geklärt werden,

- ob sich das Handeln von Mediatoren unterscheidet
- und wenn ja, in welchen Kategorien,
- wie groß die etwaigen Unterschiede in den jeweiligen Kategorien sind, und schließlich,
- wie stark die Mediatoren individuell voneinander abweichen.

Für die empirische Untersuchung der Fragestellung wird ein qualitatives Vorgehen für notwendig erachtet (vgl. Kap. 4). Im Bemühen, die Vielfalt der Mediationspraxis methodisch adäquat zu erfassen, werden 12 Mediatoren gezielt nach einem qualitativen Stichprobenplan ausgewählt und nach ihrem Handeln befragt. Um das Handeln der Mediatoren besser analysieren und verstehen zu können, werden im Sinne Max Webers (1980) Idealtypen der Mediation theoriebezogen rekonstruiert und als methodisches Hilfsmittel genutzt (vgl. zu deren Bedeutung Kap. 3). Die gesamte Arbeit unterteilt sich folgendermaßen:

Zunächst findet in Kapitel 2 die Aufarbeitung des relevanten Forschungsstands statt, der sich in Ermangelung deutscher Forschungsergebnisse überwiegend aus angloamerikanischen Studien der letzten Jahre zusammensetzt. In Kapitel 3 werden theoretische Konzepte zum Handeln von Mediatoren dargestellt und vergleichend diskutiert. Auf dieser Grundlage werden die Idealtypen der Mediation rekonstruiert, die als methodische Hilfsmittel für die Analyse benötigt werden. Kapitel 4 beschreibt das methodische Vorgehen von der Datenerhebung (Kap. 4.1) bis zur Datenauswertung (Kap. 4.2). Im Anschluss daran werden die Ergebnisse der empirischen Untersuchung dargestellt (Kap. 5). Die gefundenen Ergebnisse werden in Kapitel 6 diskutiert, bevor das abschließende Fazit die Arbeit resümiert und einen Ausblick gibt (Kap. 7).

2 Forschungsstand zum Handeln von Mediatoren

Die gesamte Mediationsforschung befindet sich noch in einer Entwicklungsphase. Bisher liegen nur wenige Forschungsergebnisse vor. Die komplexen Zusammenhänge zwischen einzelnen Variablen (Konflikttyp, Charakteristika des Mediators und der Medianden, Mediationsprozess, Ergebnisse) sind wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt (vgl. Kressel 2006; Wissler 2006). Den Grund dafür sieht Wissler (2006) darin, dass sich die Mediationsforschung bis in die heutige Zeit überwiegend darauf konzentrierte, die Effektivität von Mediation zu untersuchen anstatt sich der Erforschung der vielschichtigen Wirkungszusammenhänge anzunehmen:

“Ideally, empirical research should provide (…) answers to questions concerning which dispute, disputant, and mediator antecedent characteristics (T0) and mediation process characteristics (Tm) contribute to favorable short- term (T1) and long- term (T2) mediation outcomes. To date, however, researchers have devoted much less attention to these “second- order” questions than to the examination of mediation`s overall effectiveness” (Wissler 2006: 138).

Dies gilt im Besonderen für die deutsche Mediationsforschung. Bisher wurden nur wenige empirische Studien in Deutschland durchgeführt, insbesondere in der Familien- und Scheidungsmediation, dem Täter- Opfer- Ausgleich und der gerichtsinternen Mediation (vgl. Alexander, Gottwald & Trenczek 2006). Wie bei dem Großteil der internationalen Forschung dominierte auch dort das Interesse an den Auswirkungen von Mediation in den jeweiligen Konfliktbereichen (vgl. Bastine 2008: 137; vgl. Becker & Friedrich 2009). Zu einem großen Teil stellt die deutsche Mediationspraxis immer noch ein unerforschtes Gebiet dar. Trotz früherer Anregungen zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung (Bastine 2002; Montada 2001) diagnostizieren Kirchhoff & Schroeter im Jahr 2006 ein „Schattendasein wissenschaftlicher Herangehensweisen an Mediation im deutschsprachigen Raum“ (Kirchhoff & Schroeter 2006:58). Die beiden Autoren führen den offensichtlichen Mangel darauf zurück, dass sich bis dato vor allem Praktiker für Mediation interessieren, während „die Wissenschaftler selbst Mediation bisher noch nicht in größerem Ausmaß als relevantes Forschungsfeld wahrgenommen [haben]“ (Kirchhoff & Schroeter 2006:58).

Da relevante Forschungsergebnisse aus Deutschland fehlen, wird ausschließlich auf internationale Studien, insbesondere aus dem angloamerikanischen Raum zurückgegriffen. Denn nach den USA, dem „Mutterland“ der modernen Mediation (vgl. Hehn 2009), konnte sich Mediation vor allem in Kanada, Australien, England und Wales frühzeitig etablieren und gesellschaftliche Bedeutung erlangen, weshalb in diesen Ländern die Mediationsforschung im weltweiten Vergleich am weitesten fortgeschritten ist (vgl. Alexander 2006).

Empirische Studien zum Handeln von Mediatoren liegen aber selbst international nur wenige vor. Dieser Forschungsbereich scheint sich aufgrund des schwierigen methodischen und konzeptionellen Zugangs erst in einem Aufbauprozess zu befinden, wie Wood (2004) berichtet: „The study of mediation styles has been slow in coming because mediation skills were often regarded as too elusive to measure and conceptualize“ (Wood 2004: 437). Daher wird es noch für einige Zeit eine unerfüllte Idealvorstellung bleiben, dass die Wissenschaft für Mediatoren einen breiten Fundus an anerkannten Methoden oder gar Handlungsempfehlungen für bestimmte Situationen bereitstellen kann. In seiner Review des aktuellen Forschungsstands macht Kressel (2006) auf diese Kluft zwischen Wissenschaft und Praxis aufmerksam: „We are still far away from a complete unerstanding of which mediator activities and styles are most appropriate under which conditions“ (Kressel 2006: 751). Die wenigen vorliegenden Untersuchungen stellen somit keine gesicherte Erkenntnisbasis dar, bieten aber dennoch einen profunden Einblick in die Komplexität und Vielfalt des Mediatorenhandelns. Da sie auf empirischen Daten beruhen, sind sie eine wichtige Informationsquelle, um die zahlreichen theoretischen Konzepte (vgl. Kap. 3) begreifen und einordnen zu können. Bei ihrer Darstellung werden jeweils die zentralen Forschungsergebnisse vergleichend herausgearbeitet. Da einzelne Studien auf Zusammenhänge zwischen dem Handeln von Mediatoren und speziellen Mediatorencharakteristika (Geschlecht, Beruflicher Hintergrund, Tätigkeitsbereich, Mediationserfahrung) hinweisen, werden diese eigens im Anschluss diskutiert (Kap. 2.2). Eine Berücksichtigung dieser Ergebnisse scheint notwendig, um bei der empirischen Untersuchung Verzerrungen durch eine unreflektierte Auswahl der Interviewpartner zu vermeiden.

2.1 Die Vielfalt des Mediatorenhandelns

Bei der Aufarbeitung der vorliegenden Studien ist neben der Frage des methodischen Zugangs zum Forschungsgegenstand von besonderem Interesse,

- in welchen Kategorien sich das Handeln von Mediatoren unterscheidet,
- wie groß die Bandbreite der festgestellten Unterschiede ist,
- ob es typische Unterschiede zwischen Mediatoren gibt.

Kategorien des unterschiedlichen Handelns

Alle Studien berichten übereinstimmend von erheblichen Unterschieden im Handeln von Mediatoren (vgl. Herrmann et al. 2003; Mareshal 2003; Wood 2004; Picard 2004; Charkoudian et al. 2009; Nelson et al. 2010; Wall & Chan- Serafin 2010). Die Forschungsergebnisse zeigen, dass sich das Handeln von Mediatoren in vielen verschiedenen Kategorien unterscheidet. Mit Blick auf die Unterschiede scheint die Schlussfolgerung von Charkoudian et al. (2009) zuzutreffen, dass je nach Mediator in einer Mediation vollkommen unterschiedliche Prozesse ablaufen (Charkoudian et al. 2009: 311). Bisher ist die Forschung nicht soweit, dass sie ein übergeordnetes Kategoriensystem vorlegt, in das alle empirisch gefundenen Unterschiede eingeordnet werden können. Noch stehen einzelne Befunde mit ihren spezifischen Kategoriensystemen unverbunden nebeneinander. Dennoch ermöglichen sie ein grundlegendes Verständnis der Heterogenität des Mediatorenhandelns. Dies gilt besonders für die Studien von Nelson et al. (2010), Wall & Chan- Serafin (2010) und Charkoudian et al. (2009), die aufgrund ihres differenzierten Kategoriensystem im Folgenden detailliert beschrieben werden.

Nelson et al. (2010) berichten mit Bezug auf eine Fragebogenerhebung mit 189 Mediatoren von erheblichen Abweichungen in deren Mediationsverständnis und deren handlungsleitenden Zielen. Entsprechend stark differieren die Mediatoren in der Art und Weise, wie sie die Kommunikation mit den Medianden gestalten und mit welchen Methoden sie den Prozess der Mediation beeinflussen. Die einzelnen Kategorien, anhand derer unterschiedliche Handlungsweisen erhoben wurden, sind bei Nelson et al. (2010) : die Erklärungen von Mediation gegenüber den Medianden, der Einsatz von Reflexionen, der Einsatz von Einzelgesprächen, das Identifizieren von zugrundeliegenden Interessen, das Einbringen von Vorschlägen, die Bewertung von Lösungsoptionen, die Unterstützung einer Einigung und der Umgang mit Gefühlen (Nelson et al. 2010: 302ff.).

In den Beobachtungen von 100 Mediationen erkennen Wall & Chan- Serafin (2010), dass sich Mediatoren in der Eröffnungssitzung der Mediation gegenüber den Medianden stark unterschiedlich äußern hinsichtlich ihrer eigenen Rolle, des allgemeinen Ziels von Mediation, der Regeln des Verfahrens, der Erwartungen an die Medianden und ihres Mediationsstils oder ihrer allgemeinen Mediationsstrategie. Im Verlauf der Mediation beobachten sie zahlreiche andere Unterschiede anhand weiterer Kategorien: Analyse des Falls, Persönliche Meinungsäußerung, Umgang mit Gefühlen, Einbringen von Vorschlägen, Bewertung von Lösungsoptionen, Unterstützung einer Einigung (Wall & Chan- Serafin 2010: 9ff.).

Charkoudian et al. (2009) stellen beruhend auf einer Fragebogenerhebung mit 249 Mediatoren und 70 teilnehmenden Beobachtungen starke Abweichungen im Handeln der Mediatoren in zahlreichen Kategorien fest. Dies betrifft unter anderem die Ziele, die sie verfolgen, die Reaktionen auf extreme Handlungen von Teilnehmern, die Art der Kontrolle über die Kommunikation, das Festlegen von Diskussionspunkten, die Bewertung von Vorschlägen der Teilnehmer, das Einbringen von eigenen Vorschlägen, die Fokussierung des Gesprächs, den Umgang mit Verfahrensregeln, die Ausübung von Druck zum Erreichen einer Vereinbarung (Charkoudian et al. 2009: 301ff.).

Die Bandbreite des Handelns

Die vorliegenden Befunde sprechen dafür, dass das unterschiedliche Handeln von Mediatoren sich innerhalb eines breiten Spektrums bewegt. Aufgrund der geringen Anzahl der Studien ist aber eine gewisse Skepsis angebracht. Dennoch scheint sich die Annahme von Theoretikern in der Empirie zu bestätigen, wonach das individuelle Handeln von Mediatoren zwischen zwei Polen verortet werden kann („evaluativ“ und „transformativ“), die jeweils gegensätzliche Idealtypen der Mediation darstellen (vgl. Kap. 3). Entsprechende Ergebnisse finden sich in den Anfängen der Mediationsforschung (Silbey & Merry 1986) und zeigen sich auch in aktuelleren Studien (Charkoudian et al. 2009, Wood 2004, Picard 2004, Wall & Serrafin 2010, Nelson et al. 2010, Mareshal 2003).

Schon 1986 stellen Silbey & Merry aufgrund von 175 Beobachtungen einzelner Mediationssitzungen fest, dass Mediatoren innerhalb eines Kontinuums agieren, das von zwei idealtypischen Handlungsmustern begrenzt wird. Diese Idealtypen bezeichnen sie „Bargaining“ und „Therapeutic“. Der „Bargaining“- Idealtyp arbeitet gezielt auf eine Vereinbarung hin, bringt eigene Vorschläge ein, fokussiert das Gespräch auf seiner Meinung nach wesentliche Punkte, kommuniziert vor allem einzeln mit den Parteien (Silbey & Merry 1986: 20). Der „Therapeutic“- Idealtyp achtet dagegen vor allem auf gegenseitiges Verständnis, betont die Gefühle der Parteien und versucht deren Kontakt untereinander zu verbessern (Silbey & Merry 1986: 20). Ein ähnliches Handlungsspektrum identifizieren Charkoudian et al. (2009) in der Analyse von 249 Fragebogen mit Mediatoren, wenn auch etwas differenzierter. Ihr Spektrum wird auf der einen Seite von einem typischen Handlungsmuster begrenzt (Cluster A), in dem der Mediator u.a. eine sehr direktive Rolle einnimmt, den Prozess auf eine Vereinbarung hin steuert, klare Regeln setzt, das Gespräch kontrolliert und dominiert, eigene Vorschläge einbringt, häufig Einzelgespräche führt und eigene Konfliktbewertungen abgibt (Charkoudian et al 2009). Dieses Cluster entspricht dem „evaluativen“ Idealtyp der Mediation (vgl. Kap. 3). Auf der anderen Seite des Spektrums identifizieren die Forscher ein typisches Handlungsmuster (Cluster D), in dem der Mediator in den gleichen Kategorien vollkommen gegensätzlich handelt: er nimmt eine non- direktive Rolle ein, strebt eine Vereinbarung nicht gezielt an, setzt keinerlei Regeln, überlässt den Parteien die absolute Kontrolle über das Verfahren, das Gespräch, den Prozess und die Inhalte, gibt selbst auf Nachfrage der Parteien keine Vorschläge oder Bewertungen und führt nur in Ausnahmefällen Einzelgespräche (Charkoudian et al. 2009). Dieses Cluster entspricht dem „transformativen“ Idealtyp (vgl. Kap. 3). Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich die anderen Handlungsmuster (B und C), die aus theoretischer Perspektive dem „facilitativen“ Idealtyp der Mediation zugeordnet werden (vgl. Kap. 3).

Das von Charkoudian et al. (2009) beschriebene Spektrum findet sich in ähnlicher Form auch bei Wood (2004). In der Analyse von zehn Interviews mit Mediatoren entdeckt Wood (2004) mittels der Q- Methode vier typische Handlungsmuster („Negotiator“, „Facilitator“, „Counselor“, „Democratic“), von denen der „Negotiator“ und der „Counselor“ die Pole bilden, innerhalb derer sich die beiden anderen einordnen. Die Inhalte der vier typischen Handlungsmuster sind aufgrund unterschiedlicher Kategorienbildung nicht absolut deckungsgleich mit den Clustern von Charkoudian et al (2009). Besonders der „Counselor“, den er dem transformativen Idealtyp zuordnet (Wood 2004: 443), entspricht aber in weiten Teilen dem Cluster D: er nimmt ebenfalls eine non- direktive Rolle ein, hält eine Vereinbarung für zweitrangig, betont die Souveränität und Hoheit der Parteien über den Prozess, das Gespräch und die Inhalte, gibt keine Bewertungen und Entscheidungen ab (Wood 2004: 446). Insgesamt kann das gesamte Spektrum der von Wood (2004) entdeckten Handlungsmuster in das Spektrum von Charkoudian et al. (2009) integriert werden. Wood versteht seine Ergebnisse selbst ausdrücklich als eine Bestätigung des von Theoretikern angenommenen breiten Handlungsspektrums von Mediatoren (Wood 2004: 448).

Zu ähnlichen Ergebnissen wie Charkoudian et al. (2009) kommt auch Picard (2004). Die typischen Handlungsmuster, die sie aus der Fragebogenerhebung mit 88 Mediatoren entwickelt, zeigen die gleiche Bandbreite auf. Zwar gibt es bei ihr nur drei Typen mit anderen Namen, den „Pragmatic“, den „Socioemotional“ und den „Mixed“, aber inhaltlich stimmen sie mit dem Handlungsspektrum von Charkoudian et al. (2009) überein. Die Pole, in denen sich das Handeln von Mediatoren abspielt, sind bei ihr der „Pragmatic“- Typ und der „Socioemotional“- Typ. Die Übereinstimmung mit den Clustern A und D von Charkoudian et al (2009) wird aus der Beschreibung dieser beiden gegensätzlichen Typen ersichtlich: „Mediators labeled as having pragmatic patterns of understanding use language that is task- focused and problem- oriented. They (…) caucus frequently, indicating that they likely exercise some influence on parties` decision making. They attend to social norms in their mediation practice by using a norm- advocating style” (Picard 2004: 303). Picard nennt diesen Typ dementsprechend auch “evaluative and directive” (Picard 2004: 303). Dagegen ist der „Socioemotional“- Typ „transformativ and relational“: „They describe themselves in mediation as being more focused on the people than on the problem” (Picard 2003: 304).

Dass das Spektrum zwischen beiden Polen „evaluativ“ und „transformativ“ breit genug ist, um die Vielfalt des empirischen Handelns von Mediatoren und deren individuelle Unterschiede abzudecken, geht auch aus anderen aktuellen Studien hervor. So können Wall & Chan- Serrafin (2010) das heterogene Handeln der Mediatoren, das sie in 100 Mediationen beobachten, dem „evaluativen“ Handlungsmuster und den Mischformen zwischen beiden Polen zuordnen (vgl. Wall & Chan- Serrafin 2010: 11). Auch Nelson et al. (2010) verorten die Handlungsweisen der 189 untersuchten Mediatoren, in dem Spektrum zwischen „evaluativ“ und „transformativ“, wobei sie überwiegend Handlungen entdecken, die sie der Mitte der Pole und dem „transformativen“ Pol zuordnen (vgl. Nelson et al 2010). Und auch das Handeln der Mediatoren, die Mareshal (2003) untersuchte, fällt in das Spektrum von transformativ zu evaluativ.

Was Fragen der Quantität angeht, so sind angesichts der wenigen Befunde, die entsprechende Zahlen bereitstellen, keine verlässlichen Aussagen möglich. Die Studien von Charkoudian et al. (2009) und Picard (2004) deuten immerhin darauf hin, dass der Großteil der Mediatoren Handlungen praktiziert, die der Mitte des Spektrums zugeordnet werden können (vgl. Charkoudian et al. 2009; Picard 2004).

Typische Unterschiede im Handeln

Die aus der Empirie abgeleiteten typischen Handlungsmuster von Mediatoren, die Silbey & Merry (1986), Charkoudian et al. (2009), Picard (2004) und Wood (2004) entwickelt haben, beschreiben vorgefundene Regelmäßigkeiten im unterschiedlichen Handeln von Mediatoren. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass Mediatoren zwar insgesamt sehr heterogen handeln, aber mit Bezug auf bestimmte Kategorien gewissen Typen zugeordnet werden können. Dies bedeutet, dass eine gewisse innere Konsistenz im Handeln von Mediatoren besteht. Mediatoren wählen demnach nicht willkürlich Handlungsweisen aus dem gesamten Handlungsspektrum aus, sondern sie verfolgen bestimmte Handlungsmuster in Abhängigkeit ihres Mediationsverständnisses und Rollenverständnisses (vgl. Charkoudian et al. 2009; Picard 2004; Wood 2004; Silbey & Merry 1986). Eine einheitliche Typologie, die die empirischen Regelmäßigkeiten umfassend beschreibt, ist bisher noch nicht entwickelt. Immerhin stimmen die Typologien von Charkoudian et al. (2009), Picard (2004), Wood (2004) und Silbey & Merry (1986) in den beiden „Extrem- Typen“, dem evaluativen und dem transformativen Typ, weitgehend überein. Aufbauend auf andersgearteten Kategoriensystemen entwickeln sie innerhalb dieser beiden Extreme, aber unterschiedliche Typen: bei Charkoudian et al. (2009) sind dies Cluster B und Cluster C, bei Wood (2004) der „Facilitator“ und „Democratic“, bei Picard (2004) der „Mixed“- Typ. Die Vielfalt der Befunde deutet darauf hin, dass Mediatoren im mittleren Teil des Spektrums so heterogen handeln, dass es dort methodisch und konzeptionell besonders schwierig ist, empirische Regelmäßigkeiten zu erkennen. Diese Schwierigkeit scheint der Grund dafür zu sein, dass Forscher dazu neigen, das Handeln der untersuchten Mediatoren in einer dichotomen Art und Weise zu beschreiben und die Übereinstimmung mit einem Pol betonen, während das restliche gefundene Handeln ohne genauere Differenzierung als abweichend dem anderen Pol zugeordnet wird (vgl. Mareshal 2003; Nelson et al. 2010). Diese dichotome Sichtweise birgt die Gefahr, generalisierende Aussagen zu machen, die der empirischen Vielfalt nicht entsprechen. So resümiert Picard (2004) mit Blick auf ihre Forschungserkenntnisse:

„Until now, the extent of the plurality of mediation understandings has been hidden in dichotomous modeling found in much of the extant research. These bipolar descriptions of mediation have led us to expect two sets of practice, grounded in opposing views about mediation. (…) In contrast to dualistic notions (…), finding combinations of patterns interacting suggests that individual mediators draw on more than a single mediation theory to give meaning to their work” (Picard 2004: 307).

2.2 Mediatorenhandeln und Mediatorencharakteristika

Einzelne Studien berichten von Zusammenhängen zwischen dem Handeln von Mediatoren und speziellen Mediatorencharakteristika (Geschlecht, beruflicher Hintergrund, Tätigkeitsbereich, Mediationserfahrung). Zwar ist die Forschung auch in diesem Bereich noch nicht weit fortgeschritten, aber die einzelnen Befunde sensibilisieren für mögliche Einflussgrößen auf das Mediatorenhandeln, die bei entsprechenden Forschungsvorhaben (insbesondere bei der Datenerhebung) zu berücksichtigen sind.

Geschlecht und Mediatorenhandeln

Von deutlichen Unterschieden in der Kommunikationsgestaltung zwischen Mediatorinnen und Mediatoren berichten Wall & Dewhurst (1991). Anhand der Beobachtung von 40 Mediationen finden sie signifikante geschlechtsspezifische Abweichungen in der Art der benutzten Formulierungen. Demnach benutzen Frauen eher klärende Formulierungen, Männer dagegen direktive: „Women used more formulations that attempt to clarify what a disputant said, and male mediators used more formulations designed to control and direct the mediation“ (Wall & Dewhurst 1991: 81). Auch Picard (2004) findet in ihrer Studie geschlechtsspezifische Unterschiede bei Mediatoren: Männer neigen zu einem „Pragmatic“- Typ, der aufgabenbezogen und problembezogen agiert, auf die Einhaltung von Normen setzt, vermehrt Einzelgespräche führt und auf die Entscheidungen der Medianden einwirkt. Frauen dagegen fallen eher in den „Socioemotional“- Typ, der weniger aufgaben- bezogen sich mehr auf die Medianden einlässt (Picard 2004: 305). Zu ähnlichen Ergebnisse kommen Herrman et al. (2003) und berichten, dass Mediatorinnen eher versuchen, die Probleme und Emotionen der Medianden zu verstehen, und auch mehr auf die nonverbale Kommunikation achten. Männer konzentrieren sich dagegen mehr auf die Probleme und die Vereinbarung, handeln ergebnisorientierter (vgl. Herrman et al. 2003: 423). Nelson et al. (2010) bestätigen die bisherigen Studien zum Teil: sie stellen ebenfalls fest, dass männliche Mediatoren mehr direktive Techniken benutzen, um den Prozess zu steuern. Mediatorinnen räumen den Parteien mehr Platz ein und lassen sich mehr auf deren Erwartungen ein (Nelson et al. 2010). Ein interessanter Unterschied ist ihr Befund, dass Mediatorinnen genauso sehr auf eine Vereinbarung hinarbeiten wie Mediatoren, aber gleichzeitig auch versuchen, die Bedürfnisse der Medianden besonders zu berücksichtigen, und somit zwei Ziele nebeneinander verfolgen (Nelson et al. 2010:302).

Beruflicher Hintergrund und Mediatorenhandeln

Bei Mediatoren scheint ein Zusammenhang zwischen ihrem beruflichen Hintergrund und dem Handeln als Mediator zu bestehen. So unterscheiden sich anscheinend das Handeln von Mediatoren mit einem rechtswissenschaftlichen Hintergrund (Rechtsanwälte, Richter) und das Handeln von Mediatoren mit anderen Berufsabschlüssen. Silbey & Merry (1986) stellen in ihrer Studie fest, dass Mediatoren mit einer juristischen Expertise einen „Bargaining Style“ bevorzugen: sie arbeiten direktiv und gezielt auf eine Vereinbarung hin, geben juristische Bewertungen ab und bringen eigene Vorschläge ein (vgl. Silbey & Merry 1986: 19f.). Auch Picard (2004) ermittelte, dass Mediatoren mit juristischem Hintergrund zu einem „Pragmatic“- Typ tendieren, der ergebnisorientiert agiert, auf die Einhaltung von Normen setzt, vermehrt Einzelgespräche führt und auf die Entscheidungen der Medianden einwirkt. Mediatoren mit sozialwissenschaftlichem Hintergrund fallen bei ihr eher in den gegensätzlichen „Socioemotional“- Typ (Picard 2004: 306). Herrrman et al. (2003) betonen ebenfalls den Unterschied zwischen Juristen und Nicht- Juristen, der die geschlechtertypischen Abweichungen zusätzlich noch verstärkt: „Males holding a law degree also stand out. More than other mediators, their goals include more emphasis on client determination of the process and less emphasis on balancing emotional and material needs. They also are more likely to focus on court outcomes…” (Herrman et al. 2003: 423). Dies wird durch die aktuelle Studie von Wall & Chan- Serrafin (2010) bestätigt. Die von ihnen untersuchten Mediatoren, die ausschließlich Rechtsanwälte und Richter waren, handelten überwiegend im evaluativen Spektrum: sie waren direktiv, drängten auf eine Vereinbarung, bewerteten die Stärken und Schwächen des Falls, gaben eigene Ratschläge und versuchten Emotionen herauszuhalten (Wall & Chan Seraffin 2011: 11).

Tätigkeitsbereich und Mediatorenhandeln

Zu wenige Daten liegen vor, um Aussagen darüber treffen zu können, inwieweit sich Mediatoren im Handeln unterscheiden, die hauptsächlich in einem bestimmten Bereich tätig sind (z.B. Wirtschaft und Arbeitswelt; Familien und Ehe; Gemeinwesen; Umwelt). Zwar findet Picard (2004) entsprechende Hinweise auf unterschiedliche Handlungstypen in Bezug auf die jeweiligen Tätigkeitsbereiche. Die Ergebnisse sind jedoch nicht eindeutig, insbesondere wenn die unterschiedlichen Geschlechter und der jeweilige berufliche Hintergrund ebenfalls als Variablen einbezogen werden.

Mediationserfahrung und Mediatorenhandeln

Picard (2004) berichtet von klaren Unterschieden zwischen unerfahrenen (6 und weniger Jahre Erfahrung) und erfahrenen Mediatoren (7 und mehr Jahre): „Another noteworthy finding is that veterans (60 percent) are more mixed in their understandings than newcomers (40 percent)“ (Picard 2004: 307). Sie deutet ihr Ergebnis dahingehend, dass erfahrene Mediatoren ihre Handlungsweisen mehr reflektiert haben und sich dementsprechend weniger an einen Handlungstypus ausrichten. Herrman et al. (2003) können entgegen ihren Erwartungen keine klaren Unterschiede im Handeln von erfahrenen und unerfahrenen Mediatoren erkennen und empfehlen weitere Forschungsanstrengungen: „… the lack of significant relations surprised us. These nonfindings suggest the need for additional research with even more diverse groups of mediators“ (Herrman et al. 2003: 423).

3 Theoretische Zugänge zum Handeln von Mediatoren

Im Gegensatz zu der noch überschaubaren Zahl an Forschungsarbeiten existiert eine Fülle von Büchern und Artikeln, die beschreiben, wie Mediatoren in der Praxis handeln (sollten). Insbesondere im englischsprachigen Raum liegt seit den 80er Jahren eine Vielzahl von Publikationen zu diesem Thema vor. Im deutschsprachigen Raum ist die Entwicklung noch nicht soweit vorangeschritten, wobei seit Ende der 90er Jahre ein exponentielles Wachstum der Mediationsliteratur festgestellt wird (vgl. Kals 2003). Trotz der zahlreichen Publikationen ist es bisher noch nicht gelungen, eine allgemein anerkannte Mediationstheorie zu entwickeln, die die komplexen Zusammenhänge erfassen oder erklären könnte (vgl. Wissler 2006; Kressel 2006). Aus wissenschaftlicher Sicht ist die vorliegende Literatur daher eher als Ratgeberliteratur zu verstehen. Ein Eindruck, der angesichts fehlender Absicherung durch empirische Forschung weiter verstärkt wird (vgl. Kap. 2). Für die Forschungsarbeit spielt die Literatur dennoch eine bedeutende Rolle, da aus ihr Idealtypen des Mediatorenhandelns rekonstruiert werden können, die das individuell heterogene Handeln von Mediatoren besser verstehen und erklären lassen. Idealtypen werden hier im Sinne Max Webers (1980) als methodisches Hilfsmittel benutzt, um sozialwissenschaftliche Erkenntnisse zu generieren. Der Rückgriff auf Idealtypen erscheint vielversprechend, weil durch sie Zusammenhänge zwischen der theoretisch gedachten und empirisch vorgefundenen Wirklichkeit deutlich werden (vgl. Müller 2007:64f.). Für das Konzept der Idealtypen ist von entscheidender Bedeutung, dass diese sich auf reale empirische Phänomene beziehen, aber über deren Beschreibung hinausgehen, indem sie einige wesentliche Merkmale überzeichnen. So ist der Idealtyp nach Weber „ein Gedankenbild, welches nicht die historische Wirklichkeit oder gar die `eigentliche` Wirklichkeit ist, (…), sondern welches die Bedeutung eines rein idealen Grenz begriffs hat, an welchem die Wirklichkeit zur Verdeutlichung bestimmter bedeutsamer Bestandteile ihres empirischen Gehalts gemessen, mit dem sie verglichen wird“ (Weber in Müller 2007: 65). Die Bezeichnung als „Idealtyp“ darf nicht als eine Wertung missverstanden werden. Wie Henecka hervorhebt, ist der Idealtyp letztlich „ein konstruierter Begriff, eine gedanklich zugespitzte, überprägnante Idee, die aus der Komplexität der Wirklichkeit einige konstitutiv erscheinende Faktoren als „rein“ ausgeprägte hervorhebt, sie also im logischen (nicht unbedingt auch im moralischen) Sinne „ideal“ erscheinen lässt (…)“ (Henecka 2006:57).

Zur Rekonstruktion der Idealtypen wird wie beim Forschungsstand ausnahmslos auf englischsprachige Literatur zurückgegriffen. Dies begründet sich damit, dass die deutschsprachige Literatur nicht so differenziert auf Mediation und das Mediatorenhandeln blickt wie die englischsprachige. Nur selten wird explizit auf gegensätzliche Konzepte und entsprechend unterschiedliches Handeln von Mediatoren hingewiesen. Überwiegend wird Mediation als einheitliches Konzept mit einem typisches Handlungsmuster von Mediatoren dargestellt (vgl. Haft & Schliefen 2009; Montada 2007; Besemer 2009; Rademacher 2008). Wenn Differenzierungen vorgenommen werden, dann geschieht dies unter Verweis auf Literatur aus dem englischsprachigen Raum (vgl. Breidenbach 1995; Risse 2003; Schrör 2004; Hösl 2011).

Als Grundlage für die Rekonstruktion werden im Folgenden ausgewählte Konzeptionen der angloamerikanischen Literatur dargestellt. So entwickelt sich ein theoretisch differenzierter Blick auf das Handlungsspektrum von Mediatoren. Gegen Ende des folgenden Kapitels werden die Konzepte kritisch miteinander verglichen. Dies führt zu der methodologisch und empirisch begründeten Entscheidung, drei Idealtypen (und nicht mehr oder weniger) zu rekonstruieren. In Kapitel 3.2 werden diese dann so detailliert beschrieben, dass sie sich für die empirische Untersuchung eignen.

3.1 Darstellung ausgewählter Konzepte

Die Auswahl der Konzepte orientiert sich maßgeblich an Picards Zusammenstellung der prominentesten Ansätze aus der englischsprachigen Literatur (Picard 2002: 27ff.). Ergänzt wird sie durch die aktuellen Modelle von Boulle (in Spencer & Brogan 2006: 100ff.) und Alexander (2008). Aus der Integration beider Ansätze in das Schema von Picard (2002: 29) ergibt sich folgende Tabelle, die einen Überblick über die Unterschiede zwischen den jeweiligen Konzepten gibt und aufzeigt, dass das Handeln von Mediatoren konzeptionell zunehmend differenzierter betrachtet wird (siehe Tabelle 1 auf der folgenden Seite):

Tabelle 1: Konzepte des Mediatorenhandelns

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zu den ersten Konzepten, die Mediation und damit auch das Handeln von Mediatoren differenziert beschreiben, zählt Kolbs (1983) Differenzierung der Mediation in einen „Settlement Frame“ und einen „Communication Frame“. Jeder Frame hat ein anders Ziel und einen eigenen Schwerpunkt. Der „Settlement Frame“ ist von dem Bestreben geprägt, möglichst rasch eine für beide Parteien akzeptable Vereinbarung zu finden, weshalb es vor allem um inhaltliche Fragen geht. Im „Communication Frame“ geht es dagegen in erster Linie darum, das Verständnis zwischen den Parteien zu fördern. Im Fokus steht daher, die Kommunikation zwischen den Parteien am Laufen zu halten (vgl. Picard 2002: 28). Mit Blick auf die gegensätzlichen „Frames“ entwickelt Kolb auch entsprechende idealtypische Handlungsmuster für Mediatoren: entweder handeln sie als „Dealmaker“ oder als „Orchestrator“. Wie stark das jeweilige Handeln zwischen beiden Idealtypen abweicht, veranschaulicht folgendes Zitat von Moore (1996) in Bezug auf Kolbs Idealtypen:

„Orchestrators generally focus on empowering parties to make their own decisions; they provide mainly procedural assistance, and (…) help in establishing or building relationships. (…) In contrast, dealmakers are often highly directive in relation to both process and the substantive issues under discussion. Generally, they are very prescriptive and directive with respect to problem- solving steps, questions of who talks and to whom, types of forum (joint session or private meetings), and the type of interventions made. Dealmakers are also much more involved in substantive discussions and (…) may provide substantive information to the parties, voice their opinion on issues under discussion, or actively work to put together a deal that will be mutually acceptable to the parties” (Moore 1996: 54).

Silbey & Merry (1986) haben aufgrund ihrer Beobachtungen von Mediationen (vgl. Kap. 2) ähnliche Gegensätze bemerkt und daraus ebenfalls gegensätzliche idealtypische Handlungsmuster für Mediatoren konstruiert. Bei ihnen wird der „Settlement Frame“ zum „Bargaining Style“ und der „Communication Frame“ zum „Therapeutic Style“. Entsprechend versuchen „Bargaining“- Mediatoren eine akzeptable Vereinbarung herbeizuführen, indem sie direktiv den Verhandlungsprozess und die Kommunikation steuern, eigene (insbesondere juristische) Expertise einfließen lassen und in Einzelgesprächen nach Rahmenbedingungen eines Konsens („bottom lines“) suchen (Silbey & Merry 1986: 19f.). Der „Verhandlungsmediator“ konzentriert sich ausschließlich auf verhandelbare Punke, Gefühle werden ignoriert. Stillstand oder Widerstände versucht er aktiv zu überwinden: „When parties resist, the role of the mediator is to become an “agent of reality“ and to point to the inadequacy of the alternatives, the difficulty of the present situation and the benefits of a settlement of any kind“ (Silbey & Merry 1986: 20). Der „therapeutische Mediator“ hingegen strebt das gegenseitige Verständnis für die Sichtweise und Problemlage der jeweils anderen Konfliktpartei an. Er fördert die direkte Kommunikation und die Beziehung zwischen den Parteien, sucht mit den Parteien nach zugrundeliegenden Bedürfnissen oder verletzten Gefühlen und versucht Missverständnisse und Fehlinterpretationen auszuräumen. Wenn es zu keiner Einigung kommt, dann tritt er für die gegenseitige Anerkennung der Differenzen ein und hilft bei der Klärung der aktuellen Gefühlslage (vgl. Sibey &Merry 1986: 20ff.).

Bei seinem Versuch, das heterogene Handeln von Mediatoren theoretisch zu erfassen und zu beschreiben, untereilt Riskin (1996) das Handlungsspektrum von Mediatoren ähnlich bipolar wie Kolb (1983) und Silbey & Merry (1986). Auf der einen Seite des Spektrums steht bei ihm der „evaluative“ („bewertende“) Mediator, der direktiv und zielgerichtet auf eine Einigung hinarbeitet, Vorschläge der Parteien bewertet und eigene entwickelt, die Parteien zu einer Vereinbarung drängt. Auf der anderen Seite sieht er den „facilitativen“ („erleichternden“) Mediator, der den Parteien hilft, sich ihrer Interessen klar zu werden, eigene Vorschläge und Lösungen zu entwickeln (vgl. Riskin 1996: 23). Anders als seine Vorgänger unterteilt Riskin diese Mediatorentypen noch weiter anhand der Frage, wie Mediatoren das jeweilige Problem definieren, mit dem sie konfrontiert werden, ob sie einen „narrow“ („engen“) oder „broad“ („weiten“) Fokus haben. Mediatoren mit einem engen Fokus halten sich an die offenkundigen Problemlagen, die die Parteien vorbringen, während Mediatoren mit einem breiten Fokus versuchen, die dahinter liegenden Interessen ebenfalls zu bearbeiten (vgl. Riskin in Golan & Folberg 2006:118). Mit dieser weiteren Unterteilung kommt Riskin letztlich zu vier Typen mit speziellen Handlungsmustern: dem „evaluativ- broad“- , „evaluativ- narrow“- , „facilitativ- broad“- und „facilitativ- narrow“- Mediator. Der „evaluativ- narrow“ Mediator bewertet die Stärken und Schwächen der Position einer Partei, sagt Gerichtsentscheidungen aufgrund der Sachlage vorher, entwickelt eigene Lösungsvorschläge und drängt die Parteien zu einer Vereinbarung. Der „evaluativ- broad“ Typ arbeitet auch direktiv auf eine Einigung hin, versucht dabei aber mehr die zugrunde liegenden Interessen der Parteien zu berücksichtigen. Daher versucht er sich aktiv ein Bild der Interessen zu machen, entwickelt darauf aufbauend eigene Vorschläge und drängt bzw. zieht die Parteien zu dieser interessenfundierten Vereinbarung. Der „facilitativ- broad“ Mediator ist weniger direktiv, hilft den Parteien, ihre zugrundeliegenden Interessen herauszuarbeiten und zu verstehen, damit sie selbst zu einer interessenbasierten Vereinbarung gelangen. Der „facilitativ- narrow“ Typ regt die Parteien an, ihre Positionen hinsichtlich ihre Schwächen und Stärken zu hinterfragen und unterstützt sie, selbst entsprechende Vorschläge für die Lösung ihres Konflikts zu entwickeln. Er achtet weniger darauf, dass die Interessen berücksichtigt werden als die rechtlichen Positionen der Parteien (Riskin 1996: 23ff.). Im Vergleich mit den Konzepten von Kolb (1983) und Silbey & Merry (1986) ist das Handlungsspektrum von Mediatoren bei Riskin etwas kleiner, da alle Mediatorentypen problemorientiert arbeiten und versuchen, eine Vereinbarung aktiv herbei zu führen. Die Extrempole „Orchestrator“ bzw. „Therapeutic style“ kommen bei ihm nicht vor.

Als Alternative zu einer dominierenden Mediationspraxis, die Mediation auf die reine Problemlösung reduziert, verstehen Bush & Folger (1996) ihren transformativen Ansatz der Mediation. Bewusst grenzen sie sich von dem evaluativen / facilitativen Spektrum Riskins ab, das ihrer Ansicht nach zu sehr auf eine Vereinbarung fokussiert ist und das Potential zur Transformation verschenkt (Bush & Folger 1996: 2). Dieses Potential sehen sie darin, dass die Medianden im Lauf der Mediation sowohl Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung als auch das Verständnis gegenüber der Konfliktpartei weiter entwickeln: „Specifically, mediation’s potential transformative effects are that it can strengthen people’s capacity to analyze situations and make effective decisions for themselves, and it can strengthen people’s capacity to see and consider the perspectives of others“ (Bush & Folger 1996: 264). Um dieses Potential ausschöpfen zu können, muss sich der Mediator von den üblichen Vorgehensweisen der problemlösungsorientierten Ansätze distanzieren. Anstatt nach Wegen zu suchen, wie das Problem zum größten Nutzen für die Parteien gelöst werden kann, soll er sich auf Gelegenheiten konzentrieren, die „Empowerment“ und „Recognition“ bei den Parteien fördern. Unter „Empowerment“ verstehen Bush & Folger die „Stärkung des Selbstvertrauens und des Selbstwertgefühls, so dass sich das Individuum in der Lage sieht, Entscheidungen zu fällen und mit Problemen umzugehen“ (Bush & Folger 2009: 84). „Recognition“ bedeutet bei ihnen die „gegenseitige Anerkennung der individuellen Bedürfnisse und Interessen und damit das Aufbringen von Verständnis für die Situation und Sichtweise des anderen“ (Bush & Folger 2009: 84f.) In Anbetracht der beiden Zielgrößen zeichnet sich das idealtypische Handeln eines transformativen Mediators dadurch aus, dass er absolut non- direktiv versucht, einen Kontext zu schaffen, der „Empowerment“ und „Recognition“ fördert. Er reagiert auf das Handeln der Parteien, überlässt ihnen die Gestaltung des Prozesses und der Kommunikation. Sämtliche Entscheidungen übergibt er an die Parteien und ermutigt sie zur Reflexion und dem Ausdruck ihrer Gefühle (vgl. Bush & Folger 1996; Bush & Folger 2009). Im Vergleich mit den anderen Konzepten wird die Ähnlichkeit des transformativen Konzepts mit den „Orchestrators“ von Kolb (1983) und dem „Therapeutic Style“ von Silbey & Merry (1986) deutlich. Der Unterschied liegt vor allem in der Ausführlichkeit, Detailliertheit und Differenziertheit mit der Bush & Folger ihren Idealtyp beschreiben, um den Praktikern die Arbeit nach dem transformativen Ansatz zu erleichtern.

Boulle (in Spencer & Brogan 2006: 100ff.) unterscheidet in seinem Konzept zwischen „Settlement Mediation“, „Evaluative Mediation“, „Facilitative Mediation“ und „Transformative Mediation“. Anhand einzelner Kategorien vergleicht er die Ansätze miteinander und zeigt die inhaltlichen Differenzen auf. Insbesondere arbeitet Boulle systematisch die verschiedenen Ziele, Konfliktverständnisse und die damit zusammenhängenden Rollen und Handlungsmuster von Mediatoren heraus. Deutlich wird das Bemühen, die vorhandenen Ansätze in sein Gesamtkonzept zu integrieren. Seine „Transformative Mediation“ entspricht exakt dem transformativen Idealtyp von Bush & Folger (1996), und damit auch den „Orchestrators“ von Kolb (1983) und dem „Therapeutic Style“ von Silbey & Merry (1986). Die „Facilitative Mediation“ beschreibt er als Verfahren der interessenbasierten Konfliktlösung mit einem Mediator, der idealtypisch im Prozess einen konstruktiven Dialog zwischen den Parteien über ihre Interessen ermöglicht und zu einer interessenbasierten Vereinbarung ermuntert. Die Übereinstimmung zum „facilitativ- broad“ Typ von Riskin (1996) ist deutlich. Seine „Settlement Mediation“ wiederum entspricht der „facilitativ- narrow“ Mediation von Riskin, wie Alexander (2008: 100) hervorhebt. In seine „Evaluative Mediation“ integriert Boulle schließlich beide evaluativen Typen von Riskin zu einem Ansatz, in dem der Mediator direktiv den Prozess und die Kommunikation steuert, zielgerichtet auf eine Vereinbarung hinarbeitet, die Stärken und Schwächen der Position einer Partei bewertet und eigene inhaltliche Vorschläge einbringt (vgl. Boulle 2006 in Spencer & Brogan 2006: 100ff.). Unter dem Namen der „Evaluativen Mediation“ gelingt es ihm somit auch, den „Settlement Frame“ von Kolb (1983) und den „Bargaining Style“ von Silbey & Merry (1986) in sein Konzept einfließen zu lassen.

Mit dem „Mediation Metamodel“ bietet Alexander (2008) ein Konzept an, das dabei helfen soll, die vielfältige Mediationspraxis zu ordnen und die Differenzen zwischen den Mediationspraktiken zu verstehen (Alexander 2008: 97). Das Modell basiert auf zwei Dimensionen, der Interaktions- und der Interventionsdimension, anhand derer sie die Praxis ordnet. So kommt sie zu einer Unterscheidung von sechs Ansätzen: der „Settlement Mediation“, „Facilitative Mediation“, „Transformative Mediation“, „Expert Advisory Mediation“, „Wise Council Mediation“ und „Tradition- Based Mediation“. Folgende Abbildung aus Alexander (2008: 107) zeigt deren Zusammenhänge:

Abbildung 1: „Mediation- Metamodel“ von Alexander (2008)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auf der Interaktionsdimension unterscheidet sie zwischen drei Varianten des Diskurses:

- das Verhandeln über Positionen („Positional Bargaining“), bei dem man von gegensätzlichen Standpunkten über Zugeständnisse zu einem Kompromiss gelangt;
- das interessen- basierten Verhandeln („Interest- Based Negotiation“), bei dem man versucht, die zugrundeliegenden Interessen, Bedürfnisse, Motivationen einzubeziehen und zu einem Konsens zu kommen, der die Interessen beider Parteien befriedigt;
- das gemeinsame Gespräch („Dialogue“), bei dem es darum geht, die Kommunikation zwischen den Parteien zu unterstützen, damit diese zu einem konstruktiven und respektvollen Austausch gelangen (Alexander 2008: 102).

Mit der Interventionsdimension beschreibt Alexander, inwiefern Mediatoren innerhalb einer bestimmten Interaktionsform den Fokus auf substantielle Inhalte richten und eigene Expertise einbringen („Problemorientierung“) oder sich eher auf den ablaufenden Prozess konzentrieren und diesen gestalten („Prozessorientierung“). Entsprechend interveniert der Mediator in der „Expert Advisory Mediation“ aufgrund eigener Expertise inhaltlich sehr stark, bewertet die jeweiligen Positionen, gibt eigene Ratschläge ab und bietet eine fachlich fundierte Lösung an (Alexander 2008: 107). In der „Settlement Mediation“ versucht der Mediator den Prozess so zu gestalten, dass die Parteien über intensives Verhandeln zu einem Kompromiss gelangen, der von ihren anfänglichen Positionen ausgeht. Der „facilitative Mediator“ ermöglicht interessenbasiertes Verhandeln, beschränkt sich dabei aber auf Prozessinterventionen: „Facilitative mediators are responsible for creating an optimal environment for negotiation and coaching the parties through the negotiation process“ (Alexander 2008: 111). Der „wise council Mediator“ konzentriert sich auf das betreffende Problem und gibt dazu auch Bewertungen und Ratschläge ab, bezieht dabei aber die zugrunde liegenden Interessen mit ein. Alexander betont, dass der „tradition- based Mediator“ dem „wise council Mediator“ in seinem Handeln gleicht, den wesentlichen Unterschied sieht sie in der jeweiligen Orientierung: „Whereas wise council mediators focus on the negotiation of parties interests, tradition- based mediators view the values of the community as taking priority” (Alexander 2008: 114). Der „transformative Mediator“ versucht, eine Umgebung zu schaffen, in der die Parteien einen transformativen Dialog führen und „Empowerment“ und „Recognition“ entwickeln. Durch die Interventions- Dimension, die in den anderen Konzepten nicht vorkommt, können Alexanders idealtypische Ansätze kaum mit den anderen verglichen werden. Nur die Übereinstimmung hinsichtlich des „transformativen Mediators“ mit den entsprechenden Idealtypen von Boulle (2006), Bush & Folger (1996), Kolb (1983) und Silbey & Merry (1986) ist eindeutig.

[...]


[1] Zur besseren Lesbarkeit wird auf die ständige Aneinanderreihung weiblicher und männlicher Bezeichnungen oder deren systematisch wechselndem Gebrauch verzichtet. Wenn nicht explizit zwischen den Geschlechtern differenziert wird, sind aber stets beide Geschlechter gemeint.

Ende der Leseprobe aus 101 Seiten

Details

Titel
Mediation in Deutschland
Untertitel
Eine empirische Untersuchung der Mediationspraxis
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Sozialwissenschaftliche Konfliktforschung
Note
1,2
Autor
Jahr
2012
Seiten
101
Katalognummer
V280213
ISBN (eBook)
9783656733362
Dateigröße
3011 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mediation, Mediator, Ablauf und Praxis der Mediation, Mediationshandeln
Arbeit zitieren
Götz Gölitz (Autor), 2012, Mediation in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280213

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