Zur Leistung der Ironie in Arthur Schnitzlers Erzählung "Doktor Gräsler, Badearzt" (1914)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

14 Seiten, Note: 1,7

Maria Mendel (Autor)


Leseprobe

Gliederung

I. Standort: point- of- view oder Nullfokalisierung

II. Interne Fokalisierung: Selbstschutz

III. Sentimentalität: Reduktion von Verantwortlichkeit

IV. Standessatire

V. Selektion: Kontrastierung

VI. Zusammenfassung

VII. Literatur

I. Standort: point- of- view oder Nullfokalisierung

Wenn Uwe Johnson fragt: „Wo ist der Erzähler auffindbar?“[1] so wird das Problem der Verortung der erzählenden Instanz im epischen Text thematisiert. Die Strukturelemente des Erzählens, und die Methoden, sie zu bestimmen, beschäftigen die Forschung seit langem. So untersucht Lämmert unterschiedliche View- point - Theorien und Fragen der Erzählergegenwart.[2] Zeitgleich geht Stanzel von „Erzählern im Sinne erschaffener Figuren aus“,[3] wobei laut Stanzel bei der Kategorie des personalen Erzählens die Erzählerfigur fehle. Lämmert bevorzugt im Rückgriff auf den Begriff des view- point die Bezeichnung „Standort“: Der Ich- Erzähler (oder der Berichterstatter) sieht als einer (meist) an der Handlung beteiligter die Dinge aus begrenzter Perspektive. Für ihn ist die Zukunft logischerweise ungewiss. Lämmert verweist darauf, dass der Erzähler natürlich den gesamten Ablauf des Geschehens überblickt: „Er führt als Akteur und Vermittler eine Doppelexistenz, indem er dem Leser die reale Spannung und Zukunftserwartung des handelnden Ich suggeriert.“ (Lämmert, 72) Für den inneren Monolog bedeutet dies im Gegensatz dazu, dass er sich völlig vom mitteilenden Erzähler emanzipiert. (Lämmert, 236) „Die Person macht sich mit ihren Gedanken selbständig und (…) isoliert sich, und man muß sich geradezu gewaltsam darauf zurückbesinnen, daß sie vom Erzähler `gemacht´ ist!“

Der innere Monolog ist „ungleich sprunghafter und fetzenhafter“, geeignet, die für den Autor leitmotivisch wichtigen Themen und Aspekte dem Leser vor Augen zu führen: „er kreist und strudelt um ganz bestimmte Komplexe.“ Lämmert spricht von der „monomanischen Tendenz“ (Lämmert, 237) des inneren Monologs, mit dem nüchtern- objektive Erzählberichte überspielt werden können. In der Er- Erzählung sieht er einen normativen Anspruch auf Einheit des „psychologischen Standorts in der ganzen Erzählung.“[4] Dieser psychologische Standort gebe „den Personen und der Umwelt ihren poetischen Zuschnitt.“ Der jeweilige psychologische Standort bestimme, ob „Personen in ihren geheimen Seelenregungen erfasst“ würden oder ob lediglich ihr äußerer „Habitus gedeutet“ werden könne. Tritt also „die Außenwelt kategorisch als ´erlebte` oder als ´an sich seiende` Wirklichkeit“ in Erscheinung (Lämmert, 72)? Die Frage nach dem psychologischen Standort sowie die Methode der Vorausdeutung wird im Hinblick auf die Analyse der Bedeutung der Ironie in Schnitzlers Erzählung von Bedeutung sein.

Genette, der den Begriff des point of view durch den der Fokalisierung ersetzt sehen will,[5] erweitert die Trennschärfe. Ihm zufolge ist die fokale Position nicht immer an einer Person festzumachen, der Fokus kann in einer Person verkörpert sein – oder auch nicht! Die Nullfokalisierung entspräche einer „Erzählung mit allwissendem Erzähler“, die interne Fokalisierung wäre gleichzusetzen mit „Reflektor, mit selektiver Allwissenheit“, die externe Fokalisierung stünde für eine „objektive, behaviouristische Technik.“ (Genette, 235)

Im Folgenden soll gezeigt werden, dass Doktor Gräsler, Badearzt, zwar wie Sprengel konstatiert,[6] personal erzählt ist, dass die personale Erzählung jedoch mit Nullfokalisierung, d.h.: auktorialer Erzählperspektive, sowie durch Vorausdeutungen gebrochen wird. Wie diese erzählerische Vermittlung mit der Wirkungsabsicht des Textes korreliert, welche Strukturelemente verwendet werden und welche dominante Funktion der ironische Gestus in der Erzählung hat, soll im Folgenden ausgeführt werden.

II. Interne Fokalisierung: Selbstschutz

„Das Schiff lag zur Abfahrt bereit.“ (7) Der erste Satz legt die Form des personalen Erzählens für Doktor Gräsler, Badearzt fest: Vom Blickpunkt eines unsichtbar bleibenden Beobachters (Genett, 187).[7] Erst im zweiten Satz wird die eponymische Hauptfigur eingeführt: „Doktor Gräsler (…) mit schwarzer Armbinde“, (7)[8] ihm gegenüber der Hoteldirektor.[9] Dass es sich um den Suizid der Schwester handelt, erfährt der Leser erst drei Seiten später. Gräslers Distanz zu ihr wird dadurch begründet, dass Gräsler „von Berufspflichten allzusehr in Anspruch genommen“, (10) sich nicht weiter um die „linde Schwermut“ (10) des „in Würde“ (10) alternden Mädchens „zu kümmern pflegte“, (10) hat er doch als Schiffsarzt viel Zeit auf Reisen verbracht. Nach dem Tod der Eltern gesellt sich die unverheiratete Friederike ihm zu, als Haushälterin. Oftmals ist Gräsler besorgt, „sie könnte ihm von irgendeinem Bewerber in eine späte Ehe entführt werden“, (11) hatte sich Friederike doch eine „jugendliche Anmut, ihre Augen einen so rätselhaften dunklen Glanz bewahrt.“ (11) Die Sorgen erweisen sich als überflüssig, „doch glaubte sich der Bruder nun manchen stummen Blicks aus ihren Augen zu erinnern, der mit leisem Vorwurf auf ihn gerichtet war, als hätte auch er die Glücklosigkeit ihres Daseins irgendwie mit zu verantworten gehabt.“ (11)

Schuldgefühle belasten ihn jedoch nicht (Sprengel, 241):

Den ahnungslosen Bruder hatte sie hierdurch freilich in die Notwendigkeit versetzt, sich in einer Lebensperiode, die neuen Gewöhnungen im allgemeinen abhold zu sein pflegt, um Angelegenheiten des Haushaltes und der Wirtschaft zu kümmern. (11)

So kommt es passend für Gräslers Selbstschutz, dass „unbeschadet aller Trauer, (…) ein kühles, aber irgendwie tröstliches Gefühl der Entfremdung gegenüber der Dahingeschiedenen in sein Herz (zog), die ihn ohne Abschied und völlig unvorbereitet auf Erden allein gelassen hatte.“[10] (11) Die Sentimentalität rechtfertigt die Loslösung aus jeglichem Verantwortungsgefühl: Ein Suizid „ohne Abschied“, der ihn „unvorbereitet und völlig allein“ zurücklässt, der dazu führt, dass Gräsler sich fortan seinen „Kaffee selbst eingießen“ (12) muss.

[...]


[1] Neumann, B. (Hrsg.): Uwe Johnson: „Wo ist der Erzähler auffindbar?“ 1992.

[2] Lämmert, E.: Bauformen des Erzählens, 1955, S. 70- 71.

[3] Stanzel, Franz K.: Die typischen Erzählsituationen im Roman, 1955. Vgl. Jeßing, B. Einführung, 2007, S. 185.

[4] Lämmert sagt, dass in der Er- Erzählung „partienweise ein fingierter Erzähler auftritt“, S. 71.

[5] Genette, G.: Die Erzählung, 1994, S. 235.

[6] Sprengel, P.: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1900- 1918, 2004, spricht von einem „streng personal erzählten Portrait“, S. 241.

[7] Vgl. Booths Ausführungen zum „camera eye“, The Rhetoric of Fiction, 1961, S. 153.

[8] Der Todesfall wird durch `showing`, nicht `telling` perspektiviert. Booth, S. 211.

[9] „dessen braunes, glattgescheiteltes Haar sich trotz des leichten Küstenwindes kaum bewegte“, (7) Gräsler hingegen streicht sich über sein „etwas angegrautes Haar.“ (7)

[10] Sprengel bezeichnet Gräsler als „regelrechten menschlichen Versager“, S. 94.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Zur Leistung der Ironie in Arthur Schnitzlers Erzählung "Doktor Gräsler, Badearzt" (1914)
Hochschule
Universität Trier  (FB Germanistik)
Veranstaltung
Literarische Gattungen, Literaturtheorien und Methoden
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V280245
ISBN (eBook)
9783656737650
ISBN (Buch)
9783656737643
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
leistung, ironie, arthur, schnitzlers, erzählung, doktor, gräsler, badearzt
Arbeit zitieren
Maria Mendel (Autor), 2011, Zur Leistung der Ironie in Arthur Schnitzlers Erzählung "Doktor Gräsler, Badearzt" (1914), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280245

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