Im mittelalterlichen Eneasroman von Veldeke wird der Stoff von Vergils Aeneis rezipiert und an mittelalerliche Verhältnisse angepasst.
So muss sich Veldeke zwangsläufig mit der antiken Götterwelt, wie sie in der Aeneis präsentiert wird, auseinandersetzen und in seinen eigenen christlichen Hintergrund einbetten. Wie dies geschieht und ob es einen Hierarchiestreit - christlicher Gott vs. antike Götter - gibt, wird in diesem Aufsatz erörtert.
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) Götter im Eneasroman
2a) Götterabstammung
2b) Göttereinwirkung
3) Gott im Eneasroman
3a) Eneas und Gott
4) Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Gott und den antiken Göttern in Heinrichs von Veldeke Eneasroman im Vergleich zu Vergils Aeneis. Dabei wird analysiert, wie Veldeke antike Stoffe im Kontext seiner monotheistischen, mittelalterlichen Lebenswelt umformt, gekürzt oder erweitert, ohne die beiden Instanzen miteinander zu vermischen.
- Die Funktion und Darstellung der antiken Götter bei Veldeke
- Die christliche Prägung der Gott-Vorstellung im Eneasroman
- Der Umgang mit dem antiken Erbe und die Mediävalisierung
- Das Spannungsfeld zwischen polytheistischer Vorlage und christlichem Weltbild
- Die Rolle der translatio imperii im Epilog des Romans
Auszug aus dem Buch
2b) Göttereinwirkung
Hier zeigt sich das andere Moment, in dem Götter auftreten, nämlich dann, wenn der Fokus auf den Fortgang der Handlung ausgerichtet ist.
Die Götter geben, ganz dem Vorbild Vergils folgend, die Handlungsmotivation für das Verlassen Trojas, die Minne zu Dido und auch die Trennung, den Abstieg in die Unterwelt, den Kampf in und um Latium und die Minne zu Lavinia. Dabei kann die Lenkung durch die Götter sowohl bei Vergil als auch im Eneasroman positive oder negative Auswirkungen auf die Fortführung der Handlung haben.
Der gravierende Unterschied zu Vergil wird aber schon zu Beginn in den Versen 67-71 deutlich: hier relativiert sich die Bestimmung der Götter durch die Instanz der Beratung (ganz der mittelalterlichen Lebenswelt entsprechend). Erst nach der Beratung mit sine frunt, mâge und man und nach gemeinschaftlicher Abstimmung folgt also die Umsetzung des Plans vom Aufbruch.
Es gibt noch weitere Episoden, die dieses Muster aufweisen oder den Ratschluss einer Gemeinschaft in bestätigender Funktion betonen, z.B. Vv. 647-650, 1970-1975, 2656-2658, 4061.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema des Verhältnisses von Gott und Göttern bei Heinrich von Veldeke ein und erläutert die Forschungsabsicht, die antike Quelle im Kontext der mittelalterlichen Mediävalisierung zu untersuchen.
2) Götter im Eneasroman: In diesem Kapitel wird untersucht, wie die antiken Götter im Eneasroman funktionalisiert, allegorisiert und im Sinne der Minne-Idee umgedeutet werden.
3) Gott im Eneasroman: Dieser Abschnitt analysiert das Auftreten einer christlichen Gottesvorstellung, die dort in Erscheinung tritt, wo Figuren in Angst und Not nach einer höheren Macht suchen.
4) Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert, dass Gott und die antiken Götter bei Veldeke zwar nebeneinander existieren, aber strikt getrennt bleiben, wobei der Dichter den antiken Stoff in eine christliche Heilsgeschichte einbettet.
Schlüsselwörter
Eneasroman, Heinrich von Veldeke, Vergil, Aeneis, Gott, Götter, Mediävalisierung, Minne, Fatum, translatio imperii, Antike, Mittelalter, Heilsgeschichte, Monotheismus, Polytheismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Darstellung von göttlichen Instanzen – sowohl den antiken Göttern als auch dem christlichen Gott – im Eneasroman von Heinrich von Veldeke im Vergleich zum Epos von Vergil.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Themen sind die Transformation antiker Stoffe in eine christlich geprägte mittelalterliche Erzählweise, die Genealogie der Götter und die Autonomie des Protagonisten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll geklärt werden, wie Veldeke den Spagat zwischen seiner heidnischen Quelle und seiner eigenen monotheistischen Lebenswelt vollzieht, ohne die Rollen von Gott und Göttern unzulässig zu vermischen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Die Arbeit nutzt eine komparative Literaturanalyse, bei der zentrale Textstellen des Eneasromans den Originalversen Vergils gegenübergestellt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Götterabstammung, die Göttereinwirkung auf die Handlung, die spezifische Funktion der Götter als Entscheidungshilfen und die Rolle Gottes als Trostspender in Notlagen.
Was charakterisiert diese Arbeit in Bezug auf ihre Schlagworte?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Mediävalisierung, translatio imperii und die Abgrenzung von Polytheismus und Monotheismus in der Literatur des Mittelalters geprägt.
Wie unterscheidet sich Veldekes Eneas von Vergils Aeneas in Bezug auf die Götter?
Veldekes Eneas verfügt über eine gesteigerte Autonomie, da er nicht nur dem Fatum oder göttlichen Befehlen folgt, sondern oft im Rahmen gemeinschaftlicher Ratschluss-Sitzungen handelt.
Wie fungiert Gott im Eneasroman laut der Autorin/dem Autor?
Gott fungiert als Instanz des Trostes und Beistands, an die sich die Figuren in Momenten der Ohnmacht wenden; er bleibt jedoch im Gegensatz zu den aktiven antiken Göttern eher im Hintergrund.
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- B.A. Sarah K. Weber (Author), 2014, Gott und Götter im Eneasroman, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280334