Gott und Götter im Eneasroman

Wer hat das Schicksal der Menschen in der Hand?


Essay, 2014

11 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Götter im Eneasroman
2a) Götterabstammung
2b) Göttereinwirkung

3) Gott im Eneasroman
3a) Eneas und Gott

4) Zusammenfassung

5) Literaturverzeichnis

1) Einleitung

Im Folgenden soll es um das Verhältnis von Gott und Göttern in Heinrichs von Veldeke Eneasroman mit Vergleichen zu Vergils Aeneis gehen.

Haben die Götter bei Vergil noch einen bedeutenden Anteil am Schicksal des Aeneas und wird sein Handeln vom fatum gelenkt, reduziert sich dies bei Veldeke auf ein Minimum. Ich werde exemplarisch einige Stellen, an denen Götter und Gott im mittelalterlichen Roman auftauchen, aufführen und die entscheidenden Entwicklungen des Protagonisten bei Vergil und bei Veldeke aufzeigen.

Dabei wird es immer wieder um die Frage gehen, wo und wie Mediävalisierung in Bezug auf die zeitgenössische, monotheistische Lebenswelt Heinrichs von Veldeke stattfindet.

Der Forschungsblick ist mittlerweile wieder stark auf die Mediävalisierung gerichtet und man versucht, das Verhältnis zur Quelle zu analysieren[1]. Dittrich geht dabei sogar von einer christlichen Universalgeschichte bei Veldeke aus[2]. Von diesem extremen Standpunkt musste man allerdings abrücken und sich dem Aspekt des Umformens und Umstrukturierens antiker Stoffe zuwenden, denn gerade beim Thema Gott und Götter lässt sich erkennen, dass einerseits stark gekürzt, andererseits erweitert, aber nicht vermischt wird .

2) Götter im Eneasroman

Götter können einzeln mit namentlicher Nennung (Venus, Amor, Cupido, Juno, Mars, Vulcan, Pluto, Proserpina, Diana, Apollo) oder als Kollektiv (gote) auftreten. Besonders hervorgehoben sind Venus, Amor und Cupido, deren Eingreifen man unter die beiden großen Minnehandlungen (Eneas – Dido, Eneas – Lavinia) subsummieren kann. Sie werden im Sinne der Minne-Idee funktionalisiert und allegorisiert[3]. Dadurch werden die antiken Liebesgötter zwar nicht entmythologisiert, aber zeitgemäß umgedeutet und anders akzentuiert.

Es gibt allerdings grundsätzlich zwei verschiedene Momente, in denen bei Veldeke die Götter auftauchen: Zum einen gibt es die, die auf den Status und die Genealogie, zum anderen solche, die auf den Fortgang der Handlung ausgerichtet sind.

2a) Götterabstammung

Erstere sind dabei gleich zu Anfang zu finden (Vv. 41ff.), denn diese ersten Verse berichten (wie auch Vergil) von der mythologischen Abstammung des Eneas, wobei sie die Rahmenerzählung über Venus, Paris und den goldenen Apfel nur erwähnen, aber nicht wie Vergil ausführen. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man sich vor Augen hält, dass dem mittelalterlichen Rezipienten die Hintergründe nicht in dem Maße bekannt gewesen sind, wie dies noch in der antiken Kultur der Fall war[4]. Einzig Venus und Amor waren stets bekannte Bezugsgrößen in der Minneidee.

Das Augenmerk scheint Veldeke also nicht auf der Wissensvermittlung zu liegen. Vielmehr knüpft er an Vergil an und legitimiert dadurch auch seinen Roman („Der berühmte Vergil berichtet uns […].“, Vv.41f.). Dittrich geht mit ihrer Meinung, er könne dem Publikum vor seinem christlichen Hintergrund keine näheren Ausführungen zumuten[5], allerdings zu weit. Wäre dies so, hätte Veldeke schon zu der göttlichen Abstammung des Eneas schweigen müssen. Das Dilemma zwischen polytheistischer Vorlage und monotheistischer Lebenswelt versucht Veldeke zu minimieren, indem er sich achtungsvoll auf Vergil beruft, der ihm diese Vorlage gegeben hat (auch wenn bekannt ist, dass er viele Elemente des Roman d`Eneas rezipiert hat).

Götter und Menschen stehen also in einem genealogischen Zusammenhang und Veldeke hebt diesen Zusammenhang zusätzlich dadurch hervor, dass er die Götter wie Menschen samt ihren Eigenschaften darstellt[6]. Als Beleg seien hier die Episoden vom Ehebruch der Venus mit Mars neben der Rache des Vulcan und der Versöhnung mit Venus angeführt (Vv.5607ff.).

Sünde, Rache und Versöhnung sind Elemente der menschlichen Existenz, wobei Veldeke hier das Hauptaugenmerk auf den Versöhnungsaspekt legt[7], welcher zudem ein zutiefst christlicher Aspekt ist. Veldeke entkräftet die Götter durch diese Art der Vermenschlichung, doch so menschlich die Götter auch erscheinen, haben sie doch eine weisende Funktion im Eneasroman.

2b) Göttereinwirkung

Hier zeigt sich das andere Moment, in dem Götter auftreten, nämlich dann, wenn der Fokus auf den Fortgang der Handlung ausgerichtet ist.

Die Götter geben, ganz dem Vorbild Vergils folgend, die Handlungsmotivation für das Verlassen Trojas, die Minne zu Dido und auch die Trennung, den Abstieg in die Unterwelt, den Kampf in und um Latium und die Minne zu Lavinia. Dabei kann die Lenkung durch die Götter sowohl bei Vergil als auch im Eneasroman positive oder negative Auswirkungen auf die Fortführung der Handlung haben.

Der gravierende Unterschied zu Vergil wird aber schon zu Beginn in den Versen 67-71 deutlich: hier relativiert sich die Bestimmung der Götter durch die Instanz der Beratung (ganz der mittelalterlichen Lebenswelt entsprechend). Erst nach der Beratung mit sine frunt, mâge und man und nach gemeinschaftlicher Abstimmung folgt also die Umsetzung des Plans vom Aufbruch.

Es gibt noch weitere Episoden, die dieses Muster aufweisen oder den Ratschluss einer Gemeinschaft in bestätigender Funktion betonen, z.B. Vv. 647-650, 1970-1975, 2656-2658, 4061.

Wenn nicht explizit von den Göttern als Handlungsmotivatoren die Rede ist, kommt bei Vergil das fatum als „die sich in der Zeit erfüllende Bestimmung“[8] zum Zuge.

Während Aeneas nicht anders kann als dem fatum zu folgen, ist es bei Veldeke der gemeinschaftliche Ratschluss, dem zu folgen ist (auch wenn er im Grunde mit dem Plan der Götter übereinstimmt). Die Götter bei Veldeke scheinen mit dem fatum Vergils identisch zu sein und so dämmt Veldeke, indem er die Götter stark einschränkt, ebenso die Wirkungsmacht des fatum [9].

Insgesamt verfügt Veldekes Eneas über mehr Autonomie als Vergils Aeneas, wenn er sie auch stets dem Wunsch der Götter entsprechend auslebt.

Die gegensätzliche Reaktionsmöglichkeit, die sich aus eben dieser gesteigerten Autonomie gegenüber den Göttern ergibt, ist ebenfalls vorhanden: die Ablehnung der Götter aufgrund eines negativen Eingriffs in die Handlung. Hierzu ist wohl das expressivste Beispiel die Totenklage der Königen um Pallas: „nȗ mȗz ich fluchen den goten […]“ (V. 8200) und „[…] sine gewinnent nimmer mêre dienest noch êre […]“ (V. 8211f.).

Eneas selbst äußert sich gleichermaßen drastisch:

„ne soldich dich niht rechen

an dem, der dir den lîb nam,

sô woldich immer wesen gram

den goten mînen mâgen,

die dîn sô ubile phlâgen,

daz dȗ verlore dîn leben.“

(Vv. 8032-8037).

3) Gott im Eneasroman

Im Folgenden geht es nun um Gott, der bei Veldeke, nicht aber bei Vergil, vorkommt, also keine unmittelbare Vergleichsfläche zur Aeneis bietet[10]. Dennoch ist es für das Verständnis des Verhältnisses zur antiken Quelle zentral, wann und wie Gott anstelle von Göttern in Erscheinung tritt.

Insgesamt kommt Gott im Eneasroman 72 Mal vor. In den Momenten, in denen das offenkundig Vorherbestimmte Angst und Not auslöst, wenden sich verschiedene Figuren an einen Gott (vgl.u.a.: Vv. 11841-11849, Latinus ist in einer Notlage; Vv. 12298-12301, Lavinias Bitte um Gnade). In solchen Momenten kommt zu einer Fokussierung auf einen Gott. Es scheint also bei aller aktiven Mitwirkung durch Ratschluss immer noch einen Rest an Passivität zu geben, über den der Mensch nicht verfügen kann und Gott um Hilfe und Beistand bittet.

Das ist ein wichtiger Anknüpfungspunkt an die christliche Lebenswelt der Rezipienten: Es gibt eine höhere Macht, die über allem steht und die Trost spendet.

Inwieweit die Bitten bei Gott Gehör finden, bleibt allerdings unklar. Die anderen Götter, die an den vorher beschriebenen Stellen in Erscheinung treten, bleiben in solchen Augenblicken jedoch komplett außen vor.

3a) Eneas und Gott

Auch Eneas spricht an einigen Stellen von Gott (z.B. bei der Ermutigung der Trojaner Vv. 5968ff., während des Minnemonologs V. 11310). In beiden hier angeführten Beispielen geht es um Gottes Beistand in Not. Im ersten Fall wünscht er ihn den Trojanern, im zweiten hofft er weiz got, dass Lavinia sich nicht von ihm abwenden möge. Es ist ein Moment der Ohnmacht, in dem sich Eneas befindet. Er ist der Minne völlig ausgeliefert.

Ausrufe wie weiz got oder nȗ ne welle got sind an vielen anderen Stellen ebenfalls zu finden (und das nicht nur von Eneas gesprochen): Ein Beleg dafür, dass Gott in der Lebenswelt präsent ist, aber eben nicht aktiv agiert, sondern im Hintergrund bleibt. Das steht auch in logischem Zusammenhang dazu, dass Veldeke sich gleich zu Beginn auf Vergil als Grundlage seines Romans beruft: In der Aeneis sind es die Götter, die aktiv eingreifen und nicht ein Gott[11].

[...]


[1] Siehe Lienert, E., S. 93ff. für einen Überblick verschiedener Forschungsfragen.

[2] Vgl. Dittrich, M.-L., 1966.

[3] Kottmann, C., S. 82.

[4] Kottmann, C., S. 75.

[5] Dittrich, M.-L., S. 45.

[6] Auch bei Vergil sind die Götter anthropomorph.

[7] Kottmann, C., S. 76.

[8] Büchner, K., Sp. 439.

[9] Dittrich, M.-L., 1960/1961, S. 101.

[10] Ein Vergleich mit dem Roman d`Eneas ist hier nicht vorgesehen.

[11] Wobei damit nicht gemeint sein soll, dass nicht auch einzelne Götter eingreifen, z.B. Venus, Juno, etc.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Gott und Götter im Eneasroman
Untertitel
Wer hat das Schicksal der Menschen in der Hand?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Autor
Jahr
2014
Seiten
11
Katalognummer
V280334
ISBN (eBook)
9783656739036
ISBN (Buch)
9783656739029
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
als Vortrag im Rahmen des begleitenden Seminars erwünscht
Schlagworte
gott, götter, eneasroman, schicksal, menschen, hand
Arbeit zitieren
B.A. Sarah K. Weber (Autor:in), 2014, Gott und Götter im Eneasroman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/280334

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