Die Wahrnehmung von Umweltbelastung und die Handlungsbereitschaft für die Umwelt in Polen


Wissenschaftliche Studie, 2003

34 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Allgemeine Überlegungen zum Verhältnis von menschlicher Gesellschaft und Umwelt

3 Empirische umweltpsychologische Grundlagen

4 Die Wahrnehmung des Zustandes der Umwelt und das Umweltbewusstsein in Polen
4.1 Ergebnisse der Feldstudie
4.2 Interferenzen zwischen soziodemographischen Variablen und dem Umweltbewusstsein

5 Diskussion der Ergebnisse der Umfrage im Vergleich zu anderen Untersuchungen und vor dem Hintergrund der Postmodernisierung

Zusammenfassung

Mit der Transformation ging allgemein auch eine Verringerung von Gas- und Staubemissionen einher. Dabei verschoben sich die relativen Anteile von Industrie und Privathaushalten in Richtung Privathaushalte. Damit gewinnt das Umweltbewusstsein und die Bereitschaft zum umweltgerechten Handeln des einzelnen an Bedeutung. Das Umweltbewusstsein als postmaterieller Wert ist jedoch davon abhängig, dass die materiellen Grundbedürfnisse der Handelnden erfüllt sind. Zugleich sind Kenntnisse hinsichtlich ökologischer Zusammenhänge notwendige, wenn auch nicht hinreichende Voraussetzungen für umweltgerechtes Handeln und Verhalten. Hinsichtlich des ökologischen Kenntnisstandes lassen sich in Polen allgemein erhebliche Defizite feststellen. Wobei eine erhebliche Differenzierung hinsichtlich soziodemographischer und parteipolitisch-präferenzierter Variablen und dem Umweltbewusstsein und der Bereitschaft zum umweltgerechten Handeln existieren. Räumlich lässt sich ein höheres Umweltbewusstsein in den großen Städten konstatieren. Gemäß der Inglehartschen Postmaterialismusthese ist festzustellen, dass in den Städten die Postmodernisierung weiter fortgeschritten ist als in weniger dicht besiedelten Landesteilen.

1 Einleitung

Die Verringerung der erheblichen Umweltbelastung war nach Beginn der Systemtransformation in Ostmittel- und Osteuropa eine der zu bewältigenden Aufgaben für die jeweiligen Gesellschaften. Während für die gesellschaftlichen Teilsysteme Wirtschaft und Politik die Interferenzen mit der natürlichen Umwelt bereits umfänglich wissenschaftlich untersucht wurden[1], fehlen Untersuchungen des Verhältnisses von sozialem und kulturellem System und natürlicher Umwelt weitgehend. Diese Lücke soll die vorliegende Untersuchung zu schließen helfen, insbesondere da aufgrund einer Verschiebung der Anteile an den Gas- und Staubemissionen von der Industrie zu Privathaushalten, das Umweltbewusstsein des einzelnen ein Bestimmungsfaktor der weiteren Verringerung von Emissionen ist. Dabei gilt es, neben quantifizierten Ergebnissen der Wahrnehmung des Zustandes der Umwelt, auch die Handlungsbereitschaft jeweils in regionaler und soziodemographischer Differenzierung am Beispiel Polen zu behandeln.

2 Allgemeine Überlegungen zum Verhältnis von menschlicher Gesellschaft und Umwelt

Während über den größten Zeitraum der Menschheitsgeschichte die Natur durch den Menschen als Bedrohung wahrgenommen wurde, führte eine forcierte Mechanisierung und Rationalisierung zu einer sich vordergründig verstärkenden Autarkie des Menschen von der Natur. Doch erreichte mit der industriellen Revolution – und stärker noch in der Gesellschaft des Mas­sen­konsums – die Schädigung der Natur bislang unbekannte Ausmaße. Woraus sich insbesondere in den Staaten der Ersten Welt ein gewandeltes Umweltverständnis entwickelte. Einen gesellschaftstheoretischen Hintergrund für das sich seit Mitte der 1960er Jahre entwickelnde Umweltbewusstsein – im Zusammenhang mit anderen gesellschaftlichen und individuellen Zielen – bietet die Inglehartsche Postmaterialismusthese[2]. Diese, in den späten 1970er Jahren entwickelte These, wertet die Entstehung des Umweltbewusstseins als ein Element eines epochalen Wertewandels, der aus einer signifikanten Verschiebung der Wertvorstellungen re­sultiere. Als Antriebsquelle wurde der - seit den 1950er Jahren in den Staaten der Ersten Welt - kon­tinuierlich ansteigende Wohl­stand eingeschätzt. Dadurch verschoben sich die Wertprioritäten vom Materialismus zum Post­­materialismus: Jüngere Generationen, die in ihren formativen Jahren in der materiellen Sicherheit der nach-1950er Jahre aufwuchsen, brachen mit den traditionellen Werten und Wertvorstellungen der älteren Generation[3]. Ökonomische Sicherheit gehört in der Öffentlichkeit entwickelter Industriestaaten zwar noch immer zu den Werten, die jeder für sich verwirklicht sehen möchte, ist aber nicht länger Synonym für Glück. Die Bedeutung von Lebens­qualität hingegen nimmt eine immer höhere Position in der Wertehierarchie entwickelter Ge­sellschaften ein, so dass bisweilen dem Umweltschutz ein höherer Stellenwert zugesprochen wird als dem Wirtschaftswachstum. Die Kurve der ökonomischen Leistungsfähigkeit flacht nach steilem Anstieg in der Modernisierungsphase, ab, wobei zwar die Wachstumsraten materia­listischer Gesellschaften im Vergleich zu postmaterialistischen Gesellschaften höher sind, das Wohlbefinden jedoch in den postmaterialistischen Gesellschaften größer ist[4].

Inglehart nahm mit seiner Postmaterialismusthese direkten Bezug auf Maslows Theorie menschlicher Bedürfnisse, das sich als hierarchisches Stufenschema darstellen lässt[5]:

1. Survival - physiologische Bedürfnisse wie Nahrung, Unterkunft, Gesundheit.
2. Security - Sicherheitsbedürfnisse.
3. Belonging - soziale Bedürfnisse wie Liebe, Freundschaft, soziales Gefüge.
4. Self-esteem - egoistische Bedürfnisse wie Status, Selbstachtung, Respekt.
5. Self-actualization - Selbstverwirklichung wie Kreativität, Realisierung seiner Fähigkeiten.

In den entwickelten Ländern der Ersten Welt mit ihrem in der Geschichte der Menschheit beispiellosen Massenwohlstand, der bei großen Teilen der Bevölkerung dazu führte, dass über­le­ben als selbstverständlich gilt, kommt es zu einer verstärkten Diffusion postmoderner Werte. Der Über­gang von materialistischen zu postmaterialistischen Werten wirkt in alle Normsysteme hinein (Tabelle 1).

In seiner global angelegten Studie zum politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Werte­wandel kommt Inglehart[6] zu folgenden Resultaten:

- Postmoderne Werte sind in den reichsten und stabilsten Gesellschaften am weitesten ver­breitet. Die Öffentlichkeiten armer Gesellschaften betonen die existentiellen Werte stärker.
- In jeder Gesellschaft vertreten reiche und gebildete Bevölkerungsteile stärker post­ma­terialistische Werte als ökonomisch unabgesicherte, ungebildete. Diese favorisieren Wert­maß­stäbe, welche auf die Existenzsicherung ausgerichtet sind.
- Wirtschaftlicher Aufschwung verstärkt die Verbreitung postmaterialistischer Werte in einer Gesellschaft. Ökonomische Stagnation, Unruhen in der Bevölkerung und Bürgerkrieg rufen stärker exi­stentielle Bedürfnisse hervor.
- Gesellschaften, die über einen längeren Zeitraum durch eine Maximierung ökonomischer und physischer Sicherheit geprägt wurden, weisen erhebliche Differenzen zwischen den Wert­prioritäten älterer und jüngerer Generationen auf.
- Die intergenerationellen Werte bleiben langfristig stabil, da - mit Ausnahme von kurzfristigen Schwankungen - jede Generation die einmal sozialisierten Werte konserviert.
- Gesellschaften, in denen sich das ökonomische Wachstum rasch vollzog, weisen einen starken intergenerationellen Wertewandel auf. Verlief das ökonomische Wachstum hingegen lang­sam und stetig, ist auch der intergenerationelle Wertewandel gering.

In armen Gesellschaften spiegelt die Steigerung des mit ökonomischen Größen (zum Beispiel BIP pro Kopf) gemessenen Wirtschaftswachstums weitgehend die subjektive Besserstellung der Be­völkerung. In dieser Phase sind Wohl­stand und Wohlfahrt sowie Lebensstandard und Lebens­qualität weitgehend identisch. Mit steigendem Einkommen steigt die Lebensqualität in etwa gleichem Ausmaß. In reichen Gesellschaften hingegen sind die materiellen Grund­bedürfnisse weit­­gehend gedeckt, neue, vorwiegend immaterielle Bedürfnisse treten demzufolge auf: soziale Bedürfnisse wie Freundschaft, Liebe, Gruppenzugehörigkeit wie auch den Egoismus be­friedi­gende persönliche Bedürfnisse wie Anerkennung, Prestige, Selbstwertgefühl und nicht zu­letzt Bedürfnisse der Persönlichkeitsentwicklung (Selbstentfaltung). Verbesserungen bezüglich der Befriedigung dieser Bedürfnisse äußern sich schwerlich in der Steigerung des Sozial­produktes. Der Grenznutzen materieller Güter nimmt also bei steigendem Wohlstand im Durchschnitt ab.

Bezüglich der Umweltwahrnehmung bzw. des Umweltverhaltens einzelner Personengruppen lassen sich gemeinhin deutliche soziodemographische - in den folgenden Abschnitten zu überprüfende - Unter­schiede feststellen[7]:

- Zwischen Alter und den verschiedenen Konzeptvarianten des Umweltbewußtseins besteht ein negativer Zusammenhang. In den Studien sind jüngere Probanden in der Regel umwelt­be­wußter und bewerten die ökologische Gesamtsituation kritischer als ältere Personen. Sie schreiben sich selbst mehr Verantwortung für den Schutz der Umwelt zu, während ältere Per­sonen dazu neigen, diese Verantwortung stärker auf Institutionen zu attribuieren. Zudem zeigen jüngere Personen eine höhere Bereitschaft zu umweltgerechtem Handeln und um­weltpolitischem Engagement.
- Zwischen der Geschlechtsvariablen und umweltbewussten Überzeugungen und Ver­haltens­weisen ergibt sich kein einheitliches Bild. Tendenziell sind Frauen bei ökologischen und sozialen Fragen (nicht in der Politik) engagierter als Männer, die Situation der Umwelt wird von ihnen im allgemeinen kritischer wahrgenommen. Andererseits verfügen sie gleichzeitig im Durchschnitt über ein geringeres abstraktes Umweltwissen als Männer.
- Der Zusammenhang zwischen sozialer Schicht und umweltbewusstem Handeln ist insgesamt uneinheitlich. Es besteht eine positive Korrelation zwischen hoher Schulbildung und hohem Bewusstsein für ökologische Probleme, mit hoher Verzichtsbereitschaft und tatsächlichen Verzichtsleistungen zugunsten der Umwelt. Die empirischen Zusammenhänge zwischen Umweltverhalten und Einkommen hingegen sind nicht eindeutig. Dies liegt sowohl in der Rolle psychologischer Moderatoren (z.B. der Wirkung von Umweltschutzmaßnahmen, wie strengeren Gesetzen, Umweltabgaben etc. für die Unternehmen und somit den eigenen Arbeitsplatz und somit das eigene Einkommen) als auch an konfligierenden Zusammenhängen zwischen Einkommen und anderen soziodemographischen Variablen, wie Schulbildung und Ökologie.
- Ein hoher Kenntnisstand bezüglich ökologischer Themen korreliert zwar hoch mit der Schulbildung, dennoch ist insgesamt kein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem theoretischen Wissen über Umweltthemen und einem ausgeprägt allgemein als umweltgerecht eingestuftem Handeln festzustellen. Über eine genaue plausible Erklärung dieses Phänomens verfügt die Umweltpsychologie nicht.
- Hinsichtlich der politischen Orientierung ergibt sich folgendes Bild: Eine alternative (so­zial­de­mokratische in Europa, demokratisch-liberale in den Vereinigten Staaten) politische Orientierung korreliert stärker mit umweltbewussten Einstellungen und Verhaltensweisen als eine konservative.

Die Wohnorthypothese, die eine stärkere Umweltorientierung der Stadtbevölkerung im Ver­gleich zur Landbevölkerung propagierte, konnte bislang nicht durchgehend bestätigt werden, da sich hierbei methodische Probleme in der Stadt-Land-Abgrenzung ergeben. Allerdings wies Domański[8] für Südpolen eine hierarchische Diffusion von um­welt­relevanten Einstellungen, ausgehend von den regionalen Zentren Kraków und Rzeszów, nach.

Wie noch an späterer Stelle zu begründen sein wird, sind mit den meisten umweltgerechten Verhaltensentscheidungen, sowohl im privaten als auch im gesellschaftlichen Kontext, auch unterschiedliche Kosten verbunden. Darüber hinaus sind auch immaterielle Einschränkungen nötig: Der Verlust an Zeit, auf Bequemlichkeit, die Aufgabe liebgewonnener Gewohnheiten[9] etc., während mit umweltschädigendem Verhalten meist ein persönlicher Nutzen verbunden ist. Hierbei handelt es sich um einen sozioökonomischen Konflikt, der durch die Begriffe Allmende-Klemme bzw. social trap zu fassen ist: Einem kurzfristigen individuellem Nutzen durch umwelt­schädigendes Verhalten steht in seiner Summe ein langfristiger Schaden der natürlichen Umwelt als ge­meinsame Allmende gegenüber, welcher durch die Allgemeinheit zu tragen ist. Hierbei ist der auf die Person, das Unternehmen etc. langfristig zurückfallende Schaden geringer als der individuelle kurz­fristige Nutzen. Das Verzichtverhalten kann letztlich nur mit dem Ziel der Prävention lang­fristiger und summativ wirkender Schäden lohnend erscheinen, ein direkter materieller Gewinn für die betreffende Person, das Unternehmen etc. ist weder kurz- noch mittelfristig zu erwarten[10]. In Allmende- bzw. Kollektivsituationen handelt der rational denkende, den individuellen Nutzen maximierende Mensch (homo oeconomicus) als Trittbrettfahrer. Bei diesem homo-oeconomicus -Postulat bleibt jedoch unberücksichtigt, dass Menschen mit ihren Handlungen nicht allein ökonomische Interessen ver­folgen, sondern aufgrund moralischer Überzeugungen, sozialer Zwänge, kultureller Bindungen etc. handeln.

Auf der Akteursebene lässt sich allgemein feststellen, dass sich altruistische moralische Über­zeugungen bzw. Fairnessnormen insbesondere in Niedrigkostensituationen als handlungs­bestim­mend erweisen, während bei Hochkostensituationen die Akteure stärker dazu neigen, ihren persönlichen Nutzen zu maximieren[11]. Bei der Ausdehnung der Anwendung der Niedrigkostenhypothese von der Mikroebene (individuelles Verhalten) auf die Makroebene des Effekts von Ideologien auf Gesellschaften, ist es nach Diekmann plausibel, „dass sich Ideologien, die von ihren Anhängern einen hohen Preis verlangen, im Laufe der Zeit abnutzen werden“[12]. Zunächst findet sich ein Teil der Gesellschaft bereit, die Verpflichtungen strikt zu erfüllen; bereits die nächste Generation findet Rationalisierungen zur Umgehung dieser Gebote. Hier­aus resultiert eine hohe Überlebensfähigkeit moralischer Werte auf breiter Basis und auf Dauer, sofern diese ihren Adressaten in Befolgung der auferlegten Pflichten keinen hohen Preis abverlangt[13] - dies gilt sowohl für religiöse und ideologische Systeme aber auch für die Aufrechterhaltung der Umweltmoral. Es lässt sich also feststellen, dass sich der Einfluss der Umweltmoral gegenüber den Verhaltenskosten relativ unelastisch verhält, er nimmt in dem Maße ab, in dem die Kosten­differenz zwischen den Alternativen anwächst[14].

Neben den Kosten für umweltkonforme Aktivitäten beeinflussen auch soziale Anreize bzw. Sanktionen das Umweltverhalten von Akteuren. Eine besondere Rolle spielt hierbei die Sicht­barkeit des Verhaltens: Werden in der Nachbarschaft, im Freundes- und Bekanntenkreis umwelt­kon­forme Aktivitäten gewürdigt, werden tendenziell eher öffentlich sichtbare als rein private Um­welt­aktivitäten im Haushalt ausgeführt. So stellt nach Diekmann[15] die Absenkung der Raum­temperatur ein „Frieren ohne soziale Anerkennung dar“, während Recyclingaktivitäten gegen­über anderen Personen demonstrierbar seien.

3 Empirische umweltpsychologische Grundlagen

Insbesondere in demokratischen aber auch in sozialistischen Staaten gewannen seit den 1970ern bzw. spätestens in den 1980er Jahren Medienberichte über die zunehmende Umweltbelastung an Bedeutung. Die Dringlichkeit der Regelung von Umweltproblemen wurde breiten Bevölkerungsteilen zunehmend bewusst. In Polen antworteten 66 % der Befragten auf die Frage „Halten Sie Umweltprobleme für das wichtigste bzw. ein sehr wichtiges Problem in Polen“ mit ja (Abbildung 1). Damit erscheint der polnischen Bevölkerung das Problem der Umweltbelastung deutlich dringlicher als der Bevölkerung der übrigen untersuchten Transformationsstaaten. Die besondere Bedeutung des Umweltproblems in der Beurteilung durch die Bevölkerung Polens erscheint angesichts der ökonomischen Krise und eigens der noch steigenden Arbeitslosigkeit in dem Umfragejahr bemerkenswert.

Nach Kuckartz[16] lässt sich in den ostmittel- und osteuropäischen Ländern im allgemeinen zwar eine hohe Einstufung von Umweltproblemen erkennen, „doch kommt es nur sehr selten vor, dass diese spontan als Hauptproblem des Landes genannt wer­den“[17]. Hingegen sei die Bereitschaft, für umweltfreundliche Pro­dukte höhere Preise bzw. höhere Steuern zu zahlen, in den ostmitteleuropäischen Staaten Polen und Ungarn deutlich unter­durchschnittlich ausgeprägt[18]. Die Hintergründe für die Wahrnehmung von Umweltproblemen (speziell in Ostmittel- und Osteuropa) sind vielschichtig und lassen sich wie folgt umreißen[19]:

- Die gehäufte direkte Erfahrung von Um­welt­problemen führt zur Entstehung eines Umweltbewusstseins. Dies gilt schwer­­punktmäßig für diejenigen Räume, die einer extrem hohen Be­lastung ausgesetzt sind und deren Bewohner in der Mehrzahl nicht von dem Haupt­emittenten ab­hängig sind (die Entstehung des PKE im deutlich überdurchschnittlich belasteten Kraków der 1980er Jahre).
- Die zunehmende wissenschaftliche Erkenntnis bezüglich der Entstehung und der Gefahren von Umweltproblemen sowie ihre Verbreitung in den Massenmedien führt zu der Entstehung von Umweltbewusstsein. Diese Art von Informationsbereitstellung und -beschaffung hatte in der sozialistischen Ära zumeist einen halblegalen bzw. illegalen Charakter. Wissenschaftliche Erkenntnisse durften nicht oder nur verschlüsselt publiziert werden[20], so dass erst mit der Wende in Polen eine breite Information über Umweltprobleme auf lokaler, regionaler und globaler Ebene einsetzte.
- Das Umweltbewusstsein stellt eine postmaterielle Werthaltung als Folge des Wohlstandes dar. Dies gilt neben dem Umweltschutz auch für die Emanzipation, die Friedensbewegung, die Tierrechtsbewegung etc.

[...]


[1] Siehe hierzu zum Beispiel: M. Welfens: Umweltprobleme und Umweltpolitik in Mittel- und Osteuropa. Ökonomie, Ökologie und Systemwandel. Heidelberg 1993, J. Stadelbauer: Umweltprobleme in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) und ihre globale Dimension, in: Geographische Rundschau, 5/1998, S. 306-313, O. Kühne: Umweltpolitik im Transformationsprozeß - das Beispiel Polen. Eine Bestandsaufnahme hinsichtlich des bevorstehenden EU-Beitritts, in: Osteuropa, 8/2001, S. 889-909, O. Kühne: Ökologie und Ökonomie in Ostmitteleuropa - sozialistisches Erbe und Systemtransformation, in: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie, 2/2002, S. 73-91.

[2] R. Inglehart: The silent revolution. Change and political styles in Western publics. Princeton 1977.

[3] Anhand der Präferenzierung der unterschiedlichen Werte „Ruhe und Ordnung“ und „Inflationsbekämpfung“ (materialistische Items) sowie „Bürgereinfluss“ und „freie Meinungsäußerung“ (postmaterialistische Items) lassen sich Einstufungen von Personen als Vertreter des „Typus des reinen Materialisten“, des „materialistischen Mischtyps“, des „postmaterialistischen Mischtyps“ sowie des „Typus des Postmaterialisten“ charakterisieren. Nach A. Bühl (Das Wertewandel-Theorem Ronald Ingleharts. Methodenausbildung anhand des Allbus. Marburg 1995) nahm die Zahl der Postmaterialisten von 1980 bis 1991 in Westdeutschland von 13,4 auf 30,1 % zu, die Zahl der Materialisten nahm von 37,9 auf 13,1 % ab. Wobei es zum Jahr 1992 wieder einer Verschiebung zugunsten der Materialisten gab, so dass in Westdeutschland nur noch 23,3 % der befragten Personen zum Typus des Postmaterialisten gehörten, 22,7 % zu dem des Materialisten. Im gleichen Jahr ließen sich nur 9,8 % der Ostdeutschen zum Typus der Postmaterialisten zählen, 28,8 % jedoch zu dem des Materialisten.

[4] R. Inglehart: Modernisierung und Postmodernisierung. Kultureller, wirtschaftlicher und politischer Wandel in 43 Gesellschaften. Frankfurt am Main, New York 1998.

[5] A. Maslow: Motivation and Personality. New York 1954.

[6] Inglehart, Modernisierung [Fn. 4].

[7] Die Mehrzahl der Studien zu diesem Thema stammen aus dem angloamerikanischen bzw. deutschen Sprachraum. Aufzählung nach: E. Kals: Verantwortliches Umweltverhalten. Umweltschützende Entscheidungen erklären und fördern. Weinheim 1996.

[8] B. Domański: Społeczności miejskie wobec uprzemysłowienia. Kraków 1990.

[9] Dies bedeutet im Sinne Max Webers die Reflexion affektualer und traditionaler Handlungsabläufe und gegebenenfalls deren Aufgabe.

[10] Genaueres hierzu bei E. Kals, E.: Verantwortliches Umweltverhalten. Umweltschützende Entscheidungen erklären und fördern. Weinheim 1996 und A. Ernst / H. Spada: Bis zum bitteren Ende? In: J. Schahn / T. Giesinger (Hrsg.): Psychologie für den Umweltschutz. Weinheim 1993, S. 17-28.

[11] Siehe zu dieser Problematik auch D. North: The new institutional economies, in: Journal of Institutional and Theoretical Economies, 1996, Nr. 142, S. 230-237.

Dieses Handlungsschema wird in Dürrenmatts Schauspiel „Besuch der alten Dame“ verfolgt. Den Bür­gern einer verarmten Stadt wird eine hohe Geldsumme angeboten, sofern sie hierfür einen ihrer Mit­bürger ermorden. Nach anfänglichen entrüsteten Zurückweisungen des Angebots schwinden die zunächst pathe­tisch beschworenen humanistischen Werte und der Mord wird - unter rationalen Rechtfertigungen - durch­geführt.

[12] A. Diekmann: Homo ÖKOnomicus. Anwendungen und Probleme der Theorie des rationalen Handelns im Umweltbereich, in: J. Straub, J. / H. Werbik (Hrsg.): Handlungstheorie. Begriff und Erklärung des Handelns im interdisziplinären Diskurs. Frankfurt am Main, New York 1999, S. 137-182, hier S. 166.

[13] Diekmann, Homo [Fn. 12], S. 171.

[14] Beispiele für die Anwendung der Niedrigkostenhypothese finden sich bei J. Brüderl / P. Preisendörfer: Der Weg zum Arbeitsplatz: Eine empirische Untersuchung zur Verkehrsmittelwahl, in: A. Diekmann / A. Franzen (Hrsg.): Kooperatives Umwelthandeln. Chur, Zürich 1995, S. 69-88 sowie bei R. Petersen: Umweltbewußtsein und Umweltverhalten. Das Beispiel Verkehr, in: W. Joußen / A. Hessler (Hrsg.): Umwelt und Gesellschaft. Berlin 1995, S. 89-104.

[15] Diekmann, Homo [Fn. 12], S. 171.

[16] U. Kuckartz: Grünes Trikot für Deutschland? Das Umweltbewußtsein der Deutschen im internationalen Vergleich, in: Zeitschrift für Umweltpolitik und Umweltrecht, 4/1997, S. 433-463.

[17] Kuckarz, Grünes Trikot [Fn 16], S. 441.

[18] 41,1 % der befragten Polen und 35,6 % der Ungarn ließen 1993 die Bereitschaft erkennen, höhere Preise für umweltfreundliche Güter zu zahlen. In einem Kanon von 15 untersuchten Staaten beantworteten die Frage, nach der Bereitschaft höhere Preise zu zahlen, nur die befragten Philippinos weniger mit „ja“ (30,9 %, Kuckartz, Grünes Trikot [ Fn 16]).

[19] A. Homburg / E. Matthies: Umweltpsychologie. Umweltkrise, Gesellschaft und Individuum. Weinheim, München 1998. Siehe hierzu auch: P. H. Kahn, Jr. / St. R. Kellert (Hrsg.): Children and Natur. Psychological, Sociocultural, and Evolutionary Investigations. Cambridge, London.

[20] W. Jura: Słowo wstępne, in: Polski Klub Ekologiczny (Ed.): Klęska Ekologiczna Krakowa. Przyczyny, Teraźniejszość, Perspektywy Ekorozwoju Miasta. Kraków 1990, S. 20-22.

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Details

Titel
Die Wahrnehmung von Umweltbelastung und die Handlungsbereitschaft für die Umwelt in Polen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Geographisches Institut)
Autor
Jahr
2003
Seiten
34
Katalognummer
V28036
ISBN (eBook)
9783638299312
ISBN (Buch)
9783638723756
Dateigröße
990 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahrnehmung, Umweltbelastung, Handlungsbereitschaft, Umwelt, Polen
Arbeit zitieren
Priv.-Doz. Dr. Dr. Olaf Kühne (Autor), 2003, Die Wahrnehmung von Umweltbelastung und die Handlungsbereitschaft für die Umwelt in Polen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/28036

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